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Mit Laser und Sonar an der Steinernen Brücke

Erstmals untersucht eine finnische Spezialfirma das Regensburger Wahrzeichen – über und unter Wasser. Tausende Datenpunkte werden bald zu einem 3D-Modell.

Freitag, 11 Uhr, Donau. Der schmale Durchgang kommt immer näher. Das Boot wird langsamer, schaukelt hin und her. Mikael Sundqvist reißt am Steuerrad: Hin und Her, Hin und Her – nicht hektisch, aber doch resolut. Die Steinerne Brücke wirft fast schon bedrohlich ihren Schatten auf das kleine Boot. Sundqvist schiebt sich die Sonnenbrille auf den Kopf und hält das Inspektionsboot gerade. Dann manövriert er es in den zweiten Brückenbogen, von der Domseite aus gezählt, und fährt ganz dicht an dem Betonsockel vorbei.

  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 18
    Mikael Sundqvist von der finnischen Firma VRT hat das Boot im Griff. Foto: Lex
  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 19
    Ari Jääskeläinen behält stets seinen Monitor im Blick. Foto: Lex

Mikael Sundqvist wirft einen Blick auf seinen Kollegen Ari Jääskeläinen. Der sitzt neben ihm – quasi auf dem Beifahrersitz: nur eben links, denn zu Wasser steht der Skipper an Steuerbord. Also rechts. Jääskeläinen starrt konzentriert auf einen Monitor vor sich. Das Boot ist auf dem Bildschirm nur ein dicker, blauer Pfeil, der sich fast schnurgerade zwischen zwei ockerfarbenen Flächen hindurchbewegt. Die markanten Formen – quasi Ellipsen, die spitz zulaufen – würde jeder Regensburger sofort erkennen: die Fundamente der Pfeiler der Steinernen – wie das berühmte Bauwerk der Domstadt liebevoll genannt wird. Auf dem Bildschirm sammeln sich auf der einen Seite nun Punkte: gelbe, rote, blaue. Tausende schmiegen sich um die Form. Jääskeläinen sagt zu seinem Kollegen etwas auf Finnisch und nickt zufrieden. Die ersten Datenpunkte der Steinernen Brücke sind im Kasten. Doch bis es an diesem Freitag soweit war, haben Mikael Sundqvist, Ari Jääskeläinen und ihr Boot einen weiten Weg zurückgelegt.

Erstmals kommt die Spezialfirma

Was am Freitag noch aussieht, als habe sich jemand mit dem Bildbearbeitungsprogramm Paint die Zeit vertreiben wollen, wird in wenigen Monaten der Stadt helfen. Denn alle sechs Jahre müssen Brücken und ihre Bausubstanz einer Prüfung unterzogen werden. So verlangt es die Norm DIN 1076. Bisher wurde die Steinerne Brücke immer nur mit einem Echolot untersucht. Denn Tauchen ist hier fast unmöglich. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Erstmals ist die finnische Spezialfirma VRT vor Ort, die mit einem speziellen Verfahren ein komplettes 3D-Bild der Brücke – über wie unter Wasser – erstellt. Auf diesem, so hoffen die Verantwortlichen der Stadt, werden Spundwände und der Zustand der Pfeiler in nie dagewesener Qualität zu sehen sein.

Rückblick. 8.15 Uhr am Freitagmorgen, Bayernhafen, Westkai. Noch ist das Boot nicht in seinem Element. Das „Buster XXL Cabin“ steht auf einem Anhänger neben dem Hafenbecken. 6,60 Meter lang und 2,40 breit ist es laut Hersteller. Bis zu 175 PS darf der Außenbordmotor leisten. Eigentlich ist es als Freizeitboot konstruiert worden. Doch nicht nur das Wort „Survey“ (Untersuchung) macht deutlich, dass diese Variante, die den weiten Weg von Finnland bis nach Regensburg auf einem Hänger hinter einem großen VW-Geländewagen verbracht hat, nicht für Angelausflüge gedacht ist. Das blaue Sonar am Bug, das mit einem motorisierten Arm hinab ins Wasser gelassen werden kann. Der grüne Laserscanner auf dem Dach. Der große Zusatztank über dem Motor. Das alles macht mehr als deutlich, dass in diesem Boot viel Geld und Ingenieurarbeit stecken. Und im Inneren sieht es eher nach einem Computerlabor aus.

