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Zuhause ist, wo du parkst

Die Vanlife-Bewegung befeuert den Traum vom einfachen Leben auf vier Rädern mit stilisierten Fotos und Produktplatzierungen auf Instagram. Die Flucht vor der Realität wird längst von der Wirklichkeit eingeholt.

Diese Geschichte beginnt vor etwa sechs Jahren mit einem modernen amerikanischen Märchen. Foster Huntington, ein attraktiver junger Mann aus Oregon, USA, arbeitet in der Modebranche und merkt, dass er nicht glücklich ist. Also kündigt er seinen Designerjob bei Ralph Lauren in New York und zieht um – in einen alten Volkswagen-Bus. Drei Jahre lang reist er mit seinem Bulli Baujahr 1987 durch Nordamerika. Er campt, surft, unternimmt Wanderungen. Und er macht Fotos von seinem VW-Bus vor der Kulisse atemberaubender Landschaften. Diese Bilder postet er im Internet. Es sind die frühen Tage von Instagram. Auf der Foto-Plattform verschlagwortet er seine Bilder mit Hashtags wie #homeiswhereyouparkit (Zuhause ist, wo du parkst) und #livesimply (lebe einfach). Am häufigsten aber verwendet er den Begriff #vanlife. Huntington ist Mitte 20, und er hat gerade etwas Großes losgetreten.

Heute gibt es über 2,3 Millionen Beiträge auf Instagram unter dem Hashtag #vanlife. Communities mit Namen wie „vanlifediaries“ (Bustagebücher), „vanlifeexplorers“ (Busentdecker) und „vanlifemovement“ (Busbewegung) sammeln und veröffentlichen verführerische Fotos von Campingbussen. Auf individuellen Profilen stellen Busbewohner ihr Leben zur Schau. Einigen von ihnen gucken dabei Hunderttausende Follower zu.

Foster Huntington (rechts im Bild) postet regelmäßig Fotos von seinem VW-Bus und atemberaubenden Kulissen auf Instagram und Facebook:

Das Phänomen, in einem Bus zu hausen, und zwar nicht nur im Camping-Urlaub, ist natürlich nicht neu. Hippies, Wagenburgler, Aussteiger leben schon seit langem in ihren Fahrzeugen. Im Werkstatt-Syndikat in Au bei Freiburg haben Ralf Strütt und Guy Duda sich auf den individuellen Ausbau von Wohnmobilen spezialisiert. „Die Wagenhippies haben früher halt niemanden interessiert. Es sei denn, sie standen am falschen Ort“, sagt Ralf Strütt. Es gebe immer noch Menschen, die aus Kostengründen in einem Bus lebten, gerade in der Freiburger Gegend mit ihren horrenden Mieten. „Aber heute liebäugeln auch Durchschnittsbürger damit.“

Über Social Media hat das Leben im Bus eine Lifestyle-Dimension angenommen. Foster Huntington hat eine neue Art von Berühmtheit begründet: Celebrity sein, nicht weil man bekannt ist, ein Filmstar, Sänger oder Model, sondern, weil man seinen beneidenswerten Lebensstil dokumentiert. Mittlerweile hat Huntington eine Million Abonnenten auf Instagram. Und er hat zwei Bücher zum Thema Vanlife veröffentlicht.

Naturverbunden, stressfrei, nachhaltig

Die Vanlife-Szene selbst sieht sich als eine globale Bewegung. Eine Bewegung von Menschen, die frei leben wollen, ohne festen Job, ohne Hypothek, ohne Luxus, erlöst vom Klammergriff der Gesellschaft. Naturverbunden, stressfrei, nachhaltig. Regelmäßige Vanlife-Treffen stärken das Wir-Gefühl. Doch was anfing als Versuch, ein einfaches Leben zu führen, wurde schnell zum Hype – und für einige zu einem lukrativen Geschäft, das den vermeintlichen Ausstieg im Bus refinanziert.

