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Die Verteidigung der Kante

Sophia und Lilli von Fridays for Future Regensburg kämpfen für Klimagerechtigkeit, auch in Lützerath.

Am Rand von Lützerath, einem kleinen Weiler in Nordrhein-Westfalen, geht jeden Tag ein Stück die Welt unter. Nachts frisst sich das Dröhnen in Lillis Ohren. Es besetzt ihren Kopf und reißt ihre Gedanken in einen Mahlstrom aus Angst. Die Bagger kommen näher. Kaltes Scheinwerferlicht durchwirkt den Nebel über Eckardt Heukamps Feldern, dem letzten Bauern, der sein Heimatdorf nicht aufgibt. Auf seinem Grund campieren rund 500 Menschen. Auch die Zelte der 15-köpfigen Regensburger Gruppe von Fridays for Future (FFF) stemmen sich Anfang November auf einem schlammigen Acker gegen den Wind und gegen die Gier der Kolosse, die ihre Zähne unermüdlich in die Erde schlagen. Keine 100 Meter Luftlinie entfernt schaufelt das Ungetüm stetig Kubikmeter für Kubikmeter Abraum auf seine Förderbänder. Der malmende Lärm und das fahle Licht dringen durch die Plane über Lilli. „Die baggern mein Leben weg“, denkt sie. „Was ich da höre, ist das Geräusch, das meine und unser aller Zukunft zerstört.“

Sophia (l.) und Lilli auf dem Weg von ihrem Lagerplatz ins Camp Foto: Sabine Franzl
Sophia (l.) und Lilli auf dem Weg von ihrem Lagerplatz ins Camp Foto: Sabine Franzl

Lilli ist 17 Jahre alt, stammt aus Parsberg, hat 2019 die dortige FFF-Gruppe gegründet und besucht das Regensburger Goethe-Gymnasium. Sie sagt: „Es geht um die Rettung der Menschheit. Klar, geht es auch um die Rettung der Erde. Aber die Erde würde sich ‚danach‘ auch ohne uns erholen. Doch so viel Zeit haben wir nicht. Unser Kampf ist sehr egoistisch. Wir wollen überleben.“ Lilli sagt auch, dass sie eine Scheißangst davor hat, den Kampf zu verlieren.

Unser Kampf ist sehr egoistisch. Wir wollen überleben.“ Lilli

Sophia nickt. „Yara hat recht. Die Sorge, dass wir es nicht schaffen, teile ich“, sagt sie. Im Camp tragen alle Tarnnamen. Lilli ist Yara, Sophia nennt sich Tan. Manche verkratzen ihre Fingerkuppen mit Nadeln, für den Fall, dass sie bei einer Räumung verhaftet und Abdrücke genommen werden. Sie tragen keine Ausweise bei sich, ihre Handys sind nicht Internet-tauglich. Auf Fotos sind nur Menschen zu sehen, die damit einverstanden sind. Das Camp ist ein offener und geschützter Raum, ein Feldversuch, der ausprobiert, ob ein hierarchiefreies Zusammenleben getragen von Wertschätzung und dem gemeinsamen Ziel funktioniert. Das ist es, was Sophia dann doch optimistisch stimmt. „Hier sind 500 Leute, die Hoffnung haben. Ich bin nicht die Einzige.“

„Es engagieren sich zu wenige. Das macht es umso dringlicher, dass ich es tu.“ Sophia

Sophia ist 24 Jahre alt, stammt aus Regensburg und studiert Medizin. Seit der ersten FFF-Demo 2019 in Regensburg ist sie dabei; sie verantwortet die Pressearbeit der Gruppe. Ihr Weg zur Klimaaktivistin begann vor zwölf Jahren mit der Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten. „Dass er mich nun nach Lützerath führt, ist nachvollziehbar.“

Lützerath ist überall und nirgends. Das Dorf an der Abbruchkante des RWE-Braunkohletagebaus von Garzweiler markiert einen Kipppunkt. Fällt es, ist es Opfer einer dreckigen Technologie der Stromerzeugung, die selbst im Rückzug noch Zerstörung hinterlässt. Kann es gehalten werden, ist es ein Fanal für die Klimagerechtigkeit. Im Moment hat der Stromkonzern RWE die Räumung ausgesetzt. Man will warten, bis das Oberverwaltungsgericht Münster über Bauer Heukamps Beschwerde gegen die seit 1. November rechtskräftige Enteignung entscheidet. Auch Greta Thunberg war schon in Lützerath.

