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Syrien, Wegscheid, Passau – Regensburg

Die MZ schaut genau hin: Was erleben Flüchtlinge, Helfer, Anwohner? Was sind die Fakten?

Die Mittelbayerische Zeitung hat sich auf Spurensuche begeben: in Wegscheid, in Passau, in Regensburg und im Urwald der Daten und Fakten zum Thema. Herausgekommen ist eine multimediale Reportage von Philipp Froschhammer, Mario Geisenhanslüke, Bettina Griesbeck, Johannes Heil, Claudia Pollok, Andrea Rieder, Philipp Seitz und Jana Wolf in vier Kapiteln.

Von Grenzen und Nächstenliebe

Anlieger an der Grenze beklagen Müll und Umsatzeinbußen. Für die Flüchtlinge haben sie Verständnis – für die Politik nicht.

Mit beiden Händen zieht Werner Gell das Absperrband fest. Er wickelt es notdürftig um einen Leitpfosten am Straßenrand und einen Eisenstab. Das rot-weiß gestreifte Band grenzt den kleinen Westernsaloon von der Straße ab. Der Rentner hätte nie gedacht, dass es das einmal braucht. Vor 15 Jahren hat der 62-Jährige das frühere Polizeigebäude am deutsch-österreichischen Grenzübergang bei Wegscheid gekauft. Mit Country- und Tanzabenden holte der ehemalige Bankangestellte ein Stück amerikanische Kultur an die deutsch-österreichische Grenze. Im Saloon Oklahoma feierten, tranken und sangen die Westernfans. Doch seit einigen Wochen ist es ruhig – fast keine Gäste, keine Musik und Tanzabende mehr. Den ruhigen Grenzübergang, den der Rentner kannte, gibt es nicht mehr.

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    Das Ziel vor Augen: Flüchtlinge warten auf der österreichischen Seite des Grenzübergangs, um nach Deutschland einreisen zu dürfen. Foto: Seitz
  • Fluchtwege Kap 01 01
    Mit ihrem Hab und Gut marschieren die Flüchtlinge in Richtung Polizeibus. Die Ungewissheit ist zu spüren. Keiner der Flüchtlinge weiß, wie es weitergeht. Foto: Seitz
  • Fluchtwege Kap 01 02
    Rund um die Uhr sind Bundespolizisten an der deutsch-österreischen Grenze im Einsatz, um die Flüchtlinge geregelt über die Grenze zu geleiten. Foto: Seitz
  • Fluchtwege Kap 01 03
    Warten auf die Weiterreise: Flüchtlinge harren in der Nacht in einem Zelt an der österreichischen Seite der Grenze aus. Von Helfern werden sie mit Essen und Getränken verpflegt. Foto: Seitz

Nachdem der provisorische Zaun aufgebaut ist, setzt sich Gell auf die kleine Holzbank vor seinem Saloon. Er beobachtet, wie Flüchtlinge über die kleine Brücke gehen, die knapp 50 Meter von seiner Gaststätte entfernt ist. Die fünf Meter breite Brücke verbindet Deutschland mit Österreich, sie ist einer der Schlüsselpunkte auf der beschwerlichen Reise der Flüchtlinge.

 Wer in die Bundesrepublik will, muss an den Polizisten auf deutscher Seite vorbei, die den Grenzübergang rund um die Uhr bewachen. In Zweierreihen müssen sich die Flüchtlinge aufstellen und auf die Ansagen der Dolmetscher warten. Die deutschen Beamten zählen die Menschen genau ab. Pro Stunde dürfen nur 50 Flüchtlinge über die Grenze; wenn viele Kinder und Jugendliche dabei sind, werden Ausnahmen gemacht. 
Eine Gruppe setzt sich in Bewegung. Regungslos, erschöpft von den Strapazen und mit großen Reisetaschen überqueren sie den Länderübergang. Aus der Ferne erweckt es den Eindruck, als hätte eine Schulklasse gerade ihren Wandertag – doch hier mit Polizei-Eskorte. Ein Polizeiauto fährt voraus, mehrere Sicherheitskräfte begleiten die Flüchtlinge. Über einen kleinen Hügel geht es zum Reisebus der Bundespolizei, der hundert Meter von der Grenze entfernt auf die Neuankömmlinge wartet. 

Der Weg führt sie vorbei am Westernsaloon. Blickaustausch. Die Flüchtlinge schauen kurz zu Gell, er verfolgt unaufgeregt das Geschehen. Seit Wochen geht das schon so. Für Gell ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass hunderte Menschen an seinem Haus vorbeiziehen. Früher passierten nur hin und wieder Autofahrer die Grenze, vereinzelt kamen Flüchtlinge zu Fuß über die Brücke. Alles änderte sich, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang September die Grenze für Tausende Flüchtlingen öffnete, die in Budapest unter katastrophalen Bedingungen gestrandet waren. Der unscheinbare Grenzübergang Wegscheid geriet in ganz Deutschland in den Fokus - und sogar darüber hinaus. Gleich in den ersten Tagen kam eine gewaltige Zahl von Menschen an, die Einsatzkräfte auf beiden Seiten der kleinen Brücke waren zunehmend überfordert. 

