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Die Pfarrerin und ihre Familien

Mutter, Beruf und Berufung: Stefanie Endruweit ist evangelische Pfarrerin in Weiden. „Kann ich tatsächlich auf meinem Glauben meine Berufswahl aufbauen?“ Mittlerweile kennt sie die Antwort.

Am Abend eines langen Tages stapft Stefanie Endruweit durch strömenden Regen die dunkle, menschenleere Hans-Sachs-Straße hinunter, Kapuze auf dem Kopf, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Seltsam, im Nebel zu wandern. Vielleicht geht ihr jetzt noch einmal die Gedichtzeile von Hermann Hesse durch den Kopf, mit der sie diesen trüben Novembertag in ihrer Morgenandacht begonnen hat. „Keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt“, hat sie vorgetragen – und dann mit einem Lächeln den Anflug von Melancholie einfach so weggestrahlt und gesagt, dass sie die Stille des Dämmers mag und dass ein Licht im Zwielicht doch viel heller scheine als an einem blendenden Sommertag. Das Strahlen ist überhaupt ihre Stärke, ob sie nun lacht, unterrichtet, erzählt, singt, betet, predigt oder zuhört.

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Pfarrerin Stefanie Endruweit Foto: Sabine Franzl

Stefanie Endruweit (42) ist evangelische Pfarrerin in der Kirchengemeinde St. Michael in Weiden. Sie ist dort für die Geschäftsführung zuständig und für die Seelsorge im Sprengel rund um das Martin-Schalling-Haus, das ist ein Gemeindehaus im Wohnviertel Rehbühl im Westen Weidens. Außerdem ist sie die Jugendpfarrerin im Dekanat, und wenn man es genau nimmt, immer im Dienst. Denn ein evangelisches Pfarrhaus ist ein offenes Haus. So wohnte eine junge Mutter aus dem Irak mit ihrem Baby ein halbes Jahr unter ihrem Dach, die nach Ungarn rückgeführt werden sollte.

„Unsere härteste Währung ist Zeit“

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Familienzeit ist den Endruweits sehr wichtig. Deshalb haben sie den "Zeitfresser" Fernsehen aus ihrem Leben verbannt. Foto: Sabine Franzl

Der große Tisch im Esszimmer ist das Herz des Hauses. Da passen locker zehn, zwölf Leute hin. Es ist der Dreh- und Angelpunkt der kleinen Familie Endruweit. Mama Stefanie, Papa Fabian – er ist Diakon in Vohenstrauß –, die Zwillinge Justus und Amos, gerade drei Jahre alt geworden. Weil die Eltern immer viel unterwegs sind, auch am Abend, haben sie den Mittag als Fixpunkt festgelegt. Fabian kocht. Aber nicht nur deshalb ist der Frau Pfarrerin ihr Mittag zu Hause heilig. „Quality time“ nennt sie diese Auszeit. Den englischen Begriff verwendet sie, weil die deutsche Übersetzung Qualitätszeit nicht das trifft, was sie meint: Zeit für Zweisamkeit und ungeteilte Aufmerksamkeit für die Kinder. „Unsere härteste Währung ist Zeit“, sagt Fabian Endruweit. Einen Fernseher gibt es bei ihnen nicht. Der „Zeitfresser“ hat Hausverbot.

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    Beim Sonntagsgottesdienst reicht die Pfarrerin ihrem Mann den Kelch. Foto: Sabine Franzl
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    Die Morgenandacht in St. Michael beginnt Stefanie Endruweit mit einem Gedicht von Hermann Hesse. Foto: Sabine Franzl
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    Die Pfarrerin hat einen guten Draht zu ihrer Gemeinde. Foto: Sabine Franzl

Die kleine und die große Familie lassen sich im Fall der Pfarrerin nicht so leicht voneinander trennen. Ihre Kinder feiern die Gottesdienste mit, sie lieben die Orgel, wuseln auf den Festen herum und sind es gewohnt, die Mama Pastorin bisweilen mit den Anliegen ihrer Schäfchen in der Gemeinde teilen zu müssen. Umgekehrt spürt Stefanie Endruweit eine besondere Form der Entlastung durch ihre große Familie – die Gemeinde. „Pfarrerskinder werden immer auch von der ganzen Gemeinde erzogen“, sagt sie. „Von diesem Netzwerk profitieren sie ein Leben lang.“

Auf dem Küchentisch landet freilich auch das große schwarze Notizbuch, unliniert, voll mit Arbeit, vieles davon Geschäftsführungsaufgaben. Rund 6000 Mitglieder zählen zur Gemeinde. Der Kirchenvorstand entscheidet mit, Pfarrerin Lang, Pfarrer Meuß, Dekan Dr. Slenczka, weitere Seelsorgerinnen und Seelsorger, eine Religionspädagogin und vor allem auch Pfarramtssekretärin Karin Hannes unterstützen sie. 

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Nach der Morgenandacht schaut Stefanie Endruweit im Pfarramt vorbei und geht ihre Termine durch. Foto: Sabine Franzl

Stefanie Endruweit hat den Job einer Managerin eines kleinen Unternehmens: Sie ist Arbeitgeberin, Bauherrin, Verwalterin, Vermieterin. Die morsche Zwischendecke in einem Kindergarten, die Redaktion des „Gemeindegrußes“, der Termin mit dem Bauamt gehören zum Tagesgeschäft. Studiert hat sie etwas anderes: Kirchengeschichte, Bibelwissenschaft, Augustinus, Martin Luther. Und zentral ist etwas ganz anderes: Gebet und Seelsorge. „Ich bin keine Therapeutin. Ich lass’ es durch zu Gott.“ Das Problem ist damit nicht gelöst, meint sie. Aber es steht in einem anderen Raum – und schon das hilft weiter.

