nr. sieben

Überselig ist die Nacht

Schlaglichter auf die Finsternis: Feiern und fürchten, lieben und leiden, träumen und wachen, schuften und schummeln, dichten und denken. Im Dunkel gibt es von allem mehr. Warum?

Eben sangen sie noch. Die Amseln modellierten ihre Strophen zum flotten Duett. Die Drossel flötete sanfte Melodien, der Fink trällerte die Tonleiter abwärts und der Star ahmte sie alle nach, so gut es ging. Und dann plötzlich Stille. Die große Stereoanlage der Natur ist wie von Geisterhand abgedreht. Die Tagaktiven verstummen. Schwarz wiegen sich die Tannen vorm dämmergrauen Himmel, schaudernd rascheln die Buchen und Eichen mit trockenen Blättern im Luftzug. Der Moment ist fast ein wenig unheimlich. Es ist, als ob die Welt davor erschrickt, was auf sie zukommt: die Nacht.

Mit der Zeitumstellung drängt sich die Nacht in den Vordergrund

Wenn an diesem Wochenende die Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt wird, drängt sich die Nacht mit einem Mal wieder in den Vordergrund. Sie beginnt um eine Stunde früher und dauert dadurch scheinbar länger. Deshalb lenken wir hier den Blick auf die finstere Seite des Lebens. Feiern und fürchten, lieben und leiden, träumen und wachen, schuften und schummeln, dichten und denken – im Dunkel scheint alles ein bisschen intensiver zu sein. „Überselig ist die Nacht“ dichtete Johann Wolfgang von Goethe, von dem eine ganze Reihe lebenskluger Nachtzitate stammen.

  • 17 Rooftop
    Jede Nacht ist subjektiv. Und jedes Graffiti erzählt davon, dass hier im Schutz des Dunkels jemand war. Foto: Roger Hecht, 2016/Museum für Kommunikation
  • Sam 0910
    Florian Schütz hat die Ausstellung "Die Nacht. Alles außer Schlaf" kuratiert. Foto: Stefan Jahrling/Museum für Kommunikation Berlin
  • 00 Key Visual
    Die Ausstellung läuft bis 18. Februar 2018. Geöffnet Di 9-20 Uhr, Mi bis Fr 9–17 Uhr, Sa/So & Feiertage 10-18 Uhr. Foto: Museum für Kommunikation

Tief in die Nacht hineingedacht hat sich auch Florian Schütz. Er ist Kurator der Ausstellung „Nacht. Alles außer Schlaf“, die bis Februar im Berliner Museum für Kommunikation läuft und von „Babylon bis Berghain“ möglichst viele Facetten der Nacht zeigen will. Der Begriff sei allen sofort klar, trotzdem interpretiere jeder etwas anderes hinein: frisch gebackene Eltern ihre Müdigkeit, Sorgengeplagte ihre Schlaflosigkeit, Freier die Befriedigung ihrer Lust, Nachtarbeiter ihren Job, Jäger einen stattlichen Hirsch, Clubgänger die beste Party. Schütz sagt: „Jeder hat seine eigene Nacht.“ Manche ist schrecklich und manche ist schrecklich schön. Und manche dauert bis in den nächsten Tag hinein.

  • Jaja 40
    Wo fotografieren verboten ist, zeichnet Felix Scheinberger. Eine Auswahl der Bilder, die in Berliner Clubs entstanden sind, hat er in dem Band "Hedo Berlin" veröffentlicht. Zeichnung: Felix Scheinberger
  • Felix Scheinberger Foto Galya Feiermann
    Felix Scheinberger ist Professor für Zeichnen und Illustration am Fachbereich Design der Fachhochschule Münster. Foto: Galya Feiermann
  • Titel Hedo Berlin
    „Hedo Berlin“ ist 2016 im jaja-Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Felix Scheinberger zeichnet die Gestalten der Berliner Nächte in sein Skizzenbuch, im Berghain, im KitKat, im Insomnia. Dort ist fotografieren nicht erlaubt. Er sagt: „Die Nächte in Berlin sind angenehm.“ Kein Vergleich zu den krassen und brutalen Nächten in Moskau.