Die Situation hat sich seitdem entspannt, berichtet Gell. Dennoch fährt er jeden Tag dreimal zu seiner Gaststätte, um nach dem Rechten zu sehen. Sein größtes Problem: der Müll. Weil sich nur auf österreichischer Seite drei Müllcontainer finden, auf deutscher Seite jedoch keine, verteilen die Flüchtlinge ihren Abfall oft rund um sein Anwesen. Er fürchtet, dass die Abfälle Ungeziefer anlocken.

"Man muss den Flüchtlingen einfach helfen"

Auf der anderen Seite von Gells Saloon liegt das Gebäude des Schäferhundevereins. Ein kleines Haus mit angrenzender Trainingswiese. Dem Vorsitzenden Siegfried Schätzl plagt das gleiche Problem. Auch er ist vom Müll nicht begeistert. Doch für die Menschen hat er vollstes Verständnis: „Wenn man in die Kinderaugen blickt, dann muss man einfach helfen.“ Die Möglichkeiten seien zwar begrenzt, doch der Verein stelle bei Bedarf seine Räume zur Verfügung. Schätzl wird nachdenklich und schüttelt den Kopf. „Das war früher ein ruhiger und stiller Ort. Jetzt ist das hier ein Zentrum der deutschen Politik.“

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Tatsächlich zeigt sich am Grenzübergang, welche Tragweiten politische Entscheidungen haben. Jede kleine Veränderung zeichnet sich zeitverzögert ab - und sei es ein Streik in 1600 Kilometer Entfernung. Als dieser Tage in Griechenland die Fähren still standen, kamen in Wegscheid deutlich weniger Flüchtlinge an. Denn die meisten von ihnen nutzen die „Westbalkanroute“, um über Griechenland und Österreich nach Deutschland zu reisen. 

Szenenwechsel. Auf österreichischer Seite, knapp 70 Meter von der Grenze entfernt, in der kleinen Ortschaft Hanging, steht das Rasthaus der Familie Scherer. Die geteerten Parkplätze sind von der Polizei abgesperrt, das Flüchtlingszelt stehen unmittelbar neben der kleinen Wirtschaft. „Ich fühle mich wie enteignet“, sagt Ulli Scherer, deren Sohn Mario das Gasthaus leitet. „Wir haben zwar offen, aber die Gäste bleiben aus.“ Eine Entschädigung für die fehlenden Einnahmen bekommt sie nicht. Sie habe Mitleid mit den Flüchtlingen, sagt Scherer, doch so könne es nicht weitergehen. 

Wieder hält ein Reisebus vor ihrer Gaststätte. Sie verkehren in unregelmäßigen Turnus zwischen der österreichisch-slowenischen Grenze und der Grenze nach Bayern. Mal dauert es 50 Minuten, mal fünf Stunden, bis der nächste kommt. Auf den Bussen sind Palmen, Wellen und Strand abgebildet. In den Bussen sitzen Flüchtlinge, die ihre Familien verlassen und eine Odyssee hinter sich haben. 

Der Großteil der Bürger in den Ortschaften auf beiden Seiten der Grenze bekommt vom täglichen Flüchtlingsstrom allerdings wenig mit. Sie sehen nur die Busse, die Einsatzwagen der Polizei und die Rettungsfahrzeuge, die mehrmals täglich durch ihre Dörfer fahren. Wegscheids Bürgermeister Josef Lamperstorfer sagt: „Nur einmal, ganz am Anfang, sind die Flüchtlinge durch das Dorf gegangen. Das war es aber auch schon.“ Die Flüchtlinge bekommen in seiner Kommune in einer Wartehalle im Industriegebiet ein kurzes Zwischenquartier, bevor sie zu ihren nächsten Zielen im ganzen Bundesgebiet weiterbefördert werden.

An den Stammtischen ist die Flüchtlingskrise dennoch ständig präsent. Es geht darum, welche Bilder von Wegscheid im Fernsehen zu sehen sind oder was die Zeitungen über den Ort schreiben. Von den Journalisten fühlen sich manche Bürger in ein schiefes Licht gerückt. Wegscheid sei ein Ort, in dem „der Geruch von Kühen und Mist in der Luft liegt“, beschrieb etwa der Kölner Stadtanzeiger den 5000-Einwohner-Markt nahe Passau. Das stinkt den Bürgern. Sie beklagen, die Reporter hätten nicht immer die Realität gezeigt. Von gestellten Bildern ist die Rede.

In einem Punkt sind sich Bürger auf beiden Seiten der Grenze ziemlich einig: EU, Deutschland, Österreich - alle hätten in der Asylpolitik versagt. Die Probleme seien lange genug bekannt gewesen. Franz Saxinger, der Bürgermeister des österreichischen Ortes Kollerschlag fordert, das nun geschlossen gehandelt wird, um den Menschen auf der Flucht zu helfen. So wie Saxinger denken viele.