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Vanlife ist ein großartiger Marketing-Begriff. Er ist spezifisch und unspezifisch zugleich. Viele Fotos, die in den sozialen Medien unter dem Hashtag #vanlife laufen, haben mit Bussen nur hintergründig zu tun. Die Motive sind häufig die gleichen: attraktive Frauen, die vor dem Bus in einer Yoga-Pose verharren. Eine betörende Landschaft durch die offene Heckklappe hindurch fotografiert, im Vordergrund räkelt sich wahlweise eine schöne Frau, gerne im Bikini, und/oder ein knuffiger Hund auf einem hippen Ethno-Deckchen. Menschen am Lagerfeuer, die Spaß haben, im Halbschatten dahinter der Bus.

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Die Vanlife-Szene selbst sieht sich als eine globale Bewegung. Foto: Charlotte Janz

Die Szenen sind wie Werbekatalog-Fotos, in die sich die Betrachter selbst hineinträumen können. Das haben Vanlifer und Firmen entdeckt – und sich teils zu profitablen Kooperationen zusammengeschlossen.

Corey Smith und Emily King, ein fotogenes Paar Anfang 30, das auf Instagram unter dem Namen „Where is My Office Now?“ (Wo ist mein Büro jetzt?) firmiert, lässt sich für geschicktes Product Placement bezahlen. Ein Bild zeigt Emily von hinten, wie sie nackt in der Tür ihres VW-Busses kniet, ihren Po verdeckt ein Zweig. Auf der Anrichte vor ihr steht eine Trinkflasche. Die Bildunterschrift liest sich wie Ratgeberprosa. Es sei ok, anders zu sein. Man solle tief durchatmen und im Jetzt leben. Ganz am Ende steht, dass der Post von der Flaschenfirma gesponsert sei.

Werbewirkung mit alten Stereotypen

Mikro-Influencer-Marketing, wie sich diese Art der Werbung nennt, sehen Experten als einen Markt der Zukunft mit riesigem Wachstumspotenzial. In den sozialen Netzwerken versuchen Firmen mithilfe gut vernetzter Privatleute, Menschen zu beeinflussen. Ein Vorteil für die Unternehmen: Es gibt bisher kaum Branchenstandards, Regulierungen oder eine verbindliche Kennzeichnungspflicht von Werbung.

Viele Vanlifer nutzen in ihren Bildern dieselben Topoi: Da ist das feingliedrige Neo-Hippie-Mädchen mit Blumen im Haar. Der Mann an ihrer Seite ist ein Holzfäller-Typ. Häufig hat auch er lange Haare, einen Bart und macht den Eindruck, als könnte er problemlos in der Wildnis überleben. Nicht nur die Autos sind Retro, auch die Gender-Fantasien sind es. Die Frauen basteln Traumfänger oder kochen Tee, die Männer liegen mit Werkzeug unterm Auto oder hacken Holz. Dann ist da noch die Captain-Fantastic-Familie mit nackigen, wilden Kindern, die von der Natur fürs Leben lernen sollen. Und der digitale Nomade, der aus dem Bus heraus ein Online-Business betreibt, aber dazugehören darf, weil er analog fotografiert und einen Plattenspieler hat. Häufig suggerieren die Bilder eine heile Welt vergangener Tage.

Wer sich den Ausstieg als Influencer finanzieren will, muss regelmäßig Content kreieren.

Das Phänomen Vanlife und seine Ikonographie auf Instagram bedienen eine ganze Reihe aktueller Trends: eine Sehnsucht nach Naturverbundenheit, eine Abkehr von der Karriere zugunsten von Freizeit, Familie und Freunden, ein Streben nach Selbstverwirklichung, nach Nähe zur Natur und Ferne von Technologie, nach In-sich-Ruhen, nach Achtsamkeit. Der reine Kult bevorzugt ganz bestimmte Vans, nämlich die alten VW-Busse mit den freundlichen Kulleraugen, Modelle T1, T2 und T3. Und je älter das Gefährt desto mehr müssen seine Besitzer daran herumwerkeln. Die Rückbesinnung aufs Handwerk, aufs Selbermachen, bedient der Lebensstil also auch.

