Szene-Porträt

Geschürte Panik

Katastrophen, Krisen und Konserven: Die einen horten Lebensmittel, die anderen Waffen. Prepper wollen auf alles vorbereitet sein.

Selbst wenn die Welt gerade untergehen würde, man bekäme davon vermutlich erstmal recht wenig mit hier in dem kleinen Waldstück im Kreis Schwäbisch Hall. Mittagszeit, Ruhe im Camp. Nur der Kessel blubbert leise über dem Feuer. Sechs Männer und eine Frau sitzen im Kreis und starren in die Flammen. Nach rund 24 Stunden in der Wildnis ist ihre Stimmung am Boden. Kopfschmerzen. Koffeinentzug. Erschöpfung. Vor allem: Hunger. Was im Topf auf dem Feuer köchelt, hebt die Laune nur bedingt. Brennnessel-Blätter schwimmen im kochenden Wasser, dazu Kohldisteln, Breitwegerichwurzel, ein paar Samen. Jens, der Fahrlehrer, träumt von einer Bratwurst. „Es ist unglaublich, dass man dafür Geld bezahlt“, sagt er. „Aber man lernt viel.“ Überleben hat eben seinen Preis.

Teilnehmer des Überlebenskurses würzen eine Suppe, bestehend aus Brennnesseln, Giersch und anderen Pflanzen, mit Salz. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Teilnehmer des Überlebenskurses würzen eine Suppe, bestehend aus Brennnesseln, Giersch und anderen Pflanzen, mit Salz. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Die Prepperszene in Deutschland ist vielfältig, wenn man überhaupt von einer Szene sprechen kann. Das Spektrum reicht von der Hausfrau, die ein paar Dosen mehr in den Wagen legt, über Baumarktbastler und Sicherheitsfanatiker hin zu paranoiden Verschwörungstheoretikern und gewaltbereiten Rechten. Die einen horten Konservendosen, die andere Waffen. Und die Szene wächst, sagen Experten. Sie ist Indikator für das zunehmende Gefühl der Unsicherheit in der Gesellschaft. Finanz-, Flüchtlings- und nun Corona-Krise schüren Ängste, dass es der Staat nicht alleine richten kann.

Das Geschäft mit dem Überleben boomt. Es gibt Prepperkurse, in denen apokalyptische Szenarien durchgespielt werden, etwa ein Atomkrieg oder eine Seuche. Mit dem Weltuntergang und irgendwelchen Spinnern will man in dem kleinen Waldstück bei Mainhardt nichts zu tun haben. Beim „Survical Base Camp Advanced“ geht es um das Überleben in der Natur. Man beschäftigt sich mit Pflanzenkunde, Wasseraufbereitung, Feuermachen. Etwas Wildnis für ein Wochenende.

Der Wildniscoach

Wenn er das Wort „Prepper“ bei Google eingebe, ploppten Bilder von Waffen und Gasmasken auf, erzählt Dominik Knausenberger. „Es ist schade, dass sich das so etabliert hat“, sagt der 34-Jährige. Denn Krisenvorsorge habe durchaus ihre Daseinsberechtigung. „Corona beweist: Man weiß nie, was kommt.“

Knausenberger ist ein Naturbursche. Auf seinem Vorderarm hat er sich in schwarzen Lettern das Wort „Adventure“ tätowiert. Seit sechs Jahren bringt der gelernte Industriemechaniker Leuten bei, wie sie allein im Wald zurechtkommen. Der Andrang sei groß, sagt er. Es gebe die Kursteilnehmer, die sich auf eine längere Wildnistour vorbereiten wollten. Oder die, die einfach mal Abstand vom Alltag bräuchten. Aber auch die politische Unsicherheit ist immer wieder Thema: „Bestimmt in jedem zweiten Kurs habe ich jemanden dabei, der wissen will, was er tun muss, wenn alles zusammenbricht.“