  • Fluchtwege Kap 01 Bg 1
    In einem Wartezelt auf der österreichschen Seite der Grenze werden die ankommenden Flüchtlinge zunächst untergebracht. Dort erhalten sie Obst, Brot, Wasser und eine warme Suppe. Sobald die deutsche Bundespolizei bereit ist, einen neuen Schwung Flüchtlinge über die Grenze zu lassen, wird eine Gruppe von etwa 50 Leuten im vorderen Bereich des Zelts zusammengestellt. Foto: Seitz
  • Fluchtwege Kap 01 Bg 2
    Rund um die Uhr sind Bundespolizisten an der deutsch-österreischen Grenze im Einsatz, um die Flüchtlinge geregelt über die Grenze zu geleiten. Für Autos ist die Straße gesperrt. Passanten, Schaulustige, Helfer und Journalisten dürfen ungehindert passieren - solange sie die Arbeit der Polizei nicht beeinträchtigen. Foto: Seitz
  • Fluchtwege Kap 01 Bg 3
    Der 26-jährige Maik ist selbst erst vor zwei Monaten in Österreich angekommen. Der Flüchtling aus Syrien hilft seither ehrenamtlich als Dolmetscher mit. "Ich habe das selber miterlebt, deshalb muss ich meinen Leidensgenossen helfen. Außerdem kann ich Englisch und bin deshalb bestens als Dolmetscher geeingnet", sagt Maik. Er selbst möchte in Österreich bleiben, da er das Land in der kurzen Zeit seines Aufenthalts lieb gewonnen hat. Foto: Seitz
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    Mit ihrem gesamten Hab und gut beladen marschieren die Flüchtlinge in Richtung Polizeibus. Die meisten sind froh, nach der strapaziösen Reise in Deutschland angekommen zu sein. Doch die Ungewissheit ist zu spüren. Keiner der Flüchtlinge weiß, wie es weitergeht. Foto: Seitz
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    Bevor die Flüchtlinge in den Polizeibus steigen dürfen, werden sie zunächst von den Polizisten durchsucht. Wer einen Nagelknipser, ein Messer, eine Schere oder einen anderen spitzen Gegenstand mit sich führt, muss diesen abgeben. "Sicherheit geht vor", erklärt einer der Bundespolizisten. Foto: Seitz

Außen ruhig und innen traurig

In Passau kommen täglich Tausende Flüchtlinge an. Eine Frau aus Syrien schildert ihren Weg von Idlib bis nach Passau.

Still ist es an diesem Novembermorgen auf dem Gelände der Paul Hallen am Passauer Stadtrand. Während der Berufsverkehr die Straßen der Stadt füllt, ist das 7000 Quadratmeter große ehemalige Firmengelände, das als Aufnahmestation für Flüchtlinge genutzt wird, noch leer. Von den 4500 Menschen, die hier im Durchschnitt pro Tag das Areal passieren, keine Spur. Nur graue Lagerbauten im Nebel und leere Busse. In den Paul Hallen findet eine erste Versorgung der Ankommenden statt: Es gibt Essen, Sanitäter der Bundeswehr sind vor Ort, Ärzte stehen auf Abruf bereit. Beamte erfassen die Personalien.

  • Fluchtwege Kap 02 01
    Hena Martini ist mit ihrer Tochter und der kleinen Enkelin vor 20 Tagen aus Syrien geflohen. Ihr Ziel ist Norwegen, denn dort lebt Henas Sohn seit zwei Jahren. Foto: Jana Wolf
  • Fluchtwege Kap 02 02
    Raed Abouaskar (22) aus dem Libanon und Mohamad al Soufi (23) aus Syrien kommen in den Paul Hallen an. Zwei Stunden später müssen sie mit einer Sonderzug wieder abreisen. Das Ziel: ungewiss. Foto: Jana Wolf

Der Schlagbaum an der Einfahrt öffnet sich: ein Bus rollt ein, vollbesetzt. Er parkt vor Halle 2, die Türen öffnen sich, Flüchtlinge steigen aus. Unter ihnen ist Hena Martini. Die 60-Jährige ist vor 20 Tagen mit ihrer Tochter und der kleinen Enkelin aus Syrien geflohen. Passau ist für sie nur eine Zwischenstation, ihr Ziel ist Norwegen. Dort lebt seit zwei Jahren Henas Sohn. Nachdem sich die Lage in Syrien immer weiter zuspitzte, beschlossen auch die Frauen, das Land zu verlassen. „There is no more Syria“ – „Es gibt kein Syrien mehr“, wird Hena später über ihre Heimat sagen. Zwei alleinreisende, junge Männer, Raed Abouaskar (22) aus dem Libanon und Mohamad al Soufi (23) aus Syrien, haben sich der Familie angeschlossen. Die beiden wollen weiter ins Ruhrgebiet, wo sie Verwandte haben. Die Ungewissheit und Strapazen auf der Reise hat die Wahl-Familie auf Zeit zusammengebracht. 

