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Reportagen

Ballettstunde am Beckenrand

Sebastiano Bonivento aus Regensburg hat mit seinen Elevinnen den Weltmeistertitel in Spanien gewonnen. Den Feinschliff gibt der Lehrer seinen Schülerinnen im Nichtschwimmer-Becken.

Eine Kür auf grauen Fliesen. Perfekte Körperbeherrschung, jeder Muskel angespannt, ein fokussierter Blick. Sebastiano Bonivento macht vor, wie es geht. Im Nichtschwimmerbecken des Regensburger Westbads stehen fünf junge Damen in einer Reihe bis zum Hals im Wasser und lernen vom Mann am Beckenrand. Der Italiener mit schwarzem Haar und blauer Badehose ist ihr Tanzlehrer. „Armiii in die Höheeee“, sagt er – und sogleich gehen die Hände aus dem exakt 1,35 Meter tiefen Wasser nach oben. Fast synchron. Bonivento wechselt kurz ins Französische: „Développé devant!“ Die Schülerinnen öffnen ihren Körper mit einer sanften Bewegung. Alles Ballett, kein Wasserballett. Viel mehr eine Sondertrainingseinheit, die gerade im Freizeitbad beginnt. Die Schwimmer nebenan im Sportbecken sind verwirrt. Dass diese Trainingsstunde weltmeisterlich ist, wissen sie nicht.

„Armiii in die Höheeee“ Sebastiano Bonivento, Tanzlehrer

Normalerweise trainiert Bonivento mit seinen Schülerinnen in der Ballett-Tanz-Akademie in Regensburg (kurz: BTA). Den Feinschliff verpasst er ihren Bewegungen aber zwischen Wasserbällen, Schwimmnudeln und spielenden Kindern. Die Methode hat sich spätestens im Juli ausgezahlt, als Bonivento und seine Schülerinnen mit dem Weltmeistertitel aus Spanien zurückgekehrt sind. Seitdem ist der 39-Jährige so etwas wie der Jogi Löw der Tanzlehrer – und vielleicht noch mehr motiviert. Für Pausen ist keine Zeit. Bonivento sagt, dass seine Schülerinnen nach einer Wassereinheit einen starken Muskelkater haben.

Tanzlehrer sind Poeten

Der italienische Akzent hallt wieder durchs Westbad. „Claudia, Beispiel, komm hier.“ Bonivento springt ins Wasser und nimmt den Arm der 19-jährigen Studentin. „Von de Schulterblääätter“ müsse die Bewegung kommen, erklärt Bonivento. Die Schülerinnen nicken und das Spiel beginnt von vorne. „Développé devant, fouetté a la seconde, passè derriere“, zählt Bonivento an. Fehlt eigentlich nur noch die Klavierbegleitung. Das Training ist aber auch ohne Musik beeindruckend. „Jede Bewegung musse wie ein Gedicht sein“, sagt Bonivento.

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Bei viele Trainingsstunden ist der Italiener der Hahn im Korb. Foto: Benjamin Franz

Das 33,5 Grad warme Wasser hilft ihm dabei. Für Bonivento muss jede Figur wie eine Welle sein. Der Widerstand des Wassers lässt die Tanzschülerinnen jeden Arm- und Beinzug besser spüren und beansprucht gleichzeitig auch ganz andere Muskelpartien. Das macht später die perfekte Bewegung im Spiegelsaal der Ballettschule möglich – oder auf der Bühne.

Unschlagbar im „Modern Dance“

So war es zumindest im Juli, als Bonivento mit seinen Schülerinnen ins spanische Sitges, südwestlich von Barcelona, gereist ist. Möglich machten die Teilnahme das Kulturreferat der Stadt Regensburg und die Ballettfreunde Regensburg. Mit Erfolg: In der Kategorie „Modern Dance“, ein Tanz mit Ballett-Elementen, räumten die Tänzerinnen aus Regensburg beim Dance World Cup ab. Gruppen aus 54 Ländern waren angetreten, um sich den Weltmeistertitel zu schnappen. Am Ende jubelten die Regensburger mit der Deutschlandfahne. „Wir hätten nie gedacht, dass wir gewinnen“, sagt Bonivento. Die anderen Gruppen hätten mehr Show gemacht, Bonivento setzte in seiner Choreographie auf den Ausdruck.

