Demografie

Ostbayern altert

Die jungen Menschen ziehen in die Stadt, in den Dörfern gibt es oft nicht einmal mehr einen Metzger oder einen Bäcker. Doch einige Orte rüsten sich für die Zukunft.

Von den Volontären der Mittelbayerischen Zeitung

Die Region Ostbayern wächst. Regensburg boomt, doch die ländlichen, strukturschwachen Gebiete schrumpfen. Das sperrige Schlagwort dazu lautet „Demografischer Wandel“. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich eine Entwicklung, die jeden Bürger betrifft – wenn auch mit sehr unterschiedlichen Folgen.

Johanna Dollmann (66) wohnt im Eilsbrunn bei Sinzing (Lkr. Regensburg) - einer Gemeinde mit knapp 1200 Einwohner. Doch irgendwann in den nächsten zehn Jahren wird sie höchstwahrscheinlich nach Regensburg umziehen - dorthin wo sie heute schon täglich im eigenen Metzgersladen in der Wollwirkergasse hinter der Theke steht. In Zukunft soll sich nicht nur ihr Arbeitsplatz in der Domstadt befinden, sondern auch ihr Wohnort. Denn das Leben in einem Dorf im hohen Alter kann sie sich nicht vorstellen: „Sobald du das Auto abgibst, bist du da draußen verloren“, sagt sie. Und das, obwohl Eilsbrunn nur acht Kilometer von der Boomtown Ostbayerns entfernt liegt. 


„Sobald du das Auto abgibst, bist du da draußen verloren.“ Johanna Dollmann

Tobias Högerl kommt aus Rußmühle, einem kleinen Ort im Landkreis Cham, 8,5 Kilometer entfernt von Furth im Wald. Viele seiner Schulfreunde sind weggezogen. Die meisten von ihnen wohnen jetzt in Cham oder Regensburg, wo sie bereits studiert hatten. „Bei uns gibt es kein richtiges Dorf. Das sind nur ein paar verstreute Häuser“, sagt der 27-jährige Mauerer. Er und seine Frau Karin haben sich trotzdem ganz bewusst dafür entschieden, den einjährigen Sohn Tim in Rußmühle groß zu ziehen. „Wenn ich aufstehe und aus dem Fenster schau: weit und breit Natur.“ Für Tobias Högerl gibt es nichts Schöneres.

Zwei ganz persönliche Beispiele. Das Statistische Landesamt liefert Zahlen  für die ganze Region. Der Vergleich 2015 und 2035 zeigt die Entwicklung auf. 

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Der Durchschnitts-Bürger im Jahr 2015 im Landkreis Regensburg ist Anfang vierzig. Er teilt sich seine Region mit 189 400 anderen Menschen, geht vielleicht gerne ins Kino, macht regelmäßig Sport, liebt seine Familie. 1737 Babys kommen in diesem Jahr auf die Welt. Zeitsprung ins Jahr 2035: Der Landkreis Regensburg ist gewachsen – jetzt sind es 12 800 Menschen mehr. Aber in den Kreißsälen schreien 157 Neugeborene weniger. Der durchschnittliche Landkreisbewohner ist 46,4 Jahre alt. Noch stärker hat der demografische Wandel im Norden der Oberpfalz zugeschlagen: Im Landkreis Tirschenreuth ist der Durchschnittsbürger bereits knapp 50 Jahre alt. Innerhalb von zwanzig Jahren schrumpft die Zahl der Menschen dort um 7500. 

Wie wird sich das Leben in Ostbayern bis ins Jahr 2035 verändern? Eine Analyse der Zahlen zeigt: Frühere Prognosen waren noch dramatischer, aktuell ist der Trend gebremst. Gingen die Experten zunächst von einem Bevölkerungsrückgang von 3,7 Prozent aus, rechnen sie jetzt mit einem Plus von 1,6 Prozent. Es gibt Gewinner und Verlierer. Wie folgende Grafik zeigt, herrscht in der Oberpfalz ein Nord-Süd-Gefälle. 

