Reportage

Grenzerfahrung als Dult-Bedienung

Bierkrüge stemmen, Gockerl auf dem Schlitten balancieren: Die MZ-Redakteure Marianne Sperb und Christian Eckl machen den Test bei Glöckl und sind am Ende: komplett bedient!

Im Glöckl-Zelt auf der Regensburger Dult hat es am Dienstag Abend noch an die 30 Grad, es ist dampfig, die Tische sind nur vereinzelt besetzt, und die Band „Über Düber“ singt aus vollem Hals „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leeeben. Nanana Nanana“.

Marianne Sperb:

Mein Kollege Christian und ich wagen die Grenzerfahrung: als Bierzelt-Bedienungen. „Wollt ihr den Selbstversuch wirklich heute machen?“, hat Festwirt Alfred Glöckl noch gefragt. Ein heißer Ferienabend: da kommen nur ein paar hundert Leute, kein Vergleich zu starken Tagen, wenn die 4300 Plätze sogar zwei Mal belegt sind. Aber uns kommt die Flaute ganz recht. Schließlich sind wir blutige Anfänger. Ich fürchte bei diesem Einsatz vor allem eine Sache – zu Recht, wie sich später herausstellt.

Christian Eckl:

Auf die „Lumpentasch’n“ ist Sonja Stelzer besonders stolz. Und auch der Geldbeutel ist nicht irgendeiner, sondern extra für die Bierzelt-Bedienung bei Trachten Kaiser in München gefertigt. Während Marianne in Steves Händen zur Bedienung ausgebildet wird, hänge ich an Sonjas Rockzipfel. Und die 22-Jährige bringt mich immer wieder zum Staunen. „Ich studiere Soziale Arbeit an der OTH hier in Regensburg“, sagt sie. Zwischen April und Oktober bedient sie auf mehreren Volksfesten, heuer zum ersten Mal auf der Dult. Zum Bedienen ist sie durch einen Spaß beim Weggehen gekommen. In ihrem Heimat-Landkreis Cham gibt es eine Clique von Bedienungen. „In der Disko haben wir gescherzt, dass ich das auch mal machen soll.“ Prompt kam ein Anruf.

Marianne Sperb:

Steve, von 17 bis 24 Uhr der Ober in der Einser-Box, ist geduldig mit mir. Ich dackle hinter ihm her, räume leere Masskrüge weg, die aufs Laufband der Waschanlage kommen, und bringe abgegessene Teller mit Resten von Pommes, Ketchup, Gockerl in die Spülküche. Das Besteck wandert in eine Tonne: Ein externer Service liefert Messer und Gabeln gewaschen und gewickelt wieder an. Was ist wichtig für die Schicht? „Gute Schuhe“, sagt Steve. Der 37-Jährige schwört auf seine schwarzen Laufschuhe. „Und eine Lederhosn ist eh superpraktisch.“ Die ersten Tage auf der Dult sind hart, gibt er zu. „Vor allem, wenn dann alle auf einmal kommen.“ Gerade sind 60 Kinder aus dem Thomas-Wiser-Haus Regenstauf satt und happy abgezogen, ein 90-minütiger Großeinsatz. Die Einladung war eine freundliche Geste des Festwirts.

Christian Eckl:

Kollegin Sonja ist nun seit vier Jahren in Bierzelten. „Die Kollegen hier sind einfach super“, lobt sie die anderen Bedienungen im Glöckl-Zelt. Und die „Lumpentasch’n“ brauchen wir mehrfach an diesem Abend. Darin ist nämlich der Putzhadern eingesteckt. Wie die anderen beiden Beutel ist auch diese mit einem schönen Leopardenmuster verziert. Während Sonjas Dirndl ganz ohne Spangerl oder sonstigen Schmuck auskommen muss ­­- „das stört nur!“ -, zieren silberne Edelweiß und ein Herzerl die Beutel. Drei Taschen hängen bei Sonja am Ledergürtel, heute hat sie die vierte Tasche nicht dabei. „Da passen zwei Spezi rein und in die „Lumpentasch’n“ nochmals eines.“ 450 Euro kostet die Sonderanfertigung. „Aber die Investition lohnt sich“, sagt die Bedienung. Der Gürtel, den sie um das einfache, aber schöne Dirndl trägt, schützt ihren Rücken. „Sonst wird das alles zu schwer.“ Denn Sonja lüpft locker zwölf Maß, ohne mit der Wimper zu zucken.

