Künstliche Intelligenz

Revolution bei den Banken

Apps und Robo-Berater ersetzen nicht nur Bankfilialen. Die Digitalisierung wird eine neue Währung erschaffen, sagt ein Experte.

Künftig werden wir nicht einmal merken, wenn wir etwas bezahlen. Das Auto entrichtet den Preis von selbst, bevor wir durch die Waschanlage fahren. Wenn wir in die U-Bahn einsteigen, wird die Gebühr fürs Ticket automatisch abgebucht. Wir werden auch keine Waschmaschine mehr kaufen müssen, sondern können alternativ für jeden einzelnen Waschvorgang zahlen. Das alles geschieht voll digital und automatisch, ohne dass wir eine Geldkarte zücken.

Prof. Hans-Gert Penzel blickt ins Jahr 2035. Im Gespräch mit unserem Medienhaus skizziert er anhand dieser Beispiele, wie sich die Digitalisierung auf Geldgeschäfte und Bezahlsysteme auswirkt – mit einschneidenden Folgen für Banken und Versicherungen.

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Hans-Gert Penzel, geschäftsführender Gesellschafter der ibi research GmbH, sagt: „Drei von vier Bankfilialen werden verschwinden.“

Der Regensburger Experte prophezeit: Das Sterben der Bank- und Sparkassenfilialen wird sich in Zukunft noch beschleunigen. Penzel ist geschäftsführender Gesellschafter der ibi research GmbH, Institut für Bankinnovation an der Universität Regensburg. Sein Institut forscht rund um die Digitalisierung der Finanzdienstleistungen und des Einzelhandels.

Das Sterben der Bank- und Sparkassenfilialen wird sich in Zukunft noch beschleunigen. Hans-Gert Penzel, geschäftsführender Gesellschafter der ibi research GmbH

Microsoft-Gründer Bill Gates meinte 1994, dass man keine Banken braucht, um Bankgeschäfte zu erledigen. Diese kühne Aussage wurde damals nicht ernst genommen. Das bargeldlose Bezahlen steckte vielerorts noch in den Kinderschuhen. Heute gibt es jedoch Finanz-Apps fürs Smartphone, mit denen immer mehr Bankkunden ihr Konto mobil verwalten. Mit Internet-Bezahlsystemen wie Paypal rückt die Bank in den Hintergrund, mit digitalen Währungen wie der Bitcoin können Transaktionen ganz ohne Zutun von Banken ausgeführt werden. Inzwischen existieren Robo-Advisor – zum Beispiel in Gestalt von Beratungssoftware – die Anlegern Fonds vermitteln. Dafür schießen Fintechs aus dem Boden. Das sind Startup-Unternehmen, die Geldgeschäfte im Internet anbieten und damit im Revier der klassischen Banken wildern.

Ein Umbruch, wie wir ihn in dieser Radikalität nicht kennen

Finanzexperte Penzel sagt: „Die Digitalisierung stellt die gesamte Finanzwirtschaft vor einen Umbruch, wie wir ihn in dieser Radikalität bisher nicht kennen.“ Zwar sieht er die Zukunft der Geldinstitute nicht so düster wie Bill Gates. Dennoch glaubt Penzel, dass drei von vier Filialen verschwinden könnten: „In den nächsten 20 Jahren werden wir eine Ausdünnung des Filialnetzes erleben. Von den heute etwa 32 000 inländischen Zweigstellen werden dann noch 8000 übrig sein. Die Mitarbeiterzahlen werden sich halbieren.“

Die Mitarbeiterzahlen werden sich halbieren. Hans-Gert Penzel, geschäftsführender Gesellschafter der ibi research GmbH

Die Gründe dafür sieht er im Verhalten der Verbraucher und im Komfort der digitalen Technik. Die Banken könnten sich eine persönliche Beratung immer weniger leisten, weil die Kunden nicht bereit seien, dafür ausreichend zu zahlen. „Bei Anlagebeträgen bis 50 000 Euro hangeln sich die Kunden künftig durch komfortable Finanz-Apps. Erst bei höheren Summen läuft die Beratung auf Wunsch nicht rein elektronisch.“

Schon länger spüren die Geldinstitute in der Region die Folgen der Digitalisierung und der Niedrigzinsen. Die Volks- und Raiffeisenbanken erwägen, in den kommenden Jahren jede dritte Filiale dichtzumachen. Die Sparkasse Regensburg kündigte 2016 an, in diesem Jahr 17 Filialen in Stadt und Landkreis zu schließen. Franz-Xaver Lindl, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Regensburg, sagte damals: „Unsere Kunden nutzen immer mehr unsere digitalen Kanäle. Sie erledigen ihre Geldgeschäfte in unserer Internetfiliale bequem von zu Hause aus oder unterwegs mit der Sparkassen-App. In die Filialen kommen sie dagegen nur noch selten.“

Einige Geldinstitute wie die Sparkassen modernisieren ihre Filialen und versuchen, sie kundenfreundlicher zu gestalten. „Natürlich gibt es wichtige Themen, die unsere Kunden mit ihrem Berater persönlich besprechen: wenn es zum Beispiel um die Altersvorsorge, Baufinanzierung oder Vermögensanlage geht“, so Lindl. Andere Geldhäuser setzen auf digitale Selbstbedienungsfilialen, wo Computerterminals in Hightech-Hochglanzräumen den Bankberater ersetzen sollen.