Bonivento wohnt Exklusiv

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Wohnen:

Tanzlehrer Sebastiano Bonivento stammt aus Venedig (Italien). Seit 2002 lebt er in Regensburg, wo er auch am Theater gearbeitet hat. Im Jahr 2015 ist er in den Vorbau des Wörther Schlosses im Landkreis Regensburg gezogen. Dort lebt er mit seiner zweiten Frau Judith. Bonivento ist Vater eines 15-jährigen Sohnes.

Tanzschule:

Die Ballett-Tanz-Akademie im Unterislinger Weg in Regensburg hat Sebastiano Bonivento zusammen mit seiner Ex-Frau Susanna Dazzi im Jahr 2008 gegründet und führt diese heute noch mit seiner ehemaligen Lebenspartnerin. Bonivento ist Trainer für klassisches Ballett, Modern Dance und Contact Improvisation.

Dance World Cup:

Der Tanzwettbewerb wird weltweit ausgetragen. In 54 Ländern finden regionale Vorentscheide statt. Insgesamt waren heuer 250 000 Tänzerinnen und Tänzer beteiligt. Das Finale hat im Juli im spanischen Sitges stattgefunden. Im kommenden Jahr steigt die Endrunde in der Stadt Braga, im Norden Portugals.

Sebastiano Bonivento ist in Venedig aufgewachsen. Seine Mutter Christiana ist gebürtige Amerikanerin mit einem Faible für ausgefallene Geschäftsideen, unter anderem betrieb sie einen Windsurfladen. Sein Vater Armando arbeitete 40 Jahre lang als Croupier im Casino. Bonivento wollte aber immer die Welt sehen. Mit vier Jahren nimmt er Ballettunterricht in einer Tanzschule in Venedig. Mit 15 bekommt er bereits ein Stipendium an der renommierten Scola del Balletto di Toscana in Florenz. 17 Jahre ist er alt, als er nach New York zieht und dort am Tempel für darstellende Künstler, der Juilliard School, fürs Leben lernt. Der Weg für eine Karriere als Tänzer ist geebnet. Bonivento findet Jobs in Mailand und Turin. 2002 zieht es ihn nach Regensburg. Am Theater bekommt er mehrere Hauptrollen.

Tänzer werden keine Millionäre

2010 steigt er aus und konzentriert sich voll auf die Ballett-Tanz-Akademie, die er mit seiner Ex-Frau Susanne Dazzi bis heute leitet. „Ballett ist wie ein Puzzle“, sagt Sebastiano Bonivento. Einige seiner Schülerinnen hätten während ihrer Ausbildung alle Teile gesammelt und das Zeug für eine Tanzkarriere. Die wenigsten entscheiden sich dafür. Zu schlecht sei die Bezahlung, sagt Bonivento. Bei einem Nettogehalt von rund 1400 Euro in kleineren Theatern überlege man sich den Schritt eben gut.

Das Training im Westbad neigt sich dem Ende entgegen. Bonivento und seine Schülerinnen stehen in einem Kreis. Der Italiener ist der Hahn im Korb. Er würde sich mehr männliche Unterstützung wünschen. Die meisten Männer hätten nicht kapiert, dass fast jede Frau Tanzen sexy findet. „Als Tanzlehrer kannst du viele Frauen haben“, sagt der 39-Jährige. Aber das verbietet er sich. Er will den Ruf der Tanzschule nicht schädigen. Aufmerksamkeit bekommt er dennoch. „Eine Schnitte ist er schon“, sagt eine Schülerin, als Bonivento gerade nicht zuhört.

In unserem Video erhalten Sie aus der Unterwasser-Perspektive einen Einblick in die Ballettstunde:

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Der Autor: Ballettunterricht war für Martin Kellermeier nie ein Thema. Und selbst vor dem Tanzkurs in der Schule hätte er sich gerne gedrückt. Heute ärgert er sich, dass er nicht besser tanzen kann. Das hätte ihm schon viel Schweiß am Parkett erspart.

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