250 0008 34124593 Al 18 4590

Interview

Anja Wolbergs: Das Buch zum Politskandal

Die Ehefrau des suspendierten Regensburger Oberbürgermeisters Wolbergs hat die Ereignisse in einem Roman aufgearbeitet.

Sie leben noch immer getrennt, aber sie sehen sich fast täglich. Anja Wolbergs hat ihrem Noch-Ehemann, dem suspendierten Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, immer zur Seite gestanden – während der Ermittlungen, seiner U-Haft, seit seiner Entlassung. Sie hat die aufwühlenden Ereignisse, vom Treuebruch bis zu den Hausdurchsuchungen, in einem Roman aufgearbeitet: „In Liebe, Jana“. Im Exklusiv-Interview mit der Mittelbayerischen spricht Anja Wolbergs über ihre Ehe, ihre Enttäuschungen, über Freunde, die keine waren und neue Freunde, die in ihr mehr sehen als nur die Frau des OB.

"Ich hab noch das Bild vor mir, wie ich in dieses Zimmer in der JVA Straubing geführt werde, meine Jacke ablege." Anja Wolbergs

Die Zeit der U-Haft

Frau Wolbergs, wie war das, den Noch-Ehemann und Vater Ihrer Kinder in Häftlingskleidung zu sehen?

Das war ein totaler Schock. Ich hab noch das Bild vor mir, wie ich in dieses Zimmer in der JVA Straubing geführt werde, meine Jacke ablege. Und dann kommt er, in blauer Hose und diesem olivfarbenen Pullover. Er schwitzte, hatte einen Stoppelbart, und ich hab gesehen, dass er fix und fertig ist.

Es ging früh das Gerücht, er habe einen Suizidversuch unternommen.

Das stimmt, ich wurde auch früh darauf angesprochen. Am dritten Tag nach der Verhaftung konnte ich telefonieren und er hat mir signalisiert, dass es ihm soweit gut geht. Er war nie suizidgefährdet und hat auch keinen Selbstmordversuch unternommen. Aber er wird, und das verstehe ich gut, die Zeit in der Psychiatrie der JVA nie vergessen. Da sind eben psychisch kranke Menschen, die die ganze Nacht schreien und gegen Wand und Betten schlagen. Man macht dort kein Auge zu.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie ihn nur mit Glück nach fünf Tagen erstmals besuchen konnten. Die schriftliche Information wurde Ihnen zu spät zugestellt. Glauben Sie, dass man Ihnen das Leben schwermachen wollte?

Das ging seinen behördlichen Gang. Das kann sicherlich jedem Angehörigen passieren. Komisch ist nur, dass meine Ladung zum Prozess, bei dem ich ja auch gehört werde, auf demselben Postweg nur einen Tag unterwegs war.

Wolbergs Foto Altrofoto
März 2014: der frischgewählte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs mit seiner Frau Anja auf dem Weg in den Leeren Beutel (Foto: altrofoto.de)

Der Prozess

Am 24. September beginnt der Prozess gegen Ihren Mann und die Mitangeklagten. Was tut sich da in Ihnen?

Das sind sehr gemischte Gefühle. Einerseits bin ich froh, dass es jetzt losgeht und alles auf den Tisch kommt. Allerdings habe ich so etwas ja auch noch nie erlebt und bin sehr aufgeregt.

Wann werden Sie aussagen?

Ich bin im Januar geladen.

Halten Sie Ihren Mann für unschuldig?

Ja, zu 100 Prozent. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass er nie käuflich war.

Anja Wolbergs spricht im Video über ihr Buch:

Manche seiner Freunde sagen, dass seine unbürokratische, manchmal hemdsärmelige Art ihm vielleicht zum Verhängnis wurde.

In einer Stadt entscheidet ja nicht einer allein. Da steht ja immer noch eine Verwaltung dahinter und ein Stadtrat stimmt ab. Ein OB ist keine One-Man-Show. Aber natürlich war er auch unbürokratisch und manchmal hemdsärmelig. Deshalb mögen ihn die Menschen und ich hoffe, er bleibt auch so.

Sie waren und sind Kassier des SPD-Ortsvereins Stadtsüden. Ist Ihnen nie etwas verdächtig vorgekommen?

Wir haben ganz normal unsere Ortsvereinssitzungen abgehalten, dort auch alles besprochen und beschlossen. Es gibt für alles Protokolle. Aus meiner Sicht ist alles völlig ordnungsgemäß abgelaufen.

"Als ich den Artikel gelesen hatte, bin ich eigentlich zusammengebrochen. Hab mich auf die Couch gelegt, eingeigelt, wollte nicht raus, nicht mehr essen." Anja Wolbergs

Warum ist Joachim Wolbergs nicht zurückgetreten?

Es gab viele Gründe. Der Wichtigste: Es wäre, so sehe ich es, ein Schuldeingeständnis gewesen. Wenn man sich aber nicht schuldig fühlt, wenn man glaubt, dass man unschuldig ist – warum sollte man dann zurücktreten?