Mit 50 anderen Flüchtlingen betreten Hena und ihre Begleiter die große leere Halle, in der Hunderte olivgrüne Feldbetten aufgereiht sind. Am Eingang warten zwei freundlich lächelnde Bundespolizisten mit Armbändern aus Papier. Sie notieren auf den Bändern die Ankunftszeit und binden sie um Handgelenke. Hena reiht sich ein, zieht den Ärmel ihrer dunkelgrünen Strickjacke zurück und lässt sich bereitwillig ein Band umbinden. Dieses Verfahren soll für Fairness sorgen: Diejenigen, die am längsten warten, sollen später als erste weiterziehen dürfen. Doch denn Sinn dahinter verstehen nur die Flüchtlinge, die Deutsch oder Englisch sprechen. Hena hat Glück, denn ihre Englischkenntnisse sind gut genug. Hinter den Beamten empfangen zwei Studentinnen, die ehrenamtlich im Dienst sind, die Flüchtlinge und geben Essenspakete mit Toast, Äpfeln und Capri-Sonne in weißen Plastiktüten aus. Auch hier wird auf dem Armband vermerkt, wer schon versorgt wurde. Hena lacht herzlich: „Germany is very good.“ – „Deutschland ist sehr gut.“ Der geordnete Ablauf gefällt ihr. 

Die Flüchtlinge breiten sich in der Halle aus, setzen oder legen sich auf die bereitstehenden Feldbetten. Sie füllen den hohen weiten Lagerraum mit Gesprächen, junge Männer lachen, hier und da hört man ein Kind schreien. Hena legt die wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich trägt – ein dunkelblauer Mantel, ein abgetragener Rucksack, das Kuscheltier der Enkelin – auf dem Boden ab. Neben ihr beginnen andere Flüchtlinge, hungrig ihr Frühstück auszupacken. 

Es ist der erste Moment seit Stunden der Unruhe und Ungewissheit, an dem die 60-jährige Hena durchatmen kann. Aus ihrer Heimatstadt Idlib im Norden Syriens kam sie über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Bosnien schließlich nach Österreich. „Last night we slept outside, in the dark, very very cold“, erzählt Hena: Letzte Nacht haben wir im Freien geschlafen, es war dunkel und sehr sehr kalt. Ihre Gesichtszüge verdunkeln sich: Sie sinkt in sich zusammen und beginnt zu weinen. Ihre Tochter erträgt den Anblick der weinenden Mutter nicht: Sie zieht ihr Kopftuch ins Gesicht und läuft davon – mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm. Unter Tränen erzählt Hena, dass sie in ihrer Heimat als Pathologin gearbeitet hat, und ihre Familie eine gut laufende Molkerei betrieb. Jeden Tag hätten sie literweise Milch ausgeliefert. „And now“ – „Und jetzt?“, fragt sie und deutet auf das klapprige Feldbett, auf dem ihre letzten Habseligkeiten liegen.

Zu Spitzenzeiten waren es bis zu 8000 Menschen, die täglich die Paul Hallen passiert haben. Einmal im Oktober waren es sogar 8247 Menschen. Derzeit ist die Lage in Passau auch deshalb besonders ruhig, da im Durchreiseland Griechenland die Fähren bestreikt werden. Sobald der Streik beendet ist, könnten die Zahlen in Passau wieder steigen. Doch der Ablauf der ersten Aufnahme und Erfassung der Flüchtlinge habe sich gut eingespielt, sagt Thomas Schweikl, Pressesprecher der Bundespolizei Freyung. Das oft erwähnte „Flüchtlingschaos“ in Passau kann der Sprecher nicht bestätigen:

Dies sieht auch der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper so. „Der Eindruck war schon immer falsch, dass hier Chaos herrscht. Ich habe das Gefühl, dass manche auch Lust hatten, das Chaos herbeizureden.“ Auch zu den angespanntesten Zeiten sei das öffentliche Leben in der Dreiflüssestadt in keinster Weise beeinträchtigt gewesen, sagt der Oberbürgermeister.

Auch Franz Meyer, Landrat des Landkreises Passau, will nicht von einem Chaos sprechen. Dennoch mahnt er: „Es ist eine riesige Herausforderung, die wir hier in der Region zu bewältigen haben“. Vor allem lobt Meyer das Engagement der ehrenamtlichen Helfer: „Die Solidarität im Landkreis ist sehr groß“, sagt er, fordert hier aber auch eine Entlastung: „Es gibt auch Grenzen, deshalb sage ich sehr deutlich, dass man das Ehrenamt auch nicht überfordern kann.“

Die Helfer und Beamten haben in der aktuellen Situation längst Routine. Das gilt auch für Werner Lang. Er ist bei der Stadt Passau federführend für die Koordination der ehrenamtlichen Helfer zuständig. Der 54-Jährige beschreibt mit unaufgeregten Worten die Lage: „Passau wird nicht mit Flüchtlingen überschwemmt, wie es manchmal heißt“, sagt er. Dass die Aufnahme der Flüchtlinge so geordnet ablaufe, sei auch der engagierten Arbeit der ehrenamtlichen Helfer zu verdanken.

