Reportagen

Die Stadt wird immer heißer

Die Zahl der Hitzetage in den Innenstädten nimmt zu. Frischluftschneisen, Brunnen und Bäume sollen die Temperaturen senken.

Hochsommer in Regensburg. Das Thermometer zeigt bis zu 38 Grad. Auf dem Haidplatz, auf dem es drei Grad kühler ist als etwa auf dem Arnulfsplatz, flanieren trotzdem Spaziergänger. Ein riesiges Segel schützt Passanten vor der sengenden Sonne. In der Mitte des Platzes sprudelt der Justitiabrunnen, durstige Fußgänger bedienen sich daneben aus einem Wasserspender. Trotz der Hitze gibt es in den Freisitzen der Cafés und Restaurants kaum mehr einen freien Platz – dank des leichten Sprühnebels aus Befeuchtungssystemen ist es auch dort angenehm kühl. Wo das Segel nicht mehr hinreicht, beschatten drei japanische Schnurbäume den Platz. Die Fassade der Neuen Waag ist von Efeu überwachsen. Der Denkmalschutz hatte sich lange quergestellt, aber schließlich nachgegeben, denn auch das Grün an der Fassade kühlt den Platz ab.

So oder so ähnlich könnte der Haidplatz in einigen Jahren aussehen. Momentan gehört er an Sommertagen zu den heißesten Orten der Stadt und gleicht mehr einer Wüste als einer beliebten Flaniermeile. Und das immer öfter: Die Zahl der Hitzetage, an denen die Temperatur mindestens 30 Grad beträgt, steigt. „In den nächsten 30 bis 50 Jahren wird sie sich mindestens verdoppeln“, sagt Christian Jacoby, Professor an der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften der Universität der Bundeswehr in München.

So hat sich das Wetter in den vergangenen Jahren in Regensburg entwickelt: 

Auch in Mitteleuropa werden die Folgen des Klimawandels spürbar. Einen Vorgeschmack lieferte die große Hitzewelle im Jahr 2003. Wikipedia listet sie als eine der „opferreichsten Naturkatastrophen der letzten 40 Jahre“. Am stärksten betroffen war Frankreich. Auch in Deutschland wurden über 40 Grad gemessen, in Regensburg betrug die Höchsttemperatur 38,8 Grad. Bundesweit starben etwa 3500 Menschen, europaweit gehen Studien von 70 000 Toten aus. Solche extremen Hitzewellen gefährden vor allem sogenannte vulnerable Gruppen wie Senioren, Kranke und Kinder.

Die Stadt braucht frische Luft

Regensburg ist in Bayern die Stadt mit den meisten Hitzetagen. Grund genug, sich die Wetterverhältnisse im Stadtgebiet genauer anzusehen: Jacoby war maßgeblich an der groß angelegten und vom Bund geförderten Studie „Urbane Strategien zum Klimawandel – Kommunale Strategien und Potenziale“ beteiligt. Sie versucht, die Frage zu klären, wie die Stadt sich an die veränderten Hitzebedingungen anpassen kann.

Kühlung bringen vor allem drei Dinge: Frischluftschneisen, Begrünung und Wasser. In allen diesen Bereichen stehen die Experten im heißer werdenden Weltkulturerbe vor besonderen Herausforderungen: Die „Steinerne Stadt“ ist eng bebaut, und Konflikte mit dem Denkmalschutz drohen an jedem einzelnen Stein. Aber die Studie brachte auch Überraschendes zutage: Den größten Hitzestress haben nicht die steinernen Altstadtplätze, sondern Neubaugebiete am Stadtrand. Dort gibt es viele offene Flächen, die sich extrem aufheizen. Die dichte Bebauung der Altstadt ist hingegen ein Vorteil: Die Gebäude beschatten sich gegenseitig.

Die Grafik zeigt, wo die Wärmeinseln in einer Stadt liegen:

Urban Heat Island Celsius
Foto: Wikimedia Commons

Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass es auch in der Altstadt immer wärmer wird. Das Ziel, die Klimaerwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen, hält Professor Jacoby für unrealistisch. Experten rechnen mittlerweile eher mit drei bis fünf Grad. Dabei gibt es für die Altstadtbewohner noch ein größeres Problem als die Zunahme der Hitzetage: Die sogenannten Tropennächte, in denen es auch nachts nicht mehr unter 20 Grad abkühlt. Auch ihre Zahl nimmt stetig zu. Die Steinerne Stadt heizt sich also tagsüber auf, hat aber in der Nacht keine Chance, sich abzukühlen. Und auch lüften nützt in so einem Fall nichts. Frische Luft bringen nur Kaltluftbahnen: In der Stadt ist es im Mittel zwei bis drei Grad wärmer als im Umkreis, erklärt Jacoby. Zur kühlsten Zeit, etwa zwischen fünf und sechs Uhr morgens, kann der Unterschied sogar fünf bis sechs Grad ausmachen. In asiatischen Großstädten wurden sogar schon Temperaturunterschiede von neun Grad gemessen.

