Trailrunning

Markus Mingo läuft immer weiter

15 Stunden die Woche, 150 Kilometer, 5000 Höhenmeter, das ist das Laufprogramm von Markus Mingo seit acht Jahren. Das Training zahlt sich aus. Der Wald ist seine zweite Heimat – mindestens.

Markus Mingo ist ein Kämpfer. Zertrümmertes Sprungbein, drei gerissene Bänder, mehrere Fleischwunden. „Das flickt der Arzt schon wieder zusammen“, sagt er. Ihn hat es schon schlimmer erwischt. Fleischwunden näht sein Schwiegervater, Allgemeinarzt, im eigenen Wohnzimmer. Nichts Besonderes. Links ein Stein, rechts ein Ast. Für jeden normalen Jogger wäre es eine Herausforderung unbeschadet anzukommen. Doch Mingo ist kein normaler Jogger. Er ist Trailrunner.

750 Meter nach oben: Auf den Haidstein führt ein schmaler Weg. Links und rechts Gestrüpp, auf dem Pfad Felsen, Wurzeln. Es ist kühl im Schatten der Bäume. Und still. Bis auf das leise Schnaufen von Markus Mingo. Er erreicht einen roten Pfeil an einer Buche, der nach links zeigt. Er markiert den Wanderweg. Mingo biegt rechts ab. Trailrunner ist der moderne Begriff für Geländeläufer. Mingos Heimat ist der Bayerwald, sein Weg der ohne Beschilderung. Er kennt alle Hügel und Pfade in der Gegend. Von Bad Kötzting aus führen Feldwege zu seinem Holzhaus mit roten Fenstern und roter Garage. Irgendwo ins Nirgendwo, wo Mingo wohnt, gerahmt von Wald.

Irgendwo ins Nirgendwo, wo Mingo wohnt, gerahmt von Wald.

Schwarz-gelb sind seine Lieblinge

Markus Mingo steht in seiner Garage, dunkle Laufklamotten. Schlaksige Figur, dennoch durchtrainiert. Das Regal überragt den 1,80 Meter Mann. Es reicht bis zur Decke, 20 Paar Laufschuhen darin. Rote, gelbe, blaue und schwarze. Schuhe verschleißen, acht Paar müssen im Jahr in etwa dran glauben. Mingo tastet mit seiner Hand über ein schwarzes Paar mit gelber Sohle – seine Lieblingsschuhe. Mit dem hat er schon zahlreiche Läufe rund um den Globus erlebt, und auch einige Stürze. Mingo ertastet das geriffelte Profil an der Sohle. Der Grip der Schuhe ist wichtig, gerade bergab. Verletzungsgefahr. Seine dunkelblonden Haare stehen einzeln recht unfrisiert in die Höhe. Er bindet die Schnürsenkel seiner Lieblingsschuhe und macht sich auf den Weg, fast jeder Trainingslauf startet direkt an der Haustür, sie ist das Tor zum Wald.

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Früher joggte er hier oft mit seiner Frau. Doch seit seine Kinder Paul und Emil in ihr Leben kamen, hält sie sich zurück. Es macht ihr nichts aus, dass ihr Mann oft nicht zu Hause ist. Zwei Rentner kommen Mingo entgegen. Er grüßt. Die kleine, ältere Frau winkt ihm zu und lächelt. Man kennt sich. Bis zu 15 Stunden die Woche, 150 Kilometer, 5000 Höhenmeter, das ist sein Pensum seit acht Jahren. Dazwischen die Wettkämpfe, vier bis fünf große über ein Wochenende, dazu viele kürzere. Wo andere in Ruhe Wandern, die Pflanzen und Tiere beobachten und die Landschaft in vollen Zügen genießen, heizt Mingo nach oben. Seine strammen Wadeln arbeiten, er läuft aufrecht, jeder Zentimeter seines Körpers angespannt. Er schwitzt nicht. Die Wanderer sehen ihn vorbeizischen, blöd angeschaut wird er nur selten. „Und wenn, dann sind es meistens Preißn“, sagt er.

Nicht für jeden Leistungssport

Markus Mingo ist im Wald schwer zu übersehen. Die Muskeln an seinen Wadeln auch. Trailrunning ist für ihn Leistungssport. Immer mehr Teilnehmer sehen die Läufe als Freizeitevent. Neben Ultratrails, teils über 100 Kilometer, gibt es 20 oder 30 Kilometer-Läufe. Nicht Mingos Spezialgebiet. Bei jedem Schritt auf die Berge ziehen sich die Muskeln an seinen Wadeln zusammen, spannen an. Seine Unterschenkel sind durchzogen von Adern. Matsch und Dreck klebt an den Beinen.

Mingo Wm

Auf dem Weg nach oben schont der 36-Jährige seine Kräfte. In einem langen Wettkampf geht er auch Teilstrecken. „Aber wirklich nur bei ganz schlimmen Steigungen“, sagt Mingo. Dabei ist „ganz schlimm“ Ansichtssache. Markus Mingo hat einen durchtrainierten Körper und eine hohe Schmerzgrenze. Beim Transalpine Run lief er 250 Kilometer über die Alpen – 15 000 Höhenmeter. Er wurde Dritter. Dieses Jahr tritt er wieder an. Gegen die Berge und Gletscher bei der Alpenüberquerung sind Steigungen im Bayerwald ein Klacks. Sein Schnaufen bleibt leise.