Marianne Sperb:

Bei 26 Mass liegt angeblich der Rekord. Steve stemmt bis zu 14. „Für mehr sind meine Hände zu groß.“ 5500 Krüge sind an der Abfüllanlage gestapelt, in Stoßzeiten schafft die glänzende Hochleistungsmaschine 22 Mass – pro Minute! Fred Glöckl, der seit 36 Jahren zum lebenden Dult-Inventar gehört, führt mich herum. Auch wenn das Volksfest nur 17 Tage dauert: Die Infrastruktur wirkt alles andere als provisorisch. Zum Glöckl-Universum gehören ein Büro mit drei PC, Spülküche, die Kaltküche, in der zum Beispiel die Wurstsalate angerichtet werden, der Grill, auf dem sich Dutzende rescher Gockerl drehen, Fleisch- und Bratwurst-Rost, hinterm Zelt ein geräumiger Kühlcontainer und die Ruhestation für die Bedienungen. 50 Männer und Frauen, Verhältnis: ungefähr 50:50, sind an starken Tagen im Service auf Trab. Personal zu finden, ist schwieriger geworden. „Die Mundpropaganda macht’s“, sagt der Wirt.

Christian Eckl:

Die Jungs am „Beerjet“, in dem vier Maß und zwei Radler in Sekunden mit 2,5 Bar Druck und exakt null Grad abgefüllt werden, schauen zunächst ungläubig, dann belustigt. Sonja macht mir vor, wie man mit einer Hand sechs Maß nimmt und mit der zweiten ebenfalls sechs Stück. Ich probiere es erstmal mit leeren Krügen und stelle fest: „Ich komme ja jetzt schon ins Schwitzen!“ Die Stimmung an der Abfüllanlage steigt rasant, als die Männer erkennen: Da stellt sich einer an wie der erste Mensch. Doch Sonja ist geduldig mit mir. Sie zeigt mit mir ihre Technik. Diesmal soll ich mit Wasser gefüllte Krüge stemmen, man hat offenbar Angst, dass ich zu viel Bier verschütte. Denn „Technik ist alles beim Bedienen“. Die Henkel der Maßkrüge müssen ineinander greifen, dann nutzt man Daumen auf der einen, Kleinen-, Mittel- und Ringfinger auf der anderen Seite und legt den Zeigefinger auf die Henkel drauf. „Zu Dir her drücken“, sagt Sonja noch. Doch mir fehlt es schlicht an der Oberweite, mit der Sonja die Bierkrüge zusätzlich abstützt. Meine saubere rote Glöckl-Weste, die mich als Bedienung ausweist, ist plötzlich nass. Sonjas Kollege Jürgen frotzelt: „Na da geht aber schon noch mehr!“ Ich muss zugeben – nein, tut es nicht!

Marianne Sperb:

Da geht mehr? Von wegen! Während Christian Masskrüge stemmt, serviere ich Essen. Bei sechs Gockerl und zwei Brezen ist definitiv Schluss. Die acht Teller sind auf einen Schlitten geschichtet, so heißt das große Brett zum Austragen der Portionen. Ich tauche unter das XXL-Tablett, stemme es mit der Rechten hoch, stütze mit der Linken ab und denke: Uaah. Ob das gut geht? Jede Sekunde könnte die wacklige Fracht abstürzen. Wie virale Vergleichsbeispiele zeigen, würde das im Video vermutlich viele Klicks bringen. Aber der Einsatz gelingt unfallfrei, auch die drei Stufen zum Podest und meinen Gäste zittere ich mich durch. „Der Georg macht das mit durchgestrecktem Arm - und auf nur vier Fingern“, spornt mich der Wirt an.

