Es ist kein Zufall, dass Michael Kilger zuerst in die gute Stube geht. Sie ist aus dem Holz, aus dem er auch geschnitzt ist: Der Fußboden besteht aus Latten vom Dachboden der alten Firma, in der seit 160 Jahren nunmehr in sechster Generation Häute zu Leder gegerbt werden. Die Tischplatten sind aus Gerbfässern gezimmert. Bis vor 15 Jahren drehten sie sich mitten in Viechtach. Die Familie wohnte gegenüber und der Michi wuchs quasi im Betrieb auf. Wenn er die Augen schließt, hat er wieder den Geruch in der Nase, der früher viel schärfer war als jetzt, da man beim Neubau das Entfleischen und Enthaaren der Häute an einen Dienstleister vergeben hat. Und er sieht sich als Ferienjobber an der Maschine arbeiten und Schuhsohlen stanzen – damals das Hauptprodukt der Firma. Um zwölf durfte er als kleines Kind manchmal den Knopf für die laute Glocke drücken, die durch den Ort schallte. „Ich hab’ die Mittagspause für die ganze Stadt eingeläutet.“