Mit deren Koordination habe die Stadtverwaltung keine große Arbeit, denn die Freiwilligen organisieren sich mittlerweile eigenständig über die Facebook-Gruppen „Passau verbindet“ und „Hilfe für Geflüchtete Bahnhof Passau“

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Posted by Passau verbindet on Dienstag, 15. September 2015

Durch die zuverlässige Arbeit der Ehrenamtlichen und der Bundespolizei bekämen die Passauer in ihrem Alltag kaum etwas von den Tausenden Durchreisenden mit. „Der Alltag der Bevölkerung in Passau wird von den Flüchtlingen nicht beeinträchtigt“, stellt Lang fest.

Währenddessen warten Hena und ihre Familie in den Paul Hallen noch immer darauf, dass irgendetwas etwas passiert. Nach zwei Stunden Wartezeit kommt plötzlich Bewegung in die Halle. Draußen steht ein Mannschaftsbus der Bundespolizei bereit, er soll die Flüchtlinge zum Bahnhof bringen. Dort wartet schon ein Sonderzug, der sie zu Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) in anderen deutschen Städten bringt. Während in Passau nur die polizeiliche Ersterfassung stattfindet, werden die Flüchtlinge in den EAE registriert und damit das Asylverfahren eingeleitet. Und dann geht es ganz schnell: Taschen und Kuscheltiere werden wieder zusammengesucht, Kinder auf den Arm genommen. Die Halle leert sich wieder, der Bus vor der Tür füllt sich. 

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Am Bahnhof angekommen werden die Flüchtlinge in 50er-Gruppen zum Bahnsteig geführt. Hena reiht sich in die lange Schlange ein, die über Behelfsstege zum Bahngleis geführt werden. Erst hier wird sichtbar, dass die Flüchtlinge die ganze Zeit unter polizeilicher Aufsicht stehen. Zwei Polizisten flankieren die Gruppe. Sie haben den Auftrag, dass kein Flüchtling verloren gehen darf und alle in den Zug steigen müssen. 

Mit gesenktem Kopf geht Hena über den wackeligen Steg; dann dreht sie sich noch einmal um und winkt zurück. Und da ist wieder dieses strahlende Lachen in den müden Augen. Wohin der Sonderzug fährt, weiß von den weiterreisenden Flüchtlingen zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Selbst die Beamten, die hier für Ordnung sorgen, wissen es nicht.

Hoffen auf eine bessere Zukunft

Was bedeutet die Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, Helfer – und die Stadt? Eine multimediale Spurensuche.

Ein großes gelbes Haus. Nachts leuchtet hinter vielen der kleinen Fenster Licht. Tagsüber sieht man, wie Getränke auf der Fensterbank gelagert werden – oder Kleidung getrocknet wird. Das ist das Bild, das die meisten von der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Flüchtlinge in Regensburg haben. Das einzige Bild.

26 000 Asylbewerber wurden dort seit Inbetriebnahme im Dezember 2014 registriert, im Oktober waren es knapp 4000. Ein hoher Zaun und ein elektrisches Rolltor trennen das Leben in der Pionierkaserne vom restlichen Geschehen im Regensburger Osten. Doch was geht dort vor? Wie leben die Flüchtlinge? Was tun sie, wenn sie nicht gerade auf ihre Registrierung warten? Wer hilft – hauptberuflich und ehrenamtlich – in der Einrichtung? Aber auch: Was sagen die Menschen außerhalb der EAE? Wie ist die Stimmung in Regensburg? Andrea Rieder und Mario Geisenhanslüke haben die verschiedenen Menschen getroffen und begleitet, von denen für viele die EAE zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden ist. Eine multimediale Spurensuche in sieben Kapiteln.

I - Ein Flüchtling hofft auf eine Zukunft

Maher Al Khadra öffnet die Tür zu seinem Zimmer. Zwei Stockbetten, ein Einzelbett. Die Betten sind ordentlich gemacht. Das Fenster steht offen. Auf der Fensterbank stehen Wasserflaschen, ein Korb mit Lebensmitteln. Hier lebt er mit seinen beiden Söhnen, mit denen er vor rund zweieinhalb Monaten aus der syrischen Hauptstadt Damaskus geflohen ist. In die Türkei. Von dort in einem Boot nach Griechenland. Mazedonien. Serbien. Ungarn. Österreich. Schließlich Deutschland.

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Maher Al Khadra ist aus Syrien geflohen. Foto: Andrea Rieder

Im Videointerview erzählt Al Khadra, wie schwer die Trennung seiner Familie – seine Frau, seine Tochter und ein Sohn sind in Syrien geblieben – für ihn ist. Und er erzählt, welche Zukunft er sich für sein Heimatland und sich selbst wünscht:

Maher Al Khadra geht die Treppen seines Wohngebäudes hinunter. Aus der Tür hinaus, über den Hof, ins Verwaltungsgebäude hinein. Es ist Montag, Praxistag. Montag und Mittwoch ist Al Khadra den ganzen Tag in der Praxis, um zu übersetzen. Er spricht gutes Englisch. Die Bewohner kennen ihn. Auf dem Weg zu den Behandlungsräumen wird der Syrer immer wieder angesprochen. Maher Al Khadra antwortet – so knapp wie möglich, er muss in die Praxis.