„Bestimmt in jedem zweiten Kurs habe ich jemanden dabei, der wissen will, was er tun muss, wenn alles zusammenbricht.“ Dominik Kausenberger, Wildniscoach

Es ist 12.30 Uhr im Camp am Waldrand. Die Kursteilnehmer haben Holz gesammelt, einen Unterschlupf gebaut und Wasserfilter aus Plastikflaschen gebastelt. Zum Frühstück gab es 750 Gramm Haferflocken, eine Packung Haselnüsse und zwei Äpfel – für alle. Mitbringen durften sie nur einen Müsliriegel pro Tag. Die Teilnehmer sind müde. „Sie schwächeln schon ein bisschen“, sagt Knausenberger. „Aber ich verkaufe ja keine Campingkurse.“

Der Survival-Fan

„Der hält uns auf Trab“, stöhnt Jens R., der Fahrlehrer, der gerade seine Wald-und-Wiesen-Suppe löffelt. In seinem selbstgebauten Unterschlupf habe er kaum ein Auge zugedrückt, die Blätter habe es ihm ins Gesicht geweht. Jens ist 49 Jahre alt, kommt aus der Gegend südlich von Stuttgart und will seinen ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er interessiere sich schon lange für Survival-Themen, lese Magazine und Bücher. Bei einem Hollywoodfilm über eine Alien-Invasion habe es Klick gemacht. Da ging es um Plünderungen und einen Zusammenbruch des Stromnetzes. Zum Überleben brauche es viel theoretisches Wissen, sagt er.

Überlebenskurs-Teilnehmer Jens spricht im Camp in einem Waldstück über seine Eindrücke des Survivalkurses. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Überlebenskurs-Teilnehmer Jens spricht im Camp in einem Waldstück über seine Eindrücke des Survivalkurses. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Der nächste Programmpunkt: Feuermachen. „Kein Holz ist wie das andere“, ruft Coach Knausenberger in die Runde. Dann sägen sie und schaben, basteln Zunder und pusten auf Holzwolle. Nach und nach qualmt es überall. Jens hackt ein Stück Tanne zurecht. Nein, er wünsche sich keine Katastrophe herbei, sagt er. Aber er wolle vorbereitet sein. „Ich bin kein Extremer, aber ich hatte schon vor Corona Konserven im Keller.“ Die junge Generation sei da etwas blauäugig, denke, der Staat werde sie schon versorgen im Notfall.

Der Prepper

Bastian Blum würde das wohl unterstreichen. Er gilt in den Medien als König der Prepperszene, auch wenn er mit dem Titel selbst nichts anfangen kann. Der 41-Jährige war viele Jahre selbst im Katastrophenschutz tätig, war Rettungssanitäter und Feuerwehrmann. Einst gründete er die Prepper-Gemeinschaft Deutschland, aber die gibt es nicht mehr. „Es ist nicht mehr möglich, den Namen Prepper positiv zu besetzen.“ Heute betreibt er das „Katastrophen Selbsthilfe Infoportal“. Blum kämpft für ein besseres Image der Prepper.

Er unterscheidet zwischen den guten und den schlechten Preppern, den „Doomern“. „Es macht keinen Sinn, sich auf eine Zombie-Apokalypse vorzubereiten“, sagt er. Ein echter Prepper denke vorausschauend und bereite sich auf realistische Gefahren wie Stürme, Hochwasser und Stromausfälle vor. Ein „Doomer“ wünsche sich die Katastrophe herbei und bereite sich auf den Zusammenbruch des Systems vor. Die einen sorgten vor mit Lebensmitteln, die anderen mit Macheten und Munition.

