Künstliche Intelligenz

Kommt ein Päckchen geflogen

Firmen testen Paketdrohnen und Lieferroboter. Für eine Revolution im Versandgeschäft könnte aber etwas ganz anderes sorgen.

Die Transportdrohne schwebt durch das Bergidyll und landet punktgenau auf der DHL-Paketstation. Per Aufzug taucht das Fluggerät mit dem Namen Paketokopter zu den Päckchen hinab, sammelt sie auf und bringt sie von Reit im Winkl auf die Winklmoosalm. Zwischen den beiden Orten im Chiemgau testete die Post-Tochter 2016 einen neuen Lieferservice, der ohne meschliches Zutun funktionierte. In dem Pilotversuch ist es der DHL nach eigenen Angaben als weltweit erstem Anbieter gelungen, Kunden direkt mit Paketen mit einem automatischen Fluggerät zu beliefern. Die Vision des Unternehmens: Die zunehmende Automatisierung des Liefergeschäfts – irgendwann sogar vielleicht mit intelligenten Robotern, die an der Haustür klingeln.

In Regensburg wuchtet Gerhard Ludwig (Name von der Redaktion geändert) ein Paket den vierten Stock hoch. Schnaufend läutet der Kurier an der Türe. Doch niemand öffnet. „Immer wenn der Kunde nicht da ist, geht es mit dem Paket wieder runter. Am nächsten Tag muss ich es wieder zustellen“, sagt Ludwig, der seit drei Jahren als Kurierfahrer arbeitet. Und das Geschäft brummt. Jeder zweite Bundesbürger kauft inzwischen im Internet ein. 44 Milliarden Euro Umsatz erzielte der Online-Handel im vergangenen Jahr. Dafür wurden rund drei Milliarden Pakete durchs Land chauffiert.

Immer wenn der Kunde nicht da ist, geht es mit dem Paket wieder runter. Am nächsten Tag muss ich es wieder zustellen. Gerhard Ludwig (Name von der Redaktion geändert)

Zwischen 180 und 200 Sendungen stellt ein Paketbote jeden Tag zu – in Einzelfällen bis zu 250. Anton Hirtreiter, Fachbereichsleiter Postdienste, Spedition und Logistik bei Verdi Bayern, sagt: „Das heißt Zustellung im Minutentakt“, erklärt er im Gespräch mit unserem Medienhaus. „Pakete bei DHL wiegen bis zu 31,5 Kilo.“ Manche sind nur so groß wie ein Ziegelstein. Andere zwei Meter lang“, erklärt Hirtreiter. Das ist Schwerstarbeit im wahrsten Sinne des Wortes – oft für eine mäßige Bezahlung. Das führt laut Hirtreiter zu einer hohen Fluktuation der Mitarbeiter. Viele Paketdienste hätten Schwierigkeiten, Personal zu finden. Angesichts des Booms im Paketgeschäft suchen die Unternehmen inzwischen händeringend nach Arbeitskräften. „Das ist für uns eine Herausforderung, wir haben zunehmend Nachwuchssorgen“, klagt Ingo Bertram vom Paketzusteller Hermes.

Er erinnert an R2/D2

Neben der Post-Tochter DHL arbeiten zahlreiche Branchenriesen an der Automatisierung der Zustellung. Hermes bleibt dabei auf dem Boden und erprobt einen fahrenden Roboter. Sechs Km/h schnell und auf sechs Rädern bewegt er sich über den Bürgersteig. Er sieht aus wie eine geschrumpfte Version von R2/D2, dem Androiden aus Star Wars. Unter einer Klappe transportiert er ein Paket zum Kunden. Treppensteigen schafft er allerdings nicht und zur eigenen Sicherheit wird er von einem Menschen begleitet. Noch.

Die Firma Starship, mit der Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will mit dem Roboter Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilo auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von einem Dollar pro Zustellung an. In Australien testete die Pizza-Kette Domino’s einen eigenen Lieferroboter, der dem Pizzaboten Konkurrenz macht. In Deutschland gibt es aber das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag noch nicht geregelt ist.

„Die nächste Generation von Robotern kann sehen, sich bewegen und auf ihr Umfeld reagieren“, heißt es in einer DHL-Zukunftsstudie. „Sie sollen künftig Seite an Seite mit Menschen arbeiten und Präzisionsaufgaben übernehmen.“ Auf ihrer Homepage bildet die Post-Tochter einen Roboter ab, der die Pose eines 100-Meter-Sprinters einnimmt und entfernt an die intelligenten Maschinen aus dem Hollywoodfilm „I, Robot“ erinnert. Diese Illustration erweckt Assoziationen zu einem automatischen Boten, der im Eiltempo unterwegs ist.

Mit schnellen Schritten in die Zukunft

Drohnen Und Paketzustellung 6
Noch eine Zukunftsvision: der Roboter, der sich wie ein Mensch bewegt. Foto: Fotolia

Unterdessen entwickelt Google Fluggeräte, die Waren an einem Seil herunterlassen können. Auch der weltgrößte Onlinehändler Amazon beschäftigt sich seit Jahren mit Paketdrohnen. Wenn man den Zukunftsvisionen von Versand- und Logistikunternehmen glaubt, müsste es bald auf den Gehsteigen von Lieferrobotern nur so wuseln, während uns die Paketdrohnen um die Ohren fliegen. Von der Alltagsrealität sind viele Projekte jedoch weit entfernt.