II - Schutz von innen und außen

Der Mann in der dunkelblauen Uniform geht am Verwaltungsgebäude vorbei. Zwei kleine Kinder spielen dort mit überdimensionalen Tennisschlägern und einem Knautschball. Sie blicken auf und winken ihm. Drei Männer, die an einem kleinen, quadratischen Tisch sitzen und Wasserpfeife rauchen, nicken ihm zu. Der Mann in der Uniform geht weiter. Vor der alten Kasernenturnhalle biegt er nach links ab, verschwindet hinter den Bäumen. Der asphaltierte Weg ist hier zu Ende. Die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung verirren sich nicht hier her. Ein Bauzaun trennt diesen Bereich der Kaserne vom bewohnten Areal. Nur der Mann in der Uniform und seine Kollegen drehen hier tagtäglich ihre Runden. 24 Stunden lang. 365 Tage im Jahr. Das Gras ist entlang eines schmalen Pfads von ihren schweren Stiefeln niedergedrückt. 

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Mitarbeiter des SD Sicherheitsdienstes aus Neumarkt selbst dürfen nicht mit der Presse reden, zum Schutz der Asylbewerber. Die Menschen draußen sollen nicht zu viel über die Sicherheitsvorkehrungen erfahren. Die Oberaufsicht für die EAE in Regensburg hat indes Asiye Günaydin, die im Videointerview erklärt, warum für den Job keine Muskelprotze gesucht werden – und was die Erstaufnahmeeinrichtung mittlerweile auch für sie bedeutet.

Der Mann in der Uniform geht weiter das Kasernenareal ab. Plötzlich hält er inne. Das große Tor dort hinten, der frühere Hintereingang der Pionierkaserne, steht weit offen. Eigentlich sollte es geschlossen sein. Zwar ist die Erstaufnahmeeinrichtung kein Gefängnis, trotzdem gibt es nur einen Eingang, vorbei am Pförtner. Er schaut sich um – und entdeckt einen Bauarbeiter in seinem Bagger. „Alles ok“, sagt der Sicherheitsmann und geht weiter. 

III - Die Kinder wollen Deutsch lernen

Claudia Wiest zeigt auf das Bild mit der Katze. „Wo ist die Katze“, fragt sie ihre Schüler. Die Antwort kommt nach einigen Sekunden im Chor: „Die Katze ist vor dem Haus“. Vor, unter, hinter, auf. Heute stehen die Verhältniswörter auf dem Stundenplan. Eigentlich viel zu früh. Aber heute gehen einige der Kinder „auf Transfer“. Sie will ihnen die Verhältniswörter beibringen, bevor sie die Erstaufnahmeeinrichtung in Regensburg verlassen. Wer weiß, wie es mit dem Deutschunterricht in ihrer neuen Unterkunft weitergeht. Die Klasse in Regensburg ist ein Pilotprojekt. Wiest, Grundschullehrerin, wurde vom Schulamt für diese Halbtagsstelle angefragt.

Ob auch die männlichen Schüler sie im Unterricht als Frau respektieren, verrät Claudia Wiest im Video:

Die Stunde ist zu Ende. Eine 14-Jährige mit Kopftuch geht auf die Lehrerin zu und reicht ihr die Hand. „Danke“, sagt das Mädchen. Wiest antwortet: „Alles Gute.“ Die 14-Jährige gehört zu denen, die die EAE heute verlassen. Ihre Familie kommt nach Cham. C-H-A-M steht deshalb an der Tafel. Die Klasse hat die Aussprachen von „ch“ geübt: „CHam“ im Gegensatz zu „riCHtig“.

Ganz links in der ersten Reihe sitzt ein Junge und wartet, während seine Klassenkameraden ihre Mappen aufräumen und die Stühle auf die Tische stellen. Er starrt auf das Arbeitsblatt vor ihm. „Aus. Unterricht vorbei“, sagt Wiest zu ihm und fordert ihn mit einem Lächeln und viel Gestik auf, hinauszugehen. Für ihn hat die Zeit in Deutschland – und in der Erstaufnahmeeinrichtung – gerade erst begonnen. 

IV - Warten auf den gelben Pass

Ein Mann in den 40ern sitzt geduldig auf der hintersten Stuhlreihe. Er wartet auf seine Registrierung – wie 30 andere Menschen an diesem Nachmittag. Der größte Schwung ist schon vorüber. Bis zum Abend werden sich 145 Menschen an diesem Tag registriert haben. An zwei Schaltern nehmen die Mitarbeiter der Erstaufnahme die Personenangaben der Asylbewerber auf.

