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Der Wink mit der Stehlampe

Ein Thema - zwei Meinungen: Ist Schenken schön? Oder ein Zwang, den man sich schenken sollte? Marianne Sperb und Angelika Sauerer im Meinungsstreit

Kommerz, Müll, Stress, Zeitvergeudung – soll man sich den Wahnsinn mit den Geschenken nicht lieber sparen? 22 Prozent der Deutschen meinen, dass Weihnachten ein kommerzielles Fest sei, das nur noch wegen der Geschenke gefeiert wird (Quelle: Statista). Aber: Die große Mehrheit (80 Prozent) liebt es, an Weihnachten beschenkt zu werden und selbst zu schenken. Die Geschenkemuffel sind also in der Minderheit. 

Unter dem Motto "Ein Thema - zwei Meinungen" schreiben zwei MZ-Autorinnen darüber, was ihnen am Schenken gefällt und was nicht. Marianne Sperb vertritt den Standpunkt „Bitte keine Geschenke!“ – und hat dafür gute Argumente. Angelika Sauerer gibt dagegen zu: „Ich finde Geschenke toll!“ Man kann sagen: Die beiden schenken sich in ihrem Meinungsstreit nichts.

"Schenken ist schön – an 363 Tagen im Jahr. Schlimm ist der Zwang." Marianne Sperb

Bitte keine Geschenke!

Weihnachten droht. Der 24. Dezember ist die Deadline für 1000 Dinge, die zu erledigen sind. Vor allem: die Geschenke. Sie wollen taktvoll recherchiert, instinktsicher ausgewählt und raffiniert verpackt sein. Bei Erreichen der Ziellinie, wenn die Kerzen abgebrannt und die Papierberge aufgetürmt sind, sinken wir seufzend aufs Sofa. Müssen wir uns das antun? Die frohe Botschaft heißt: Wir können die Präsente-Huberei sein lassen und uns einfach herzerwärmende Stunden schenken.

Schenken ist schön – an 363 Tagen im Jahr. Schlimm ist der Zwang. Er wurzelt tief. Die Melpa in Papua-Neuguinea erwerben beim „Moka“ mit Muscheln und Schweinen Prestige. Und Indianer zementieren ihren Rang durch Gaben beim „Potlatch“ – bis sie sich ruinieren. Selbst als der exzessive Schenkhandel für 70 Jahre verboten blieb (bis 1950), wollten einige Gruppen nicht verzichten. Sie tarnten den ritualisierten Gabentausch und verlegten ihn schlau auf Weihnachten.

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Besinnungsloser Kommerz statt Besinnlichkeit: Zahlreiche Menschen strömen in diesen Tagen durch die Shoppingcenter Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Am 24. Dezember ist Schenken Pflicht. Wir beteuern, „wir wollen uns und anderen eine Freude machen“. In Wahrheit geht’s oft genug darum, den großen Mangel an Zeit und Zuwendung unter noch größeren Paketen zu verstecken, frei nach Jürgen von der Lippe: Geld oder Liebe! Oder wir möchten uns das Wohlwollen unseres Clans sichern. Sonst könnten ja wir nicht jedes Jahr beobachten, wie sich Menschen fürs Fest in Schulden stürzen. Gerade jene, die gefährdet sind und deshalb Solidarität am bittersten brauchen, ringen sich die relativ gesehen größten Opfer ab. Geld spielt keine Rolle, so lange die Bank Kredit gibt.

Schenken ist eine komplizierte und gefährliche Sache. Habe ich das Richtige ausgesucht, nicht zu klein und nicht beschämend groß? Und umgekehrt: Freue ich mich sichtbar genug? Jeder kennt Anekdoten über verfehlte Geschenke. Hellhörig sollte man werden, wenn der Empfänger Richtung Boden blickt und sagt: Das wär’ doch nicht nötig gewesen!

Kishon erzählt, wie schwierig es ist, dem Gabenzwang zu entsagen. Jedes Jahr schenkt er der „besten Ehefrau von allen“ eine zauberhafte Stehlampe, bis beide beschließen: Keine Geschenke mehr! Weinend vor Dankbarkeit fällt sich das Paar in die Arme. In den Wochen danach belauert es sich: Bricht einer den Pakt? Als sie mit einem Paket Hemden durch die Hintertür schleicht, schneidet er – Ha! – alle Hemden zu Konfetti. Dabei hatte sie nur eine Lieferung aus der Wäscherei ins Haus getragen. Den Weg zum 24. pflastern Missverständnisse.

Freiraum, um Festtagszwänge zu erfüllen - diese Strategie klingt nicht sinnvoll.

Eine Freundin – berufstätig, Familie – umgeht den Weihnachtsdruck. Sie verbietet sich ab 1. Dezember Verabredungen und konzentriert alle Energie auf die Großtat, das Fest. Sie erwirbt also mit dem Verzicht auf die Treffen mit Freunden den Freiraum, um Festtagszwänge zu erfüllen. Auch diese Strategie klingt nicht sinnvoll.

Kinder zu bescheren, das kann kaum falsch sein. Und tatsächlich ist Schenken eine Frage des Alters. Anfangs können ein Teddy, eine CD oder ein Snowboard echte Freude machen, später ein Kaschmirpulli oder sogar ein Cabrio, aber irgendwann kommt die Zeit der wirklich kostbaren Wünsche: Gesunde Kinder. Den Job gut machen. Harmonie in der Familie. Was sind dagegen all die üblichen Weihnachtspräsente? Geschenkt!