Sehen Sie hier ein Video von den Vorbereitungen am Freitagmorgen im Bayernhafen:

Der 45-Tonnen-Kran rückt an

Während Mikael Sundqvist und Ari Jääskeläinen auf dem Boot herumklettern und zwei Spanngurte befestigen, nähert sich von hinten ein gigantischer Kran. Ein Standortvorteil in Regensburg: Das Boot muss nicht über eine Rampe ins Wasser, einer der gigantischen Verladekräne kann es mal eben heben. „45 Tonnen“ ist auf dem großen Haken zu lesen, der plötzlich über dem Boot schwebt. Sundqvist hängt die beiden Gurte ein. Der Kranführer hoch oben dürfte von dem – aus seiner Sicht – winzigen Boot kaum etwas merken. Die beiden Finnen springen vom Boot, Sundqvist lässt die Hand in der Luft kreisen. Das Signal: Es kann losgehen. Kaum merklich spannen sich die Seile, dann schwebt das Spezialboot über dem Hafenbecken. Keine Minute später berührt es nach rund 350 Kilometern auf dem Land endlich wieder das kühle Nass, denn seinen letzten Einsatz hatte es in Frankfurt. Fast zärtlich hat es der große Kran ins Hafenbecken hinabgelassen. Nun kommen die Seile und Gurte weg. Ein paar letzte Vorbereitungen später tuckern Mikael Sundqvist, Ari Jääskeläinen und auch Andreas Plank aus dem Hafen heraus. Sundqvist wirft einen letzten Blick auf sein Handy – ein finnischer Seemann in Regensburg nutzt auch schon einmal kurz Google Maps zur Orientierung. Und schon geht es Richtung Altstadt.

Lange Sanierung

Die Steinerne Brücke in Regensburg wird noch 2017 fertig. Alle Details lesen Sie in diesem Text von MZ-Redakteurin Heike Haala.

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Instandsetzung

Seit 2014 wird die Steinerne Brücke – das Regensburger Wahrzeichen – saniert. Der Grund für die Arbeiten sind diverse Schäden an dem Bauwerk.

Bruckmandl

Am 24. Juli 2014 hatte die Stunde der Figur geschlagen, die historisch darauf achten sollte, ob der Dom schon fertig ist. 2017 soll das Bruckmandl zurückkehren.

Schäden

Laut Aussage der Stadt Regensburg sind die meisten Schäden an der Brücke durch die Verkehrsbelastung und die mangelhafte Entwässerung entstanden.

Party

Die Steinerne soll noch 2017 fertig werden. Ist die Baustelle aufgeräumt, soll es ein großes Fest auf der Brücke geben, mit dem die Stadt das Wahrzeichen feiern will.

Andreas Plank ist Assistent der Geschäftsleitung beim Bayernhafen. Er hat den Deal mit der Stadt eingefädelt, denn die Bayernhafen Gruppe ist Kooperationspartner von VRT für den deutschen Markt. Beide arbeiten schon seit Jahren zusammen. Begonnen hat die Zusammenarbeit schon vor Planks Zeit beim Bayernhafen. Den Grund für die Zusammenarbeit kennt er natürlich trotzdem. Zur Bayernhafen-Gruppe gehören rund 20 Kilometer Kaianlagen, erklärt er, die regelmäßig inspiziert werden müssen. In der Vergangenheit hätten diese Aufgabe Taucher erledigt – jedoch: „Es war teilweise sehr langsam und sehr schwierig, die Ergebnisse zu verarbeiten.“ Denn die Taucher konnten keine Bilder machen, weil das Wasser zu trüb ist. Sie verfassten also schriftliche Berichte – eine schlechte Grundlage für teure Sanierungen. 

  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 21
    Die Strömung ist Regensburg macht das Manövrieren schwer. Foto: Lex
  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 24
    Ari Jääskeläinen startet den Laserscanner für die Untersuchung. Foto: Lex
  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 3
    Das Spezialformat kam extra aus Finnland nach Regensburg - mit einem Zwischenstop in Frankfurt. Foto: Lex
  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 15
    Das Wahrzeichen der Stadt muss auch alle sechs Jahre untersucht werden. Foto: Lex
  • Untersuchung Steinerne Foto Lex 28
    Aus vielen Datenpunkten wird in wenigen Monaten ein 3D-Bild der Brücke. Foto: Lex

Also suchte der Bayernhafen nach einem bildgebenden Verfahren und wurde in Finnland fündig. „Die Qualität der Bilder war besser als bei allen anderen. Auch auf dem deutschen Markt gab es nichts Vergleichbares.“ Der Schritt vom Kunden zum Kooperationspartner war dann schnell gemacht: Schließlich hat der Bayernhafen die Kontakte zu den Leuten in Deutschland, die so ein Verfahren brauchen könnten – und auch die Sprachbarriere fällt weg. Seither helfen Plank und seine Kollegen VRT als Vertriebspartner in Deutschland – und verdienen mit. Zwei Brücken in Frankfurt wurden bereits untersucht. Die Untersuchung der Steinernen Brücke – und auch des Eisernen Stegs – ist der erste Auftrag für die Stadt Regensburg. Danach geht es weiter nach Hamburg.

