Zeit für die Zeitung Foto: www.altrofoto.de
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Jahrestag

Der Boden der Demokratie

Vor 75 Jahren begann für die deutsche Presse die neue Zeit. Die Alliierten vergaben Lizenzen an ausgesuchte Personen. Die Stunde Null der Mittelbayerischen schlug am 23. Oktober – ein Geschenk und eine Aufgabe bis heute

Es war einmal in Amerika eine Zeit, in der Lügen noch nicht als Fakten daherkamen und offensichtliche Wahrheiten mit alternativen Fakten relativiert wurden. 1933 bis 1945 sah es in Deutschland gerade anders aus. Die Presse war gleichgeschaltet in einer Propagandamaschine, unter deren Rädern jeder zermalmt wurde, der sich die Freiheit nahm, eine eigene, eine andere Meinung zu haben als die der nationalsozialistischen Volksverhetzer, Mörder und Kriegstreiber.

Ein Geschenk der Alliierten

In der Stunde Null, nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs, bekam dieses Deutschland von den Alliierten ein Geschenk, von dem damals nicht wenige meinten, dieses Land sei es (noch) nicht wert: Zeitungen drucken zu dürfen, kurzum Pressefreiheit. Tatsächlich aber waren es die Menschen wert.

Es ist ein Geschenk, das gehegt und gepflegt sein will. Das immer wieder verteidigt werden muss – und wenn’s sein muss, auch von Neuem erkämpft. Aktuell ist die Gefahr groß, dass es zwischen polarisierten Milieus zerrieben wird. Noch größer aber ist die Gefahr, die ihm durch Geringschätzung und Despotismus droht. Beispiele aus Ungarn oder den USA, wo der amtierende Präsident Fake News über die angebliche „FakeNews-Presse“ verbreitet und Zeitungen am liebsten verbieten will, aber auch die „Lügenpresse“-Kampagnen hierzulande zeigen: Das freie Wort ist kein Selbstläufer. Auch deshalb muss es gefeiert werden.

Die Presselizenz Nr. 5

Vor genau 75 Jahren, am 23. Oktober 1945, überreichte der Oberbefehlshaber der 3. amerikanischen Armee, General Lucian K. Truscott, im Historischen Reichssaal in Regensburg dem Sozialdemokraten Karl Friedrich Esser (1880-1961) die Presselizenz Nr. 5, eine von insgesamt 27 in Bayern (die Lizenz Nr. 1 erhielt zum Beispiel die Süddeutsche in München). Am selben Tag erschien die Mittelbayerische Zeitung zum ersten Mal und reihte sich in die Riege der Zeitungen ein, denen die besondere Aufgabe zukam, die Demokratie mit aufzubauen.

Wer bei den Nazis die Druckerpresse bedient hatte, Schriftleiter oder Journalist gewesen war, kam nicht zum Zug. Erst mit der Generallizenz von 1949 durften auch die früheren Verleger wieder veröffentlichen. „Diese radikale Neuordnung des Mediensystems in den Jahren ‚45 bis zur Gründung der Bundesrepublik ‚49 war die insgesamt wohl erfolgreichste gesellschaftspolitische Weichenstellung der Alliierten in Deutschland (…). In der Figur des Lizenzträgers manifestierte sich ein Bruch der personellen, im Verbot aller bisherigen Periodika der Abbruch jeder institutionellen Kontinuität der deutschen Presse“, schreibt der Historiker Norbert Frei, Professor an der Universität Jena.

Karl Friedrich Esser
Karl Friedrich Esser

Unter 93 Kandidaten entschieden sich die Presseoffiziere der amerikanischen Militärregierung für Karl Friedrich Esser, der 1910 nach Regensburg kam und bis 1934 die Gräflich von Dörnberg’schen Waisenfond-Stiftung als Administrator leitete. Esser war Sozialdemokrat, saß als Fraktionsvorsitzender im Stadtrat und war auch Bezirksvorsitzender der SPD Oberpfalz-Niederbayern.

