Reinhard Kellner, geboren 1950, erinnert sich genau an das erste Mal, als er dieses Gefühl hatte. Er ging noch zur Kreuzschule in der Regensburger Westnerwacht. Die Häuser waren marode und aus den Hinterhöfen drang der Arbeitslärm. Hier wohnten Handwerker und Arbeiter. Sein Vater war Sattler, sie lebten in einfachen Verhältnissen in der Wollwirkergasse. Kiez würde man das heute nennen. Es gab die stillen Dominikanerinnen im Kloster Hl. Kreuz, die Waisen im Leonhardiheim, einen Park. Und es gab auch zerrüttete, arme Familien, in denen die Kinder nicht geliebt wurden, anders als er und seine drei jüngeren Geschwister. Als hätte er ein Sinnesorgan für soziale Not, wurde ihm plötzlich diese Ungerechtigkeit bewusst, die das eine Leben behütet und stärkt, das andere schwächt und seiner Chancen beraubt. Schon als Grundschüler war klar, Reinhard Kellner würde einmal seine Stärke für die Schwachen einsetzen.