Marianne Sperb

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Marianne Sperb hat täglich zwei alte Weihnachtsgeschenke vor Augen: eine kleine Saugnapf-Madonna, die ans Fenster geschmatzt ist, und zwei geschnitzte Herzl aus Holz auf dem Tisch. Was sie sich wünscht? Eine zauberhafte Stehlampe. Echt jetzt.

"Das Schenken ist, nicht nur an Weihnachten, eine sehr aussagekräftige Art, nonverbal miteinander zu kommunizieren." Angelika Sauerer

Nicht ohne meine Geschenke!

So etwa ab Oktober lasse ich hin und wieder ganz nebenbei Sätze fallen wie: Ach, schau mal, meine gute Körperlotion ist schon fast alle. Oder: Da gibt es einen neuen Bildband über Wiener Cafés – ich liebe Wiener Cafés! Und: Mein Schminkpinsel verliert Haare, da bräuchte man mal einen Gscheiten, nicht so ein Glump. Um die Effektivität zu verbessern, werden die Aussagen regelmäßig wiederholt. Wer will, erkennt den Wink mit dem Zaunpfahl. Konsterniert reagiere ich daher auf die Frage: Was wünscht du dir zu Weihnachten? Das ist aber noch lange nicht so schlimm, wie der Vorschlag: Was hältst du davon, wenn wir uns heuer nichts schenken?

Ganz ehrlich – es wäre eine Katastrophe. Denn das Schenken ist, nicht nur an Weihnachten, eine sehr aussagekräftige Art, nonverbal miteinander zu kommunizieren. Das Witzige dabei ist, dass die Tragweite den meisten gar nicht bewusst ist, deshalb sind die Ergebnisse ja so aufschlussreich. Die Bandbreite der Aussagen reicht vom genervten „Du bist mir total egal“, über das angeberische „So was kann ich mir locker leisten“ bis hin zum liebevollen „Ich will, dass es dir gut geht“. Ich möchte das nicht missen, auch nicht die Fails. In seiner Arbeit über die Gabe, dem „Essai sur le don“, hat Marcel Mauss (1872-1950) argumentiert, dass sich im Geben Person und Sachen mischen – jedes Geschenk ist eine Mitteilung über den Schenkenden und den Beschenkten.

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Die Suche nach dem richtigen Weihnachtsgeschenk gelingt nicht immer. Das ist kein Grund, es ganz sein zu lassen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ich bin neugierig, wie meine Freunde mich einschätzen und sich selbst darstellen. Ein Roman von Houllebecq unterm Christbaum würde mir schmeicheln (Achtung, hab’ ich bereits alle). Aber ich habe auch schon Liebesromane von Utta Danella ausgepackt (und in einem Schwups gelesen) und mir gedacht: Aha.

Ans Herz gehen mir jedes Jahr die selbstgestrickten Socken, die ich von meiner Mama bekomme. Ich denke dran, wie ich sie unterm Jahr mit ihrem Strickzeug sitzen sehen hab’. Da wärmt nicht nur die 100 Prozent Schurwolle, sondern auch ihre verstrickte Zeit. Meine Mama ist andererseits aber auch die vehementeste Geschenke-Gegnerin, die man sich nur vorstellen kann. „Du weißt: Ich will nichts“, sagt sie mit drohendem Unterton nicht nur zu mir, sondern zu allen. Ich kann damit leben. 

"Das Jesuskind hat mit Gold, Weihrauch und Myrrhe vermutlich auch nichts anfangen können."

Aber ich frage mich, was denken sich die anderen? Denn auch, wer sich dem Schenken verweigert, kommuniziert – unfreiwillig – bestimmte Aussagen. Sie reichen vom noch recht harmlosen „Ich möchte dich nicht stressen“ bis hin zum herablassenden „Ich trau dir nicht zu, dass du das Richtige für mich findest“ oder dem strikt ablehnenden „Von dir will ich nicht mal was geschenkt“. Das muss alles gar nicht so gemeint sein, schwingt aber dennoch mit. Deshalb hat mich vor zwei Jahren die Ankündigung meiner besten Freundin echt getroffen: „Wir schenken uns heuer nichts.“ Ich hatte schon was besorgt und es ihr dann trotzdem gegeben. Sie war sauer. Und ich war verunsichert. Waren meine Geschenke in den Jahren davor so daneben?

Wenn schon. Das Jesuskind hat mit Gold, Weihrauch und Myrrhe vermutlich auch nichts anfangen können. Am Ende zählt der gute Wille. Ich werde mich also bemühen, die richtigen Dinge auszuwählen – und gleichzeitig wissen, dass das nicht klappen wird. Aber geschenkt!

Angelika Sauerer

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Angelika Sauerer hat als Kind vor Weihnachten immer die Wohnung nach versteckten Geschenken durchsucht – und ist fündig geworden. Die Geschenke für ihre Kinder versteckt sie auch, findet sie aber manchmal nicht rechtzeitig vor der Bescherung.

Texte: Marianne Sperb und  Angelika Sauerer 
Illustration: Lissi Knipl-Zörkler
Fotos: dpa, Fotolia

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