"Wir sind eine Klimagerechtigkeitsbewegung. Das ist ein viel größeres Ding." Sophia (l.) und Lilli blicken über die Region hinaus. Ihr Engagement ist global. Foto: Sabine Franzl
"Wir sind eine Klimagerechtigkeitsbewegung. Das ist ein viel größeres Ding." Sophia (l.) und Lilli blicken über die Region hinaus. Ihr Engagement ist global. Foto: Sabine Franzl

Lützerath ist sieben Stunden Zugfahrt von Regensburg entfernt, dann folgt ein einstündiger Fußmarsch vom Bahnhof in Erkelenz. Es ist weit weg und trotzdem nah. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn der globale Norden seinen Energiehunger aus fossilen Quellen stillt, leidet der globale Süden – und zunehmend auch wir. „Es ärgert mich immer, wenn wir als Umweltbewegung tituliert werden“, sagt Sophia, „denn wir sind eine Klimagerechtigkeitsbewegung. Das ist ein viel größeres Ding.“ Der Kampf gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen soziale Ungleichheit, für Gleichstellung – das gehöre alles mit rein. Auch in Regensburg endet der Horizont nicht in der Region. Man kann den Wald um die Ecke aufforsten, aber das Weltklima nicht mehr kühlen. „Wenn es heiß ist, wird es so bleiben. Die Möglichkeit, es zurückzudrehen, haben wir bei der Klimakatastrophe einfach nicht“, sagt Lilli. Ist ein Kipppunkt erreicht, dann war’s das.

  • Das Camp befindet sich auf dem Gelände des Bauernhofs von Eckardt Heukamp. Foto: Sabine Franzl
    Das Camp befindet sich auf dem Gelände des Bauernhofs von Eckardt Heukamp. Foto: Sabine Franzl
  • Zum Selbstkostenpreis von sieben Euro am Tag gibt es Essen aus der KüfA - Küche für Alle. Mittags wärmt ein gehaltvoller Gemüseeintopf. Foto: Sabine Franzl
    Zum Selbstkostenpreis von sieben Euro am Tag gibt es Essen aus der KüfA - Küche für Alle. Mittags wärmt ein gehaltvoller Gemüseeintopf. Foto: Sabine Franzl
  • Nach dem Essen diskutiert die Regensburger Gruppe. Sophias Geste mit den Händen bedeutet "stiller Applaus". Foto: Sabine Franzl
    Nach dem Essen diskutiert die Regensburger Gruppe. Sophias Geste mit den Händen bedeutet "stiller Applaus". Foto: Sabine Franzl
  • Die Waschbecken sind aus Holzstecken und Planen improvisiert. Foto: Sabine Franzl
    Die Waschbecken sind aus Holzstecken und Planen improvisiert. Foto: Sabine Franzl