Hinterm Licht herrscht Unbehagen

Und anders freilich als die Nacht im Nationalpark Bayerischer Wald, wo das „buhuu“ eines Waldkauzes ab und an durch die Stille klagt. Vorsichtig tappen die Füße durch unergründliches Dunkel. Die Augen ertasten Schemen, die Ohren spitzen. Ist da wer?

Schon nach wenigen Schritten ins Ungewisse schlägt das Herz schneller.

Man muss aus der Stadt raus und ein ganzes Stück fahren, um heutzutage die Nacht in ihrer schwarzen Tiefe zu fühlen. Ganz hinten im Bayerischen Wald, an der Grenze zu Tschechien, gibt es sie noch. Schon nach wenigen Schritten ins Ungewisse schlägt das Herz schneller. Das Unbehagen vor ihren zwielichtigen Geheimnissen hat sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis. Dort spuken weiße Frauen und feiern Hexen auf ihren Besen.

Walburgisnacht Hexe Dpa
In der Walpurgisnacht feiern die Hexen. Foto: dpa

„Ein bisschen Diebesgelüst, ein bisschen Rammelei“, feixt Mephisto in Goethes „Faust“ in Vorfreude auf die Walpurgisnacht. Geister und Vampire, Werwölfe und Dämonen, Schieber und Schurken. Man sagt nicht zufällig „hinters Licht führen“ zum Betrug. Es kann nichts Gutes sein, was den Schutz der Dunkelheit braucht.

Andererseits faszinieren ihre Rätsel und Mythen. Es ist, als ob die Nacht das Beste und das Böseste hervorbringt. Tausendundeine Nacht und die Königin der Nacht. Mittelmäßiges findet im Hellen statt, Spannendes im Dunkel. Und Kreatives. 

Die Zahl der Nachtarbeiter unter Künstlern und Schriftstellerin ist Legion. Der schlaflose Franz Kafka arbeitete tagsüber und schrieb die Nächte durch, „versunken in die Nacht“, denn „einer muss wachen“, bis er in den frühen Morgenstunden für zwei, drei Stunden ins Bett fiel. Ähnlich hielt es der französische Romancier Gustave Flaubert („Madame Bovary“).

„Der Fluss ist weiß im Mondschein und schwarz im Schatten. Falter flattern um meine Kerzen, und der Duft der Nacht dringt durch meine offenen Fenster zu mir herein.“ Gustave Flaubert

Er verbrachte üblicherweise die Nachmittage und die Nächte von 21 bis drei Uhr morgens am Schreibtisch seines stillen Landhauses in Croisset bei Rouen am Ufer der Seine, das Zimmer erhellt vom Licht zweier grün beschirmter Lampen und ein paar Kerzen. „Der Fluss ist weiß im Mondschein und schwarz im Schatten. Falter flattern um meine Kerzen, und der Duft der Nacht dringt durch meine offenen Fenster zu mir herein“, schrieb Flaubert. Vom Naturforscher Charles Darwin wird berichtet, dass er regelmäßig um Mitternacht schlaflos im Bett Probleme wälzte. Dies war auch die kreativste Phase von Wolfgang Amadeus Mozart: „Ich schreibe oft bis ein Uhr nachts und bin um sechs wieder auf.“ Auch Pablo Picasso war ein Nachtkreativer. Er stand allerdings immer spät auf und ging spät ins Bett. Ganz anders als Goethe, der trotz seinem poetischen Faible für die Nacht einen ziemlich geordneten Tagesablauf pflegte. Aber freilich wusste er Bescheid: „Jeder Tag hat seine Plage, und die Nacht hat ihre Lust.“

04 Nachtmahr
Der Nachtmahr ist eine Filmrequisite aus Achim Bornhaks gleichnamigem Film von 2015. Der Regisseur inszeniert ihn als Vermittler zwischen den Welten: Tag und Nacht, Einbildung und Realität, Jugend und Alter. Er ist weniger Alptraum als innerer Dialog. Foto: OOO-Films/Liga 01 Computerfilm/AKIZ//Museum für Kommunikation

Oder ihren Frust. Wer nicht schlafen kann, kennt ihn. Zerwühlte Laken, rasender Puls, rotierende Gedanken. Kleine Probleme bauschen sich zum Monstrum auf. Das hat auch mit dem Hormonspiegel zu tun. Nachts zirkuliert kaum Serotonin im Blut. Melatonin wird ausgeschüttet, das müde macht. Wer trotzdem aufwacht – nach einem Alptraum – dem fehlt nun das besänftigende Glückshormon, um aus dem Gedankenkarussell auszusteigen.

