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Die Lust an der Liste

Nicht nur etwas für Spießer und Kontrollfreaks: Listen helfen uns dabei, die Gedanken zu sortieren oder uns einen Überblick zu verschaffen.

Johnny Cash wusste genau, was zu tun ist. Punkt eins: Nicht rauchen. Punkt zwei: June küssen. Punkt drei: Niemand anderen küssen. Diese Reihenfolge hielt der Countrysänger in einer veröffentlichten To-do-Liste fest. Heute findet man sie neben anderen kuriosen und bewegenden Listen von Nobelpreisgewinnern, Sängern, Politikern und Sportlern in dem Buch „Lists of Note“ des Schriftstellers Shaun Usher. Und siehe da: Von Picasso bis Einstein, von Nick Cave bis Michelangelo, von Marilyn Monroe bis John Lennon – jeden von ihnen packte die Lust an der Liste.

Listenreiche Zeit

Manchmal muss man nur ein paar Striche dafür tun: Strichlisten sind die elementarste Form der Inventarisierung. Was machte Robinson Crusoe, gestrandet auf einer einsamen Insel? Einen Strich für jeden Tag. Die Liste ist seine Verbindung zur Zivilisation, die übrigens auch weniger unschuldige Listen hervorgebracht hat. Darunter ist die Gästeliste einer Geburtstagsfeier wohl noch die harmloseste Variante. Du schon, du nicht. Wer Listen führt, verschafft Vorteile. Hinter jeder Liste steht eine Instanz, die auswählen und streichen kann. Demokratisch, moralisch und nachvollziehbar – oder eben nicht. Eins aber ist eine Liste nie: objektiv. Das trifft freilich auch auf all die Listen zu, unter die wir in den kommenden Wochen unsere Haken setzen werden: Wunschlisten, Einkaufslisten, To-do-Listen, Best-of-Listen. Denn nun bricht die wohl listenreichste Zeit des Jahres an. Weihnachten ist ohne Listenführung gar nicht zu schaffen. Ist das Chaos sortiert, erscheint der Berg nicht mehr so groß. Listen vereinfachen, machen Ordnung, erlauben Vergleiche, schenken Sicherheit und Überblick – und deshalb schaffte es dieses Thema auf unsere Liste. (asa)

Lust an der Liste? Offenbar begeistern solche planvollen Ordnungsverpflichtungen nicht nur Spießer und Kontrollfreaks, sondern auch Musiklegenden und Sex-Ikonen. Nicht einmal die Mafia konnte sich ihrer Faszination entziehen: Als Salvatore Lo Piccolo, Oberhaupt der sizilianischen Cosa Nostra, im Jahr 2007 festgenommen wurde, entdeckte die italienische Polizei in seinem Versteck einen Zettel mit Sätzen, die später unter dem Label „Die zehn Gebote der Mafia“ firmierten. Drei davon hätte man nicht erwartet: „Geh in keine Kneipen und Nachtclubs. Lass die Finger von den Frauen der Freunde. Lass dich nie mit Bullen blicken.“

Listen zeigen, wie wir die Welt wahrnehmen

  • Dpa Wunschzettel
    Der Wunschzettel fürs Christkind ist die Mutter aller Listen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
  • Dpa To Do
    Am Jahresende überlegen sich viele Menschen, was sie im nächsten Jahr ändern wollen. Und vergessen es wieder - wenn sie keine Liste geschrieben haben. Foto: Arno Burgi/dpa
  • Dpa Wunschliste Weihn9
    Für den Weihnachtsmann ist so eine Liste sehr hilfreich. Foto: Tim Brakemeier/dpa
  • Checkliste Dpa 11902726
    Punkt für Punkt abhaken: Eine Checkliste hilft, auch bei Stress den Überblick zu bewahren. Foto: Jens Schierenbeck/dpa/tmn
  • Dpa Liste Tafel
    Ein Schüler putzt eine Tafel, auf der eine To-Do-Liste für den Putztag geschrieben ist. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Listen faszinieren uns. Die Liste ist nüchtern, schnörkellos, prägnant. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, passt zu jedem Anlass und ist zeitlos. Jetzt hat auch die Wissenschaft das Thema entdeckt. Literaturwissenschaftlerin Eva von Contzen hat an der Universität Freiburg ein Forschungsprojekt entwickelt, das die Bedeutung von Listen in verschiedenen Literaturepochen untersucht. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Zuerst hat sich die Anglistin über eine Liste geärgert.