Georg ist einer der Altgedienten im Zelt, seit 27 Jahren an Bord, ein lustiger Typ, immer einen lockeren Spruch drauf. So stellt er sich vor: „Ich bin der Schorsch, mit dem großen Herz und dem kloana Oarsch“ und dreht dabei das Popöchen nach vorn. Am Schlitten, sagt er, zählt das Fingerspitzengefühl. „Balance! Balance ist alles. Weil: an den Muskeln kann’s nicht liegen, das siehst ja an mir.“ Der Ober tourt von Kieler Woche zu Forchheimer Annafest zur Wiesn. Zehn Jahre hat er bei Schottenhaml mit Rainer M. Schießl, dem Kult-Pfarrer aus dem Münchner Glockenbach-Viertel, bedient und durfte dann im Pfarrheim wohnen. „Aber der Pfarrer hat sein zweites Buch geschrieben. Der sagt: Ein Lesung, 4000 Euro, das bringt mehr an Spendengeldern als Oktoberfest.“

Auf der Wiesn ist Georg einer der wenigen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ober. „Der Rest: Studenten. So spart sich der Wirt unterm Strich gut 100 000 Euro, das ist ein schöner Porsche.“ 27 Jahre Bierzelt haben Schorsch verändert: „Ich Großen und Ganzen bin ich eine Riesen-Psychologe geworden. Im Zelt hast du ja alle: den Hartz-IV-Gast und den Professor. Und nette und unangenehme gibt’s durch die Bank.“

Christian Eckl:

Ein Tisch mit jungen Männern wird von Sonja und mir bedient, sie machen alle eine Ausbildung in der Feuerwehrschule in Regensburg. Als sie merken, dass ich nur der Praktikant bin, fangen sie zum Scherzen an. „Hey, Praktikant, die Maß ist nicht richtig eingeschenkt“, sagt einer der jungen Männer. Sonja lässt sich auf keine Diskussion ein, während ich ein wenig rumstottere. Denn es stimmt schon: Einer der Maßkrüge ist nicht ganz gefüllt. Sonja übergeht das mit einem Lächeln: „Der Schaum setzt sich“, sagt sie, ganz der Profi. Alle zahlen einzeln, der Preis der Maß mit 9,45 Euro im Glöckl-Zelt ist bedienungsfreundlich. Denn eigentlich jeder gibt einen glatten Zehner. Sonja erklärt mir, wie das Kassensystem funktioniert. Mit einem Chip bucht sie die Massen ins Kassensystem, ein Zettel kommt raus, mit dem holt sie das Bier. Mit dem Essen funktioniert es ganz genauso. Auf dem Chip hat die Bedienung 500 Euro aufgeladen, der Preis für Bier und Essen ohne Bediengeld werden ihr abgezogen. Sie kassiert mit Bediengeld und bekommt noch Trinkgeld drauf. Was genau an Verdienst übrigbleibt, das will sie nicht verraten. „Man ist selbst dafür verantwortlich, dass der Service schnell geht und dass die Tische immer sauber und abgeräumt sind. Dann setzen sich die Leute auch.“

Das Fazit

Christian Eckls Fazit:

Bedienen ist wirklich Schwerstarbeit. Aber super Kollegen und zumeist auch echt nette Gäste motivieren ungemein. Bedienungen wie Sonja Stelzer sind aber wirklich zu bewundern. Bedienen ist nämlich Hochleistungssport. Ich bin schon ins Schwitzen gekommen an einem Dienstagabend. Wie muss es erst sein, wenn am Samstagabend das Zelt berstend voll ist? Die Erfahrung hat mir gezeigt: Ein gutes Trinkgeld ist selbst verständlich. Denn Bedienen im Festzelt, das ist Dienst am Kunden pur.

Marianne Sperbs Fazit:

Respekt vor den Bedienungen! Und Hut ab vor den Schlittenträgern. Im vollen Zelt, bei querendem Publikumsverkehr, 16 oder 20 Teller auf dem großen Brett heil bis an den Tisch zu bringen, ist eine Kunst für sich. Eine Schicht lang, bei Hitze, im schnellen Takt und voller Musikdröhnung alles im Blick haben und gute Laune behalten: Dafür braucht man gute Nerven und ein breites Kreuz. Obwohl ich nur drei Stunden Bedienung spielte, war ich am Ende: komplett bedient.

Fotos: Tino Lex

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