Ab 1933 wurde er mehrfach inhaftiert, darunter 1934 und 1944 auch mehrere Monate im Konzentrationslager Dachau. „Anders als in der amerikanischen Besatzungszone üblich, war bei der ‚Mittelbayerischen Zeitung‘ die Lizenzvergabe nicht an ein politisch gemischtes Herausgebergremium, sondern an eine Einzelperson erfolgt“, schreibt der Archivar und Historiker Andreas Jobst, der über die Pressegeschichte Regensburgs promovierte. Allerdings achteten die Amerikaner durchaus auch bei der Mittelbayerischen auf die Vielfalt im Inneren. An Essers Seite stand das CSU-Gründungsmitglied Karl Debus (1891-1957), später Chefredakteur und ab 1948 zweiter Lizenzträger. Gemischt war auch die Redaktion.

Das Verlagshaus der Mittelbayerischen im Jahr 1958 (Foto: Berger)
Das Verlagshaus der Mittelbayerischen im Jahr 1958 (Foto: Berger)

Der Blick zurück auf die Keimzelle einer regional verwurzelten Tageszeitung ist nicht nur Nostalgie. Er zeigt Kontinuitäten auf, trotz all der medialen Umbrüche. Denn egal, ob gedruckt, auf dem Bildschirm eines Computers oder Smartphones, gesprochen als Podcast, gezeigt in Videos stehen Nachrichten und ihre Hintergründe, Einordnungen und Geschichten im Mittelpunkt.

Credo einer Redaktion

„Unabhängig“, „keiner Partei dienstbar“, „unzensiert“, „auf dem Boden der Demokratie“ und „dem Gewissen und der Bevölkerung verantwortlich“ wolle man arbeiten, steht „Zum Geleit“ auf der historischen Titelseite. An diesem Credo einer Redaktion hat sich nichts geändert. Auch die Vielfalt der Stimmen gibt es. Sie offenbart sich aber nicht mehr nur innerhalb parteipolitischer Grenzen, was irgendwie gut ist, sondern folgt Mustern, die sich auch in der Gesellschaft zeigen: Die Menschen sammeln sich mehr hinter den Pro & Contras zu aktuellen Themen, wie zum Beispiel dem Klimawandel, und weniger hinter Parteiprogrammen.

Das Für und Wider zu diskutieren ist eine Aufgabe des Journalismus, die immer wichtiger wird.

Das Für und Wider zu diskutieren ist eine Aufgabe des Journalismus, die immer wichtiger wird. Je besser sie gemeistert wird, je mehr Leserinnen und Leser erreicht werden, desto geringer ist die Gefahr, dass sie sich in Filterblasen mit abstrusen Ideen verstricken. Vielleicht ist das im Moment die größte Herausforderung klassischer, als „Mainstream“ verunglimpfter Medien.

Der Neuanfang auf den Trümmern des Dritten Reichs ist der Presse in Deutschland geglückt – nicht zuletzt deshalb, weil man ihn ihr zutraute. Dieses Zutrauen braucht es auch heute mehr denn je, in Zeiten, wo Wahrheiten und Werte oft nicht mehr einen, sondern spalten.

Die Botschaft der letzten 75 Jahre

Erschwerend kommt hinzu, dass die gedruckte Zeitung verliert und die digitale (noch) nicht in dem Maß gewinnt, um das ausgleichen zu können. In wirtschaftlich extrem schwieriger Situation müssen Medienhäuser ihre teure Kernkompetenz ausbauen, nämlich Nachrichten nicht nur zu verbreiten – das können Internetdienste besser –, sondern sie zu recherchieren, zu bewerten, zu regionalisieren, Geschichten gut zu schreiben und sie dem Leser, der Leserin im besten Sinne nahezubringen. Mit und für alle, „die guten Willens“ sind – wie es im „Geleit“ heißt. Denn eine freie, auch wirtschaftlich funktionsfähige Presse, die nicht ständig diskreditiert wird, und eine funktionsfähige Demokratie bedingen einander. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Aber wenn es beides gibt, kann Zukunft gelingen. Das ist die Botschaft der letzten 75 Jahre.

Die Autorin:

Angelika Sauerer: An digital verbreiteten Nachrichten liebe ich das Tempo und die Vielfalt. Mein Herz aber hängt nach wie vor an der gedruckten Zeitung. Sie strahlt Ruhe aus und Ordnung. Mit einer Zeitung in der Hand bin ich nie allein. Sie teilt mit mir Gedanken. Selbst wenn ich allein am Tisch sitze, ist sie ein Gegenüber, das Präsenz ausstrahlt. Und falls mir danach ist, kann ich mich sogar wunderbar hinter ihr verstecken.

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