Um Trinkwasser zu gewinnen, haben die Teilnehmer des Überlebenskurses Plastikflaschen mit Erde, Moos und anderen Dingen aus der Wildnis gefüllt. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Um Trinkwasser zu gewinnen, haben die Teilnehmer des Überlebenskurses Plastikflaschen mit Erde, Moos und anderen Dingen aus der Wildnis gefüllt. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Blum zählt sich klar zur ersten Gruppe. Mit seinen Vorräten käme er derzeit sechs Wochen zurecht. Durch die Corona-Krise sieht er sich auch ein Stück weit bestätigt. Er habe sich bereits Mitte Januar, als das Virus in China ausbrach, Desinfektionsmittel und Masken besorgt. „Weil ich da schon wusste, das könnte in die Hose gehen.“ Die Bundesregierung habe die Lage zeitweise verharmlost, sagt er.

Der Katastrophenschützer

Christoph Unger fühlt sich in seiner Rolle manchmal wie die Figur Kassandra aus der griechischen Mythologie. „Die hat ja auch immer auf irgendwelche Dinge hingewiesen – und keiner hat ihr geglaubt.“ Unger ist Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass 83 Millionen Deutsche möglichst gut für Krisen gewappnet sind. Unger sagt selbst: „Es gibt noch viel zu tun.“

Der 62-Jährige ist nicht zufrieden mit seinen Landsleuten. „Die Deutschen vertrauen sehr stark darauf, dass der Staat immer zur Hilfe kommt“, sagt er. So hätten die wenigstens Menschen Vorräte für zehn Tage zuhause, wie es das Bundesamt empfiehlt. Wer keine Reserven daheim habe, der kaufe dann panisch Klopapier wie zu Hochzeiten der Corona-Krise, sagt Unger. Schärft die Pandemie das Krisenbewusstsein der Deutschen? „Wir können derzeit noch nicht wissenschaftlich belegen, ob die Corona-Krise eine Verhaltensänderung mit sich bringt“, sagt Unger. „Aber wir wünschen es uns und wir arbeiten dafür.“

Teilnehmer des Überlebenskurses essen in ihrem Camp in einem Waldstück zu Mittag. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Am 10. September soll es den ersten bundesweiten Warntag seit Ende des Kalten Krieges geben, vom BBK organisiert. An diesem Tag würden die unterschiedlichsten Warnmittel wie Sirenen, Apps aber auch digitale Werbetafeln ausgelöst, sagt Unger. Er ist überzeugt, dass sich Katastrophenfälle künftig häufen werden – schon wegen des Klimawandels. Erdbeben, Hochwasser, Stromausfälle – die Menschen müssten für den Notfall vorsorgen. Das BBK unterstützt es, wenn Menschen Vorräte anlegen und sich auf Katastrophen-Szenarien vorbereiten. Klar wolle er keine Panik schüren, sagt Unger. Aber: „Wir dürfen die Menschen nicht einlullen.“

Bestimmte Aspekte der Eigenvorsorge deckten sich auch mit Dingen, die Prepper machten, sagt Unger. Krisenvorsorge müsse immer in Abstimmung mit dem Staat erfolgen. „Das Gewaltmonopol des Staates darf dabei aber zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt werden.“

Die Sicherheitsbehörden

Denn wenn sich Prepper bewaffnen und gegen den Staat agieren, wird es gefährlich. Berichte über ein neues rechtsextremes Prepper-Netzwerk in Sachsen und Sachsen-Anhalt haben erst im Juni eine hitzige Debatte entfacht. Reservisten und Burschenschafter sollen im Netz über Bewaffnung und einen möglichen „Rassenkrieg“ diskutiert haben.

Im neuen Verfassungsschutzbericht taucht das Wort Prepper aber kein einziges Mal auf. Die Zugehörigkeit zur „Prepper-Szene“ stelle für sich genommen noch keinen Anhaltspunkt für verfassungsfeindliche Bestrebungen dar, teilt das Bundesinnenministerium mit. Nur wenige Einzelfälle seien bislang bekanntgeworden, bei denen gleichzeitig waffenrechtliche oder staatsschutzrelevante Erkenntnisse vorlägen. Ein kriminalistisch bedeutender Trend lasse sich nicht feststellen.