Markus Mingo Wintersport


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Bis ganz auf den Gipfel läuft Mingo heute nicht. Er kommt nicht einmal richtig ins Schwitzen. Auf dem höchsten Punkt gönnt er sich einen Rundblick über den Bayerwald. Täler, Dörfer, Städte. In der Nähe Kaitersberg, 1132 Meter, Hoher Bogen, 1079 Meter. In der Ferne der Große Arber, 1455 Meter. Die Natur ist der Grund, warum Markus Mingo Trailrunner geworden ist. Beim Laufen schaltet er ab. Er ist von Beruf Lehrer an der Realschule in Furth im Wald. Er organisiert dort einen Mountainbike-Kurs und läuft Benefizläufe gegen Schüler.

Im Training freut sich Markus Mingo auf Downhill. Kein Schnaufen, nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Bergab-Laufen ist für ihn Regeneration. Dennoch nicht ungefährlich. Prellungen, blaue Flecken und Schürfwunden gehören dazu, wenn er ungebremst nach unten rast. Sein linker Arm ist gezeichnet – aufgeschürft und blau. Bei der Weltmeisterschaft in Spanien ist Mingo gestürzt. Auf Kilometer zwölf von 86 – bergab. Der Arm war taub, Mingo dachte ans Abbrechen. Als drittbester Deutscher auf Platz 44 kam er ins Ziel.Vom „absoluten Karriere-Highlight“ spricht Mingo. Obwohl es sportlich nicht nach Plan lief. Top 20 im Einzel, vielleicht mit dem Team aufs Podest. Daraus wurde nichts. Die Kakteen am Wegrand, die wüstengleiche Strecke, die Zuschauer, die ihm zujubeln – wie bei der Tour de France. Seine Familie blieb zu Hause. Emil wurde noch gestillt, die Flugreise zu anstrengend.

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"Das flickt der Arzt schon wieder zusammen." Markus Mingo


Wenn Mingo bei einem Lauf an sein Limit geht und ins Schwitzen kommt, freut er sich auf seine Dusche. Ganz allein ist er dort nicht immer, sagt er. Seine Kinder genießen jede Sekunde mit ihrem Vater. Die strammen Beine wäscht der Läufer immer eiskalt, den Rest seines Körpers warm. Das dient der perfekten Regeneration. In seiner Dusche singt Mingo ein Kinderlied. „Auf der Mauer auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze.“ Seine beiden Söhne kommen dazu, stimmen ein.

Medaillen sind mehr als nur Metall

Bei jedem Lauf gibt es eine Medaille, für Topplätze Pokale. Längst kann er nicht mehr alle aufheben. Viele Medaillen hängt er im Ziel wartenden Kindern um den Hals. Eigentlich nur ein Stück Metall von vielen – sehr vielen. Wegschmeißen kommt für Mingo trotzdem nicht in Frage. In seinem Arbeitszimmer stehen Ordner voll mit Material für die Schule aufgereiht. Daneben bewahrt Markus Mingo in einem Regal Erinnerungen auf. Besuchern zeigt er das Zimmer nur selten. Eine hölzerne Bergspitze steht dort, daneben ein großer Glaspokal. Zeitungsartikel hängen an der Wand. Die Goldmedaille von den Deutschen Meisterschaften 2017 auf der Zugspitze baumelt an einem Band von der gerahmten Startnummer, die Bronzemedaille von der Berglauf WM 2016 daneben. Der Einlauf ins Ziel, das ist der entscheidende Moment. Die Zuschauer feuern Mingo an, wenn er als Erster die Ziellinie überquert, das Band im Zieleinlauf auseinanderreißt. Dann waren die Qualen nicht umsonst.

Wenn er als Erster die Ziellinie überquert, das Band im Zieleinlauf auseinanderreißt. Dann waren die Qualen nicht umsonst.

Sein Sohn Emil sitzt auf Mingos Schoß im Arbeitszimmer und hält die Medaille von 2016 in seinen Händen. Sein Vater lief für sie 42 Kilometer durch den slowenischen Triglav Nationalpark. Er trug die falschen Schuhe. Blasen, an den Fußsohlen. Dann verließ ihn die Kraft, ihm wurde schlecht, schwindelig, Markus Mingo stand kurz vor dem K. O., schleppte sich ins Ziel. Bronze für Deutschland. Emil beißt hinein, nuckelt an Bronze. Mingo wischt den Speichel von der Medaille ab und legt sie vorsichtig zurück. Zu den anderen ins Regal.

Der Autor

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Michael Sperger ist alles andere als unsportlich. Als Schiedsrichter muss er sich ständig fit halten. Bei einer "lockeren" Trainingsrunde mit Markus Mingo über zehn Kilometer kam er aber ordentlich ins Schnaufen. Jede noch so kleine Steigung auf dem Haidstein war für ihn eine Qual, während Mingo nicht mal schwitzte. Nach dem Lauf brauchte der Reporter erst mal dringend eine Dusche.

Fotos: Marco Felgenhauer und Miro Cerqueiro

Text: Michael Sperger

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Die Schuhe Trailrunning-Sport Erinnerungen Der Autor
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