Die Entwicklung der Einwohnerzahlen:

Was unternimmt die Politik, um die Folgen des demografischen Wandels abzufedern? Und was sagen die, die gerade ganz am Anfang ihres Arbeitslebens stehen? Im Moment konzentrieren sich die Maßnahmen zu sehr auf Senioren. Das sagen zumindest die 21-jährige Christina Fichtner, Sprecherin der Grünen Jugend Ostbayern, und Peter Strahl (30), Bezirksvorsitzender der Jusos Oberpfalz. Die Kelheimerin Melissa Goossens (28), stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Union, ist anderer Meinung: „Die Älteren werden immer mehr, deshalb ist es auch notwendig, für sie etwas zu machen“. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, appelliert Julia Haubner (29), dem Fachkräftemangel entschiedener zu begegnen. Die stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Freien Wähler sieht gute Anzeichen dafür in Neumarkt. „Die Unternehmen haben schon verstanden, dass sie gewährleisten müssen, dass sie Nachwuchs haben.“ Melissa Goossens blickt weit voraus. Für sie wird das größte Problem 2035 die Rente sein. „Die finanziellen Mittel sind knapp. Das beschäftigt mich schon auch persönlich“, sagt sie.

Rentensorgen plagen auch Tobias Högerl aus Rußmühle.  „Sogar als Lehrling habe ich im Betrieb auf eine angemessene Altersvorsorge gepocht“, sagt  der 27-Jährige. Gerade durch ältere Arbeitskollegen habe er gemerkt, wie brisant das Thema ist. Deswegen setzen sich seine Frau und er trotz ihres jungen Alters schon heute intensiv mit diesem Thema auseinander.

2031 müssen Arbeitsnehmer viel mehr Rentner finanzieren als heute: 

Christian Eisenried, Geschäftsführer der VdK Bezirksgeschäftsstelle Oberpfalz, hat eine klare Meinung zu fairen Renten: „Ohne die Erhebung eines Bundeszuschusses wird es nicht gehen.“ Der Sozialverband fordert unter anderem, die Absenkung des Rentenniveaus bei 48 Prozent zu stoppen und die Rente für Geringverdiener zu erhöhen. Auch Selbständige sollen in die Rentenversicherung einbezogen werden, damit der Finanztopf besser gefüllt ist.

Häufig sind es Existenzängste, die Menschen zum VdK treiben. Eisenried prognostiziert: Wegen des wachsenden Leistungsdrucks in der Arbeitswelt werde die Zahl der Frührentner steigen. Damit gibt es mehr Menschen, die nur eine Erwerbsminderungsrente beziehen. Das verschärft die Probleme. Nach seiner Einschätzung wird 2035 ein Viertel aller Rentner von Armut gefährdet sein. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. In vielen Städten haben die Rentner mit hohen Mieten zu kämpfen. Im ländlichen Raum sind dagegen die Mieten bezahlbar, die Renten aber oft niedriger, weil vorher oft weniger eingezahlt wurde. Den Negativrekord hält der Landkreis Cham: Frauen, die seit 2016 Rente beziehen, bekommen dort im Durchschnitt 462 Euro monatlich. In Regensburg sind es 568 Euro. 

Juso-Bezirkschef Peter Strahl steht kurz davor, als Anwalt ins Berufsleben einzutreten. Er macht sich Sorgen, dass Menschen in Zukunft schneller in die Altersarmut abrutschen. Ob man die Gesundheitsversorgung auf dem heutigen Niveau halten kann, bezweifelt er ebenso: „Ich hoffe, dass uns keine amerikanischen Verhältnisse drohen." Grünen-Politikerin Christina Fichtner befürchtet, dass es 2035 viel zu wenig Pfleger für zu viele Kranke geben wird. Die Studentin fordert, Pflegekräfte besser zu entlohnen.   

2002 gab es in der Oberpfalz 9000 stationäre Pflegeplätze, 2012 waren es schon 12 890, 2017 dann 13 768. „Im Jahr 2034 rechnen wir mit  17 000 Pflegeplätzen in stationären Einrichtungen“, sagt Bezirkstagspräsident Franz  Löffler. Pflegeheime sind für ihn aber nicht die einzige Option. Er setzt auf ambulante Pflege und betreutes Wohnen.

