Landwirtschaft

Quinoa made in Bayern

In den Herkunftsländern sorgt die Nachfrage nach dem Pseudogetreide für große Probleme. Der Anbau vor der Haustür könnte einige davon lösen.

Das Ungetüm, das sich durch Thomas und Andreas Knabs Feld frisst, macht einen Höllenlärm. Mit drei Stundenkilometern wälzt sich die 14 500 Kilogramm schwere Maschine, die Thomas zur Ernte bestellt hat, durch das oberbayerische Idyll. Zehn Hektar hat Maschinenführer Florian Naßl zu bearbeiten. Eigentlich ist er geübt darin, trotzdem ist der Freitag Mitte August ein besonderer für ihn. „Ich hab‘ das vorher noch nie gedroschen“, sagt Naßl. Normalerweise schneidet er mit dem Erntefahrzeug kein Quinoa vom Boden, sondern Weizen oder Gerste. Quinoa ist kleiner und leichter, deshalb muss das Team besonders gut aufpassen, damit beim Abernten nicht allzu viel verloren geht.

„Ich hab‘ das vorher noch nie gedroschen“

Quinoa ist ein Pseudogetreide. Die Körner sind glutenfrei, haben viel Eiweiß und Eisen und die Pflanze ist anspruchslos beim Anbau. Ursprünglich kommt Quinoa aus den Anden. Dort wird das Korn seit über 6000 Jahren angebaut, erstmals von den Inkas. Für sie war es ein Grundnahrungsmittel, da Mais in den hohen Bergregionen nicht wächst. Auch in Bayern scheint sich das Pseudogetreide wohl zu fühlen. Die Knabs haben seit 2017 gute Erfahrungen damit gemacht, erzählt Andreas. Bei den Brüdern herrscht Teamwork: Der eine erntet, der andere erklärt. „Ich hatte in meinem Meisterkurs Quinoa als Arbeitsprojekt“, sagt Andreas. Er habe etwas Neues machen wollen, was nicht jeder Landwirt kenne. Deshalb habe seine Familie einfach mal getestet, ob das Pseudogetreide gut wächst. „Und es hat von Anfang an funktioniert“, pflichtet Thomas bei.

Sonne, Schweiß und Leberkas

Ein Feld haben die beiden Landwirte hinter sich. Fünf fehlen noch. Schon jetzt ist die Arbeit anstrengend. Die Quinoa-Spreu bleibt auf der Haut kleben und matscht zu einer breiigen Masse zusammen. Die Mittagssonne knallt bei 32 Grad auf das goldrote Feld herunter. Thomas Knab wischt sich den Schweiß von der Stirn. Für seine Leberkas-Semmel nimmt er sich kaum Zeit. Naßl wendet den Mähdrescher und fährt auf das Ende des Ackers zu. Thomas drückt sich das letzte Stück Semmel in den Mund, springt auf und spurtet Richtung Traktor. Mit dem platziert er den Hänger, in das die Quinoa-Ernte geblasen wird, vor dem Feld.

Florian Naßl pumpt die Quinoa-Ernte vom Mähdrescher in den Traktoranhänger.
Florian Naßl pumpt die Quinoa-Ernte vom Mähdrescher in den Traktoranhänger.

Wie viel Kilogramm Ernte die Knabs heute einfahren, wissen sie noch nicht. Sicherlich ist es aber nur ein kleiner Teil der 7000 Tonnen Quinoa, die die Deutschen jedes Jahr verbrauchen. Weltweit sind es laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft gut 250 000 Tonnen. Mehr als 95 Prozent stammen aus den klassischen Quinoa-Anbauländern Bolivien, Peru und Ecuador. Zwischen 2011 und 2015 hat sich die Nachfrage nach Quinoa verdoppelt. Das bringt gewisse Probleme mit sich. Zum einen ist die Klimabilanz für Quinoa schlecht, denn um nach Europa zu gelangen, wird die Ernte um den halben Erdball transportiert. Zum anderen war die Nachfrage in den vergangenen Jahren so hoch, dass auch die Preise stiegen. Das hat dazu geführt, dass sich die Menschen in den Anbaugebieten ihr Grundnahrungsmittel selbst nicht mehr leisten können. Die Landwirte, die Quinoa anbauen, greifen deswegen oft auf weniger nahrhafte Lebensmittel wie Reis und Nudeln zurück.

