nr. sieben

Der deutsche Zeitgeist

Bunt gegen Schwarz-Rot-Gold – was wird sich durchsetzen? Über den Geist der Zeit, sein Wesen und Unwesen

Ganz plötzlich war es da, fast wie aus dem Nichts – wobei das nicht stimmt, denn es gab einen Auslöser. „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, sagte der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland am Abend der Bundestagswahl nach dem erschreckend guten Ergebnis seiner Partei. Kurz hing der Satz in der Luft, dann kam das Gefühl: Ich will auch mein Land wieder zurück.

Es ist das Land, in dem ich groß geworden bin. In dem rechte Sprüche nicht salonfähig waren. In dem deutsche Flaggen vor staatlichen Einrichtungen wehten und nicht in Nachbars Garten flattern, selbst wenn gar keine Fußball-WM ist. In dem es bis auf wenige Ausnahmen rechts neben der CSU keine Partei gab, die eine große Menge von Leuten für wählbar und damit für demokratietauglich hielt. Es ist ein Land, das es so nicht mehr gibt, und die Sehnsucht danach wäre mit dem Begriff „Westalgie“ falsch beschrieben, da auch das, was im nostalgischen Blick auf den alten Westen glänzt, nicht Gold war und zudem genauso zersetzt wurde – ach, sogar und gerade in Bayern – durch die ätzende Polemik von Rechtsaußen.
Bei diesem Gefühl geht es auch nicht um das Land im Sinne eines definierten Territoriums mit Grenzen und einer Mauer, die 1989 zum Glück gefallen ist. Es geht vielmehr um den Zeitgeist, von dem es beherrscht wird.

Regional und global – statt national

Im Moment, so scheint es, gibt es zwei davon: jenen, der Grenzen ziehen und sich abschotten will, im Denken ebenso wie im Praktischen; der deutsche Kultur durch betuliches Einhegen konservieren möchte und nicht bedenkt, dass Identität in einer Festung nur verkümmern kann; der Ängste schürt und um schwarz-rot-goldene Besitzstände fürchtet, der dabei beleidigt, provoziert und jede Form von Anstand und Rücksichtnahme als politische Korrektheit verunglimpft, die auf den „Müllhaufen der Geschichte“ gehört (Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin). 

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    Die einen wollen sich abschotten und grenzen alles aus, was ihrem Verständnis von Abendland widerspricht. Foto: dpa
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    Die anderen fühlen sich dabei an die schlimme Nazi-Vergangenheit Deutschlands erinnert. Foto: dpa

Und dann gibt es den, der Grenzen überwinden möchte. Der europäisch und sozial denkt und handelt. Der Willkommenskultur im Zweifelsfall vor Leitkultur setzt. Der sich die Zukunft so bunt ausmalt, wie er gern isst: regional und global. Welcher Zeitgeist wird sich durchsetzen?

Zeitgeist ist ein deutscher Begriff, der international Karriere gemacht hat, ähnlich wie die „German Angst“ oder der „Kindergarten“. Es ist also durchaus naheliegend, die Veränderungen der hiesigen Befindlichkeiten unter diesem Aspekt zu betrachten. Während der als deutsches Wort entlehnte „Zeitgeist“ im umgangssprachlichen Englisch oder Amerikanisch (aber auch im Deutschen) mehr den Aspekt des Modischen – cool ist gleich „zeitgeisty“ – beinhaltet, bezieht sich der Ursprung des Begriffs auf den Charakter einer Gesellschaft innerhalb einer bestimmten Zeitspanne. Die Deutschen entwickelten spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts einen Hang zur selbstinterpretativen Nabelschau. Interessanterweise zeitgleich erblühte die Idee der deutschen Nation – und ihres Zeitgeistes.

Der „Geist der Zeit“
ist „die Summe der Gedanken,
Gesinnungen, Anstrebungen,
Triebe oder Kräfte". Johann Gottfried Herder

Unterschiedliche Autoren beobachteten nach der Französischen Revolution und während des Vormärz eine Zunahme der „Rede vom Zeitgeist“. Es führte sogar dazu, den Zeitgeist an sich für eine deutsche Erfindung zu halten. Oft wird Johann Gottfried Herder, Dichter und Kunsttheoretiker aus Weimar, als Urheber des Begriffs genannt. Tatsächlich definierte er in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“ (1793-1795) den „Geist der Zeit“ als „die Summe der Gedanken, Gesinnungen, Anstrebungen, Triebe oder Kräfte, die in einem bestimmten Fortlauf der Dinge mit gegebenen Ursachen und Wirkungen sich äußern“. Außerdem setzte sich Herder kritisch mit einer Schrift des Philologen Christian Adolph Klotz auseinander, der bereits 1760 den „genius saeculi“ von der Gestaltung historischer Münzen ablesen wollte. Herder hat, das zeigt schon die Existenz des Terminus im Lateinischen, den Zeitgeist jedoch nicht erfunden, sondern lediglich mit Leben erfüllt – wie viele andere mehr, etwa auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (der „objektive Geist“ einer Epoche), der Dichter Friedrich Hölderlin („Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!“) und freilich: Goethe.

