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Reportagen

Luftretter: wertvoll und teuer

Der Regensburger Rettungshubschrauber hebt heute doppelt so häufig ab wie im Jahr 2000. Immer öfter wird er wegen Wehwehchen angefordert.

Es riecht nach Schmierstoffen. Benzin oder Öl, ziemlich aufdringlich. Pilot Georg Fuhrmann (37) zündet die Triebwerke. Zack, zack, schon sind die richtigen Schalter im endlosen Meer der Knöpfe im Cockpit gedrückt. Weißer Helm auf, Mikrofon nah an die Lippen ran. Es klickt einmal, es klickt zweimal. Der Gurt sitzt – und jeder Handgriff von Fuhrmann in seinem rot-schwarzen Overall auch. Die Rotorblätter kommen langsam in Schwung. Erst brummen sie tief wie eine Hummel, dann peitschen sie regelrecht am Landeplatz der DRF Luftrettung vor der Regensburger Uniklinik. Ready to take off!

"Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als meine Leidenschaften für die Fliegerei zu nutzen, um Menschenleben zu retten." Georg Fuhrmann, Pilot

Während der ehemalige Bundeswehr-Pilot die Drehzahl von „Christoph Regensburg“ erhöht, sprintet die leitende Notfallsanitäterin Cornelia Fuchs mit dem Einsatzfax zum Helikopter, einer H 145 von Airbus. Notarzt Helmut Kronfeldner, Anästhesist am Uniklinikum und seit drei Monaten erst Mitglied der Crew, checkt derweil von draußen den Startvorgang. Kein alarmierender Rauch kommt aus den beiden Turbomeca- Arriel-2E-Turbinen. Keine Unbefugten nähern sich der Acht-Millionen-Maschine. Daumen hoch! Alles wie im Fernsehen. Man fühlt sich wie bei Dreharbeiten der legendären Serien „Medicopter 117“ oder „Die Rettungsflieger“. Fehlen nur noch die Kameras.

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Im Cockpit von „Christoph Regensburg“ - Spherical Image - RICOH THETA

Wann die meisten Notrufe kommen

Doktor Kronfeldner springt mit Schwung in den Hubschrauber. Tür zu, Verriegeln. Es klickt einmal, es klickt zweimal. Auch der Notarzt sitzt fest im blau-grauen Ledersitz. „Kann losgehen“, funkt der 33-jährige Mediziner an seine Kollegen. Er ist alleine in der Kabine mit den großen Schiebetüren. Hinter ihm medizinisches Hightech-Gerät, vor ihm kleine Einbauschränke – und rechts neben ihm die Trage. Wer hier wohl gleich liegen wird? Kronfeldner wirkt fokussiert, aber nicht nervös. Der Niederbayer blickt auf seine Armbanduhr. Es ist 10.13 Uhr und 23 Sekunden. Primetime für die Crew von Christoph Regensburg. Die Einsatzstatistik im Jahr 2017 bilanziert: Der Hubschrauber wird am häufigsten zwischen 10 und 12 Uhr und 14 und 16 Uhr alarmiert. Die meisten Notrufe erhalten die Lebensretter übrigens im Juli. 155 waren es 2017.

So oft rückt der Hubschrauber aus

Unsere Grafik zeigt die Einsatzstatistiken für die drei Luftrettungsstandorte in Ostbayern. Die Station in Weiden gibt es erst seit 2011. Klicken Sie auf die Jahreszahlen, um die Entwicklung von 2000 bis 2017 zu sehen.

Der aktuelle Einsatz gibt den Statistikern recht. Es geht nach Traitsching im Landkreis Cham. Pilot Fuhrmann zieht die Maschine hoch. Die H 145 fliegt rasant nach hinten und gleichzeitig nach links. In wenigen Sekunden steigt der Hubschrauber in die Höhe. „Christoph Regensburg für Leitstelle Regensburg“, funkt ein Disponent der Leitstelle an den Hubschrauber. Der Mann klingt erfahren, seine Stimme ist rau, der Oberpfälzer Dialekt unverkennbar. Notfallsanitäterin Fuchs antwortet ihm. „Patient mit Verdacht auf wiederholte Gehirnblutung“, sagt der Disponent daraufhin. Notarzt Kronfeldner nickt und zieht sich die blauen Gummihandschuhe über die Hände. Noch zehn Minuten bis zur Landung.

Mit einer Tankfüllung bis nach Berlin

Der Rettungshubschrauber ist der schnellste Notarztzubringer und deshalb vor allem in ländlichen Regionen ein Trumpf im Kampf um Leben und Tod. Die beiden Turbinen der H 145 haben 1656 Pferdestärken. Reisegeschwindigkeit: bis zu 262 km/h in gut 400 Metern Höhe. Die Crew von „Christoph Regensburg“ fliegt von Regensburg aus in 18 Minuten nach Bad Kötzting, in neun Minuten nach Abensberg, in 13 Minuten nach Schwandorf und ebenfalls in 13 Minuten ist man in Straubing. Luftlinie, keine Kurven – und vor allem keine Ampeln. 620 Liter Kerosin im Tank machen einen Flug von einer Stunde und 45 Minuten möglich. Das reicht bis nach Berlin – und ohne Probleme bis in den Landkreis Cham.