So alt sind die Menschen im Durchschnitt:

Landshut als einzige Ausnahme

Ein Gewinner des demografischen Wandels ist die Stadt Landshut. Während in den Prognosen für 2035 die Geburtenzahlen im Vergleich zu 2015 in Ostbayern teils deutlich sinken, werden hier mehr Babys zur Welt kommen. Oberbürgermeister Alexander Putz ist nicht überrascht. „Die Stadt Landshut bietet einfach sehr gute Rahmenbedingungen. Diese Entwicklung hat sich schon in den vergangenen Jahren abgezeichnet.“ Landshut profitiert von der eigenen starken Wirtschaftskraft, der Nähe zum boomenden München und dem Zuzug aus dem Ausland. In der Stadt herrscht nach seinen Worten „quasi Vollbeschäftigung“. Landshut wappnet sich. Die Stadt will in den kommenden Jahren drei neue Schulen bauen und in Kindergärten und Kindertagesstätten investieren.

Die Geburtenentwicklung:

Die bayerische Staatsregierung hat sich gleichwertige Lebensbedingungen in ganz Bayern zum Ziel gesetzt. Ein Baustein: Behörden oder Behördenteile werden von Ballungszentren wie München abzogen und in den ländlichen Raum verlagert. Die Oberpfalz profitiert elf Mal: Im Endausbau entstehen 374 Arbeitsplätze. Im IT-Servicezentrum der bayerischen Justiz in Amberg werden 64 Mitarbeiter beschäftigt sein.

Die Chefs der politischen Jugendorganisationen in Ostbayern haben eigene Ideen, wie sie die Landflucht stoppen können. Grünen-Politikerin Fichtner fordert  ein kostenloses ÖPNV-Ticket für unter 28-Jährige – als Anreiz für junge Menschen, aufs Land zu ziehen. „Die große Aufgabe wird es sein, außerhalb von Großstädten Zukunftsperspektiven zu schaffen“, sagt der Burglengenfelder Peter Strahl.Für den Juso-Bezirksvorsitzenden sind Studienmöglichkeiten vor Ort wichtig. Ein Beispiel dafür ist die Hochschule Deggendorf mit Zweigstelle in Cham. Julia Haubner (FW) genügt das nicht. In ihrem Heimatort Neumarkt mangele es auch an Diskotheken und Freizeitangeboten.

Für JU-Frau Goossens ist die Digitalisierung entscheidend. Home Office scheitere oft an der schlechten Internetverbindung.  Tobias Högerl kann das für seinen Heimatort Rußmühle bestätigen. Er ist froh, dass er als Mauerer nicht auf eine gute Internetanbindung angewiesen ist. „Das Netz bei uns ist oft überlastet, ausgebaut wurde noch gar nichts“, erklärt er. Vor allem am Abend, wenn alle zu Hause sind, sei das Internet extrem langsam. In den kommenden zwei Jahren soll es endlich auch in seinem kleinen Dorf eine Glasfaserleitung geben. Bis dahin muss sich seine Familie mit dem schlechten Netz zufrieden geben. 

„Bei uns gibt es kein richtiges Dorf. Das sind nur ein paar verstreute Häuser.“ Tobias Högerl

In der Region gibt es bereits viele Projekte, die dem demografischen Wandel entgegenwirken. Doch meistens stehen die Älteren im Vordergrund. In Waldthurn (Landkreis Neustadt/WN) entstand 2015 zum Beispiel auf Initiative der Bürger ein Dorfladen. Doch der hat es nicht leicht. Das Geschäft hat zwar 120 bis 150 Kunden, aber die geben nur durchschnittlich acht Euro pro Besuch aus. „Wir sagen den Leuten oft, es bringt nichts wenn sie bei uns nur das einkaufen, was sie woanders vergessen haben“, sagt Petra Reil, Geschäftsführerin des Ladens. „Es rentiert sich gerade so.“ 

Die Projekte sollen dem Wandel entgegenwirken:

Von Anna-Maria Ascherl, Julia Weidner, Lisa Pfeffer, Katharina Eichinger, Maximiliane Groß, Alexander Huber, Bernhard Neumayer, Daniel Geradtz, Michael Sperger

Unterstützt von: Inge Brunner, Christine Schröpf und Andrea Rieder

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