Reportagen

Henris ganz normale Rennen

Der U17-Radsportler Henri Uhlig tritt bei den Olympischen Jugendspielen gegen die europäische Elite an. Eine Trainingsrunde mit ihm und Bruder Oscar

Wie auf Schienen gleiten sie dahin, eng nebeneinander, hohe Trittfrequenz, mittleres Tempo. Ein paar Tage bevor es ernst wird, rollen Henri und Oscar Uhlig auf ihrer Trainingsrunde von der Walba über Matting nach Bad Abbach. Während sie ununterbrochen reden, haben sie den Blick auf die Straße geheftet. Kurze, routinierte Fingerzeige weisen auf Schlaglöcher hin, seitliches Winken auf ein Hindernis am Straßenrand. Profis erkennt man nicht nur an durchtrainierten Waden und an hoch gezogenen Socken, sondern auch an der spielerischen Leichtigkeit, mit der sie die Kurven nehmen. Und an der Lässigkeit, mit der sie auf hupende oder plötzlich ausparkende Autos reagieren. Wo der Freizeitsportler verbissen kämpft und schimpft, bleiben sie ganz gelassen. Gelegenheit zum Angriff gibt es in den Rennen genug.

In den nächsten beiden, die auf Henri warten, ganz besonders. Aber das blendet er aus.

Der beste deutsche U17-Fahrer

„Total normale Wettkämpfe“: Kein Grund, schon vorher durchzudrehen, denn die Entscheidung fällt eh erst im Sattel – das sagt er sich jetzt immer wieder vor. „Meine Taktik seit ich einmal nicht gut schlafen konnte, weil ich mir zu viel Druck gemacht habe“, erklärt er. Da wurde er dann Zweiter statt Erster… 

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    Bei der Deutschen Meisterschaft in Frankfurt/Oder holte Henri Uhlig auf der Bahn nicht nur drei Titel, sondern stellte auch einen fabelhaften Rekord über 2000 Meter auf. Foto: Birgit Uhlig
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    Dreimal Gold für Henri: Er gewann die 2000-Meter-Einerverfolgung und mit Leslie Lührs den Titel im Madison. Das rein bayerische Vierer-Team führte er zu Gold in der 3000-Meter Mannschaftsverfolgung. Foto: Birgit Uhlig

Zuletzt hat die Taktik ziemlich gut funktioniert: Henri Uhlig (Jahrgang 2001), dreifacher Deutscher Meister auf der Bahn und Fabel-Rekordhalter über 2000-Meter-Einerverfolgung, fuhr am Wochenende seinen 23. Saisonsieg ein. Er bestritt die meisten Rennen dieser Radsaison, egal ob auf der Straße oder der Bahn, so ausgeschlafen und fokussiert, dass er derzeit in der Bundessichtung führt. Das heißt, er ist der beste deutsche Fahrer in der U17. Und als solcher wird er nächste Woche bei den Europäischen Olympischen Sommerspielen (EYOF) im ungarischen Györ auf die internationale Konkurrenz treffen, zusammen mit zwei weiteren deutschen Jungs. 2005 stand da zum Beispiel ein John Degenkolb am Start und holte Silber auf der Straße. Henri erwähnt es beiläufig – so nebenbei, wie man die wirklich wichtigen Sachen erzählt.

„Papa, wo ist mein Team? Ich will Radprofi werden.“ Henri Uhlig

Klar, eine Medaille wäre schön. Im Straßenrennen (71,8 Kilometer/Donnerstag, 27. Juli, 16.30 Uhr) ist für ihn eine Platzierung unter den Top Ten auf alle Fälle drin, meint er. Beim Zeitfahren (10 Kilometer/Dienstag, 25. Juli, 16 Uhr) ist Henri Uhlig nicht ganz so optimistisch. Die Konkurrenz sei da ziemlich stark. „Und mir liegt es nicht so, gegen die Zeit – also gegen mich selbst – zu fahren.“ Teamleiter Josef Schüller bleibt mit seiner Vorhersage grundsätzlich zurückhaltend: „Eine Prognose über das Abschneiden abzugeben ist relativ schwer, da es in dieser Altersklasse keine internationalen Wettkämpfe gibt, die einen Vergleich zulassen. Die bisherigen Saisonleistungen lassen jedoch auf vordere Platzierungen hoffen.“

