Zukunft

Nichts ist mehr, wie es war

Was wir heute erleben, war gestern Science Fiction. Über die prognostische Kraft einer prophetischen Gattung

Wer aus gegebenem Anlass die Kino-Archive durchstöbert, der erschrickt zwangsläufig, wie viele Pandemie-Filme es in den letzten Jahrzehnten gab und wie präzise sie voraussagten, was wir gerade erleben (müssen). Es scheint, als sei nach dem Triumph über das „Reich des Bösen“ namens Kommunismus das Virus jetzt der neue Todfeind, der uns alle mit Auslöschung bedroht.

Der Politik wird gelegentlich vorgeworfen, sie hätte doch nur die von ihr selbst in Auftrag gegebenen Pandemiepläne lesen müssen, um besser vorbereitet zu sein. Wem das zu zeitaufwendig und anstrengend war – es handelte sich schließlich bloß um die vage Möglichkeit eines Ereignisses –, der wäre auch durch einen Besuch von Steven Soderberghs Epidemie-Thriller „Contagion“ („Ansteckung“) aus dem Jahr 2011 hinreichend belehrt worden.

„Alles, was ich wissen muss, um Covid-19 zu überleben, weiß ich aus Science-Fiction- und Horrorfilmen.“ Michael Dougherty, Filmproduzent

Beim Blick zurück nach vorn kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Soderbergh hatte bis ins kleinste Detail schon den Corona-Ausbruch und seine Folgen beschrieben. Wie konnte das sein? SF – Science Fiction – als Wahrsagerin im Hightech-Gewand? Nein, Soderbergh und sein Team, Wissenschaftler inklusive, hatten einfach nur präzise und geduldig recherchiert. Und sie hatten „Vorbilder“: die Sars- und Mers-Epidemien, die noch rechtzeitig gestoppt werden konnten, aber auch die Vogel- und Schweine-Grippe, die (man vergisst schnell) die Menschheit im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums in Angst und Schrecken versetzte.

Matt Damon (links), Hauptdarsteller in „Contagion“, mit Regisseur Steven Soderbergh bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2011 Foto: epa/Andrea Merola/dpa
Matt Damon (links), Hauptdarsteller in „Contagion“, mit Regisseur Steven Soderbergh bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2011 Foto: epa/Andrea Merola/dpa

Dennoch ist die Verblüffung beim Wiedersehen von „Contagion“ groß. Alles stimmt! Man hat den Eindruck, man bekomme da eine Dokumentation über Ausbruch und Verlauf der Corona-Seuche und die verzweifelten Gegenmaßnahmen zu sehen. Wissenschafts-Journalisten wie Kai Kupferschmidt haben „Contagion“ und Corona bis in die letzte Einzelheit verglichen – und dabei eine fast hundertprozentige Übereinstimmung festgestellt.

Erster Zwischenbefund. Während Experten-Communitys wie der „Club of Rome“ – der bekanntlich 1972 behauptet hatte, 2000 sei der letzte Tropfen Öl verbraucht, während wir zwanzig Jahre später bis zum völligen Preisverfall im Öl-Überangebot gerade ersaufen – sich bei ihren Prognosen permanent irrten, ohne dass sie deshalb nennenswert an Reputation einbüßten, während „Zukunftsforscher“ wie Matthias Horx Jahr für Jahr ihre Zukunfts-Visionen revidieren (müssen), sind die Erkenntnisse der besseren SF über die Jahrzehnte erstaunlich haltbar. Da muss nichts umgeschrieben werden. Deshalb kann man dem Film-Produzenten Michael Dougherty durchaus zustimmen, wenn er sagt: „Alles, was ich wissen muss, um Covid-19 zu überleben, weiß ich aus Science-Fiction- und Horrorfilmen.“

Schon lange bevor der Begriff „failed states“, zerfallende Staaten, Karriere machte, war in SF-Romanen davon die Rede: von einer neuen Wildnis im Herzen der Zivilisation.

