Kultur

Soll Naidoo in Regensburg singen dürfen?

Die OB ruft zum Boykott für das Regensburger Konzert des Sängers auf. Maltz-Schwarzfischer zeigt Haltung, findet Andreas Maciejewski. Ihr Aufruf ist intolerant und im besten Fall überfürsorglich, sagt Marianne Sperb.

Die Oberbürgermeisterin hat klare Kante bewiesen — und liegt damit goldrichtig. Die Stadt Regensburg kann das Konzert des Verschwörungstheoretikers Xavier Naidoo nicht absagen, weil es auf Privatgrund stattfindet. Maltz-Schwarzfischer mischt sich dennoch mit ihrer Forderung an Veranstalter und Besucher, das Konzert zu überdenken, ein.

Sie ruft damit quasi zum Boykott Naidoos auf. Gut so! Trotzdem schade, dass es so weit gekommen ist. Eigentlich sollte man gar nicht zum Boykott des Sängers aufrufen müssen: Er hätte gar nicht erst eingeladen werden dürfen.

Der Autor

Andreas Maciejewski beobachtet Naidoos Karriere schon lange mit Sorge. Ihm ist unverständlich, dass der Sänger trotz eindeutig rassistischer und verschwörungstheoretischer Standpunkte von der Musik- und TV-Welt weiter hofiert wurde. Damit muss nun Schluss sein.

Naidoo wäre bereits dieses Jahr bei den Schlossfestspielen in Regensburg aufgetreten, hätte Corona keinen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun wurde das Konzert auf den Juli 2021 verschoben. Naidoo wurde also schon vor den ominösen Videos gebucht, in denen er gegen Flüchtlinge hetzt, und die seinen öffentlichkeitswirksamen Rauswurf als Jurymitglied bei „Deutschland sucht den Superstar“ zur Folge hatten.

„Man hat sich vorher wohl wenige Gedanken gemacht, wen man sich da eigentlich auf die Bühne holt.“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte nun wirklich jeder wissen, wie gefährlich die Aussagen des Sängers für Minderheiten, sogar die Demokratie an sich, wirklich sind.

Klar, der Veranstalter hat Naidoo bereits vor dem DSDS-Rauswurf gebucht. Die Verträge sind fix, daran gibt‘s nichts zu rütteln. Zur politischen Haltung Naidoos will sich der Veranstalter auch nicht äußern, das ist sein gutes Recht. Im Allgemeinen haben sich viele Veranstalter vorher wohl wenige Gedanken gemacht, wen man sich da eigentlich auf die Bühne holt.

Xavier Naidoo ist für die Schlossfestspiele 2021 gebucht.

Oder es war ihnen einfach egal, was noch bedenklicher wäre. Nur wer mit den Händen vor den Augen und Stöpseln in den Ohren die deutsche Musiklandschaft beobachtet, dürfte nicht mitbekommen haben, was für eine umstrittene Person Naidoo wirklich ist. Der Sänger hat inzwischen eine beachtliche Karriere mit Kontroversen, Entgleisungen und hetzerischen Aussagen hinter sich, aus denen beängstigend wenige Konsequenzen gezogen wurden.

Naidoo tritt 2014 bei rechter Demo auf

Ironischerweise ist seine Musik quasi der Inbegriff von Mainstream, seine politische Haltung könnte hingegen nicht weiter davon entfernt sein. Schon 1999 offenbarte er in einem Interview seine höchst zweifelhafte Gedankenwelt. Auf die Frage, ob er ein Rassist sei, antwortete er: „Ja, aber ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe.“ 2014 trat Naidoo in Berlin bei einer Kundgebung der rechtsextremen und verfassungsfeindlichen Reichsbürger in Berlin auf. Danach verteidigte sich der Sänger, dass er lediglich mit dem Fahrrad daran vorbeigefahren und gefragt worden sei, ob er was sagen möchte. Er habe dort nur für den Frieden werben wollen. 2017 veröffentlichte Naidoo zusammen mit den Söhnen Mannheims den Song „Marionetten“, der gespickt ist mit antisemitischem und rechtsextremen Vokabular.

„Mit Anspielungen und Ausreden hat sich Naidoo jahrelang durchlaviert.“

Anspielungen, Ausreden und ein „Ja, aber“: Das sind genau die Mittel, mit denen sich Naidoo jahrelang durchlaviert hat. Indem er stets nur indirekt und mit Interpretationsspielraum umstrittene Aussagen von sich gegeben hat, grub er sich Löcher, durch die er immer wieder durchschlüpfen konnte. Durch ihrem Boykott-Aufruf hat Maltz-Schwarzfischer eine Schaufel in die Hand genommen und damit angefangen, diese Löcher endlich zuzuschütten.

Die Autorin

Marianne Sperb brennt nicht für Xavier Naidoo, für Freiheitsrechte schon. Über die Worte der OB regte sie sich so auf, dass sie bei einem Telefonat den Topf auf dem Herd vergaß – bis der Rauchmelder Alarm schlug. Einen Einsatz der Feuerwehr konnte sie noch verhindern.