Ein aus Holz und Laub gebauter Unterschlupf ist in einem Waldstück zu sehen. Der Bau eines solchen Schlafplatzes ist Teil des Überlebenskurses. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Ein aus Holz und Laub gebauter Unterschlupf ist in einem Waldstück zu sehen. Der Bau eines solchen Schlafplatzes ist Teil des Überlebenskurses. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Allerdings sei Krisenvorsorge und die Vorbereitung auf einen „Tag X“ auch Bestandteil von Diskussionen der rechtsextremistischen Szene wie auch der extremistischen „Reichsbürger“, betont ein Sprecher des Innenministeriums. Einzelne Personen und Gruppierungen dieser Szenen wiesen „prepper-ähnliche“ Verhaltensweisen auf. „Preppen“ kann somit im Einzelfall mit einer extremistischen Motivlage einhergehen.“ Extremisten würden die Krise nicht nur befürchten, sondern entweder selbst herbeiführen wollen oder „zumindest zur Realisierung ihrer extremistischen Vorstellungen nutzen“.

Der Forscher

Mischa Luy forscht seit Jahren zu dem Thema, promoviert über das Prepper-Phänomen an der Ruhr-Universität-Bochum. „Es gibt nicht den prototypischen Prepper“, sagt der 33-Jährige. Preppen sei aber generell ein eher männliches Phänomen und betreffe häufig besser verdienende Menschen, meist im Alter zwischen 25 bis 50 Jahren. Häufig seien das Leute mit naturwissenschaftlichem oder technischem Hintergrund oder Personen aus dem Sicherheitsbereich, Polizei und Militär.

Zur Zahl der Prepper in Deutschland gebe es keine belastbaren Zahlen, sagt Luy. Schätzungen reichten von 10 000 bis 180 000 Menschen. Für ihn ist ein Prepper jemand, der sich auf eine Katastrophe vorbereitet. Das sei erstmal nicht gefährlich für die Gesellschaft. „Das Preppen wird erst gefährlich, wenn es mit rechten Weltanschauungen und Verschwörungsmythen einhergeht.“

„Das Preppen wird erst gefährlich, wenn es mit rechten Weltanschauungen und Verschwörungsmythen einhergeht.“ Mischa Luy, forscht seit Jahren am Prepper-Phänomen

Preppen ziehe aber ganz grundsätzlich Leute an, die dem Staat misstrauen oder ihm nicht zutrauen, für Schutz zu sorgen. Darin sieht Mischa Luy auch eine Anschlussfähigkeit ins rechte Milieu: „Bei Rechten glaubt man auch nicht mehr an Handlungsmacht des Staates“, erklärt er. Oft ist damit auch die Sorge verbunden, dass es mit der Gesellschaft bergab gehe, alles schlechter werde, bis hin zu apokalyptischen Fantasien. Er sieht diese Szene auf dem Vormarsch: „Viele haben die Corona-Krise als Bestärkung und Bestätigung wahrgenommen.“

Der Komfortmensch

Jens, der Fahrlehrer, hat Feuer gemacht. Nun folgt eine Wanderung mit etwas Pflanzenkunde, die Teilnehmer sollen Kräuter, Brennholz und Zunder sammeln. Am Abend wird eine Forelle ausgenommen und auf dem Feuer gegrillt. Er wollte einfach mal raus aus seiner Komfortzone, aus der „Übersättigung der Zivilisation“, etwas Neues lernen, sagt Jens R. Aber er freut sich schon wieder auf die Zivilisation mit all ihren Annehmlichkeiten, auf das Bier, den Kaffee, die Bratwurst. „Ich bin zu sehr Komfortmensch.“

Würde er sich als Prepper bezeichnen? Jens, der Fahrlehrer, denkt kurz nach und hält Daumen und Zeigefinger ganz eng beieinander. „Ein ganz kleines bisschen“, sagt er. „Ich mache mir zumindest Gedanken.“

Text: Nico Pointner // Fotos: Christoph Schmidt/dpa

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