In einem der ältesten schriftlichen Werke Europas, der Ilias von Homer, die wohl im achten Jahrhundert vor Christus entstanden ist, wird im sogenannten Schiffskatalog genau aufgezählt, welche griechischen Kämpfer in den Krieg gegen Troja zogen. Die endlos anmutenden Ausführungen unterbrechen den Rhythmus der epischen Verse und stören den Lesefluss. „Ich habe mich gefragt, warum das in Kauf genommen wurde“, sagt Eva von Contzen. Irritation stand am Anfang ihrer Arbeit. Im Laufe der Zeit entwickelte sie folgende These: Listen zeigen, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen und ordnen. Sie verweisen auf das, was Menschen in einer bestimmten Epoche wichtig ist. Und sie stellen dar, wie sie Inhalte kognitiv verarbeiten. Im Falle der Ilias diente die endlose Liste der Kriegsführer der Identitätsbildung. „Kam die eigene Familie in der Aufzählung vor, durfte man sich als Teil der Geschichte fühlen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Dafür wurde das Unterbrechen des Erzählflusses billigend in Kauf genommen. Im Mittelalter hingegen verfolgten die Menschen mit dem Erstellen von Listen einen enzyklopädischen Anspruch. Dabei ging es darum herauszufinden, wo man sich mit seinem eigenen Wissen verorten konnte.

„Wir leben in einer Zeit des Informationsüberflusses und der Unübersichtlichkeit. Hier bieten Listen und Rankings die Chance, sich zu orientieren.“ Oliver Berli, Soziologe

Auch heute sind wir von Listen umgeben: In sogenannten Listicles – eine Wortkombination aus dem englischen Begriff „List“ und „Article“ – listen Webseiten wie Buzzfeed die Städte mit der besten Lebensqualität, die zehn aggressivsten Tierarten, die peinlichsten Promi-Outfits und die hundert einflussreichsten Menschen. Im Zeitalter des Internets ist also ein eigenes Listen-Genre entstanden. Unabhängig davon existieren etablierte Listen wie die Forbes-Liste, Hochschulrankings oder Fußballtabellen. Jenseits des Ordnens und Systematisierens lädt die Liste offensichtlich dazu ein, Inhalte zu hierarchisieren. Auch eine Googlesuche ist nichts anderes als eine Liste von Treffern, die von einem Algorithmus in eine bestimmte Rangfolge gebracht werden. Das birgt Gefahren. Vor allem wenn nicht klar ist, nach welchen Kriterien die Rangfolge erstellt wurde.

Oliver Berli arbeitet an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln und hat sich mit der Soziologie des Bewertens und Vergleichens beschäftigt. „Wir leben in einer Zeit des Informationsüberflusses und der Unübersichtlichkeit. Hier bieten Listen und Rankings die Chance, sich zu orientieren“, erklärt der Soziologe. Webseiten wie „Stadtbesten“ ranken die besten Dönerläden, Kitas und Eisdielen verschiedener Städte und versprechen dabei Orientierung. Die Bewertungen geben die Nutzer selbst ab. Diese Ranglisten sollen dem Konsumenten die Entscheidungsfindung erleichtern. Gerade in der vermeintlichen Abgeschlossenheit der Liste liegt die Verheißung: Wichtig und gut ist nur, was gerankt wird. Den Rest darf ich als Verbraucher guten Gewissens ignorieren. Was für eine Entlastung.

Mit Listen lässt sich Politik machen

  • Gaesteliste Studio 54 Dpa
    Politik der Ausgrenzung: Du nicht, du schon. Wie Gästelisten zustandekommen - diese hier stammt vom legendären Club "Studio 54" in New York - ist subjektiv und undurchschaubar. Foto: Christina Horsten/dpa
  • Gaesteliste Cookies Dpa
    Das "Cookies" in der Friedrichstraße war bis 2014 das "Studio 54" Berlins. Dann schloss es seine Pforte. Wer am letzten Abend auf der Gästeliste stand, durfte sich glücklich schätzen. Foto: Soeren Stache/dpa

Listen sind ein mächtiges Instrument, menschliches Verhalten zu beeinflussen. Bei der Liste der zehn aggressivsten Tierarten mag mangelnde Offenlegung der Kriterien noch vergleichsweise harmlos sein – hier dient die wahllose Rangfolge vor allem der Unterhaltung. Im Falle von Hochschulrankings sieht die Sache anders aus. Dabei treffen die Leser eine Entscheidung über ihren künftigen Bildungsweg. Und nicht nur das: Auch die Zuteilung von Drittmitteln erfolgt über die Platzvergabe bei Rankings. Mit ihnen lässt sich handfeste Politik machen. Viele Experten sehen das kritisch.

„Rankings suggerieren immer, dass die aufgelisteten Stichworte, Ereignisse oder Menschen zumindest in einer Hinsicht vergleichbar sind“, sagt Oliver Berli. „Oft trifft das jedoch nicht zu: Bei der Liste ,Die 100 einflussreichsten Intellektuellen’ ist nicht klar, wer bestimmt, was als einflussreich gilt und wer als intellektuell zählt.“ Zudem verleiten Rankings oft zu dem Denkfehler, dass in einer Top-Ten-Liste der Abstand zwischen Platz Eins und Zwei gleich groß ist, wie der zwischen Platz Fünf und Sechs. Das ist aber nicht der Fall.

Ein Ranking von Genies? Undenkbar!

