Reportagen

Auf den Spuren von Astro-Alex

Alexander Gerst fliegt am 6. Juni ins All. Welche Kräfte wirken dabei wie auf den Astronauten? MZ-Reporter Philipp Froschhammer wagt den Selbsttest.

Der Staub steht in der Luft. Wie Planeten oder Sterne, die frei in den Weiten des Alls hängen, schweben die winzigen Partikel vor meinen Augen. Ich wische sie aus dem Blickfeld oder versuche es zumindest. Die Staubkörner weichen meiner Hand aus, taumeln durch die Luft und schweben wieder – völlig schwerelos. Die Tatsache, dass ich gerade aus zwei Kilometern Höhe mit mehreren hundert Stundenkilometern gen Erdboden stürze, ist mir in dem Moment egal. Ich genieße die Freiheit, die Leichtigkeit.

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Im Liveticker können Sie Gersts Start ins All verfolgen.

Im nächsten Moment setzt die Gravitation ein. Es drückt mich in meinen Sitz, den Staub zieht es wie Steine nach unten. „Ist alles ok?“, fragt Michael Zistler, Leiter der fränkischen Fliegerschule Feuerstein, und klopft mir auf die Schulter. Er steuert den Segelflieger, in dem wir über dem Flugplatz in Parabelwellen unsere Kreise ziehen. Ich strecke meinen Daumen in die Luft. Zistler ruft „super!“ und schon merke ich, wie das Flugzeug wieder fast senkrecht in die Wolken hineinsteuert. Für einen Augenblick fühlt sich mein Körper an, als würde ein Stein auf mir liegen, bevor es mich aus dem Sitz hebt – völlig losgelöst von allem. So fühlt sich also Astronaut Alexander Gerst. Der startet heute zur internationalen Raumstation ISS.

Die Leichtigkeit des Weltraums erleben

Bei einem Parabelflug lernen angehende Astronauten mit verschiedenen Krafteinflüssen umzugehen. In kleinen Dosen werden sie auf den Flug mit der Rakete vorbereitet. Zunächst geht der Flieger in den Steigflug. Hier wirkt anfangs die vierfache Erdanziehungskraft (g) auf den Körper. Das heißt, bei einem Körpergewicht von 100 Kilogramm wirken Kräfte, die einem Gewicht von 400 Kilogramm entsprechen. Vier g werden auch die Astronauten beim Start der Rakete ausgesetzt, bis die letzte Antriebseinheit abgesprengt wurde.

Am Ende des Steigflugs, am Wendepunkt und zu Beginn des Sturzflugs setzt die Gravitation dann aus. Bei null g beginnt man im Flugzeug zu schweben – wie Gerst auf der ISS. Das dauert jedoch lediglich ein paar Sekunden und nicht wie bei Astro-Alex über sechs Monate. Deshalb lassen sich hier auch die Einwirkung der Schwerelosigkeit auf die Knochen und menschliche Organe nicht erforschen. Um einen Eindruck von der Leichtigkeit des Weltraums zu bekommen, hilft es jedoch allemal.

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Vor allem aber erfahre ich am eigenen Leib, welchen Extremsituationen die Körper der Astronauten ausgesetzt werden. Zistler und ich fliegen eine Parabel nach der anderen. Als wir das fünfte Mal zum Sturzflug ansetzen, spüre ich es. Es rumort in meinem Bauch, mein Herz beginnt zu rasen, ich verliere meine Körperspannung. Sicherheitshalber greife ich zu der rot-weißen Tüte, die mir Zistler in weiser Voraussicht unter meinen Sitz bereitgelegt hat. Doch ich schlage mich wacker.

In dem Video können Sie MZ-Reporter Philipp Froschhammer bei seinem Selbstversuch begleiten:

Kurz vor der Ohnmacht

Nach einer Viertelstunde in der Luft landet Zistler den „Adler“ sicher auf dem Landeplatz. Ich öffne das Cockpit, atme frische Luft und spüre, wie mein Kopf warm wird. Sehr gut, Blut strömt zurück ins Hirn. Als ich aussteige, erkenne ich aber, dass es mein Adrenalin war, das Zistler und mich vor einer Sauerei in zwei Kilometern Höhe bewahrt hat. Schnell verschwinde ich in dem angrenzenden Waldstück.

Doch bevor es losgeht, warnt mich Zistler noch: „Wundere dich nicht. Während dem Zentrifugalflug wirst du irgendwann alles schwarz-weiß sehen, dann krümmt sich der Horizont und erst dann wirst du ohnmächtig – aber soweit lassen wir es nicht kommen“. Gut, dass ich blindes Vertrauen zu dem langjährigen Piloten habe.

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Bevor Astronaut Alexander Gerst in den Weltraum abhebt, traf ihn MZ-Redakteurin Angela Sonntag zu einem Interview.

Deshalb steige ich auch wieder in den Flieger und lasse mich ein zweites Mal in luftige Höhen ziehen. Und los geht’s. Der Flieger beginnt sich zu drehen. Mein Brustkorb wird schwer, meine Unterlippe klappt Richtung Erdboden.

Ich spüre wie sich ein, zwei, drei Extrakinne unter meinem eigentlichen Kinn bilden. Meine Beine werden warm, blutdurchströmt, mein Kopf kühl und bleich. Kalter Schweiß tritt auf meine Stirn. Als sich meine Sicht trübt und sämtliche Farbtöne der wunderschönen Natur unter uns zu einem schwarz-weißen Einheitsbrei verschwimmen, ruft Zistler: „Halbzeit!“ Als ich dann die Tüte wirklich benutzen muss, kommt die Einsicht: Astronaut sein, das kann nicht jedermann. Ich auf jeden Fall nicht.

Wie wäre es Ihnen ergangen? Schauen Sie sich in unserem 360-Grad-Video um und erleben Sie einen Kunstflug mit Michael Zistler:

Mein Fazit

Mein Respekt vor den Menschen im All war bereits vor diesem Selbstversuch sehr groß. Doch nachdem ich an der fränkischen Fliegerschule Feuerstein bereits bei einem Bruchteil der extremen Einflüsse, denen sie sich aussetzen, überfordert war, kann ich vor Gerst und seinen Kollegen nur den Hut ziehen. Ich kann mir nicht vorstellen, bei vier g oder in der Schwerelosigkeit wie ein Astronaut noch zusätzlich zu arbeiten. Wie sicherlich viele andere Menschen auch, hätte ich in diesem Momenten genug mit meinem Körper zu kämpfen.

Parabelflug selbst erleben

Wissenschaft:

Um Experimente in der Schwerelosigkeit durchführen zu können, ohne dabei mit einer Rakete in den Weltraum zu fliegen, forschen Wissenschaftler der Europäischen Weltraumorganisation esa an Board der Zero-G. Dabei handelt es sich um einen Airbus, der speziell für Parabelflüge ausgelegt ist.

Privatpersonen:

Auch Privatpersonen können sich ein Ticket für solch einen Parabelflug buchen. Dieses kostet über 6500 Euro und beinhaltet einen Flug mit 15 Parabeln. Die Schwerelosigkeit hält pro Flugmanöver etwa 20 Sekunden an. In Europa starten die Maschinen vom Flughafen in Bordeaux (Frankreich).

Segelflieger:

Eine weitaus preiswertere Methode ist ein Parabelflug mit einem Segelflieger oder einem Ultraleichtflugzeug. Dieses erlebniss wird in Deutschland von dem Unternehmen Jochen Schweizer für rund 140 Euro angeboten.

Text: Philipp Froschhammer

Fotos: Langmann, Froschhammer

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