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Weihnachten

Ein Krippenplatz für Jesus

Ochs und Esel sind in der Bibel nicht zu finden. Und die erste Herberge des Gottessohns war auch kein heimeliger Stall. Aber die Vorstellung ist halt schön.

Klein und unbedeutend liegt das Dorf auf einer Terrasse in den Hügeln. Die Menschen leben bescheiden, verdienen sich als Bauern und Handwerker ihr tägliches Brot. Die einstöckigen Wohnhäuser stehen dicht nebeneinander am Hang. Auf der Rückseite nutzen Großfamilien natürliche oder in den Hang hinein gehauene Höhlen. Zu den einfachen Höfen gehören Zisternen, Silos, Getreide-, Öl- und Weinspeicher. Die Mädchen holen das Wasser von der weit entfernten Quelle und hüten das Vieh.

Hier sind eine junge Frau und ein Mann zu Hause, die noch nicht wissen, dass sich ihr Leben bald radikal verändern wird. Das kleine unbedeutende Dorf heißt Nazaret, ein paar Stunden Fußmarsch landeinwärts entfernt von Kafarnaum am See Gennesaret. Kafar oder kêfar bedeutet im Hebräischen „Dorf“. Die deutsche Umgangssprache hat sich das Wort ausgeliehen. 

Hier wird Jesus, der Sohn des jungen Paares, später einmal Wunder tun.

Eine Höhle, ein Felsvorsprung, ein strohgedecktes Dach bilden den Wohnraum der Familie. Ein Mann, eine Frau, eine Geburt – das ist zunächst eine unspektakuläre Geschichte. Doch in dieser Nacht, die in der Predigtsammlung „Speculum ecclesiae“ um 1170 erstmals als „wîhe naht“ bezeichnet wird, ist es anders. Viele Stunden hat die hochschwangere Frau auf einem Esel das Land durchquert, um mit ihrem Verlobten Joseph von Nazaret in Untergaliläa hinauf nach Judäa im Norden zu ziehen. Hier liegt das Städtchen Betlehem. Die Bibel erzählt, dass Joseph „aus dem Geschlechte Davids stammt“. Er muss sich bei der vom römischen Kaiser angeordneten Volkszählung in seiner Heimatstadt registrieren lassen. Betlehem ist die Stadt Davids – des Hirtenjungen, der 1000 Jahre zuvor nicht nur den Riesen Goliath aus dem Volk der Philister mit einer Steinschleuder besiegte, sondern als König auch das Volk Israel zur Größe seiner Macht führte. Er gehört als Vorfahr zum Stammbaum des Jungen, den die schwangere Maria unter ihrem Herzen trägt.

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“

Mit wenigen Worten berichtet Lukas in seinem Evangelium (Lk 2,6-7) davon, was bei der Ankunft geschah. Joseph gibt dem Kind den Namen Jesus, verrät Matthäus, der ansonsten im Evangelium aber herzlich wenig über die historischen Umstände der Geburt mitteilt.

Unbenannt

Wie aber passt das alles zu unserem Bild, das wir uns von Weihnachten machen? Der Stall, das Stroh, auf dem das nackte Kind gebettet liegt, Ochs und Esel – das ist keine fürstliche Unterkunft, aber das anheimelnde Ambiente unserer Krippenlandschaften, wie sie seit dem 13. Jahrhundert zuerst in Italien und dann quer durch die Lande liebevoll ausgeschmückt werden. Den Evangelisten ging es gar nicht darum, einfach zu beschreiben, was gewesen ist. Für sie ist die Geburt des Gottessohns Voraussetzung für theologische Aussagen, mit denen sie für die frohe Botschaft Jesu in den gerade entstehenden christlichen Gemeinden werben.

Dennoch wollten sich alle Generationen das wunderbare Geschehen dieser Geburt vor allem vorstellen können, sich ein konkretes Bild davon machen. So beschreibt Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert in einer der berühmtesten Legendensammlungen des europäischen Mittelalters schon detaillierter, was in jener Nacht geschah. „Als beide also nach Betlehem kamen, konnten sie – sowohl, weil sie arm waren, als auch, weil andere, die wegen derselben Sache gekommen waren, alle Unterkünfte belegt hatten – keine Unterkunft haben. Also kehrten sie in einem offenen Durchgang zwischen zwei Häusern ein, der ein Dach hatte.“ Der Renaissancemaler Hans Baldung Grien gibt diese „Einkehr“ inmitten der Stadt in seinem Bild „Geburt Christi“ von 1520, das in der Alten Pinakothek in München zu sehen ist, wieder. Auch sein Zeitgenosse Albrecht Dürer setzt die Szene immer wieder in städtische Ruinenarchitekturkulissen. Hierher kommen die Heiligen Drei Könige, die von Matthäus beschriebenen Sterndeuter, um dem neugeborenen König zu huldigen. Zur Idylle einer einsamen Hütte inmitten von Feldern mit Hirten und Schafen führt das aber auch nicht.

