nr. sieben

Die Schubladen in seinem Kopf

Norbert Specker erlebte nach einer Kopfverletzung eine zweite Kindheit. Langsam findet er die alte Ordnung wieder. Oder ist es eine neue?

Eins vorweg: Das ist keine besondere Geschichte. So etwas passiert jeden Tag überall auf der Welt. Ein Moment der Unachtsamkeit, ein Aussetzer – schon ist es geschehen. Oft sind die Folgen gravierender als hier, manchmal auch leichter. Kein Fall gleicht dem anderen, und trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit: Das Danach hat eine andere Qualität als das Davor.

Besser? Schlechter? Bewusster? Norbert Specker weiß es noch nicht. Er wacht jeden Morgen auf und ist wieder ein bisschen ein anderer. Er reift im Schnelldurchgang. Im Moment erlebt sich der 58-Jährige Medienunternehmer aus der Schweiz als junger Erwachsener, dem die Pubertät noch in den Knochen steckt. In seinem Hirn schwappt es hin und her zwischen Ideen und Selbstzweifeln, zwischen Energie und Phlegma, zwischen Zukunftsangst und kindlicher Begeisterung. Kürzlich gelang es ihm nach vielen vergeblichen Versuchen zum ersten Mal seit mehr als eineinhalb Jahren wieder, richtig Fußball zu spielen. Plötzlich war das Bewegungsmuster abrufbar. Ein Glücksmoment.

Zur Person

  • Geboren wurde Norbert Specker 1959 in der Schweiz. Er studierte Kunstgeschichte und Publizistik in Zürich.
  • Den Medienmenschen interessieren die crossmedialen Projekte. Er schreibt, machte Fernsehen und initiierte Formate, zum Beispiel Taxi-TV fürs Lokalfernsehen.
  • Ideen, wie etwa 2005 die „ZeitungsAuktion“, führte er mit seiner Firma Catchup Communications AG in Deutschland ein. 80 Verlage beteiligten sich mit 300 Auktionen, auch die Mittelbayerische („Preisknaller Auktion“).
  • Am 11. September 2001 speicherte er 240 Screenshots von Nachrichtenseiten aus aller Welt und konzipierte ein digitales Museum als einzigartiges Zeitdokument.
Norbert Specker Halbes Gesicht Foto Privat
Norbert Specker Foto: privat

Ein wilder, riesiger Haufen Durcheinander

„Eine alte Schublade, die sich neu öffnete“, sagt er. Im Arbeitszimmer seiner hellen Wohnung – 4. Stock, Gründerzeithaus hinter der Gethsemane-Kirche in Berlin, hipper Barber-Shop als Nachbar und Graffiti am Eingang – steht ein Kasten aus braun gebeiztem Holz, den er vor ein paar Jahren auf dem Trödel erstanden hat. Dutzende von schmalen Schubladen mit schwarzen Metallgriffen übereinander und nebeneinander, das Innere unterteilt in kleine Fächer, gefüllt mit allerhand Krimskrams: Knöpfe, Korken, Sicherheitsnadeln, Steine, Buttons.

"Dann kommt der Moment, wo der Schrank massiv durchgeschüttelt wird. Alle Schubladen fallen raus." Norbert Specker

„Schubladenorientierungslauf“ hat Norbert Specker ein Protokoll überschrieben, in dem er den Status seiner Entwicklung beschreibt. „Man muss sich einen großen Schubladenschrank vorstellen. Hunderte, Tausende von Schubladen sind da zugänglich. Dann kommt der Moment, wo der Schrank massiv durchgeschüttelt wird. Alle Schubladen fallen raus und auf dem Boden findet sich plötzlich ein wilder, riesiger Haufen von hemmungslos durcheinander geworfenen Schubladen.“

An den Augenblick im Februar 2016, als die Schubladen aus seinem Hirnkasten krachten, erinnert sich Norbert nicht. Er war mit einer Freundin in der Kugelbahn in der Grüntaler Straße und hatte nicht viel getrunken. Auf dem Weg zur Toilette wurde er plötzlich ohnmächtig. Es muss direkt oben am Treppenabsatz gewesen sein. Mit dem Kopf voran stürzte sein Körper ungebremst und willenlos die Stufen hinunter, der Schädel knallte an die scharfen Rillen eines Heizkörpers, brach an der Aufprallstelle und riss ringförmig. Als Nächstes erinnert sich Norbert Specker an die Intensivstation in der Charité. Er war er wochenlang desorientiert. Neben der Spur.