Regensburg profitiert in diesem Punkt von seiner Tallage: Von den Hochlagen fließt kalte Luft nach unten in die Stadt. „Man kann sich das tatsächlich wie einen Fluss vorstellen“, erklärt Jacoby. Der Fluss kühler Luft bahnt sich seinen Weg und umfließt Hindernisse, aber er kann auch auf Dämme stoßen: etwa querstehende Gebäude mitten in der Frischluftschneise. Auch die Autobahn ist ein Hindernis. Bei der Planung neuer Stadtviertel wird es daher immer wichtiger, der Kaltluft nicht den Weg abzuschneiden und die Klimaverhältnisse vor Ort genau zu untersuchen. Auch sollten ihr keine Industriegebiete im Weg stehen, denn so gelangen nur weitere Schadstoffe in die Innenstadt.

Das Video zeigt Ihnen, wie das Klima in der Stadt funktioniert:

Technologie für alte Gemäuer

Bei Wind gelangt normalerweise genügend kühle Luft in die Regensburger Altstadt. An windstillen Tagen hält sich der Abkühlungseffekt der Frischluftschneisen allerdings in Grenzen. Nachtschwärmer mögen die Tropennächte, an denen auf dem Bismarckplatz bis tief in die Nacht das Leben tobt, noch genießen. Temperaturen von über 30 Grad in den Dachgeschosswohnungen rauben dann aber vielen den Schlaf. Und gerade in den Städten werden die Dachböden wegen der zunehmenden Wohnungsknappheit immer weiter ausgebaut. „Ursprünglich waren das Speicherräume“, sagt Jacoby. Und die waren an zwei Seiten mit offenen Löchern versehen, die kühlten, aber beim Ausbau geschlossen werden mussten. Abhilfe schaffen Wärmetauscher oder Klimaanlagen – ein Teufelskreis, denn die forcieren durch ihren hohen Energieverbrauch im Gegenzug den Klimawandel.

Moderne Technologie kann Abhilfe schaffen. Hier kommen Smart Materials ins Spiel, intelligente Werkstoffe, die auf Umweltreize reagieren: Dazu gehören Fenster mit Temperaturfühlern, die sich bei einem definierten Temperaturgefälle automatisch öffnen. Zwischen vier und fünf Uhr morgens wäre laut Jacoby im Sommer meist ein guter Zeitpunkt zum Lüften. Das Problem: Öffnet sich nachts magisch das Fenster, zieht das womöglich Einbrecher an. Deshalb müssen erst bauliche Normen entwickelt werden, bevor solche Fenster marktreif sind. Bis dahin hilft gute Isolierung: Was vor Kälte schützt, hilft in dem Fall auch gegen Hitze.

In den unteren Etagen ist die Hitze in Altbauten dafür selten ein Problem: Die massiven Wände halten die Wärme draußen. Bei Neubauten macht dafür der Trend zu Glasfassaden Probleme. Kühlsysteme werden meist noch nicht standardmäßig eingebaut. Dabei gibt es entsprechende Technologien, die allerdings noch recht aufwendig sind: Große Wassertanks können als Kältespeicher dienen, erklärt Jacoby. Auch Geothermie kann Abhilfe schaffen: Eine Wärmepumpe, die im Winter als Heizung dient, kann im Sommer kühlen. Größere Erdtanks könnten so ganze Stadtviertel versorgen – eine durchaus klimafreundliche Variante.

Wasser kann auch heizen

Wasser kühlt auch an heißen Sommertagen ganz natürlich. Die Lage an der Donau müsste für Regensburg eigentlich ein großer Vorteil sein. Doch der Kühlungseffekt reicht nur 100 bis 150 Meter in die Stadt hinein, erklärt Professor Jacoby – zu wenig, um etwa den Haidplatz abzukühlen. Das erklärt, warum einer der heißesten Orte der Stadt nur etwa 200 Meter von der Donau entfernt liegt.

Dietrich Krätschell, Leiter des Regensburger Gartenamts, erklärt, wie die Stadt dem Klimawandel begegnen will:

Weitaus besser als große Flüsse kühlt Verdunstungskälte. Das zeigt, welche Rolle Brunnen in historischen Altstädten zukommt. Da in Regensburg verschiedene Ämter für verschiedene Brunnen zuständig sind, plant die Stadt ein einheitliches „Brunnenmanagement“. „Alle Brunnen sollen wieder laufen – und zwar so lange und so viel wie möglich“, erklärt Dietrich Krätschell, Landschaftsarchitekt und Leiter des Gartenamts. Geplant sind auch zusätzliche Wassersysteme wie Trinkwasserbrunnen, sagt Umweltamtsleiter Rudolf Gruber. Bei Hitzewellen spielen die öffentlich zugänglichen Wasserspender eine wichtige Rolle: Als Rom im Sommer 2017 unter einer Hitzewelle litt und ein Teil der über 2000 Brunnen der Stadt abgeschaltet werden sollte, schlugen Menschenrechtler Alarm. Nicht wenige Menschen, vor allem Obdachlose, sind auf das kostenlose und leicht zugängliche Trinkwasser angewiesen.