Dabei gestaltet sich die Realität oft weniger romantisch. Wer sich den Ausstieg als Influencer finanzieren will, muss regelmäßig Content kreieren. Die Follower wollen immer mehr und schönere Fotos sehen. Plötzlich sind die vermeintlichen Aussteiger hart am Arbeiten. Auf der Suche nach WLAN müssen sie ihren paradiesischen Schlafplatz in den Bergen verlassen – und bei McDonald’s haltmachen. Als Emily King einmal länger krank war und statt im Bus bei ihren Eltern wohnte, geriet „Where is My Office Now?“ in ernste Schwierigkeiten. Das Bildarchiv des Instagram-Pärchens wurde dünn. Die beiden mussten wieder in den Bus umziehen – um Geld zu verdienen.

Corey Smith und Emily King lassen sich auf ihrem Instagram-Account „Where is My Office Now?“ für geschicktes Product Placement bezahlen:

Dass das eigene Leben zur Marke verkommen kann, haben Calum Creasey und Lauren Smith früh realisiert. Das Paar aus Cornwall, England, hat sich vor acht Jahren einen T4 VW-Bus gekauft. Mit viel Zeit und Liebe hat es den einfachen Transporter in ein kleines Zuhause auf Rädern verwandelt. Weil er stolz auf das Ergebnis war, auf die Bullaugen in der Flanke des Busses, auf die selbst geschreinerte Küchenzeile, die liebevolle Inneneinrichtung, teilte Calum, jetzt 27 und ausgebildeter Grafikdesigner, auf Instagram Fotos vom Bus. Heute hat „The Rolling Home“ über 210 000 Follower.

Wie kam das? Calum, blonder Vollbart, lange Haare, kann das selbst nicht richtig erklären. Denn geplant war das Ganze nicht. Dem Paar hat es einfach Spaß gemacht, durch Europa zu tingeln. „Ganz ehrlich: Ich wollte nur ein kreatives Ventil für meine Arbeit am Bus haben und andere dazu inspirieren, sich die Welt anzugucken“, sagt er. Mit der Zeit wurde ihr „Rolling Home“ zu einer Art Synonym für die wachsende Vanlife-Bewegung. „Dabei sind wir in die ganze Nummer ungeplant hineingestolpert“, sagt Calum.

Zufälliger Instagram-Ruhm ist mittlerweile eine Ausnahme. Die Formel lautet: Kaufe einen Van, je älter desto besser, richte ihn heimelig ein, lege einen Instagram-Account an, gib ihm einen verfänglichen Namen, sammle Follower, bewerbe Produkte, werde für deine Reisen bezahlt. Ob sie aufgeht, ist die Frage. Wer sich darauf einlässt, kommt so schnell nicht wieder los.

"Wir haben uns früh dagegen entschieden, Influencer zu werden.“ Calum Creasey

Er wolle das nicht leugnen, sagt Calum: „Wir profitieren ja auch von unserer Online-Präsenz. Aber wir haben uns früh dagegen entschieden, Influencer zu werden.“ Sich für Werbung einspannen zu lassen, schien dem Paar suspekt. Weil es mit seinem Profil kein Geld verdiente, konnte es schnell reagieren, als es sich in seiner Rolle nicht mehr wohlfühlte. „Diesen Fokus auf uns als Paar, das nun irgendwie semi-öffentlich lebte, fanden wir sehr anstrengend“, erzählt Calum. Deshalb entschieden sich die beiden, ihre beachtliche Plattform zwar weiter zu nutzen, aber den Schwerpunkt von sich wegzulenken. Mittlerweile geben sie ein Magazin heraus, in dem nicht nur andere Vanlifer ihre Geschichten erzählen. Es geht um sämtliche Formen des alternativen Lebens. Lauren und Calum haben eigentlich nie Vollzeit in ihrem Bus gelebt. „Wir wollen viele Lebensformen ausprobieren – auf einem Boot, in einer Hütte im Wald, auf einem Bio-Bauernhof. Bei der, die uns am besten gefällt, bleiben wir dann vielleicht einmal.“

Die Vanlife-Szene ist voller Suchender. Es gibt Familien, Rentnerpaare und veritable Eremiten. Den Großteil machen aber die Millennials aus, Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Kaum eine Generation vorher war dermaßen gut ausgebildet. Was treibt gerade die erste Generation von Digital Natives zum Leben in einem Bus? Ist es die Übersättigung mit Job und Karriere? Oder angesichts befristeter und prekärer Arbeitsverhältnisse eben das Gegenteil davon? Vanlife ist ein globales Phänomen, das Millennials der Industrienationen über Kontinente hinweg fasziniert.