Denn „Contagion“ ist kein Einzelfall, wenn auch von einzigartiger Qualität. Wolfgang Petersen („Das Boot“) war mit „Outbreak“ (1995) Soderbergh gut anderthalb Jahrzehnte voraus, opferte aber manche Einsicht leider reißerischen Blockbuster-Bedürfnissen. Fernando Meirelles wiederum verdichtet in seiner Verfilmung eines Romans des Nobelpreisträgers José Saramago („Die Stadt der Blinden“) verbreitete Ängste zu einer poetischen Metapher auf den Zustand der Menschheit. Wie kann es geschehen, dass fast alle plötzlich ihr Augenlicht verlieren; bei sonstiger bester Gesundheit? Und was sind die Folgen? Dass die meisten von uns „blind“ der Zukunft entgegentaumeln, lässt sich kaum bestreiten.

Es gibt Dutzende von Pandemie-Filmen, aber die prognostische und diagnostische Kraft von SF beschränkt sich nicht auf das Thema „große Seuchen“. Schon lange bevor der Begriff „failed states“, zerfallende Staaten, Karriere machte, weil er eine nicht mehr zu leugnende politische und soziale Realität beschrieb, war in SF-Romanen davon die Rede: von einer neuen Wildnis im Herzen der Zivilisation, von einer Koexistenz prächtigster Zukunftsentwürfe und archaischer Reste (für die Mehrheit), die seit einiger Zeit in Drittwelt-Metropolen und ein wenig auch schon in London, Paris oder Rom „Sache“ ist: gleißende Wolkenkratzer und in Sichtweite verfallende Architektur oder „Camps“ keineswegs nur für Migranten.

„Blade Runner“ in der Realität

Regisseur Ridley Scott hat eine solche Welt schon 1982 in „Blade Runner“ skizziert: ungeheurer, mit avanciertesten Technologien durchsprenkelter Reichtum für die „happy few“ und – im Wortsinn – „darunter“ schmutzige, allmählich verfallende Wohnruinen für die verstörte arme Mehrheit, die nicht weiter weiß.

Fortsetzung folgte: 2017 kam „Blade Runner 2049“ in die Kinos. Foto: Sky Deutschland/© 2017 Alcon Entertainment, LLC. All Rights Reserved./obs |
Fortsetzung folgte: 2017 kam „Blade Runner 2049“ in die Kinos. Foto: Sky Deutschland/© 2017 Alcon Entertainment, LLC. All Rights Reserved./obs |

Der Riss, der durch die Gesellschaft geht und arm und reich separiert, ist ein uraltes Thema der SF; auch die Wiederkehr der Religionen und fundamentalistischen Sekten, die bereits zum SF-Standard gehörte als in der „Realität“ („was ist wirklich?“) noch nichts davon zu sehen war; und eine Privatisierung nicht nur der Wirtschaft – die war schon immer „privat“ – sondern auch staatlicher Souveränitätsrechte und Dienstleistungen. Was wir gerade erleben – Elon „Tesla“ Musk ebnet den USA nach zehn Jahren wieder einen eigenen Weg ins All; Bill Gates‘ Stiftung verfügt über einen größeren Etat für medizinische Forschung und Entwicklung als fast alle Staaten – , das ist in „Blade Runner“ vorgezeichnet. Große Konzerne regieren die Welt, vom Staat ist fast nichts mehr zu sehen.

Identitätsfragen in verschärfter Form

Und noch etwas spielt schon in „Blade Runner“ eine große Rolle, das erst neuerdings die Diskurse quer durch die politischen Fraktionen auf fatale Weise bestimmt: Identitätsfragen. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Das fragen (sich) „Identitäre“ genauso wie Feministinnen oder Repräsentanten der „people of colour“.

Gerd Nefzer war für die visuellen Effekte in „Blade Runner 2049“ zuständig. Dafür wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Gerd Nefzer war für die visuellen Effekte in „Blade Runner 2049“ zuständig. Dafür wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

In „Blade Runner“ taucht diese Frage in verschärfter Form auf. Harrison Ford spielt bekanntlich einen Replikanten-Jäger. Replikanten sind Androiden; „künstliche Menschen“, letztlich Roboter, Maschinen. Das Problem: Sie lassen sich von „wirklichen“ Menschen kaum unterscheiden. Das geht so weit, dass Harrison Ford am Ende zweifelt, ob er nicht selbst ein Replikant sei. Die Buchvorlage zu „Blade Runner“ stammt von Philip K. Dick, der die SF psychedelisierte, den nicht mehr der „outer space“, also der Weltraum, interessierte, sondern der „inner space“, das fragile Zauberreich der menschlichen Psyche. Dicks Roman hieß im Original „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Noch ein zweiter Blockbuster der 80er Jahre verdankt sich einem Buch von Philip K. Dick: Paul Verhoevens „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone. Auch da geht es wieder um Identitätsprobleme. Dick nimmt dabei neueste Forschungen und Thesen, etwa der Kriminologin Julia Shaw, vorweg.

