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Bücher

Anja Wolbergs: Von der Seele geschrieben

Anja Wolbergs hat ihrem Mann trotz Treuebruchs immer zur Seite gestanden. „In Liebe, Jana“ heißt der Roman, in dem sie die aufwühlende Zeit verarbeitet hat. Joachim Wolbergs dürfte nichts dagegen haben.

Die Regensburger Korruptionsaffäre ist feinster Krimistoff mit Lokalkolorit: der Oberbürgermeister verhaftet, ein paar lokale Bau-Mogule dazu, alle miteinander vielleicht in dubiose Immobiliengeschäfte verstrickt. Der Skandal könnte auch Basis für eine launige BR-Miniserie werden: eine Oberpfälzer Provinzposse mit windigen Geschäftemachern, umtriebigen Lokalpolitikern und vielen skurrilen Typen. Und da wäre die dritte Variante: ein Frauenroman. Schließlich gibt es eine betrogene Ehefrau, verletzte Gefühle, Neid, Eifersucht und Liebe, Gerüchte und Intrigen. Diesen Roman hat jetzt die Frau geschrieben, die so nah wie keine andere am Geschehen war: Anja Wolbergs, 48 Jahre alt, Betriebswirtin, verheiratet mit dem suspendierten Regensburger OB Joachim Wolbergs.

Anja Wolbergs Foto Altro
"In Liebe, Jana!" heißt das Buch von Anja Wolbergs. Foto: altrofoto.de

„In Liebe, Jana“ heißt der Roman, den der Verlag als „das Buch zum Regensburger Politskandal“ bewirbt. Erschienen ist er im MZ-Buchverlag (der die Mittelbayerische zwar noch im Namen trägt, allerdings schon 2001 vom Süd-Ost-Verlag, jetzt Battenberg-Gietl, übernommen wurde). Untertitel des Buchs: „Ein Skandal und große Gefühle in Regensburg“. Auf 192 Seiten erzählt Jana – ein Anagramm zu Anja – über die vermutlich schwersten Jahre in ihrem Leben, beginnend mit dem Tag, an dem der erfolgreiche Ehemann und Vater ihrer Kinder gesteht, dass er „nicht mehr kann“. Zunächst glaubt sie, dass ihr Jonas nach Jahren der kommunalpolitischen Ochsentour einen Burnout erlitten hat. Doch es ist schlimmer: Nach 15 Jahren Ehe verlässt er sie wegen einer anderen. Ein Knochen, an dem sie lange zu kauen hat. Und dann kommt es noch dicker: Die Polizei nimmt Ermittlungen auf, irgendwann wird Jonas verhaftet.

Anja Wolbergs liest aus dem Prolog ihres Buches:

Die Szene, als sie mit Tochter und Sohn über den Gefängnishof geht, um den Ehemann erstmals in der Krankenstation der JVA Straubing zu besuchen, hat sich ihr eingebrannt. Jana alias Anja beschreibt sie im Prolog zu ihrem Roman: Als ihnen vier Gefangene entgegenkommen, bekommt sie Angst. Es ist der Blick eines Mannes, der ihr Gänsehaut verursacht. Der Mann lacht laut auf. „Meine Tochter wird mir später erzählen, dass sie dieses Lachen nie wieder vergessen wird“, heißt es im Buch.

Das Orphee als Schauplatz

Anja Wolbergs macht gar keinen Hehl daraus, dass die Erlebnisse dieser Jana ziemlich genau das wiedergeben, was sie selbst seit Herbst 2015 durchgemacht hat. Ein Schlüsselroman ist „In Liebe, Jana“ also nicht. Das mühsame Aufdröseln von Anspielungen, angedeuteten Bezügen und das Aufspüren der echten Menschen hinter den Romanfiguren entfällt: In diesem Buch erkennt der Leser all das wieder, was im Lauf der nun seit zwei Jahren andauernden Korruptionsaffäre ausführlich berichtet wurde. Regensburg und viele seiner Plätze und Lokale sind leicht identifizierbar: das Orphée in der Bachgasse oder das Rosarium im Park. Aufmerksame MZ-Leser werden Passagen wiederfinden, die sie so oder so ähnlich schon aus dem großen Interview unseres Medienhauses mit Joachim Wolbergs im Dezember 2017 kennen.

Leseprobe: "Die neugierigen Blicke taten weh"

Anja Wolbergs ergreift allerdings auch die Gelegenheit, Dinge aus der Welt zu schaffen. Zum Beispiel das hartnäckige Gerücht, sie selbst habe ihren Ehemann aus Rache an die Ermittler ausgeliefert. „Welchen Vorteil hätte sie also gehabt, Jonas in ein Tintenfass zu tunken? Keinen einzigen – nur Nachteile. Und zudem war sie überzeugt, dass weder Jonas noch die anderen Beschuldigten falsch oder in böser Absicht gehandelt hatten“. Janas Mutter bringt den großen Unbekannten – oder die? – ins Spiel: „Könnte es sein, dass es eine andere Person in deinem Namen getan hat?“ Daran hat Jana auch schon gedacht.