„Wenn eine Seite nun
besonders hervortritt,
so nennt man jenes Übergewicht
den Zeitgeist,
der denn auch
eine Zeitlang
sein Wesen treibt.“ Johann Wolfgang von Goethe

Folgt man der Definition von Johann Wolfgang von Goethe, ist der Zeitgeist der Sieger, der in einer Art Wettbewerb am Ende triumphiert: „Es gibt unter den Menschen gar vielerlei Widerstreit, welcher aus den verschiedenen, einander entgegengesetzten, nicht auszugleichenden Denk- und Sinnesweisen sich immer aufs Neue entwickelt. Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, dass die entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der denn auch eine Zeitlang sein Wesen treibt.“

Diese Wesen ist ein Unwesen

Im Falle des Zeitgeistes, der aktuell „unser Land“ und „unser Volk“ zurückholen möchte, ist es eher sein Unwesen. Schon das Vokabular ist entlarvend. „Zurück“-holen lenkt den Blick automatisch in die Vergangenheit. Wann wurde in Deutschland zuletzt in diesen Kategorien gedacht und argumentiert? Als die Rassisten des Nazi-Regimes an der Macht waren. „Volk“ meinte in deren völkischem Verständnis die Blutsgemeinschaft der Deutschen. Das schwingt mit, wenn die AfD-Rhetorik das deutsche Volk thematisiert in Parolen wie „Neue Deutsche? Machen wir selber“ (Plakat mit Babybauch) oder „Bunte Vielfalt? Haben wir schon“ (Plakat mit Trachtträgerinnen). 

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Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland Foto: dpa
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Björn Höcke, der Rechtsaußen der AfD Foto: dpa

Unverblümt rückwärtsgewandt formulierte es vor genau zwei Jahren der AfD-Sprecher und Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Björn Höcke, bei einer Kundgebung in Magdeburg: „Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat. Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat.“ Auch wenn die meisten AfD-Sympathisanten diesen dreisten und geschichtsvergessenen Satz nicht wiederholen würden: Das ist das hässliche Gesicht des Geistes, den die AfD ruft. Und 12,6 Prozent der Wähler des Deutschen Bundestags rufen ihn mit. So schnell kehrt er nicht mehr in die Flasche zurück. Es sind zu viele, die ihn beschwören. Aber es ist nicht die Mehrheit – und das ist das Gute.

Das Schlechte: Womöglich kommt es für den Zeitgeist gar nicht darauf an, ob Mehrheit oder Minderheit. Anders als eine Wahl zeigt er sich nicht in einem berechenbaren Endergebnis, veröffentlicht durch den Bundeswahlleiter, sondern materialisiert sich in einem diffusen, gesellschaftspsychologischen Klima.

Schweigespiralen und Filterblasen

An dieser Stelle sei an eine weitere deutsche Erfindung erinnert: an die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010). Die Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach und Pionierin der Umfrageforschung stellte in den 1970er Jahren die nicht unumstrittene These auf, dass das Meinungsklima weniger von einer stillen Mehrheit als von einer lauten, sich selbst ver- und bestärkenden Minderheit bestimmt wird.

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Elisabeth Noelle-Neumann Foto: dpa

Die Grande Dame der Empirie bezog ihre Annahme auf den Einfluss von Massenmedien, explizit den der angeblich „linken“ Journalisten, auf das Wahlverhalten der Bürger. Während der empirische Nachweis damals lückenhaft blieb, erlangt ihre Schweigespirale erneut Aktualität im Hinblick auf die Sozialen Netzwerke. Die meisten Menschen neigen dort neuen Studien zufolge dazu, sich der gefühlten Mehrheitsmeinung ihrer „Freunde“ anzuschließen. Sie drehen sich in Echokammern oder Filterblasen im Kreis und verlieren darin den Bezug zur Realität: Die eigene Minderheit wird als Mehrheit gefühlt und tritt entsprechend selbstbewusst auf. Die übergriffige Anmaßung eines Alexander Gauland, mit „Wir“ und „unser“ im eingangs zitierten Satz für alle im Land zu sprechen, auch für mich, ist Ausdruck davon. Möge die Filterblase, in der dieser Zeitgeist sitzt, bitte bald platzen.

Der Dichter und Publizist Hans Magnus Enzensberger hält übrigens jeden Zeitgeist an sich für „borniert“ und „verblödend“, weil er nur die Gegenwart kenne. Allerdings ist das die einzige Zeit, in der wir leben.

Text: Angelika Sauerer, MZ
Fotos: Fotolia/VRD, dpa

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