  • 12 Ballhaus Resi
    Nach dem ersten Weltkrieg öffnet in Berlin das Ballhaus Resi (Residenz Casino). Es entwickelt sich zum Inbegriff des Tanzlokals. Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation//Museum für Kommunikation
  • 10 Halloo Wach
    In den 1950er kamen Aufputschtabletten und andere Wachmacher auf, die heute verboten sind. Energy-Drinks sind eine legale Methode, um "Halloo Wach" zu bleiben. Foto: Peter Boesang/Rossmann GmbH, 2016//Museum für Kommunikation

Da ist es doch besser, gleich die Nächte durchzumachen. Legendär war es in den Goldenen Zwanzigern, als das zügellose Nachtleben in den Salons blühte. Legendär sind auch die Berliner Clubnächte. Die Nacht ist ein Kommunikationsraum mit eigenen Regeln. Sie ist das Kontrastprogramm und der Fluchtpunkt des Alltags. Im KitKatClub gilt ein Dresscode: alles außer langweilig, gerne sexy, gerne Fetisch. Wo zeigt der Mensch sein wahres Gesicht – im Businessanzug oder im Ausgeh-Outfit? „Ich sehe da eine Szene, die versucht, nicht in Lüge zu leben“, sagt Felix Scheinberger mit Respekt. Er nennt die Nacht in Berlin nicht Feierszene, sondern vor allem „Freiheitsszene“. 

Die Zeichnungen von Felix Scheinberger sind seinem Buch "Hedo Berlin" entnommen (jaja-Verlag, 2016, 28 Euro).

Scheinberger zeichnet sie mit schnellem Strich, „die bleiben ja nicht stehen und posieren“. Manche haben Sex. Manche haben schon zu viel. Und trotzdem ist keine seiner kolorierten Skizzen pornografisch. Ein Foto wäre da gnadenlos. Der Blick des Künstlers zeigt auch alles, aber entblößt nichts.

Man kann die Nacht nicht zum Tag machen

Nach einer genialen Party werden die Stempel und Bändchen am Handgelenk zu Trophäen. Man hat die Nacht zum Tag gemacht, heißt es. Aber das Bild passt nicht. Denn am Tag wäre all das nicht passiert. Victoria – „one girl, one city, one night, one take“ im Film von Sebastian Schipper – wäre Sonne nicht zum Späti gefolgt, sie hätten kein Bier auf dem Dach getrunken, keinen Mephisto-Walzer am Klavier gespielt, keine Bank überfallen und auch die Katastrophe hätte nicht stattgefunden. Die Nacht verändert alles.

Irgendwo ist immer Nacht. Oder Tag. Die Grenzen verschwimmen, seit wir überall Licht machen.
Immerhin hier ist die Nacht noch wirklich Nacht.

Irgendwo ist immer Nacht. Oder Tag. Die Grenzen verschwimmen, seit wir global denken, arbeiten, chatten, posten. Und seit wir überall Licht machen. In den letzten 150 Jahren seien in Berlin die klaren Nächte ums Zehnfache, die wolkigen Nächten um das bis zu Tausendfache heller geworden, berechneten Forscher der Uni Berlin.

Der Himmel über dem Nationalpark ist übersät mit Sternen, die der Lichtsmog in der Stadt verschluckt. Immerhin hier ist die Nacht noch wirklich Nacht.

Text: Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Illustrationen: Fotolia/rangizzz, dpa, Museum für Kommunikation Berlin, Felix Scheinberger

Teilen