EYOF-Sommerspiele

  • Das European Youth Olympic Festival (EYOF) wurde 1991 vom früheren IOC-Präsidenten Jacques Rogge initiert. Ziel st es, die besten europäischen Jugendlichen an die Olympische Bewegung und den internationalen Spitzensports heranzuführen.
  • Die Jugendspiele werden vom Europäischen Olympischen Komitees organisiert, mit Eröffnungsfeier (Sonntag), Maskottchen, Olympischem Feuer.
  • Die Teilnehmer sind zwischen 13 und 17 Jahren alt und werden von den nationalen Sportverbänden nominiert.
  • In Györ (Westungarn) stehen zehn Disziplinen auf dem Programm: Basketball, Handball, Judo, Kanu, Leichtathletik, Radsport, Schwimmen, Tennis, Turnen, Volleyball.
  • Das Team Deutschland reist mit 96 Sportlerinnen und Sportlern an. Sie wurden von Kopf bis Fuß eingekleidet.
  • Im Radsport treten drei Mädchen und drei Jungen an, darunter Henri Uhlig. Er ist der einzige EYOF-Teilnehmer aus der Region.
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    Henri (l.) und Oscar Uhlig starten in dieser Saison nicht gemeinsam, weil der ein Jahr ältere Oscar (r.) bereits zu den Junioren gehört. Aber im Training sind sie ein Team. Foto: Brüssel
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    Wie ist es denn so, vom Papa gecoacht zu werden? Kurze Pause, Blickkontakt, Lächeln. Dann antworten Henri und Oscar unisono: „Wir kennen’s ja nicht anders.“ Foto: Brüssel

Auf ihrer 50-Kilometer-Runde legen die beiden Brüder aus Hagelstadt (Landkreis Regensburg) bei einer Eisdiele in Bad Abbach eine kurze Pause ein. Henri kuriert einen Husten aus, daher setzen sie sich in die Sonne. Langsam fahren und auf keinen Fall frieren, hat ihm Vater und Trainer Steffen Uhlig, Spitzname „Uhu“, mit auf den Weg gegeben. Wie ist es denn so, vom Papa gecoacht zu werden? Kurze Pause, Blickkontakt, Lächeln. Dann antworten Henri und Oscar unisono: „Wir kennen’s ja nicht anders.“

Keine freien Wochenenden

Man kann auch sagen: Sie wollten‘s ja nicht anders. „Papa, wo ist mein Team? Ich will Radprofi werden.“ Zehn Jahre war Henri alt, als er den Vater damit konfrontierte. Der eineinhalb Jahre ältere Bruder Oscar schloss sich dem Wunsch an. Und Steffen Uhlig, früher selbst Elite-Fahrer, baute unter dem Dach des RSC Kelheim eine vereinsübergreifende Trainingsgruppe für Kinder und Jugendliche auf. Seither starten sie während der Saison so gut wie jedes Wochenende bei ein oder zwei Rennen. Die Saison beginnt im Herbst – und endet im Herbst. Im Winter stehen Cross-Rennen auf dem Plan. Ein freies Wochenende kennen die Uhligs nur vom Hörensagen. Oder mit Fieber im Bett. Das letzte Jahr war besonders schwierig, da mussten sie sich oft zweiteilen. Oscar (Jahrgang 2000) fährt bereits bei den Junioren, deren Rennen nicht immer am gleichen Ort stattfinden wie die in der U17. Aber zwischendurch feiern sie dann auch mal Doppeltriumphe, wie kürzlich in Kempten und Strullendorf. Nächstes Jahr wird auch Henri zu den Junioren stoßen. Dann sind sie wieder nicht nur im Training ein Team.

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„Manchmal bin ich ganz gern allein", sagt Henri Uhlig selbstbewust. Foto: Brüssel

Vielleicht ist Henri ein bisschen mehr Einzelgänger als Oscar. Er sagt: „Manchmal bin ich ganz gern allein.“ Obwohl er sich schon freut, dass die Familie – nur die große Schwester Anna bleibt zu Hause – mit nach Györ kommt, macht er klar: Er würde sie nicht vermissen. Ohnehin wohnt er ja mit Michel Heßmann (RSV Unna 1968 e. V. /NRW) und Hannes Wilksch (RC Luckau/Brandenburg) im Olympischen Dorf und wird betreut vom Teamleiter Josef Schüller. Der entscheidet dann auch, wer in der Mannschaft das Zugpferd ist und wer die Wasserträger sind. „Ich halte mich an die taktische Vorgabe“, sagt Henri. Aber wenn es der Rennverlauf erlaubt, werde er auch für sich selbst fahren. Henri ist bekannt für klare Ansagen.