Gertrud Maltz-Schwarzfischer übertritt eine rote Linie. Es ist eine Sache, einen Sänger für rechtsradikal zu halten, aber eine völlig andere, als OB öffentlich aufzufordern, keine Karten für sein Konzert zu buchen, gekaufte Tickets zurückzugeben und den Auftritt ganz abzusagen – und zwar im Namen einer „weltoffenen, freiheitlichen Gesellschaft“ – ausgerechnet!

Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger, Antisemit, Rassist: Die Liste der Vorwürfe gegen Naidoo ist lang. Aber weder plant er bei den Schlossfestspielen 2021 eine politische Kundgebung, noch wäre bekannt, dass seine Lieder verboten sind. Das sah jetzt auch Rostock ein. Die Stadt verwarf die Idee, Naidoo 2021 auszuladen, unter anderem deshalb, weil das Verbot die Aufforderung zum Vertragsbruch bedeutet hätte. Ein Vertragsbruch, den die Regensburger OB dem Veranstalter Reinhard Söll gern zumuten würde.

Was sagen Sie?

Man kann Naidoo genial finden, lieb-verspult oder gefährlich radikal. Wer ihn öffentlich verunglimpft, muss sich die Formulierung aber gut überlegen. Zwei Mal, in Regensburg 2018 und in Nürnberg 2019, bekam der Sänger recht, als er gegen die Bezeichnung Antisemit klagte. Rückhalt erhielt er mehrfach auch von Marek Lieberberg, Konzertagent – und Jude.

„Im Rechtsstaat sind Grundrechte das höchste Gut, Säulen der Demokratie“, sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. „Meinungen, und seien sie noch so abstrus, müssen wir aushalten.“ Die Bundesjustizministerin a. D. verteidigte Naidoos Recht auf freie Meinungsäußerung aktuell gegen Berlins Senator Andreas Geisel (SPD).

„Was man öffentlich sagen oder singen darf, entscheidet nicht der moralische Kompass eines Bürgers oder einer Bürgermeisterin, sondern das Gesetz.“

Maltz-Schwarzfischers Aufruf ist selbstgerecht, intolerant oder im freundlichsten Fall überfürsorglich. Denn was man öffentlich sagen oder singen darf, entscheidet nicht der moralische Kompass eines Bürgers oder einer Bürgermeisterin, sondern das Gesetz. In der Demokratie lässt es keinen Platz für die Diktatur von Tugenden, die im Namen der eigenen Wahrheit die Freiheit der Andersdenkenden negiert – „auch wenn die Handelnden glauben, ihren Anspruch aus ihrem Werte- und Grundgesetzverständnis ableiten zu können“, schreibt Grundgesetz-Experte Axel Hopfauf.

Die Stadt Hof hat das dortige Konzert von Xavier Naidoo abgesagt.

„Intoleranz ist wie Mundgeruch: immer das, was die anderen haben“, formuliert es Literatur-Professor Terry Eagleton. Maltz-Schwarzfischer wittert bei Naidoo den Geruch des Rassisten, Parteikollege Heiko Maas, 2016 noch Bundesjustizminister, fand dafür Feine Sahne Fischfilet dufte und lobte die Band für den Einsatz gegen Rechts.

Ein Thema und die Vorgeschichte

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Der Aufruf

OB Gertrud Maltz-Schwarzfischer sagte auf MZ-Anfrage: „Ich appelliere dringend sowohl an den Veranstalter als auch an all diejenigen, die in Erwägung ziehen, sich für das Konzert Karten zu kaufen oder dies vielleicht schon getan haben, ihre Entscheidung noch einmal gründlich zu überdenken und sich damit von Naidoo und den Aussagen in seinen Songs zu distanzieren.“

Der Sänger:

Xavier Naidoo wurde vielfach ausgezeichnet und vielfach kritisiert, unter anderem als Verschwörungstheoretiker. In mehreren Städten wurden seine Konzerte abgesagt. 2021 gastiert er bei den Schlossfestspielen in Regensburg.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) warb 2018 für ein Konzert der Band, die in Liedern offen Hass auf Polizisten ausstellte und im Visier der Verfassungsschützer stand. Tugendwächter sind in SPD-Reihen auffällig, aber selbstverständlich auch auf der Gegenseite. CDU und AfD pochten damals auf ein Verbot des Auftritts.

„Wo enden Meinungs- und Kunstfreiheit? Wir müssen die Frage beständig neu verhandeln.“

Wo enden Meinungs- und Kunstfreiheit? Wir müssen die Frage beständig neu verhandeln. Anschauungsmaterial gibt es zur Genüge, quer durch politische Lager und Jahrzehnte. David Bowie sagte 1976, „ein faschistischer Führer würde Großbritannien gut tun“, und gab weiter Konzerte. Eric Clapton rief damals von der Bühne: „Schmeißt die Fremden und die Schwarzen raus aus England!“, ohne dass Auftrittsverbote folgten. Dafür beflügelte die Aussage eine bald weltweite Initiative: Rock against Racism.

Ein Thema, zwei Meinungen

Demokratie lebt von Meinungsvielfalt: In unserer Rubrik „Ein Thema, zwei Meinungen“ finden Sie Beiträge, zu denen unsere Autoren unterschiedliche Standpunkte präsentieren.

Bilder: Karl-Josef Hildenbrand/dpa, Uwe Anspach/dpa, Alexandra Wey/dpa

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