Ein weiteres Gerücht, das kursierte: Sie hätten – als betrogene Ehefrau – aus Rache den Stein in der Korruptionsaffäre ins Rollen gebracht. Darüber hat damals auch eine „Spiegel“-Reporterin spekuliert.

Als ich das gelesen hatte, war ich total schockiert und habe mich gefragt, wie jemand so etwas Haltloses behaupten kann. Ich hatte niemals Kontakt zu dem SPD-Landesschatzmeister (der die Ermittlungen anstieß, Anm. der Redaktion). Später wurde mir erzählt, dass er irgendwann einmal Mitglied in unserem Ortsverein war. Ihn sogar als Freund unserer Familie zu bezeichnen, das war schon heftig. Als ich den Artikel gelesen hatte, bin ich eigentlich zusammengebrochen. Hab mich auf die Couch gelegt, eingeigelt, wollte nicht raus, nicht mehr essen.

Die Anfänge der Spendenaffäre: Der Schatzmeister des SPD-Landesvorstands hatte den Stein ins Rollen ins Rollen gebracht.

Haben Sie sich Hilfe geholt?

Ich bin irgendwann zum Therapeuten gegangen, weil ich dachte, ich werde meschugge. Ich hatte Panikattacken, Verfolgungsängste. Wenn jemand mit Handy auf der Straßenseite gegenüber stand, habe ich überlegt: Sind sie das wieder?

Hatte das mit den Ermittlungen und den Durchsuchungen bei Ihnen zuhause zu tun?

Ja, am Anfang war ich furchtbar misstrauisch, ich wusste nicht mehr, wem ich was erzählen kann. Man ändert sein Telefonverhalten, wenn man weiß, dass Abhöraktionen stattfinden. Ich habe tatsächlich Tics entwickelt: Ist mein Auto zu, hab’ ich die Garage, die Tür zugesperrt? Ich hab’ mich hingelegt, bin aber gleich wieder aufgestanden und habe nochmal alles kontrolliert. Ich habe mich nicht mehr sicher gefühlt, hatte immer das Gefühl, es ist jemand im Haus. Nach der ersten Durchsuchung habe ich drei Stunden das Haus geputzt, weil ich das Gefühl hatte, dass alles schmutzig ist. Alles was aufgemacht und angefasst wurde.

Wie hat Ihr Umfeld auf die dramatischen Umbrüche reagiert?

Schon nach der Trennung, erst recht nach der Verhaftung haben mich viele Menschen nicht mehr gegrüßt. Aber das lag daran, dass sie unsicher waren. Das ist wie bei einem Trauerfall. Die Menschen sind unsicher, ob und wie sie dich ansprechen sollen. Aber das ist geklärt, ich spreche offen über alles und es wird längst wieder gegrüßt.

Wie geht es Ihrem Sohn und Ihrer Tochter heute?

Der Tag der Verhaftung war für beide ziemlich traumatisch. Daran hatten sie zu knabbern. Aber jetzt geht es ihnen wieder gut.

Werden Ihre beiden Kinder den Prozess persönlich verfolgen?

Ich würde es ihnen nicht raten, aber das ist natürlich ihre Entscheidung.

Vom Tagebuch zum Buch

Die SPD schreibt sich gerne Solidarität auf die Fahne. Haben Sie die gespürt?

Sehr wenig. Von manchen Mitgliedern schon. Aber bei sehr vielen hatte ich das Gefühl, dass sie sich ganz schnell verabschiedet haben.

Sie beschreiben sich als bescheidenen, zurückgezogenen Menschen, dem eine große Öffentlichkeit eher unangenehm ist. Warum gehen Sie jetzt mit einem Buch an die Öffentlichkeit?

Ich will Menschen, die in so einer Lebenssituation sind, zeigen, dass es weitergeht. Zeigen, dass auch nach den schlimmsten Zeiten irgendwann wieder ein bisschen Licht kommt.

Sie haben zunächst nur Tagebuch geführt...

Das war der Tipp einer Freundin, die schon viele Schicksalsschläge wegstecken musste: Schreib immer auf, was Dich bewegt, wie Du Dich grad fühlst. Damit habe ich angefangen, als mein Mann mich verlassen hatte. Und als er verhaftet wurde, habe ich chronologisches Tagebuch geführt. Ich habe jeden Tag aufgeschrieben mit wem ich wann und warum telefoniert habe. Einerseits um mich selbst zu schützen, damit ich nichts vergesse, andererseits auch für meine Familie zum Nachlesen, wenn irgendwann alles vorbei ist.

Wann wurde aus den Aufzeichnungen ein Buch?

Ich habe im April angefangen und war am Ende der Pfingstferien fertig. Da hatte ich Urlaub und habe fast Tag und Nacht geschrieben. Das war, als wäre etwas herausgeplatzt, als hätte es rausgewollt.