Unsere Grafik zeigt Ihnen, wo in Ostbayern Rettungshubschrauber stationiert sind. Klicken Sie auf die Standorte, um mehr Informationen zu bekommen.

Pilot Georg Fuhrmann bringt den Hubschrauber in den Landeanflug. Der Rettungswagen am Traitschinger Boden zeigt ihm den Einsatzort an. Alles vibriert und wackelt in der Kabine. Gut, dass die Medizinschübe fest verschlossen sind. Ansonsten würden Spritzen, Verbandszeug und Messgeräte durch das Cockpit fliegen. Die Suche nach einem Landeplatz ist schwierig. Fuhrmann geht in einer Wiese runter, das Gras ist hüfthoch. „Christoph Regensburg“ versinkt.

Umringt von den hohen Büschen wirkt der knapp 14 Meter lange Helikopter gleich zwei Nummern kleiner. Fuhrmann schaltet die Turbinen aus. Notarzt und Sanitäterin springen aus der Maschine. Ihre Aufmerksamkeit gehört jetzt ganz dem Patienten, einem 55-Jährigen, der sich durch eine erneute Gehirnblutung in einer lebensbedrohlichen Situation befindet. Der Mann hat offensichtlich einen Rechtsdrall. Immer wieder rutscht er von der Trage fast ab. Auch das Sprechen fällt ihm schwer.

Die Traitschinger finden derweil den Hubschrauber viel spannender. Die Autos fahren auffallend langsam am provisorischen Landeplatz vorbei, ein Landwirt hat nebenan gleich die Feldarbeit eingestellt und die ersten Bewohner marschieren schon mit dem Nachwuchs im Gepäck die Straße entlang. „Da schaut man freilich gleich, wenn der Hubschrauber kommt“, sagt Jakob Mühlbauer.

„Der Rettungshubschrauber hört sich ja ganz anders an wie andere Hubschrauber. Das habe ich gleich gehört!“ Eine Passantin in Traitsching

Und eine andere Passantin gibt sich als Expertin: „Der Rettungshubschrauber hört sich ja ganz anders an wie andere Hubschrauber. Das habe ich gleich gehört!“ Ganz so spektakulär sind dann die (erhofften) Szenen aber nicht. Keine Hektik, keine Action, keine dramatischen Bilder. Dafür muss man am Abend den Fernseher einschalten und die Blaulicht-Serien schauen. In der Realität ist das nämlich anders. Da kommen die Luftretter auch einmal zum Blutdruckmessen, wie sich im Laufe des Einsatztages noch zeigen wird.

Luftrettung

Während Notarzt Kronfeldner und Sanitäterin Fuchs den Patienten in Traitsching auf den Transport vorbereiten, passt Pilot Fuhrmann auf den Helikopter auf. „Die Leute denken immer gleich, dass etwas Schlimmes passiert ist, wenn wir mit dem Hubschrauber kommen“, sagt der 39-Jährige. Die Crew des Rettungshubschraubers hat aber auch keine anderen Einsätze wie Notärzte, die mit dem Auto zum Einsatzort kommen.

Im Radius von rund 80 Kilometern fliegt „Christoph Regensburg“ Notfalleinsätze. In der Nacht ist das Gebiet deutlich größer. Die Regensburger Rettungsstation ist eine von drei Nachtstützpunkten in Bayern. Ein Drittel aller Einsätze fliegt die Crew bei Dunkelheit. Rettungshubschrauber mit Nachtsichtgeräten gibt es ansonsten nur noch in München und Nürnberg. Die speziellen Brillen reduzieren das Sichtfeld der Piloten auf 40 Prozent, machen aber dafür ein Sehen in der Dunkelheit möglich. Seit 2011 hat die Regensburger Station die Genehmigung für die Verwendung der sogenannten Night Vision Goggles. Die Hightech-Ausrüstung ermöglicht den Piloten eine detaillierte Landeplatzerkundung. Außerdem können unvorhergesehene Wetterbedingungen wie tief stehende Wolken oder Nebelfelder frühzeitig erkannt werden.

Pilot
Georg Fuhrmann flog früher Hubschrauber bei der Bundeswehr. Jetzt rettet er jeden Tag mit seiner Arbeit Leben.

Das ist jetzt aber nicht notwendig. „Keine Gewitterzellen in Sicht“, funkt Pilot Georg Fuhrmann. Die Rotoren beschleunigen, der Kerosingeruch liegt wieder in der Luft – und der Patient gut angegurtet auf der Trage. „Christoph Regensburg“ hebt in Traitsching ab. Ziel: Universitätsklinikum Regensburg. Noch 13 Minuten bis zur Landung.