Keine Unterkunft. Also kehrten sie in einem offenen Durchgang zwischen zwei Häusern ein, der ein Dach hatte.

Vertrauter erscheint uns die spärliche Herberge, wie sie Caravaggio oder Rembrandt im 17. Jahrhundert in ihren Gemälden von der Anbetung der Hirten erahnen lassen. Nach Lukas waren die Hirten die ersten Menschen, denen die Botschaft von der Geburt des Erlösers verkündet wurde. Auch sie eilen, um das Kind zu finden, in die Stadt Betlehem. Doch die volkstümliche Überlieferung verbindet die Hirten nicht mit der Stadt, sondern mit der romantischen Idee von der Geburt im Stall.

Zwei Tiere sind aus den Darstellungen kaum wegzudenken.

An der Krippe stehen Ochs und Esel. Aber wie kommen sie dorthin? In der Bibel jedenfalls sind sie nicht zu finden –- aber wieder bei Jacobus de Voragine in der „Legenda aurea“. Er kennt sie aus einer Erzählung über das Leben und Wirken Jesu, die nicht in die Bibel aufgenommen wurde. Dort heißt es: „Am dritten Tag nach der Geburt des Herrn verließ Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe; Ochs und Esel huldigten ihm. Da ging in Erfüllung, was der Prophet Jesaja gesagt hatte: Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn (Jes 1,3).“ Hier nun erscheint das Bild, das nachhaltig in die Volksfrömmigkeit und die Kunst transportiert wurde.

„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“

Der Messias ist geboren, aber in selbst für ein Menschenkind einfachsten Verhältnissen. Er ist das Kind von Obdachlosen, das in einem Futtertrog liegt. Es sind die Hirten, die Armen, Menschen am Rande der Gesellschaft, die um seine Größe wissen. All das steht für die Botschaft des Gottessohnes. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“, heißt es zu Anfang des Johannesevangeliums. Diese neue Wirklichkeit Gottes in der Welt zu erfassen, fällt schwer. So ist es vor allem das Menschliche dieses Kindes, das Weihnachten so nahe bringt – der Gottessohn wird kleiner gedacht. Als Menschenkind ist er greifbarer.

In der Kunst beginnt schon in der Romanik eine ganz enge Beziehung zwischen Mutter und Kind, Maria kümmert sich liebevoll um den Säugling. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zieht der Alltag in die Weihnachtsbilder ein. Der Stall von Betlehem wird zur Wochenstube. Joseph bereitet mit der Hebamme für den Knaben ein Bad (Meister von Hohenfurth, um 1340-1350, Nationalgalerie Prag), er schürt das Feuer an, kocht Brei wie bei der „Geburt Christi“ von Konrad von Soest, 1404, auf dem Wildunger Altar, trocknet Windeln wie etwa bei Hieronymus Bosch (Detail aus dem Triptychon Epiphanie, Museo del Prado, Madrid) oder fertigt aus seinen Beinkleidern Windeln an (Tafel eines Turmretabels, Ende 14. Jahrhundert, Antwerpen).

Der Stall wird zu einem einfachen Zuhause eines kleinen Buben – Heiland und „herzliabs Kind“ zugleich, wie es im Tiroler Weihnachtslied „Es wird scho glei dumpa“ tröstend besungen wird: „Es ziern ja die Engerl die Liagarstatt aus. Mecht scheena need sei drin an König sei Haus.“

Entstehung dieser Geschichte

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Über den Text: 

Jedes Jahr erscheint in der Mittelbayerischen Zeitung eine Weihnachtsbeilage mit einem übergeordneten Thema. Wir haben in den Ausgaben der vergangenen Jahre geblättert. 2012 beschäftigten wir uns mit dem Thema "Herberge". Dieser Text ist ein Auszug daraus.

Die Autorin:

Religionswissenschaftlerin Dr. Maria Baumann ist seit 2016 Leiterin der Kunstsammlungen des Bistums Regensburg und damit des Domschatzmuseums sowie der Diözesanmuseen St. Ulrich und Obermünster.

Text: Dr. Maria Baumann, Illustration: Barbara Stefan, Fotos: Brix/dpa, Kästle/dpa, Kaiser/dpa

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