Viele SF-Romane und -Filme künden von der Verwüstung des Planeten, der äußeren wie der inneren Natur des Menschen.

Schwarzenegger spielt in der weitgehend trostlosen Zukunftswelt, die Verhoeven entwirft, einen einfachen Arbeiter – was man Schwarzenegger ohnehin kaum glauben mag –, der an der Ereignislosigkeit seines Lebens leidet und deshalb die Dienste einer Firma in Anspruch nimmt, die verspricht, ihm aufregende synthetische Erinnerungen einzupflanzen, die von seinen „wahren“ nicht zu unterscheiden seien. Dabei kommt es zu einem Problem. Denn Arnie ist nicht der Arnie, der er zu sein meint, sondern der charismatische Anführer einer Rebellengruppe, den man einer Gehirnwäsche unterzogen und mit einer implantierten harmlosen Pseudo-Biografie versehen hat. Und auch seine wunderschöne Frau – Sharon Stone ein paar Jahre vor „Basic Instinct“ – ist ihm nicht „treu“ (hier nicht im sexuellen Sinn gemeint), sondern buchstäblich der Feind in seinem Bett, eine Agentin der Gegenseite, die ihn überwachen und, wenn es sein muss, eliminieren soll.

Die Schwierigkeit für den gebannten Zuschauer: Er kann nicht sicher sein, wo er sich gerade befindet, was nun „authentisch“ und was „aufgepfropft“ ist. Ist unser Held nur ein kleiner Spießer, der sich plötzlich einbildet, ein faszinierender Revolutionär zu sein? Oder ist er tatsächlich dieser Rebell, dem man nach allen Regeln der Kunst ein trostloses Leben „eingeschrieben“ hat? Die Kriminologin Shaw zeigt, dass man nicht einmal avancierte Technologien braucht, um Menschen – im Wortsinn – einzureden, dass sie etwas sind, was sie nie waren. Ein paar Psycho-Tricks reichen. Die menschliche Psyche ist plastisch, verformbar. Man misstraue also Geständnissen aller Art.

Viele SF-Romane und -Filme, nicht zuletzt auch „Blade Runner“, künden von der Verwüstung des Planeten, der äußeren wie der inneren Natur des Menschen. Gibt es eine Schuld des Menschen an seinem Schicksal? Durchaus. Wem Schuld zu mythisch und missbrauchbar ist: Es gibt Ursachen, die er zu verantworten hat. Das wissen SF-Autoren, die Zukunftsszenarien entwerfen, genauso wie Historiker. Kyle Harper etwa, der in „Fatum“ den zunächst unerklärlichen Untergang des gewaltigen weströmischen Reichs, das mehr als 1000 Jahre bestand, untersucht, nennt zwei: Pandemien und Klimawandel. Und beide haben (auch) mit der antiken Form von Globalisierung zu tun. Man verschleppt und verschärft dadurch Probleme.

Die geschundene Natur wehrt sich

Wer nach dem Ursprung der Corona-Pandemie fragt und nicht an einen Labor-Unfall in Wuhan glaubt, für den bleiben zwei mögliche „Initiationen“: der gefräßige Umgang des Menschen mit der Natur, der ökologische Systeme zerstört und sich dafür Erreger „einhandelt“ (der Wildtiermarkt!). Und die Tatsache, dass die Menschen nicht, wie das einst der Philosoph und Mathematiker Pascal formulierte, ruhig in ihrem Zimmer bleiben (heute nennt man das „social distancing“), sondern ihr Glück in weltumspannenden Transfers von Gütern und Menschen sehen und suchen.