Barfuß übers Gras: „Hier bin ich richtig.“

„Kann ich tatsächlich auf meinem Glauben meine Berufswahl aufbauen?“ Diese Frage begleitete sie lange – vor allem am Anfang.

Das Abitur in der Tasche spazierte Stefanie Endruweit an einem Sommertag vor gut 20 Jahren über den Campus der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau (Mittelfranken). Die Kirchliche Hochschule war eine von mehreren Unis, die sie auf der Suche nach einem Studienort und -fach besichtigte. Sie zog ihre Schuhe aus und lief barfuß übers Gras. Auf einmal wurde ihr klar: „Hier bin ich richtig.“ Später studierte sie auch in Erlangen und Heidelberg. Ihre Vikariatszeit verbrachte sie in Nürnberg. Nach dem zweiten Examen ging sie zum ersten Mal nach Weiden, dann folgten fünf Jahre in Poing. 2015 kehrte sie – mit Mann und Kindern – in die Oberpfalz zurück.

„Ich mag die Vorstellung, dass jemand für mich betet. Es ist, als ob mir Gott in diesem Moment einen Engel an die Seite stellt.“ Stefanie Endruweit

Stefanie Endruweit ist in Coburg (Oberfranken) in einer kirchennahen Familie mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen. Anders als im katholisch geprägten Weiden sind in ihrer Heimat die Protestanten in der Mehrzahl. Nach der Konfirmation übertrug der Pfarrer dem engagierten Mädchen die Jugendarbeit in der Gemeinde. Da war sie gerade mal 14. „Das hat mich für mein Leben geprägt.“ Aber Pfarrerin wollte sie damals noch nicht werden. Auch im Studium kamen immer wieder Zweifel. „Da mussten die anderen für mich glauben.“

Dann ging sie nach Brasilien. „Oh Gott, ich Depp“, dachte sie noch im Flugzeug. Sie konnte kein Wort Portugiesisch. Und die Straßenkinder in dem Heim, in dem sie arbeiten sollte, freilich kein Englisch. Termiten hausten in der Zimmertür, Kakerlaken gingen auf dem Fußboden spazieren. Und trotzdem sagt Stefanie Endruweit: „Brasilien, das war ein Fingerzeig.“ Danach wusste sie, dass sie auf dem richtigen Weg war.

Wunderbare Geschichte mit Happy End und schrägen Typen

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Alles andere als moralisch und langweilig: Stefanie Endruweit im Unterricht an der Weidener FOS/BOS. Foto: Sabine Franzl

Die Geschichte mit Brasilien erzählt sie an diesem Vormittag auch ihren Schülern. Sie spricht darüber, wie wichtig Strukturen und Rituale im Leben sind. Ihre Beispiele stammen aus dem prallen Leben, nicht selten ihrem eigenen. „Und da stand ich da in Taizé mit dem Schild ‚Silence‘ in der Hand und wusste, das ist jetzt mein Job in der Gemeinschaft. Das kann unheimlich entlastend sein.“ Den Zauber von Weihnachten erklärt sie als wunderbare Geschichte mit Happy End. Und die Jünger Jesu beschreibt sie als „schräge Typen“, die ihre Arbeit stehen und liegen gelassen haben. Wahrscheinlich kommt sie damit der Wahrnehmung fleißiger Zeitgenossen ziemlich nah – und den jungen Leuten von heute. Das ist ihre Klientel. „Pfarrerin – das wirkt auf Kinder und Jugendliche so moralisch und langweilig“, meint die Pfarrerin. Sie bestimmt nicht.

Die Gefahr der Anbiederung bannt sie mit entwaffnender Ehrlichkeit. Den stillen Konfirmanden verrät sie: „Ich mag die Vorstellung, dass jemand für mich betet. Es ist, als ob mir Gott in diesem Moment einen Engel an die Seite stellt.“ Und gegen das Lampenfieber am Anfang eines Gottesdienst empfiehlt sie: „Ich sage da gerne: ‚Wir feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes – Amen.‘ Das nimmt mir die Nervosität.“ In ihrer Jugend hat sie oft Theater gespielt. Sie weiß Bescheid.

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    Ökumene liegt Stefanie Endruweit am Herzen, dem Pfarrer Brolich ebenfalls. Foto: Sabine Franzl
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    In der Kirche St. Elisabeth feiern die evangelische Pfarrerin und ihr katholischer Kollege Peter Brolich einen ökumenischen Gottesdienst. Foto: Sabine Franzl

Auch an diesem nasskalten Abend wird sie den Satz noch einmal sagen. Ihr Ziel ist die Kirche St. Elisabeth, wo die evangelische Pfarrerin mit ihrem katholischen Kollegen Peter Brolich einen ökumenischen Gottesdienst feiert. Sie betritt die Sakristei, schüttelt die Nässe aus dem Mantel, wuschelt mit den Händen durch die Kurzhaarfrisur. Während der Mesner dem Pfarrer das prächtig bestickte Messgewand über die Schultern legt und die glänzende Schnalle einhakt, zieht sie ihren Talar aus der Umhängetasche, wirft ihn sich mit Schwung über den Kopf und legt das weiße Beffchen um den Hals. Es kann losgehen.

Stefanie Endruweits Tag beginnt mit der Morgenandacht und endet mit einem ökumenischen Gottesdienst. Auch im Unterricht trifft sie den richtigen Ton. 

Film: Sabine Franzl

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

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