Der Mann in den 40ern wartet noch immer. Er durchläuft die Registrierung nicht zum ersten Mal, erzählt er in fließendem Deutsch. Schon einmal kam er als Flüchtling in die Bundesrepublik, hat elf Jahre hier gelebt. Seinen Namen möchte er nicht nennen. 2011 kehrte er in sein Heimatland, den Irak, zurück. Er dachte, die Situation hat sich gebessert. Er könnte dort wieder ein normales Leben führen. Jetzt sitzt er wieder in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Jetzt wartet auf zunächst auf seinen gelben Hausausweis. Später hofft er auf ein erfolgreiches Asylverfahren – und eine zweite Chance in Deutschland.

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    Das haben Kinder in der Kinderbetreuung der Erstaufnahmeeinrichtung in Regensburg gemalt. „I love Deutschland“ (Ich liebe Deutschland), ist zu lesen. Foto: Andrea Rieder
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    Um Flüchtlingskinder zu unterrichten, musste Claudia Wiest zunächst alle ihre Vorstellungen, wie Unterricht abläuft, über Bord werfen. Foto: Andrea Rieder
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    Dieser Mann kam mit seiner Frau und seinem kleinen Kind nach Deutschland und lebt derzeit in Regensburg. Foto: Rieder

V - Jeder muss zum Arzt

Im zweiten Stock steht die Mitarbeiterin des medizinischen Dienstes Abir Chehab in der Tür zur Praxis der EAE und diskutiert mit einem Bewohner. Auf Arabisch. Chehab ist im Libanon geboren und in Deutschland aufgewachsen. Auf Drängen einer Freundin hat sie sich auf die Stelle in der Erstaufnahmeeinrichtung beworben.

Vor den Arzträumen drängen sich Patienten. Frauen, Kinder, Männer. Sie haben sich angestellt. Ihre gelben Bewohnerkarten liegen auf dem Anmeldetresen im Empfangsraum. Chehab und ihre Kolleginnen sorgen dafür, dass jeder der Reihe nach drankommt. Deshalb hat sie eigentlich keine Zeit, so lange mit einer Person zu diskutieren. Aber sie kennt sein Problem.

Was die Arbeit mit Flüchtlingen mit ihr macht, sagt Abir Chehab im Video:

Abir Chehab diskutiert weiter mit dem Mann vor der Tür, schüttelt dabei den Kopf. Irgendwann geht er. „Was ist das Problem?“, fragt eine Kollegin. Chehab: „Er hat eine Zuweisung bekommen, will aber nicht weg aus Regensburg.“

VI - Das Warten mit Leben füllen

Peter Fox‘ Stimme tönt über den Hof der Kaserne: „Alles glänzt, so schön neu. Hey. Wenn’s dir nicht gefällt, mach neu.“ Und alle wissen: Die Leute von Campus Asyl sind da. Bewegung statt Langeweile ist jetzt angesagt. Auf dem Hof haben sich zwei kleine Teams gebildet. Sie wollen Fußball spielen. Anpfiff. Vier gegen vier – Mitglieder von Campus Asyl zusammen mit Flüchtlingen.

Im Video zeigt Sven Seeberg die Kleiderkammer in der EAE und seine Kolleginnen, die die Musikgruppe leiten, erzählen, was es mit „Mango, Mango“ auf sich hat:

Mohammad Al Masri steht vor dem Verwaltungsgebäude und beobachtet das Fußballspiel. Er beobachtet, wie seine Mitbewohner für wenige Stunden die Warterei und das Rumsitzen vergessen. Er spielt nicht mit. Aber er hat eine Botschaft an Deutschland, die er unbedingt los werden möchte: „Wir sind nicht gekommen, um zu schlafen und zu essen. Wir wollen arbeiten!“ 

Wie kann ich helfen?

Kleider- und Sachspenden

Die Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung wird von der Caritas in enger Zusammenarbeit mit CampusAsyl betrieben. Spenden nimmt CampusAsyl entgegen. Informationen über den aktuellen Bedarf gibt es unter www.campus-asyl.de. Derzeit wird ausschließlich Winterkleidung für Männer benötigt – am besten in kleineren Größen.

Geldspenden

Spenden für Flüchtlinge nehmen die Caritas, die Diakonie, das BRK, die Katholische Jugendfürsorge und die Organisation „Regensburg hilf“ an. Die Spendenkonten finden Sie auf der Homepage der Stadt Regensburg.
Sprachpatenschaften Die Koordinierungsstelle „Flüchtlinge und Asylsuchende“ vermittelt. 

Sprachpatenschaften 

Die Sprachpaten sollten über drei bis vier Monate für drei Einheiten pro Woche Zeit haben. Interessierte können sich per Mail an koordinierungsstelle@regensburg.de wenden.

