Die für uns durchs Feuer gehen

Wie ist das, wenn man unter Atemschutz und bei null Sicht unter Zeitdruck Menschen sucht und Feuer löscht? Ein Selbstversuch.

Der Schweiß läuft in Bächen über den Rücken, das Herz pumpt bis zum Hals und der Atem zischt stoßweise gut hörbar durch die Schutzmaske ins Freie. Vor dem kristallklaren Visier des Feuerwehrhelms wabert dichter Qualm. Ich ziehe den wassergefüllten Schlauch am Strahlrohr hinter mir her. Der Schlauch ist alles, was mich mit Franz Engl verbindet, dem 2. Kommandanten der Chamer Feuerwehr. Der Schlauch ist wie eine Nabelschnur, ohne die keiner von uns im Ernstfall überleben würde. Eine Waffe gegen das Feuer, aber vor allem die letzte Verbindung zur Außenwelt, der Garant für den Rückweg zur Eingangstür.

„Firmenhalle brennt, vier Personen vermisst!“ Gruppenführer Alex Reittinger

„Firmenhalle brennt, vier Personen vermisst“, hat unser Gruppenführer Alex Reittinger noch vor fünf Minuten die „Lage“ bekannt gegeben. Beim Aussteigen unter Blaulicht und Martinshorn habe ich den ersten Anfängerfehler gemacht und mir die Größe der Halle nicht eingeprägt. Nun bin ich drin und habe keine Ahnung, wie groß das hier ist. Und mein Lungenautomat ist auch nicht angeschlossen.

Ich komme gar nicht dazu mich zu ärgern: „Schau, Person gefunden“, sagt Engl und weist auf das Display der Wärmebild-Kamera. Hell zeichnen sich die Konturen des ersten Vermissten auf dem Display durch den dichten Nebel ab. Wir kriechen nach vorne. Die Puppe wiegt 80 Kilo, wir wuchten sie auf die Rettungsdecke und schleppen sie mit dem Kopf voraus am Schlauch entlang Richtung Ausgang. Der Atem faucht bei jedem Zug lautstark durch die Maske. Es würde mich nicht wundern, wenn Engl plötzlich zu mir sagen würde: „Fffffffft – Luke – ich in Dein Vater – ffffft!“ Tut er aber nicht. Stattdessen warnt er mich, kurz bevor ich über die Deichsel eines Bootsanhängers falle. Die Wärmebildkamera hat’s rechtzeitig gesehen.

250 0008 32591536 Ch Ctm Ffw Uebung Johannes 5
Reporter Johannes Schiedermeier und Chams 2. Kommandant Franz Engl (r.) waren ein Team wie Pech und Schwefel.

Wir kommen ins Freie. Die Verletztentrage klemmt. Wir müssen nochmal 30 Meter weiter. Der Mann wird zur Versorgung gebracht. „Weiter – wieder rein“, macht Engl Tempo. Am Schlauch entlang arbeiten wir uns wieder bis zum Strahlrohr nach vorne. Wir treffen auf das Feuer. Im Nebel blinkt eine rote LED-Lampe. Engl löscht mit ein paar symbolischen Wasserstößen und meldet: „Feuer aus!“ Ein zweiter Trupp trifft ein und schließt sich an. Jetzt können wir breiter ausfächern und finden prompt eine zweite Person. Die wiegt gnädigerweise nur 50 Kilo. Dafür hängt der Schlauch irgendwo. Trotz Hilfe von draußen ist er nicht mehr zu ziehen. Engel befestigt eine Signalleine als neue Nabelschnur. Beim Transport der 50-Kilo-Puppe sehe ich kurz vor dem Visier noch eine weiße Aufschrift, bevor es rummst. Ich bin vor ein Auto gelaufen, das in der Mitte der Halle steht

Diesmal wartet schon ein Trupp an der Türe und nimmt den Verletzten ab. Von den 300 Bar sind noch 150 in der Atemluftflasche. Wieder rein. Diesmal trifft es mich. „Dein Zuführungsschlauch zur Maske ist defekt. Notfall!“, behauptet Engl und meldet auch schon über Funk: „Mayday, Mayday, Atemschutz-Notfall. Schlauch defekt!“ Von draußen kommt prompt die Antwort, bevor mein „Firefly" auslöst, ein Alarmgerät, das mit ohrenbetäubendem Piepsen den Rettern den Weg weisen soll. Die kommen am Schlauch entlang direkt zu uns. So soll es sein. Dann klemmt die Hochdruckverbindung zur Maske. „Halt den Atem an“, sagt einer. Ich halte an. 