"Man muss nicht alles wieder lernen. Alles aber wieder finden." Norbert Specker

Monate später, als ihm die Worte wieder besser einfallen – sein Schweizer Dialekt ist nun interessanterweise stärker ausgeprägt – beginnt er mit dem Schreiben. „Wie gerade auf die Welt gekommen ist nichts da. Zero. Man muss nicht alles wieder lernen. Alles aber wieder finden. Es gibt ganz lange kein ‚Morgen‘ oder ‚Gestern‘. Nur das ‚Jetzt‘. Eine sich vorwärts entwickelnde Kindheit.“ Was ist ein Fenster? Wie schmeckt ein Spiegelei? Wie riecht Tee? Voller Neugier und ganz ohne Angst geht Norbert Specker durch seine zweite Kindheit.

Norbert Specker Foto Privat

Er hat kein Urteil über den Unfall. Aber große Freude an der Entdeckungsreise seither. Dabei erkennt er ziemlich genau die Webfehler des Davor. Die Gesellschaft versuche krampfhaft, an gestern und morgen zu denken. „Ich habe gemerkt, dass das nicht gut ist. Denn in dieser Zeit bist du schon mal nicht da.“ 

Allerdings ist das Gestern präsent. Er sitzt unter der hohen Stuckdecke in einem sparsam möblierten Raum, die Füße auf dem gewachsten Parkett, die Haare kurz geschoren. Auf die linke Stirnseite hat der Aufschlag eine Narbe gekritzelt, weiße Striche auf gebräunter Haut. Norbert trägt Jeans und Shirt, ein schmaler Mann, der sich sportlich bewegt und jünger aussieht, als er ist. Er mag den Blick nach Westen, die hohen Fenster, durch die selbst bei Regen das Licht strömt, den Holztisch mit den Kerben. Auch der hat ein Vorleben: Um ihn saßen, tranken und debattierten einst Exilchilenen. Auf dem Boden stapeln sich alte Festplatten: Norberts Leben. Das muss er jetzt sichten.

Das alte Leben mit neuen Mustern

Norbert Specker ist ein Kopfarbeiter und Medienmensch. Einer, der dafür lebt, Ideen zuzulassen. Er gehörte zu den Ersten, die in den 90er Jahren crossmediale Konferenzen, sogenannte „Interactive Publishing“-Summits einberiefen, um zu überlegen, wie mediale Kommunikation in einer Zukunft abläuft, in der wir jetzt leben. Am 11. September 2001 war er weltweit einer von wenigen, die daran dachten, Screenshots der Nachrichten-Websites zu speichern, damit sie noch existieren. Daraus hat er ein digitales Museum geformt. „Was ich nicht alles gemacht habe“, sagt er während er erzählt. Oder: „Mit diesem Projekt war ich schon ziemlich weit.“ Oft braucht er nur einen kleinen Anstoß, um sich zu erinnern. Er findet einen Schnipsel und daran hängt der Rest.

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Sammeln und Finden: Norbert Speckers Schubladenschrank ist eine Fundgrube. Sein Kopf war es nach dem Unfall auch. Foto: Angelika Sauerer

Während er sein altes Leben wiederentdeckt, bilden sich neue Muster. Er schreibt: „Manchmal ist man anders in der Schublade drin, beginnt an einem neuen Ort und muss sich einen frischen Weg als Erzähler finden. Erstaunlich für einen selbst. Weil man so vertraute Dinge aus einer anderen Perspektive anschaut.“ Beim Blick auf seine jüngste Vergangenheit als Neu-Geborener, beschleicht ihn mittlerweile ein bisschen Wehmut. So einfach und spannend ist es nicht mehr, als zu der Zeit, in der er täglich tausend Dinge entdeckte. Jetzt ist es so, dass er weiß, da fehlt noch was, aber nicht, wie viel – sind es zehn Prozent oder mehr? Das beunruhigt ihn manchmal. Die Unbeschwertheit ist weg. Nun beginnt der Ernst des Lebens. Norbert Specker sagt, er will sich so viel wie möglich von seiner neu erlebten Kindheit bewahren.

Auf dem Weg nach draußen zeigt er auf eine Buntstiftzeichnung an der Wand, er hat sie vor Jahren gemalt. Miniaturen einzelner Szenen gehen ineinander über, die eine ist der Anfang der nächsten. „So ist das Leben.“ Nur manchmal etwas ungeordneter.

Der Regensburger Neurologie-Professor Felix Schlachetzki erklärt die Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas. Hier geht es zu dem Interview mit ihm.

Text: Angelika Sauerer, MZ
Fotos: Angelika Sauerer, Norbert Specker/privat 

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