Von der Decke der Turnhalle hängt ein etwa vier Zentimeter dickes Seil. Außen ist es von einem weichen Baumwollfutteral ummantelt und anscheinend hat es schon viel erlebt, denn unten franst sein Innenleben aus gedrehten Strängen aus. Als Erstes entschuldigt sie sich beim Seil, dass sie es nun wieder mit den Füßen halten wird. Füße gelten als unrein. Wäre sie in Indien, würde sie es kurz mit der Hand berühren, dann mit der Stirn und der Brust. Und sie würde den rechten Arm heben. So ist es dort üblich. In Deutschland geht das nicht. Sieht aus wie der Hitlergruß. Also grüßt sie das Seil, indem sie den Körper streckt, dann fasst sie es sanft mit der rechten Hand, klemmt es anschließend zwischen den großen und den zweiten Zeh. Mit abwechselndem Klammergriff der Zehen steigt sie nach oben, rechts-links-rechts-links, wie auf einer unsichtbaren Treppe. Es ist eine fließende, konzentrierte Bewegung, elegant, kraftvoll, akrobatisch, behende. Jeder Griff sitzt, jedes Detail ist durchdacht und hat Bedeutung.