„Jeder hinterlässt einen Fußabdruck auf der Erde. Man sollte schauen, dass man den so klein wie möglich hält.“ Andreas Knab, Landwirt

Ein weiteres Problem: Durch die hohe Nachfrage weiten die Landwirte auch die Anbauflächen aus. Das wirkt sich negativ auf die Ökosysteme der Anbauländer aus. Früher gab es nach der Ernte im Hochland eine Ruhepause. Die wird nun oft nicht mehr eingehalten. Außerdem, erklärt Andreas, „bringen die Bauern in den Anden ja jedes Jahr Quinoa aufs Feld. Das ist ‚ne Monokultur.“ Familie Knab handhabt das anders. Nach der diesjährigen Ernte kommen drei oder vier Jahre lang keine Quinoapflanzen mehr auf die Fläche. „Und man sollte eine Fruchtfolge einhalten“, findet Andreas. Um das zu ermöglichen, arbeiten die Landwirte zusammen: „Wir können im nächsten Jahr auf dem Feld vom Nachbarn Quinoa anpflanzen und er stellt Mais oder etwas anderes auf unser Feld.“ Einziger Nachteil an dem Tausch: Viele andere Bauern arbeiten konventionell, deshalb können sich die Knabs nicht als Biobetrieb bezeichnen. Neben der Fruchtfolge könne man aber noch mehr für die Natur tun: „Es ist gut, Zwischenfrüchte anzupflanzen“, sagt Andreas. Das sind Pflanzen, die auf dem Feld wachsen dürfen, nachdem die Ernte abgeschlossen ist. Die können dem Boden Nährstoffe zurückgeben, die Mais, Weizen und Quinoa vorher herausgesaugt haben. Dafür eignet sich beispielsweise Klee, erklärt Andreas.

Die Quinoapflanzen sind reif und bereit zur Ernte.

Zudem setzten die Knabs blühende Pflanzen aufs Feld. „Da haben dann auch die Insekten was von“, sagt Andreas. Er findet: „Klar, jeder hinterlässt einen Fußabdruck auf der Erde. Aber man sollte schauen, dass man den so klein wie möglich hält.“

Im Wettlauf mit dem Regen bloß keine Zeit verlieren

Thomas Knab macht sich mit Traktor und Mähdrescher auf den Weg zum nächsten Feld. Heute muss es schnell gehen, denn er hat das Gerät nur an diesem Tag zur Verfügung. Die Flächen der Knabs liegen alle rund um den Hof im oberbayerischen Haimhausen verteilt. Mit gemütlichen 25 Stundenkilometern zuckeln Traktor und Mähdrescher über die Straßen. Dabei sind sie nicht allein. Die Woche biete sich zum Ernten an, erklärt Naßl. Denn seit Langem ist es ein paar Tage am Stück heiß und regenlos. Der viele Regen hätte zum Problem werden können, sagt Andreas. „Das Korn war reif. Wenn es da nicht trocken genug ist, besteht die Gefahr, dass es an der Pflanze austreibt oder schimmelt.“ Diese Sorge hatten wohl nicht nur die Knabs, denn die Landstraßen sind voll mit Traktoren und Mähdreschern. Autofahrer brauchen an diesem Freitag viel Geduld.

Deutsches Quinoa ist immer rot-gelb. In den Ursprungsländern gibt es aber auch andere Farbschläge.
Deutsches Quinoa ist immer rot-gelb. In den Ursprungsländern gibt es aber auch andere Farbschläge.

An Feld Nummer zwei gibt es ein Problem: Die Auffahrt, die den Graben zwischen Acker und Straße überwindet, ist klein. Vielleicht sogar zu klein. Thomas springt aus der Fahrerkabine, stoppt die Autofahrer und hilft Naßl bei der Einfahrt. Dann knallt es. Eine Ladung Quinoa ergießt sich auf die Straße, Thomas ruft: „Verdammt!“ Doch Naßl bleibt cool und lenkt den Mähdrescher in aller Ruhe weiter in Richtung Quinoa-Feld. An der Kante des schmalen Weges zwischen Feld und Straße bleibt ein tiefes Loch zurück, in dem eben noch der Reifen des Mähdreschers gesteckt hat. Außer dem Schrecken scheinen aber weder Maschine noch Fahrer etwas abbekommen zu haben.

Noch sind zwischen den Quinoa-Körnern noch ein paar Knospen und Blätter.

Mit der Ernte und dem Dreschen ist es noch nicht getan. Quinoa muss getrocknet und geschält werden. In der Schale des Pseudogetreides befinden sich sogenannte „Saponine“. Die beschützen das Korn vor Schädlingen, sind aber auch für den Menschen nicht ganz ungefährlich, denn sie können Blutzellen und die Darmschleimhaut angreifen. Ungeschält sollte man also die Finger von Quinoa lassen. Es gibt zwar auch saponinfreie Sorten, die Knabs setzten aber auf eine Quinoa-Sorte, die Saponine enthält. „Die haben einfach mehr Ertrag“, erklärt Andreas. Sorgen um ihre Gesundheit müssten sich die Kunden aber nicht machen: „Die Ernte wird gründlich poliert, bevor sie verkauft wird“, erklärt Andreas. Und das Korn selbst sei sehr bekömmlich.