„Wenn man sich quält und keinen Erfolg hat, macht es keinen Spaß.“ Henri Uhlig

Diese Eigenständigkeit ist wohl auch der Schlüssel für seine Leistungen, die in einer Ausdauerdisziplin wie dem Radfahren viel mit mentaler Stärke, Selbstbewusstsein und einer gesunden Dosis Eigensinn zu tun haben. Mit den Krämpfen in den Waden ist man beim Schlussspurt schließlich auch allein. Aber Henri gibt auch zu: Am zweiten Juli-Wochenende in Köln bei der Deutschen Meisterschaft im Omnium – das ist ein Ausdauermehrkampf auf der Bahn –, als der Husten zäh in der Lunge hing und das Atmen schwer fiel, „da hätten ein paar aufbauende Worte vom Vater schon gutgetan“. Er wurde Sechster, was mit der Erkältung ein Erfolg war.

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Oscar Uhlig legt sich perfekt in die Kurve. Er liegt auf Platz 15 der U19-Rose-Rangliste. Da werden alle Straßenrennen gewertet. Sieben Siege hat er in dieser Saison bereits eingefahren. Foto Brüssel

Erfolg ist für Henri übrigens ein Schlüsselwort. „Wenn man sich quält und keinen Erfolg hat, macht es keinen Spaß“, sagt er. Oscar dagegen kämpft, hat Erfolg – und wenn nicht, trotzdem Freude an seinem Sport. Zufriedenheit mit der eigenen Leistung ist auch eine Charakterstärke. Sieben Saisonsiege hat Oscar 2017 bisher eingefahren, in der Rose-Rangliste der U19-Junioren rangiert er auf Platz 15.

„Manche meinen, wir bilden uns was drauf ein. Aber das stimmt nicht.“ Oscar Uhlig

Außerdem – man muss fast sagen nebenbei – absolvierte er den Mittleren Schulabschluss an der Realschule Obertraubling. Das hat Henri noch vor sich. Am schwarzen Brett der Schule und im Lehrerzimmer hängen die Artikel über die Uhlig-Brüder. „Manche meinen, wir bilden uns was drauf ein“, sagt Oscar. „Aber das stimmt nicht.“ Es sei einfach nur eine schöne Anerkennung für einen Aufwand, den kaum jemand wirklich einschätzen könne.

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Henri Uhlig mit gepacktem Koffer und dem Adler auf der Brust Foto: Anna Uhlig

Dann ist das Eis verputzt, Henri steht auf, streift sein Deutscher-Meister-Trikot glatt. Breite schwarz-rot-goldene Streifen zieren die Brust. Wo Ärmel und Hosenbeine verrutscht sind, schimmert weiße Haut neben dunkler – die typische Radlerbräune, die so intensiv nur Leute haben, denen es ernst mit dem Radsport ist. Rechts am Handgelenk baumelt ein Plastikband mit der Aufschrift „Gemeinsam gegen Doping“. Das hat er vor einem Jahr im Nationalkader bei einem Vortrag der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) bekommen. Links ein grünes Band, auf dem Verschluss sind Name, Anschrift, Telefonnummern, Allergien eingraviert. Handschuhe trägt er im Training nie. Die Abendsonne taucht die Landschaft in ein sanftgelbes Licht, als die Brüder wieder losfahren. Es ist warm, aber nicht schwül oder heiß. Eigentlich perfektes Radfahrwetter.

Regenwetter für den Techniker

Für die Rennen wünscht sich Henri aber lieber 20 Grad und Regen. „Weil wir technisch besser sind als die meisten anderen“, erklärt er. Das komme vom Crossfahren, da lerne man, sein Rad zu beherrschen. Oscar und Henri betreiben den Youtube-Kanal Cyclocross-Portal, in dem sie Tutorials veröffentliche, zum Beispiel wie man über ein Hindernis springt. „Im Winter üben wir oft stundenlang schnelle Kurven auf nasser Straße.“ Dafür braucht man übrigens dringend einen Bruder, der die gleiche Leidenschaft teilt.

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Obwohl es nur eine lockere Trainingseinheit war, kam unsere Autorin Angelika Sauerer ins Schwitzen. Henri und Oscar offensichtlich nicht. Foto: Brüssel

Text: Angelika Sauerer, MZ
Fotos: Christian Brüssel, Birgit & Anna Uhlig

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