Aber der kühlende Effekt des Wassers kann sich bei Hitzewellen sogar ins Gegenteil verkehren. Dieses Ergebnis der Regensburger Studie überraschte sogar Jacoby. Während sich Beton schnell aufheizt, aber auch schnell wieder abkühlt, ist Wasser träge, was die Temperaturentwicklung angeht: Ist es über mehrere Tage heiß, erwärmt sich das Wasser und hält die Hitze. Im Extremfall wäre Wasser damit kontraproduktiv.

Kein guter Ort für Bäume

Bleibt das Grün. In der „Steinernen Stadt“ haben es Bäume nicht leicht. Zum einen sind die Wachstumsbedingungen nicht ideal, zum anderen gelten strenge Denkmalschutzbestimmungen. „Fast alle Standorte in der Innenstadt sind schwierig für Bäume“, sagt Hans Dietrich Krätschell, Leiter des Regensburger Gartenamts. Alle weisen Schadensmerkmale auf – was nicht unbedingt mit hoher Abgasbelastung zu tun hat. Vielmehr kommen Fehler bei der Pflanzung hinzu. Im Stadtboden befinden sich dazu überall Leitungen, die die Ausbreitung der Wurzeln einschränken. In der Folge leiden die Bäume oft an Nährstoffmangel. Dazu kommt eine Vielzahl von Regeln, die vorschreiben, wo Bäume überall gepflanzt werden dürfen: Sie könnten Rettungswege blockieren oder Veranstaltungen behindern. Und zu den 1000 Einzeldenkmälern müssen Abstände eingehalten werden, damit etwa die Sicht auf historische Sehenswürdigkeiten nicht eingeschränkt wird. 

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Der "Bosco Verticale" in Mailand: Hier wurde ein ganzer Hochhauskomplex begrünt. (Foto: Heinrich)

Aber es tut sich was in Regensburg – die Steinerne Stadt ist nicht mehr unantastbar. Krätschell spricht sogar von einer „kleinen Revolution“, die in den letzten Jahren stattgefunden habe. Jeder kann aktiv mithelfen, die Innenstadt ein bisschen grüner zu machen. Ein Trend geht zum „Urban Gardening“: Öffentlich zugängliche kleine Gärten inmitten der Stadt dienen als Oasen der Ruhe und ermöglichen Stadtbewohnern, eigenes Gemüse anzupflanzen. Die Mitglieder der „Transition Town“-Bewegung, die sich für einen nachhaltigen Lebensstil einsetzt, nutzen dafür sogar eine Stelle auf dem Prüfeninger Autobahn-Tunnel. Neben einem „Garten für Alle“ in Stadtamhof betreiben ihre Mitglieder kleine Gärten in der Gesandtenstraße und beim Alten Rathaus.

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    Die Stadt Nürnberg hat hängende Gärten ausprobiert, um der Klimaerwärmung entgegenzuwirken. (Foto: Daniel Karmann/dpa)
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    Die Mitglieder der Bürgerbewegung "Transition Town" in Regensburg betreiben mehrere öffentliche Gärten. (Foto: Transition Town)

Die urbanen Gärtner erobern sich Schritt für Schritt das Grün zurück – mit Unterstützung der Stadtverwaltung: Die Förderung der innerstädtischen Gärten steht sogar im Leitbild der Stadt. Sie seien „gut für die Bewusstseinsbildung“, sagt Rudolf Gruber, Leiter des Umweltamts. Und alle Innenstadtbewohner sollen sich aktiv beteiligen: Wer kann, soll Innenhof und Dach begrünen. Dafür will die Stadt sogar finanzielle Anreize schaffen.

Aber auch hier ist nicht alles so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht: Gerade bei historischen Dächern kann sich die Begrünung schwierig gestalten. Und natürlich hat auch der Denkmalschutz einiges mitzureden, wenn es um die Begrünung historischer Fassaden geht. Aber die Stadt hat das Problem erkannt – und Stadtgrün ist Teil des Möblierungskonzepts, das es seit 2013 gibt. „Wir haben in den nächsten Jahren enorm viel vor“, verspricht Gartenamtsleiter Krätschell. Zum Konzept gehört auch, dass die Stadt einen Klima-Resilienzmanager einstellt. Der soll sich in Zukunft darum kümmern, dass der Haidplatz auch bei Hitzetagen nicht zur urbanen Wüste wird.

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