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    Geldinstitute bekommen die Folgen der Digitalisierung und der Niedrigzinsen immer mehr zu spüren. Foto: dpa
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    Mit digitalen Währungen wie der Bitcoin können Transaktionen ganz ohne Zutun von Banken ausgeführt werden. Foto: dpa
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    Die Volks- und Raiffeisenbanken erwägen, in den kommenden Jahren jede dritte Filiale dichtzumachen. Die Sparkasse Regensburg kündigte 2016 an, in diesem Jahr 17 Filialen in Stadt und Landkreis zu schließen. Foto: dpa
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    Der Überweisungszettel aus Papier hat ausgedient. Bankkunden nutzen immer mehr digitale Kanäle, um ihre Geldgeschäfte bequem von zu Hause aus zu erledigen. Foto: dpa

In vielen Fällen entscheiden inzwischen Computeralgorithmen darüber, ob jemand einen Kredit für sein Auto oder die neuen Möbel bekommt – und zu welchen Konditionen, erläutert Penzel. Die Digitalisierung bringe den „Kredit to go“. Anhand der Schufa-Auskunft in Kombination mit Daten aus sozialen Netzwerken könnten die Banken künftig Darlehen in Echtzeit vergeben – zum Beispiel an der Kasse des Möbelhändlers oder der Kleidungs-Boutique.

Die Kreditkarte wandert ins Handy

  • In dieser Woche startet die Deutsche Bank eine mobile Zahlungsfunktion. Kunden mit Android-Smartphone können in dieser Woche ihre Mastercard-Kreditkarte in die bankeigene App integrieren und dann per Handy bezahlen. Das neue Angebot können zu Beginn aber nur rund 300 000 von acht Millionen Kunden ausprobieren.
  • Auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken basteln daran, dass ihre Kunden künftig per Smartphone zahlen können. Die Sparkassen streben an, dass Ende des Jahres die Kreditkarte ins Handy wandert. Derzeit testet die Sparkasse München die App Yomo, mit der Bankgeschäfte nur mit dem Smartphone getätigt werden können.

Deutsche-Bank-Chef John Cryan sagte 2016 voraus, dass in zehn Jahren das Bargeld abgeschafft sei. So weit will Penzel in seinen Prognosen nicht gehen. Bargeld werde es auch in Zukunft geben. Die Bargeldquote werde sich allerdings in den nächsten 20 Jahren halbieren, weil die Transaktionen viel stärker als heute elektronisch abgewickelt würden.

Penzel glaubt allerdings, dass es den Euro in seiner heutigen Form im Jahr 2035 nicht mehr gibt. „Wir könnten einen Nord- und einen Süd-Euro bekommen.“ Denn die EZB sei auf Dauer überfordert, die Aufgaben der Politiker zu übernehmen und Defizite in der Fiskal- und Arbeitsmarktpolitik zu kompensieren.

Unabhängig von solchen möglichen ökonomischen Verwerfungen wird die Digitalisierung nach Penzels Einschätzung zu Umbrüchen in der Gesetzgebung führen. Bei künftigen Zahlmethoden, wo Beträge automatisch abgebucht werden, könnten die Verbraucher schnell den Überblick verlieren, weil die Preistransparenz verlorengeht: „Bezahlen die Menschen dann vielleicht für etwas zu viel, oder leben sie unter Umständen über ihre Verhältnisse?“ Hier stelle sich die Frage, ob der Gesetzgeber Kaufgeschäfte künftig reglementiert.

Die Digitalisierung macht vor der Versicherungswirtschaft nicht Halt.

Auch in der Versicherungswirtschaft werde es künftig weniger Akteure geben, sagt Penzel. Er verweist zugleich auf die Chancen für die Branche, die sich durch neue Angebote ergäben. Wie bei einem Autokonfigurator auf der Internetseite des Herstellers könnten die Kunden künftig unter Abermillionen Möglichkeiten eine individuelle Versicherung zusammenstellen. Ein weiterer Trend gehe zur eventgetriebenen Versicherung. Ein Skifahrer könnte zum Beispiel per App beim Kauf eines Skipasses oder sogar noch beim Ausstieg aus dem Lift gleichzeitig eine Versicherung abschließen. Außerdem werde es vermehrt kurzfristige Policen geben – etwa, wenn man ein Auto für ein paar Tage mietet.

„Wer die Kunden besser versteht, wird der Gewinner der Digitalisierung sein“, sagt Penzel. Eine entscheidende Rolle spielten die Daten, die jemand von sich preisgibt. Schon jetzt gibt es zum Beispiel Krankenversicherungen, die ihre Kunden für eine gesunde Lebensweise mit niedrigeren Beiträgen belohnen. Künftig würden die Prämien stärker als heute auf individuelle Risikoprofile abgestimmt.

In Taiwan hat der erste Humanoid-Roboter in einer Bankfiliale seine Arbeit aufgenommen. Hier im Video sehen Sie den neuen Mitarbeiter namens Pepper: 

Hier schließt sich der Kreis zu den Banken, die mit digitalen Schließfächern neue Geschäfte aufbauen könnten. Die Daten werden zur Währung des 21. Jahrhunderts. „Die Banken sind prädestiniert, zu Datentresoren zu werden“, erklärt Penzel. „Sie könnten darüber wachen, dass ich meine Daten nur zu bestimmten Zeiten und Konditionen weitergebe.“

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