„In den nächsten Jahren rechnet das Luftamt Südbayern möglicherweise mit neuen einzelnen Projekten, aber nicht mit einem regelmäßigen Betrieb von Paketdrohnen“, erklärt Dr. Martin Nell, Pressesprecher der Regierung von Oberbayern. Im südbayerischen Raum, für den das Luftamt Südbayern an der Regierung von Oberbayern zuständig ist, kam es im vergangenen Jahr lediglich zu dem Projekt in Reit im Winkl, bei dem Drohnen Pakete zustellten. Im Rahmen dieses Versuchs wurde von Seiten des Bundesverkehrsministeriums ein temporäres Flugbeschränkungsgebiet für andere Luftraumnutzer eingerichtet. Derartige Projektanträge oder andere entsprechende Genehmigungsanträge liegen dem Luftamt derzeit nicht vor.

Die Invasion der Drohnen fällt aus

„Die neue Drohnen-Verordnung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur vereinfacht es nicht, die Nutzung von Paketdrohnen im Regelbetrieb durchzuführen“, sagt Nell. Auch nach der neuen Verordnung sei es weiterhin notwendig, Drohnen innerhalb der Sichtweite des Steuerers zu betreiben. Das heißt: Die Invasion der Paketdrohnen wird vorerst ausbleiben.

Manuel Lorenz, verkehrspolitischer Sprecher der IHK Regensburg, verweist auf die ungeklärte Gesetzeslage. „In der derzeitigen Konstellation können die Transportunternehmen keine Pakete im großen Stil ausliefern,“ sagt er mit Blick auf die Drohnen. Außerdem fragt Lorenz nach dem wirtschaftlichen Nutzen. Die aktuelle Technik ermögliche kein großes Kostensparpotenzial bei der Auslieferung. Anders sei das in den Logistikhallen, wo Automaten schon seit langem Lagerarbeiter verdrängen. „Mithilfe von Big Data fahren dort Wägelchen durch die Hallen und errechnen die nächste Abhol- und Bringstation“, erläutert Lorenz.

Verdi-Experte Hirtreiter sagt: „Die Digitalisierung wird große Auswirkungen bei der Paketzustellung haben.“ Doch nicht der Roboter werde die Arbeitswelt verändern, sondern der schnelle Informationsaustausch. „Die Kunden können rund um die Uhr bestellen. Künftig werden die Paketdienste 24 Stunden lang ausliefern. Das führt zu mehr Arbeit und einer höheren Belastung der Kuriere.“ Die Logistiksoftware gebe einen immer schnelleren Takt vor. Gleichzeitig entstehe der gläserne Mitarbeiter. Die Beschäftigten würden auf Schritt und Tritt überwacht.

Die Kunden können rund um die Uhr bestellen. Künftig werden die Paketdienste 24 Stunden lang ausliefern. Das führt zu mehr Arbeit und einer höheren Belastung der Kuriere. Anton Hirtreiter, Fachbereichsleiter Postdienste, Spedition und Logistik bei Verdi Bayern

Der Arbeiter im Lager bekommt eine Digitalbrille, erläutert Hirtreiter den aktuellen technischen Stand. „Die zeigt ihm, aus welchem Regal er ein Paket wohin sortieren soll. Das wird dann sofort digital gespeichert mit dem Hinweis, dass die Ware auf dem Weg ist. Sobald der Transporter losfährt, wird die Sendung lokalisiert.“ Bei einigen Lieferdiensten kann der Kunde dank dieser Technik per App fragen, wo sich das Paket befindet. Genauso kann er das Paket umleiten und an einen anderen Ort zustellen lassen. „Das hat natürlich nicht nur Auswirkungen auf die Kunden, sondern auch auf die Mitarbeiter.“

Hirtreiter sieht auch Chancen der Digitalisierung, etwa beim Einladen der Ware ins Auto. „Bereits heute hat der Zusteller Scanner, die ihm bei der richtigen Einsortierung der Pakete anhand der Fahrtroute helfen. Damit kann er seinen Job schneller machen.

Dass Roboter künftig Postboten ersetzen, glaubt der Gewerkschafter nicht. „Der Mensch ist billiger und schneller.“

In diesem Youtube-Video sehen Sie eine Paketdrohne in Aktion. Ihr Vorteil gegenüber dem Paketboten: Sie bewältigt auch unwegsames Gelände. 

Hirtreiters Einschätzung teilt auch IHK-Experte Lorenz. Das Problem sind die letzten Meter zum Kunden. „Angesichts der steigenden Rechner- und Sensorikleistungen kann man fahrende Zustellroboter demnächst wahrscheinlich im regulären Betrieb auf die Straße lassen. Aber eines schafft der Automat nicht: Päckchen in den Briefkasten werfen. Lorenz glaubt: „Wir sind deutlich näher am autonomen Fahren als an autonomen Zustellrobotern.“ Sind öffentlichkeitswirksame Aktionen mit Paketdrohnen und Lieferrobotern also nur PR-Gags? Lorenz sagt: „Alle Anbieter entwickeln auch deshalb Zukunftsvisionen, um das technisch Machbare aufzuzeigen. Ob es sich dann im Alltagsbetrieb durchsetzt, steht auf einem anderen Papier.“

Lorenz wagt eine Prognose: „Es gibt Alternativen zum Lieferroboter – etwa Rohrpostsysteme in den Städten, die künftig fester Bestandteil der Infrastruktur sein könnten. Oder den 3D-Druck, mit dem man sich irgendwann vieles, was es in Geschäften gibt, selbst ausdruckt: „Für zahlreiche Dinge bräuchte man dann überhaupt keinen Lieferdienst mehr.“

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