Während des Flugs hat Notarzt Kronfeldner wenig Möglichkeiten, seinen Patienten zu versorgen. Zu eng ist die Kabine, zu fest der Gurt an seinem Sitz. Sicherheit geht vor. Der Mediziner kann nur Medikamente nachspritzen und Vitalwerte wie Blutdruck oder Sättigung auf einem Bildschirm beobachten. Vor dem Flug werden die Patienten am Einsatzort transportfähig gemacht, damit sie es bis zur Behandlung in die Klinik schaffen. Für größere Eingriffe ist der Intensivhubschrauber nicht konzipiert.

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In der Kabine vom Regensburger Rettungshubschrauber - Spherical Image - RICOH THETA

Ankunft am Universitätsklinikum. Der Patient klagt plötzlich über Übelkeit. Doktor Kronfeldner und Notfallsanitäterin Fuchs bringen ihn schnell in die Notaufnahme. Pilot Fuhrmann kümmert sich derweil um die Einsatzdokumentation. Alles wird festgehalten, damit es bei der Abrechnung später kein Problem gibt. „Die Flugminute kostet die Kassen zwischen 50 und 80 Euro“, sagt DRF-Pressesprecherin Stefanie Kapp. Auf die Versicherten kommen in Deutschland keine Kosten zu. Die Kassen bezahlen den gesetzlich vorgegebenen Rahmen, sagt Kapp. Alleine für den Standort in Regensburg macht das bei rund 62 0000 Flugstunden im Jahr mindestens 3,1 Millionen Euro aus. Um die Modernisierung der Flotte und Fortbildungen finanzieren zu können, sei die Organisation dennoch auf Spenden angewiesen.

Unsere Grafik zeigt Ihnen, wie viele Minuten die drei Rettungshubschrauber in Ostbayern im Jahr 2017 in der Luft waren.

Eine fest zugesicherte Einsatzzahl hat der Rettungshubschrauber auch nicht. „Die Leitstelle alarmiert immer das nächstgelegene Rettungsmittel“, erklärt Pilot Georg Fuhrmann. Für die Crew ist damit kein Tag gleich: Von null bis zehn Einsätzen ist alles drin. „Es geht auch nicht darum, was für die Kassen billiger ist, sondern was für den Patienten schneller ist“, stellt Fuhrmann klar. Vergeudete Zeit bei der Rettung würde am Ende mehr Geld bei der Behandlung oder gar Menschenleben kosten.

Kein "Rundflug" für den Patienten

Kaum sind Notarzt Kronfeldner und Notfallsanitäterin Fuchs aus der Notaufnahme zurück, kommt der nächste Einsatz herein. Ein 63-jähriger Alteglofsheimer (Landkreis Regensburg) hat Bluthochdruck. 170 zu 85 sind die Werte, gibt die Leitstelle durch. Die Crew fliegt los – und ist am Einsatzort verdutzt. Der Patient öffnet Notarzt Kronfeldner persönlich die Tür, die Reisetasche hat er schon gepackt und umgehängt. Bluthochdruck hat er öfter. „Wo parken Sie denn“, will er wissen. Unten am Feld, entgegnet ihm die Crew. Einen „Rundflug“ gibt es für den Mann aber nicht. Er muss im Rettungswagen Platz nehmen.

Selfieluftretter
MZ-Redakteur Martin Kellermeier (l.) war für einen Tag Mitglied der Crew von "Christoph Regensburg". Im Einsatz war er mit Notfallsanitäterin Cornelia Fuchs, Notarzt Helmut Kronfeldner (2.v.r.) und Pilot Georg Fuhrmann (r.).

Die häufigsten Alarmierungsgründe bei der Luftrettung

Im Folgenden haben wir die häufigsten Alarmierungsgründe für die drei Rettungshubschrauber-Stationen in Ostbayern gesammelt. Die Helikopter fliegen nicht nur zu schweren Verkehrsunfällen, sondern landen auch im privaten Hof.

Über das Projekt

Die Mittelbayerische und die Startups: Wenn Daten zu Bildern werden

Dieses Projekt entstand in einer Kooperation der Mittelbayerischen mit dem Startup 23degrees.

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next media accelerator:

Das von der Deutschen Presseagentur initiierte Programm unterstützt internationale Gründer mit Ideen in den Bereichen Inhalte, Werbung, Technologien und Services. Am next media accelerator (nma) sind Medienkonzerne, Regionalverlage oder andere Unternehmen als Investoren beteiligt, darunter der Mittelbayerische Verlag. Das Startup-Programm dauert sechs Monate.

23degrees:

Eines der nma-Start-ups, mit denen die Mittelbayerische kooperiert, ist die Firma 23degrees aus Österreich. Die beiden Gründer Georg Primes und Johannes Jäschke stellen visualisierte Daten für Medienhäuser und andere Unternehmen bereit. Zusammen mit dem Landesamt für Statistik Bayern wurde ein Pilotprojekt vereinbart. Ein Teil ist bereits zum Thema "Landwirtschaft" erschienen.

Die Daten:

Die Zahlen zur Entwicklung der Luftrettung haben die DRF und der ADAC ermittelt und der Mittelbayerischen zur Verfügung gestellt.

Kapitel
Cockpit in 360 Grad Einsatzstatistik Kabine in 360 Grad Alarmierungsrgünde Über das Projekt
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