Das Erste, das man von Lützerath sieht, ist ein Banner an einer Backsteinmauer, die den 350 Jahre alten Hof von Eckardt Heukamp umfasst. „1,5° C heißt: Lützerath bleibt!“ Gegenüber eine morastige Brache, da stand bis vor Kurzem der Junkershof. Lützerath gehört schon der Vergangenheit. Ein verletztes und entwurzeltes Dorf inmitten von fruchtbarem Land, in dem sich die Klimakrise genau so brutal manifestiert wie die Folgen ungebremsten Wachstums. Es ist ein Symbol im Kleinen für den Zustand der Welt im Großen. Es könnte auch ein Ort der Zukunft sein. Auf der von Bäumen umstandenen Wiese hinter Heukamps Hof zimmern sie an einer Villa – nein, an vielen Villen Kunterbunt. „Doppelhaushälfte“ steht in Lautschrift auf einem aus groben Brettern zusammengenagelten Schuppen. Baumhäuser krallen sich ins Astwerk. Im „Zirkuszelt“ spielt einer Klavier. Zwischen Holzstecken montierte Planen improvisieren Waschbecken. Die Klos sind bio, die Duschen kalt und zugig. Aber der Gemüseeintopf dampft, die KüfA-Schlange – KüfA heißt Küche für Alle – windet sich geduldig den Weg entlang. Sophias und Lillis Stiefel versinken mit einem schmatzenden Geräusch im Schlamm. Nasse Kälte sickert durch die Klamotten. Ein wärmendes Feuer geht nicht. Da hätte RWE einen Grund zur Räumung: Brandgefahr. Dann, wie jeden Tag, Hubschrauberlärm. Über den Köpfen kreist der Helikopter. „Die filmen uns.“ An den Ecken des Lagers sind Tag und Nacht Wachen postiert. Außen patrouilliert die RWE-Security, innen passen die Leute vom Camp auf.

  • An der Abbruchkante bei Lützerath: Bis hierher und nicht weiter. Foto: Sabine Franzl
    An der Abbruchkante bei Lützerath: Bis hierher und nicht weiter. Foto: Sabine Franzl
  • Es gab auch Sonne... Aber an den meisten Tagen in der ersten Novemberwoche war das Wetter nasskalt. Foto: Sabine Franzl
    Es gab auch Sonne... Aber an den meisten Tagen in der ersten Novemberwoche war das Wetter nasskalt. Foto: Sabine Franzl
  • Doppelhaushälfte, neu interpretiert. Foto: Sabine Franzl
    Doppelhaushälfte, neu interpretiert. Foto: Sabine Franzl
  • Villa Kunterbunt Foto: Sabine Franzl
    Villa Kunterbunt Foto: Sabine Franzl

Sophia ist nicht auf Konfrontation aus. Ihr geht es eher um ein Beharren – auf Gerechtigkeit, Respekt vor der Natur und vor anderen, auf sozialen Ausgleich. Das war schon in der Schulzeit so. Von da aus kam sie zur Ökobewegung. Das Abitur machte sie am St.-Marien-Gymnasium, bei den „Englischen Fräulein“. Christliche Werte prägten sie, konfessionelle Zwänge aber setzten ihr zu; ihnen kehrte sie den Rücken. „Ich war eine von zwei Ökos in meinem Jahrgang.“ Im Studium ist es nicht viel anders. Sie sagt: „Wir haben Privilegien und Ressourcen. Wir haben krass viel Bildung abbekommen, die meisten von uns haben Geld.“ Aber trotz allem, was wissenschaftlich erwiesen ist, engagieren sich zu wenige. „Das macht es umso dringlicher, dass ich es tu.“ Pflichtbewusstsein – auch das prägt Sophia. Ihr Vater ist Polizist, sie sagt über ihn, er habe ein „feines Gerechtigkeitsgespür“. Bei einer Demo in Regensburg stellte er sein Motorrad am Jakobstor ab und umarmte seine Tochter, die dort in der Menschenkette stand.

"Die baggern mein Leben weg." Lilli

Lilli erzählt von ihrer Familie, die so denkt wie sie, von ihrer Mutter, die ihr den Rücken stärkt, und von ihrem Bruder, der vier Jahre älter ist und im Rollstuhl sitzt. Sich zu kümmern, gehört von klein auf zu ihrem Leben. „Ich bin ein schüchterner Mensch“, sagt sie, „aber wenn ich für etwas einstehen muss, kann ich das überwinden.“ Lilli ist eine Kämpferin. Doch die Angst vor einer Niederlage setzt ihr zu. „Dass unsere Welt untergehen soll, ist schwer zu verkraften“, sagt sie. „Dann haben wir immerhin noch uns“, meint Sophia. Sie kenne keine andere Jugendkultur, in der es mehr menschliche Wärme gibt. Das hilft auch in kalten Zeltnächten.

Fotos & Video: Sabine Franzl; Text: Angelika Sauerer

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