Anja Wolbergs Foto Altro
"In Liebe, Jana!" heißt das Buch von Anja Wolbergs. Foto: altrofoto.de

Sie lassen Ihre Leser ziemlich weit in Ihr Privatleben hinein.

Ich habe immer versucht, mich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten und bin auch der Meinung, dass Privates privat bleiben sollte. Aber bestimmte Details musste ich schreiben, damit der Leser die Zusammenhänge versteht. Natürlich habe ich meinen Mann und die Kinder noch drüberlesen lassen.

Wie oft sehen Sie ihren Mann?

Fast täglich. Wir telefonieren, er kommt vorbei, spielt Taxi für die Kinder. Ganz besonders, als ich am Buch gearbeitet habe.

War er damit einverstanden, dass Sie ein Buch schreiben?

Er hat gesagt, ich solle mir sehr genau überlegen, ob ich das tue. Aber wenn ich es mache, würde er mich unterstützen.

Hat er versucht, Einfluss zu nehmen?

Nein.

"Wenn man einen Menschen mal geliebt und gemeinsame Kinder hat, kann man sich ordentlich trennen." Anja Wolbergs

Anja und Jana

Sie schreiben sehr wertschätzend über Ihren Mann, beschreiben ihn als anständigen, hart arbeitenden, mitfühlenden Menschen. Und sie waren für ihn da, obwohl er sie zuvor für eine andere verlassen hatte. Andere Frauen hätten das nicht geschafft.

Das mag meiner Lebenserfahrung geschuldet sein. So ein Rosenkrieg bringt nichts. Wenn man einen Menschen mal geliebt und gemeinsame Kinder hat, kann man sich ordentlich trennen.

Nicht ein winzig kleines Rachegefühl?

Nur einmal. Da habe ich all seine Klamotten, seine Anzüge gepackt und in den Keller geworfen, auf einen großen Haufen. Das war eine Befreiung für mich. Auf dem Berg hat es sich dann die Katze bequem gemacht hat. Danach war alles voller weißer Haare. Ich fand es witzig.

Die Jana im Buch sagt: „Ich habe ihn geliebt und werde ihn immer lieben“. Sagt das die Anja auch?

Das ist jetzt privat (lacht). Sagen wir mal so: Er wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

Sind Sie noch die Anja, die Sie vor zweieinhalb Jahren waren?

Nein. Ich habe mich weiterentwickelt. Habe sehr wohl begriffen, dass man nicht allen Menschen vertrauen kann. Die, die nur bei mir waren, weil ich die Frau vom Wolbergs bin, die hab ich aussortiert. Die fehlen mir nicht – ich ihnen aber wahrscheinlich auch nicht.


Anja Wolbergs

Alle öffnen
Alle schließen

Die Ehefrau:

Im Januar 2015 sagte Anja Wolbergs im MZ-Interview, sie sei nach 15 Jahren Ehe noch „glücklich verheiratet“. Im Herbst verließ sie ihr Mann OB Joachim Wolbergs.

Treue Gefährtin:

Im Juni 2016 wurden Ermittlungen gegen OB Wolbergs bekannt, im Januar 2017 wurde er verhaftet. Anja Wolbergs unterstützte ihren Mann weiterhin.

Das Buch:

Die MZ stellt den Roman „In Liebe, Jana“ in ihrer Samstag-Ausgabe ausführlich vor. Am 8. August um 19.30 Uhr präsentiert ihn Anja Wolbergs in der Buchhandlung Dombrowsky. Anmeldung per E-Mail an info@battenberg-gietl.de. Ab 8. August ist das Buch auch im Mittelbayerische Shop erhältlich.

Sie haben den Medien sehr misstraut. Jetzt haben Sie uns sogar in Ihre Küche gelassen. Woran liegt‘s?

Das stimmt. Ich habe lange gar keine Zeitung mehr gelesen. Aber ich habe, nachdem ich jetzt mit der Geschichte abgeschlossen habe, auch damit meinen Frieden gemacht.

Am 8. August erscheint Ihr Buch und Sie stellen es abends in der Buchhandlung Dombrowsky vor. Aufgeregt?

Ich hab richtig Manschetten, ehrlich gesagt. Ich habe meine Familie gebeten, nicht zu kommen, weil mich das noch nervöser macht.

Sie wissen: Der Zeitpunkt der Veröffentlichung könnte interpretiert werden als Versuch, die Öffentlichkeit zu beeinflussen...

Das weiß ich, aber den Erscheinungstermin hat der Verlag festgelegt. Wer glaubt, er könnte beeinflusst werden, der soll es halt nicht lesen. Und ich muss auch sagen: Ich war jetzt zwei Jahre fremdbestimmt. Meine Lebenszeit ist zu kostbar, als dass ich mir noch irgendwelche zeitlichen Vorgaben machen lasse. Ich habe keine Angst mehr.

Der Fall Wolbergs: Lesen Sie hier alles zu den Ermittlungen und zum bevorstehenden Prozess.

Kapitel
Die U-Haft Der Prozess Video-Interview Das Buch Anja und Jana
Teilen