Dennoch fasziniert den Menschen das Vergleichen-Können. Das Messen miteinander unterlag im Laufe der Jahrhunderte einigen Veränderungen. „Im 18. Jahrhundert wäre wahrscheinlich niemand auf die Idee gekommen, Mozart, Beethoven und Haydn in eine Top-Ten-Liste der talentiertesten Komponisten einzusortieren“, sagt der Soziologe Oliver Berli. Der damalige Geniekult hätte das gar nicht erlaubt. Jedes Genie war einzigartig.

Listen gab es natürlich trotzdem. Nur waren diese alphabetisch sortiert. Die Werte, die einzelnen Menschen zugewiesen wurden, standen hinter den Namen. Um herauszufinden, welchen Wert Haydn bekommen hat, musste der frühere Leser also unter H nachschlagen. Ähnlich wie bei heutigen Restaurantführern waren die besten Plätze nicht exklusiv vertreten, es konnten mehrere Restaurants mit der gleichen Note abschneiden. Mitunter die ehrlichere, aber weniger kompetitive Form.

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Listen gaukeln einem vor, die Dinge im Griff zu haben oder vergleichen zu können. Doch oft stimmt das gar nicht. Foto: Fotolia/Lysenko.A - stock.adobe.com

Der Kultfilm High Fidelity, dem das gleichnamige Buch von Nick Hornby als Romanvorlage diente, ist eine unterhaltsame Lektion im Misstrauen gegenüber Listen. Hier muss der Hauptdarsteller irgendwann feststellen, dass sich die Frauen, die ihn verlassen haben, nicht vergleichen lassen. Der Versuch, sie in eine Rangfolge der Top-Fünf-Trennungen zu bringen, ist dennoch kurzweilig. Man erfährt viel über die Stärken und Schwächen der Verflossenen, und will als Zuschauer am Ende wissen, welche Trennung die schmerzhafteste für ihn war, welche Frau er am meisten liebt.

Listen und Rankings haben auch ihr Gutes: sie spornen uns an, motivieren uns. Im Sport funktioniert das aber nur so lange, wie sich alle an die Regeln halten. Herrschen ungleiche Gewinnchancen, beispielsweise wegen Dopings, werden Rankings und Vergleiche obsolet.

Das lässt sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen: Schon früh lernen Schüler, dass ihre Leistungen auf einer Notenskala bewertet werden. Ob man es sportlich nimmt oder in Neid verfällt, wenn der Klassenkamerad die Gymnasialempfehlung bekommt, hängt aber nicht nur von der Psyche des Einzelnen ab, sondern auch von der Durchlässigkeit des Systems. Je gerechter die Chancen verteilt sind, desto seltener entsteht ein Gefühl von Neid.

Längst nicht so objektiv wie gedacht

Sozialpsychologe Rolf Haubl, bis zum Frühjahr 2016 Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, hat sich intensiv mit dem Gefühl des Sozialneids beschäftigt. „Wir wachsen auf in dem Glauben, dass jeder alles schaffen kann, wenn er nur will. Das trifft jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen zu“, sagt der Wissenschaftler. Damit Vergleiche nicht in Neid umschlügen, müssten gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen vorhanden sein. Haben Betroffene das Gefühl, vom Aufstieg ausgeschlossen zu sein, bergen Rankings sozialen Zündstoff.

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Sind die 500 wichtigsten Alben, die das Musikmagazin "Rolling Stone" aufführt, wirklich objektiv ausgewählt? Geht gar nicht - und muss auch nicht sein. Foto: Christina Horsten/dpa

Auch bei Listen, die lediglich der Unterhaltung dienen, ist der Kanon, der einem präsentiert wird, längst nicht so objektiv, wie er suggeriert. Doch Oliver Berli meint: „Menschen bereitet es Freude, ihr Wissen abzugleichen. Wenn in der Musikzeitschrift Rolling Stone eine Liste der 500 wichtigsten Alben aufgeführt ist, dann ist es für mich als Musikfan interessant nachzuschauen, welche davon ich kenne.“ Doch man kann davon ausgehen, dass unter den ersten Plätzen einer solchen Liste die 1960er und 1970er Jahre überrepräsentiert sind, mehr männliche Musiker in der Liste auftauchen und sich die Auswahl vor allem an westlicher Musik orientiert.

Der Mensch kann nicht darauf verzichten, sich zu vergleichen, seinen Platz zu suchen und sich Ziele zu setzen. Hollywood-Ikone Marilyn Monroe ging das als 25-jährige Nachwuchsschauspielerin im Jahr 1951 gewissenhaft an. Zusammen mit ihrer Zimmergenossin Shelley Winters führte sie in einer berühmten Liste alle Männer auf, mit denen sie gerne eine Affäre hätte: Darunter der Regisseur Elia Kazan, der Sänger Yves Montand, der Intellektuelle Arthur Miller und Albert Einstein. Rückblickend lässt sich sagen, dass Marylin Monroe sehr erfolgreich im Abarbeiten ihrer To-do-Liste war: Bis auf Einstein bändelte sie mit allen Aufgezählten an.

Text: Nadine Zeller
Info: Angelika Sauerer, MZ
Fotos: Fotolia/stock.adobe.com/Lysenko.A & Comauthor, dpa

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