Dolmetscherdienste 

Wer gut bis sehr gut eine oder mehrere Fremdsprachen spricht (zum Beispiel Arabisch, Persisch, Paschtu, Urdu oder auch Amarisch) kann sich mit der städtischen Integrationsstelle in Verbindung setzen. Informationen dazu gibt es hier.
Patenschaften Wer einen Flüchtling über längere Zeit im Alltag unterstützen möchte (Orientierungshilfe, Behördengänge, Ausflüge etc.), kann sich an Franz Dorner vom Amt für Jugend und Familie der Stadt wenden: dorner.franzl@regensburg.de, Tel.: 0941/5074510
Wohnraum Wer Wohnraum zur Verfügung stellen kann, kann sich schriftlich bei der Stadt Regensburg melden: regensburg-hilft@regensburg.de oder per Fax an 0941/5075109 

VII - Die EAE von außen

Angriffe mit Baseballschlägern und Brandanschläge auf Flüchtlingsheime in Magdeburg und Wiesmar, Brandstiftung in einer Unterkunft in Hessen, eine Neonazi-Gruppe, die in Franken einen Anschlag plant und vorher festgenommen wird: Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber in Regensburg ist es ruhig und friedlich – in beide Richtungen. Die Polizei stellt klar: Um die Erstaufnahmeeinrichtung herum ist es ruhig. Ein Wohngebiet grenzt sowieso nur im Süden an die Erstaufnahmeeinrichtung an. Und von dort gebe es keine Beschwerden, sagt Rudolf Forberger von der Polizeiinspektion Süd.

„Insgesamt ist die Bevölkerung in Regensburg unglaublich hilfsbereit, unglaublich offen und will sich um Flüchtlinge kümmern.“ Joachim Wolbergs, Oberbürgermeister Regensburg

Doch wie sehen Menschen von außen die Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung? Um die Erstaufnahmeeinrichtung herum ist es schwierig, Stimmen einzufangen. Doch eine Hotelbesitzerin ist bereit, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Sie kann grundsätzlich nur Positives berichten, klagt aber über Gästeschwund. Der Betriebsleiter der Regensburger Verkehrstriebe freut sich über mehr Fahrgäste. Und auch der Leiter der Leiter der EAE äußert sich. Alle Stimmen im Video:

Einen Gesamteindruck der Stimmung in der Stadt hat der Regensburger Oberbürgermeister. Im Videointerview berichtet Joachim Wolbergs von Schmähbriefen, aber auch von Hilfsbereitschaft – und er hat eine klare Botschaft:

Ein neues "zu Hause" in der Oberpfalz

Nach der Registrierung in der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung ist der Weg für die Flüchtlinge noch nicht beendet.

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Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Regensburg gibt es seit Dezember 2014. „Seitdem wurden rund 26 000 Flüchtlinge registriert“, sagt Markus Roth, Pressesprecher der Regierung der Oberpfalz. Davon wurden etwa 13 100 Asylbewerber nach dem Königsteiner-Schlüssel in andere Bundesländer verteilt. 2600 Asylbewerber blieben nach ihrer Registrierung erst einmal in der Erstaufnahmeeinrichtung – 3700 Flüchtlinge wurden direkt nach der Aufnahme ihrer Daten auf die Oberpfalz verteilt. Die Übrigen verließen den Regierungsbezirk, weil sie mit ihren Familien zusammengeführt wurden, noch minderjährig waren oder freiwillig wieder ausreisten.

Für die Landkreise in der Oberpfalz gibt es einen eigenen Verteilungsschlüssel für die Flüchtlinge:

Insgesamt sind in der Oberpfalz 10 000 Flüchtlinge (Stichtag 9. November) untergebracht – und zusätzlich rund 1100 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Stichtag 30. Oktober). „Die Zahlen schwanken täglich, deshalb können die Zahlen eines Stichtages von der allgemeinen Quote für die Oberpfalz abweichen“, sagt Roth. Das bedeute beispielsweise, dass zum 9. November der Landkreis Schwandorf überbelegt und der Landkreis Regensburg unterbelegt gewesen war. „Die Landkreise helfen sich gegenseitig, wenn es zu Überbelegungen kommt.“

Für den Landkreis Kelheim läuft die Verteilung der Flüchtlinge über die Erstaufnahmeeinrichtung Deggendorf. Im Landkreis Kelheim sind 73 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Stichtag 6. November) untergebracht. 175 Flüchtlinge leben in der Notunterkunft Dreifachturnhalle und 1446 Flüchtlinge (Stichtag 5. November) sind auf Häuser im gesamten Landkreis verteilt.

70 Prozent der Asylerstantragssteller 2015 sind Männer. Unter den 18- bis 25-jährigen Flüchtlingen sind es 80 Prozent. In der Oberpfalz sind es ebenfalls mehr Männer als Frauen:

In Deutschland gab es im Zeitraum von Januar bis einschließlich Oktober insgesamt 331 226 Erstanträge auf Asyl. Davon stellten die Syrer den größten Anteil:

Auch in der Erstaufnahmeeinrichtung Regensburg sind unter den Flüchtlingen seit Dezember 2014 hauptsächlich Syrer:

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Wegscheid Passau Regensburg Daten & Fakten
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