Das Mistding klemmt weiter. Es ist durch den Einsatz vereist. Als ich ausatmen muss – klack! – Luft weg, die Maske saugt sich mit einem Vakuum ans Gesicht. Die Sekunden dehnen sich. Dann wieder das erlösende „Ffffffft“. Ich werde nach draußen gerettet und von dem 16 Kilo schweren Atemschutzgerät befreit. Engl klatscht mit mir ab und ich merke, wie eine Last von mir abfällt. Dabei war das nur eine Übung. Wie muss das erst im Ernstfall sein? 

„Halt den Atem an“, sagt einer. Ich halte an.

Alle stehen nach der Übung um Kommandant Makus Reittinger herum. Andi Klemm hat das Training organisiert und ist bis auf Kleinigkeiten zufrieden. Die Trage hat geklemmt und die Sache mit dem Hochdruckanschluss muss trainiert werden. Ansonsten: stark gelöst. Und bei mir ist der Respekt noch weiter gestiegen vor denen, die für uns durch’s Feuer gehen. Mancher, der eine Klappe riskiert, wenn ein Feuerwehrmann mit der Kelle seine Straße sperrt, sollte mal ohne Licht Menschen suchen. Das hilft.

  • 250 0008 32591529 Ch Ctm Ffw Uebung Johannes 20
    Im Fahrzeug der Einsatzleitung laufen die Fäden zusammen. Fabian Reittinger hat die Übersicht über jeden Atemschutzträger, der ins Feuer geschickt wird. Für jeden läuft eine eigene Zeituhr, er ist mit seinem Namen gelistet und hat an einem Karabinerhaken sein Namenskärtchen abgegeben. So ist jederzeit ein Überblick über die eingesetzten Angriffstrupps am Brandort sichergestellt.
  • 250 0008 32591535 Ch Ctm Ffw Uebung Johannes 4
    Alleine die Flasche mit dem Lungenautomaten wiegt 16 Kilo. Dazu kommen der schwere, feuerfeste Anzug, Helm, Stiefel und die jeweilige spezielle Ausrüstung vom Schlauch mit Strahlrohr bis zu Signalleine, Axt und Rettungsdecke. Auf der Schulter gut zu sehen – der Firefly, auch Totmannwarner genannt. Bewegt man sich länger nicht, beginnt das Gerät ohrenbetäubend zu piepen.
  • 250 0008 32591537 Ch Ctm Ffw Uebung Johannes 6
    Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Sofort nach dem Einrücken wird sichergestellt, dass bei einem Alarm sofort wieder alles an seinem Platz ist. Zeit ist Leben: Manche Feuerwehrler kommen barfuß in den Hausschuhen, schlüpfen gleichzeitig in Socken, Schuhe und Hosen.
  • 250 0008 32591564 Ch Si Ffw Uebung Johannes
    Andreas Klemm hat die Übung mit organisiert. Am Ende war er sehr zufrieden, aber ein paar Schwächen gibt es immer. Mal klemmt eine Rettungstrage, dann die Hochdruckkupplung des Lungenautomaten. Hier zeigt Klemm, wie ein solches Ventil erst auseinandergezogen und dann getrennt wird. So kann der Atemschützer bei einem Defekt an eine neue Flasche angeschlossen werden.
  • 250 0008 32591602 Ch Si Ffw Uebung Johannes 2
    Die Feuerwehr Cham hat Alarmzeiten, die nahe an denen einer Berufsfeuerwehr liegen. Obwohl alles ohne Hektik abläuft, sind alle – einmal im Gerätehaus – innerhalb von gut 15 Sekunden mit der Jacke unter dem Arm Richtung Auto unterwegs. Hose und Stiefel sind schon dran. Der Rest der Ausrüstung wird angelegt, während das Einsatzfahrzeug bereits mit Blaulicht und Martinshorn abfährt.

Sehen Sie hier das Abschlussgespräch von Johannes Schiedermeier mit dem Übungsleiter Andreas Klemm

Sehen Sie hier das Fazit von Übungs-Partner Franz Engl im Video-Interview

Teilen