Der Mähdrescher zieht seine Kreise von außen nach innen.
Der Mähdrescher zieht seine Kreise von außen nach innen.

Der Mähdrescher steht stabil und sicher neben dem Feld. „Na dann los!“, ruft Thomas seinem Kollegen zu. Der wendet die Maschine und steuert über die rotgoldenen Pflanzen. Schnell fährt er dabei zwar nicht, Eindruck macht er aber trotzdem. Ein Reh berstet zwischen den krümeligen Pflanzen hervor und verschwindet im anliegenden Maisfeld. Ein Schmetterling kann sich gerade noch vor den spitzen Krallen des Mähdreschers retten. Die richten beim Fahren eingeknickte Stängel in eine aufrechte Position. Eine Art Gabel an der Unterseite macht das Gleiche mit Halmen, die am Boden liegen. In etwa 20 Zentimetern Höhe säbeln Klingen das Pseudogetreide ab. Die Maschine entfernt dann das Korn vom Stängel und bläst es in einem Auffangbehälter hinter der Fahrerkabine. Durch ein Glas sieht Naßl, wie voll der Getreidetank schon ist.

„Es hat von Anfang an funktioniert.“ Thomas Knab, Landwirt

Es braucht nur wenige Minuten, bis Naßl das erste Mal an den Feldrand fährt, um die Körner in Knabs Anhänger zu verladen. Das passiert über einen überdimensionalen Saugrüssel. Naßl positioniert ihn genau über dem offenen Anhänger. Thomas klettert elegant auf die Kante des Waggons und beobachtet zufrieden, wie sich ein Berg Quinoa anhäuft. „Das bringen wir später zu einem Freund von mir zum Trocknen“, erklärt Thomas. Vorher will er aber noch herausfinden, wie viel Feuchtigkeit die Körner enthalten.

  • Bevor Thomas das Getreide wegbringt, schätzt er erst den Feuchtigkeitsgehalt ab.
    Bevor Thomas das Getreide wegbringt, schätzt er erst den Feuchtigkeitsgehalt ab.
  • Thomas hat ein Messgerät dabei, dass den Feuchtegrad ermitteln soll.
    Thomas hat ein Messgerät dabei, dass den Feuchtegrad ermitteln soll.
  • Während der Mähdrescher seine Kreise zieht, begutachtet Thomas das Korn.
    Während der Mähdrescher seine Kreise zieht, begutachtet Thomas das Korn.
  • Mit einem Saugrüssel wird das Korn auf den Hänger verladen.
    Mit einem Saugrüssel wird das Korn auf den Hänger verladen.
  • Der Hänger ist fast randvoll mit Quinoa.
    Der Hänger ist fast randvoll mit Quinoa.

Thomas schließt eine Quinoapflanze zwischen seine Hände und zieht daran. Die Körner lösen sich vom Stiel. Er reibt die Hände aneinander, öffnet sie und pustet über das Pseudogetreide. Spreu wirbelt auf und fliegt dem blauen Himmel entgegen. „Ein gutes Zeichen“, urteilt Thomas. Eine etwas genauere Einschätzung erhofft er sich von seinem Feuchtigkeitsmessgerät. Thomas hat ein ganzes Test-Kit auf dem Feld dabei. Er öffnet eine Vorrichtung und füllt das Getreide hinein. Dann zermahlt er das Korn und schließt den kleinen Computer an. „Schade“, sagt Thomas, als der eine Fehlermeldung ausspuckt. „Die Körner sind noch so feucht, dass das Gerät nichts messen kann.“ Macht aber nichts, dann muss die Ernte eben einfach etwas länger trocknen. Auswirkungen auf die Qualität habe das aber nicht.

Viel Pflege für die Pflanzen

Um die hochzuhalten, stecken die Knabs viel Liebe in die Felder. Unkraut entfernen sie händisch, Herbizide oder Pestizide kommen auch nicht zum Einsatz. „Das geht auch gar nicht“, sagt Andreas. Denn ein Insektenmittel gebe es in Deutschland für Quinoa noch nicht und das Unkraut, das zwischen den Pflanzen wächst, ist mit der Quinoapflanze verwandt. „Würden wir da was sprühen, gingen auch die Quinoapflanzen kaputt“, sagt Andreas.

Das ist die erste Ladung, die Thomas an diesem Tag zum Trocknen bringt.
Das ist die erste Ladung, die Thomas an diesem Tag zum Trocknen bringt.

Der Mähdrescher zieht seine Kreise immer enger. Nach nicht mal einer Stunde ist Knabs Anhänger voll und das Feld leer. Naßl macht sich auf den Weg zum nächsten Feld, Knab lädt schon einmal die erste Portion Quinoa zum Trocknen ab. Fertig mit der Ernte ist er aber noch lange nicht.

Fotos: Isabel Pogner

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