Der Autor Frank Schätzing Foto: Marius Becker/dpa
Der Autor Frank Schätzing Foto: Marius Becker/dpa

Sehr hellsichtig und raffiniert beschäftigt sich mit dieser Ökologie-Thematik, also den Folgen des globalen Raubbaus, Frank Schätzing in seinem Bestseller „Der Schwarm“, 2004, also in Zeiten von Sars-CoV-1 erschienen und mit dem zutreffenden Motto versehen: Nichts ist mehr, wie es war. Schätzing zeigt, nicht raunend und irrational, sondern sehr präzise und Schritt für Schritt nachvollziehbar, wie sich die geschundene Natur gegen den Menschen erhebt. Seine Grundthese lautet, wie es Ludwig Fels in anderem Kontext formuliert hat: die Menschen müssen begreifen, dass es „nichts umsonst gibt“. Irgendwann muss man bezahlen, auch wenn es lange Zeit vielleicht so aussieht als würde man einfach so davonkommen. Bei Schätzing ist der Sündenfall der Tiefsee-Bergbau. Und auch für ihn gilt, wie für alle gute SF: Sein Buch ist nicht nur spannend geschrieben, ein „page turner“, wie man das neudeutsch nennt, sondern auch hervorragend recherchiert. Bei der Lektüre von „Der Schwarm“ absolviert man ein regelrechtes Studium generale. So grausam der Text aber ist, so endet er doch nicht, wie viele Dystopien, in der Katastrophe, sondern im halbwegs lichten Ausblick auf eine mögliche Versöhnung mit der Natur, wenn sich der Mensch nur rechtzeitig besinnt.

Graffiti an der Place de la Nation in Paris: George Orwell thematisierte in seinem Roman „1984“ allumfassende Überwachung in einem totalitären Regime. Die technischen Möglichkeiten sind längst Realität. Foto: Etienne Laurent/picture alliance / dpa
Graffiti an der Place de la Nation in Paris: George Orwell thematisierte in seinem Roman „1984“ allumfassende Überwachung in einem totalitären Regime. Die technischen Möglichkeiten sind längst Realität. Foto: Etienne Laurent/picture alliance / dpa

Apropos Dystopien. Die beiden klassischen stammen von Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) und George Orwell („1984“). Sie sind im Zeitalter der Totalitarismen entstanden, aber bis heute gültig. Huxley erzählt von den „Segnungen“ der Menschenzüchtung und einer darauf gründenden Welt- und Sozialordnung. Die Genschere Crispr/Cas macht möglich, wovon Huxley nur alp-träumen konnte. Und Orwell entwirft eine Welt der Totalüberwachung durch den „großen Bruder“, die Stalin vielleicht damals im Sinn hatte, die aber erst heute, natürlich zu unser aller Wohl, technisch möglich ist, von der „tracing-app“ bis zur Allgegenwart von Kameras im öffentlichen Raum.

Die Menschen müssen begreifen, dass es „nichts umsonst gibt“. Irgendwann muss man bezahlen, auch wenn es lange Zeit vielleicht so aussieht als würde man einfach so davonkommen.

Wer übrigens die Geschichte des Genres SF kennenlernen möchte, der hat dazu jetzt Gelegenheit. Dietmar Dath, FAZ-Redakteur und selbst ein exquisiter SF-Autor („Die Abschaffung der Arten“) entwirft in seiner fast 1000-seitigen „Niegeschichte“ (bei Matthes & Seitz), wie es im Untertitel heißt, „Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine.“ Sehr lesenswert!

Und wer nach den Folgen der allseits gepriesenen Digitalisierung fragt, der wird bei der, oft ganz zu Unrecht als trivial gescholtenen, „größten Science-Fiction-Serie“ fündig, die einst ein Straubinger, Günter M. Schelwokat, als Lektor bis in den Milliarden-Auflagenbereich „getrieben“ hatte – seine Strenge war bei den Autoren gefürchtet. Im allerersten Band von Perry Rhodan, „Unternehmen Stardust“, im Herbst 1961 erschienen, landen amerikanische Astronauten (leicht verspätet, 1971) auf dem Mond und entdecken dort das havarierte Raumschiff einer überlegenen Zivilisation, der Arkoniden. Niemand denkt an Reparatur, weil fast alle Raumfahrer Tag und Nacht vor ihren faszinierenden „Fiktivschirmen“ verbringen, deren Genuss sie vollkommen lähmt. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Text: Helmut Hein; Illustrationen: Algol-stock.adobe.com; CROCOTHERY-stock.adobe.com

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