9.30 Uhr, Steinerne Brücke. Das finnische Duo ist mittlerweile vor der Brücke angekommen. Jetzt müssen die empfindlichen Instrumente kalibriert werden. Ari Jääskeläinen lässt eine Sonde hinab, die Wassertemperatur und Strömungsgeschwindigkeit misst. Dann senkt sich der blaue Kasten am Bug langsam ins Wasser. Das Multibeam-Sonar taucht ins Wasser ein, das Schiff wird merklich anfälliger für die Gewalt des Wassers. Dann legt die finnische Crew los. Immer und immer wieder fahren sie langsam durch einen der Brückenbögen: mal links und mal rechts an den rund 900 Jahre alten Pfeilern vorbei.

„Ein Tag im Feld entspricht drei Tagen im Büro.“ Mikael Sundqvist, VRT

Streifenweise müssen sie vorgehen, Tausende von Datenpunkten sammeln. Das Sonar sendet dabei unter Wasser – grob gesagt – Schallwellen aus und misst die Laufzeit. Daraus wird dann ein Bild. Dann klettert Jääskeläinen auf das Dach und aktiviert den Laserscanner, mit dem alles oberhalb der Wasseroberfläche vermessen wird – und das Spiel beginnt von vorne. „Ein Tag im Feld entspricht drei Tagen im Büro“, wird Mikael Sundqvist später erklären. Denn das Herzstück des Unternehmens ist nicht die Technik an Bord, sondern die Software, die der Stadt Regensburg in wenigen Monaten detaillierte 3D-Bilder der beiden Brücken liefern wird.

Diese Bilder landen dann bei Gregor Walter auf dem Schreibtisch. Er leitet die Abteilung Brücken- und Ingenieurbau in Regensburg und hat diese Untersuchung in Auftrag gegeben. Er sagt, die alte Technik habe lediglich zeigen können, wie die Oberfläche des Flussbettes aussieht: „Diese Technik kann jetzt 3D-Bilder anfertigen, wie unser Bauwerk im Flussbett steht.“ Auf diesen könne man dann Schäden erkennen – die Walter natürlich hofft, nicht zu finden.

Im Interview erklärt Gregor Walter, der bei der Stadt Regensburg die Abteilung Brückenbau leitet, warum an der Steinernen Brücke keine Taucher arbeiten können:

"When Details Matter"

12 Uhr, Anlegestelle vor der Wurstkuchl. Die ersten „Lines“ sind abgefahren. So nennt es Sundqvist, wenn er auf Englisch erklären soll, was sie tun. Doch der Tag ist für die Männer von VRT noch lange nicht vorbei. „When Details Matter“ lautet der Slogan ihres Unternehmens: Wenn es auf die Details ankommt. Und diesem wollen sie schließlich gerecht werden. Also werden sie noch etliche Male vorsichtig und langsam unter der Steinernen Brücke hindurchfahren, drehen – und wieder zurück. Bis sie genug blaue, gelbe und rote Punkte haben, mit denen sie im Gepäck zurück nach Finnland fliegen können.

  • Bridge Concrete
    Solche Bilder (hier Beispiele anderer VRT-Projekte) wird es von der Steinernen Brücke bald auch geben. Foto: VRT
  • Bridge Log
    Solche Bilder (hier Beispiele anderer VRT-Projekte) wird es von der Steinernen Brücke bald auch geben. Foto: VRT
  • Bridge Piles
    Solche Bilder (hier Beispiele anderer VRT-Projekte) wird es von der Steinernen Brücke bald auch geben. Foto: VRT
  • Bridge Stone
    Solche Bilder (hier Beispiele anderer VRT-Projekte) wird es von der Steinernen Brücke bald auch geben. Foto: VRT
  • Bridge Unfinished Construction Work
    Solche Bilder (hier Beispiele anderer VRT-Projekte) wird es von der Steinernen Brücke bald auch geben. Foto: VRT

Doch nicht nur ihren Auftraggeber haben sie heute offensichtlich glücklich gemacht – auch einen wissenschaftlicher Besucher. Prof. Dr. Mathias Müller lehrt an der OTH Regensburg Wasserbau und Geografische Informationssysteme und war als Gast an diesem Freitag auch kurz dabei. Er sieht für die besondere Technik des finnischen Unternehmens viele Anwendungsmöglichkeiten. „Es wäre ein riesiger Vorteil, wenn man einfach, kostengünstig und ohne Wasser abzulassen solche Anlagen untersuchen könnte“, sagt er im Hinblick zum Beispiel auf Röhrensysteme von Wasserkraftwerken, die unter hohem Druck stehen. Eine Kooperation zwischen VRT und OTH? Müller könnte sich das gut vorstellen: „Die haben die bildgebende Technik drauf und wir kämen vielleicht von der baupraktischen Seite – und wir könnten uns gut ergänzen.“

Im Videointerview erkärt Mikael Sundqvist von der finnischen Firma VRT, wie genau die Untersuchung lief und was das größte Problem war.

Text/Videos: Mario Geisenhanslüke

Fotos: Tino Lex

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