Anja Wolbergs und ihr Buch

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Die Ehefrau:

Im Januar 2015 sagte Anja Wolbergs im MZ-Interview, sie sei nach 15 Jahren Ehe noch „glücklich verheiratet“. Im Herbst verließ sie ihr Mann OB Joachim Wolbergs.

Treue Gefährtin:

Im Juni 2016 wurden Ermittlungen gegen OB Wolbergs bekannt, im Januar 2017 wurde er verhaftet. Anja Wolbergs unterstützte ihren Mann weiterhin.

Das Buch:

Die MZ stellt den Roman „In Liebe, Jana“ in ihrer Samstag-Ausgabe ausführlich vor. Am 8. August um 19.30 Uhr präsentiert ihn Anja Wolbergs in der Buchhandlung Dombrowsky. Anmeldung per E-Mail an info@battenberg-gietl.de. Ab 8. August ist das Buch auch im Mittelbayerische Shop erhältlich.

Ganz ähnliche Überlegungen stellt Georg an, ein kurz vor dem Ruhestand stehender Redakteur im großen Regensburger Medienhaus namens „Regio-Press“: „Mein Bauch und mein Verstand waren sich einig. Jana hatte kein falsches Spiel getrieben. Aber vielleicht jemand anders, vermutete ich. Ich äußerte diesen Gedanken aber nicht laut“. Der Blickwinkel dieses Redakteurs ist der zweite große Erzählstrang, ohne den Fiktionalität in diesem Buch nicht herzustellen wäre. Die Sichtweise des, wie Anja Wolbergs versichert, frei erfundenen Journalisten unterscheidet sich in der Wertung der Ereignisse am Ende nicht von dem der Protagonistin. Denn Georg durchläuft eine Wandlung – vom skrupellosen Schreiberling und Manipulator der Öffentlichkeit hin zum Geläuterten, der sich um das Befinden der Familie Wolters sorgt: „Ich möchte nicht mehr auf Menschen herumtrampeln, die eh schon am Boden liegen“, schleudert er seinem nach Schlagzeilen hechelnden Chef entgegen. Georg zweifelt wie Jana an der Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit der Ermittlungen.

Die Ehefrau des suspendierten Regensburger Oberbürgermeisters Wolbergs hat die Ereignisse in einem Roman aufgearbeitet. Lesen Sie hier ein exklusives Interview mit Anja Wolbergs.

Hier sehen Sie ein Video-Interview mit Anja Wolbergs:

„Konnte es sein, dass die Staatsanwälte und Kripobeamten selbst Druck ausübten, um Ergebnisse liefern zu können?“ Der Journalist ist es, der im Roman den Regensburger Staatsanwalt, der „vor kurzem in der Spendenaffäre Stellung bezogen“ hat, im Zusammenhang mit dem (ebenfalls echten) Fall des Bauern Rudi Rupp aus Neuburg erwähnt. Da wurden Ermittlern im Nachhinein schwere Vorwürfe gemacht, die Gerichtsurteile erwiesen sich am Ende als nicht haltbar. Geständnisse sollen erzwungen worden sein, die Ermittler einseitig und nur im Sinne ihrer Arbeitshypothese ermittelt haben. Entlastendes wurde angeblich unter den Tisch gekehrt. „Es war unfassbar, wie selbstherrlich hier seitens der Behörden vorgegangen wurde“, empört sich Georg. Er fragt sich, ob die Behörden nicht auch im Fall Jonas Wolters fortlaufend ihre Kompetenzen und Befugnisse überschreiten. Er bekommt sogar die Bestätigung eines JVA-Beamten, der erklärt, dass „im Fall Wolters nicht alles mit rechten Dingen zuging. Er sprach von Schikane, sowohl dem Inhaftierten gegenüber als auch seiner Familie“.

Stellenweise Edelkitsch

Sechs Wochen vor Beginn des Mammutprozesses gegen Joachim Wolbergs dürfte ihm und seinen Mitangeklagten dieses Buch gelegen kommen. Es ist kein Enthüllungsroman. Hier hat auch keine wütende Ehefrau mit dem untreuen Gatten abgerechnet. Vielmehr wird Anja Wolbergs nicht müde zu betonen, wie rechtschaffen ihr Ehemann ist und wie sehr er stets um das Wohl der Regensburger besorgt war. Das Buch ist eine Verteidigungsschrift, eine 192-seitige Liebeserklärung. Hochliteratur ist es nicht, an vielen Stellen vielmehr Edelkitsch. Und trotzdem: „In Liebe, Jana“ wird für viele Regensburger(innen) die Pflichtlektüre dieses Bücherherbsts sein.

Leseprobe: Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Ermittlungen

Der Fall Wolbergs: Lesen Sie hier alles zu den Ermittlungen und zum bevorstehenden Prozess.

Kapitel
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