Calum Creasey und Lauren Smith machen ihr eigenes Leben zur Marke:

Waking up in the rolling home. #stokedeversince

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Schon die Hippies fuhren mit VW-Bussen durchs Land, um die sinnentleerten Wohlstandsideale der Mittelschicht zu hinterfragen und ein von bürgerlichen Tabus befreites Leben zu führen. Allerdings ohne Hashtag. Und damit ohne denen, die im System verblieben sind, den eigenen Lebensstil schmackhaft zu machen. Von ihnen wollte man sich ja distanzieren. Vanlife ist weniger politisch. Letztlich ist es ein Versuch der Millennials, im Dschungel der Optionen die Unsicherheiten des Lebens zu romantisieren.

Viele typische Vanlife-Motive verdeutlichen die Künstlichkeit der Fotos, die doch ein besonders authentisches Leben dokumentieren sollen. Da ist das schlafende Pärchen, das entweder von einem Dritten fotografiert wird oder sich mit dem Selbstauslöser behilft. Da ist die Drohnenperspektive, die den Vanlifer vor seinem Bus auf dem Rücken liegend zeigt, eingerahmt von seiner gesamten Ausrüstung. Und da ist der Bus als Punkt auf einer einsamen Straße, die sich durch eine Bilderbuch-Landschaft schlängelt. Um dieses Foto zu schießen, musste immerhin jemand ein paar Kilometer vorher abgesetzt und nachher wieder eingesammelt werden. Dem Betrachter suggeriert das Foto aber vor allem eins: Freiheit.

Eine ganze Reihe von Menschen kann sich mit der Philosophie, dem Stil, der Ästhetik identifizieren.

Was man nicht sieht, sind Berge von dreckigem Geschirr, Blutflecken totgeschlagener Moskitos an den Scheiben und matschige Regenstiefel auf dem Teppichboden des Busses. Das Leben im Van wird ästhetisch überhöht. Die Reisen werden zum Produkt. In der Vanlife-Terminologie heißen sie oft „Projekte“. Unter den Fotos stapeln sich die Kommentare: „Will auch!“ „Wow, habt ihr ein tolles Leben!“ „Your van looks like a great home“. Die Bulli-Idylle ist wie die Surfkultur: Eine ganze Reihe von Menschen kann sich mit der Philosophie, dem Stil, der Ästhetik identifizieren, aber nur ein Bruchteil davon führt wirklich dieses Leben. Die Industrie lebt von den anderen.

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Die Fotos romantisieren das einfache Leben. Wer Geld verdienen will, muss liefern. Foto: Charlotte Janz

So träumen viele nur davon, alles hinter sich zu lassen, vor sich die offene Straße. Die meisten fahren mit überteuerten Mobilen am Wochenende auf den Campingplatz und in den Sommerferien mal zwei Wochen am Stück. Selbst die meisten Vanlifer, die sich auf Instagram präsentieren, wohnen in der Regel nur vorübergehend in ihren Gefährten. Der Traum verkauft sich. Die Campingwirtschaft verbucht laut Deutscher Industrie- und Handelskammer bereits den achten Rekordsommer in Folge.

In Cornwall möchte Calum Creasey in Zukunft individuelle Wohnmobilausbauten anbieten – so wie Ralf Strütt und Guy Duda im Werkstatt-Syndikat bei Freiburg. Mit der Ästhetisierung von Vanlife auf Instagram haben die beiden zwar nichts am Hut. Aber sie verwandeln jedes Gefährt, das man ihnen bringt, in ein Zuhause auf Rädern. Das ist auch Calums Plan. „Die Bewegung darf nicht zu einer reinen Social-Media-Show verkommen“, sagt er. „Es ist Wahres dran am Vanlife.“

Text und Fotos: Charlotte Janz

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