nr. sieben

Zerreißprobe auf rotem Sand

Caroline Schlossmann opfert sich für die Tenniskarrieren ihrer Söhne auf. Eine Mutter zwischen Ambition und Fürsorge.

Caroline Schlossmann kneift die Augen zusammen. Nervös verschränkt sie ihre Arme, mehrmals muss sie tief Luft holen. Auf einem schmalen Weg, der an Platz sieben der Tennisanlage des TC Rot-Blau Regensburg vorbeiführt, geht sie auf und ab. Dann bleibt sie stehen und senkt den Kopf. Nur ein paar Meter Luftlinie daneben schreit ihr Sohn Frederic: „Oh Mann, ich bin so schlecht.“ Er hat gerade in der dritten Runde des BMW Junior Cups den ersten Satz mit 1:6 verloren.

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Frederic Schlossmann ist einer von rund 250 Nachwuchsspielern, die bei dem angesehenen Turnier in den Kategorien U 12 und U 16 am Start sind. Jahr für Jahr Ende August messen sich in Regensburg im Rahmen der Tennis-Europe-Serie Talente aus aller Welt. Sogar ein Australier und auch ein US-Amerikaner sind dieses Mal dabei.

Für Caroline Schlossmann aus Regensburg bedeutet das Turnier doppelten Stress, denn beide Söhne sind am Start: der zehnjährige Christopher und der 14-jährige Frederic.

Ein Freund, der zum Gegner wird

So hatte sich Frederic Schlossmann den Start des Spiels nicht vorgestellt, ebenso wenig wie seine Mutter. Es ist der dritte Turniertag in Regensburg: Das Drittrunden-Spiel ist für Frederic Schlossmann ein besonderes, denn sein Gegenüber ist nicht irgendwer: Nick Hartmann ist sein Doppelpartner und ein guter Freund. Schwer sei das für ihren Sohn, sagt Caroline Schlossmann.

Frederic Schlossmann jagt eine Vorhand auf die andere Seite des Netzes. Es staubt auf, der Schlag landet im Aus. „Ist das peinlich“, sagt er zu sich selbst und verdreht die Augen. Die Mutter schüttelt den Kopf. Es stört sie, wenn er anfängt, mit sich zu hadern und sich dann selbst runterputzt.

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Bei den Turnieren wird der Tennis-Nachwuchs häufig von den Eltern begleitet und unterstützt. Foto: Heil

Frederic Schlossmann und sein heutiger Gegner haben sich über das Tennis kennengelernt, sie trainieren gemeinsam. Da es in Regensburg an geeigneten Trainingspartnern mangelt, muss Frederic Schlossmann zweimal in der Woche nach Landau an der Isar oder nach Landshut, wo er gemeinsam mit dem gleichaltrigen Hartmann aus Vilsbiburg und anderen trainiert. Auch in Amberg haben Frederic und Christopher einen Trainer.

Vier- bis fünfmal Training pro Woche: Auch für Caroline Schlossmann bedeutet das einen riesigen Aufwand, ihre Nachmittage sind zumeist mit Tennis ausgefüllt. 50 000 Kilometer Fahrtstrecke im Jahr kämen da schon zusammen – die Fahrten zu den Turnieren mit eingerechnet. „Mein Mann und ich, wir unterstützen unsere Söhne mit voller Kraft“, sagt Caroline Schlossmann. Ohne diese Unterstützung der Eltern im Tennis durchzustarten, ist schwer. Bei einem Großteil der Spieler sind die Eltern daher mit dabei.

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    Aus oder nicht aus: Frederic Schlossmann (links) und Nick Hartmann sind sich da auch nicht sicher. Foto: Johannes Heil
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    Diskussionen: Nicht immer sind sich die Spieler bei der Bewertung eines Balles einig. Fotos: Johannes Heil
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    Für Frederic Schlossmann aus Regensburg war das Turnier in Regensburg ein Heimpsiel. Foto: Johannes Heil
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    Frederic Schlossmann (links) besiegte seinen Trainingspartner Nick Hartmann in drei Sätzen. Foto: Johannes Heil
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    Mutter Caroline Schlossmann mit Mann Jens und Sohn Christopher. Foto: Johannes Heil

Ein Vater telefoniert aufgeregt gestikulierend, daneben steht der Sohn in voller Tennismontur und schaut verlegen auf den Boden. Der Mann spricht Italienisch und gerät zunehmend in Rage. Ein paar Schritte entfernt diskutiert ein Vater lautstark mit seiner Tochter – in einer osteuropäischen Sprache mit vielen harten „tsch“- und „ch“-Lauten.

Zurück auf Platz sieben: Die Gesichtszüge von Caroline Schlossmann hellen sich wieder etwas auf. Ihr Sohn findet besser ins Match gegen seinen Freund. 6:2 gewinnt er den zweiten Satz. Eine Handvoll Menschen schaut mittlerweile zu. Auch Frederics Vater ist nun da. Jens Schlossmann, Professor für Pharmakologie an der Universität Regensburg, ist von der Arbeit zum Spiel seines Sohnes geradelt.

Aufgeheizte Stimmung ein paar Plätze weiter

Ein paar Plätze weiter ist die Stimmung aufgeheizt. Ein kleiner, schmächtiger Junge mit Schirmmütze trifft auf einen schlaksigen Blondschopf. Es läuft nicht rund für den Kleinen – Vater und Mutter überfluten ihren Jungen von Klappstühlen aus mit Anweisungen. Wieder sind die harten „tsch“- und „ch“-Laute zu hören. Der Kleine zuckt hilflos mit den Schultern, ist den Tränen nahe.

Der Vater des Kleinen rückt seine Sonnenbrille zurecht, überschlägt die Beine und gibt weiterhin taktische Anweisungen. Dies erzürnt wiederum den Anhang des Blondschopfs. Drei Frauen sitzen beieinander und stecken konspirativ die Köpfe zusammen. Eine von ihnen fuchtelt aufgeregt mit den Armen. Sie regt sich über das verbotene Coaching des Vaters auf. „Unerhört“, ruft sie, unmöglich sei das Verhalten des Vaters. Verächtliche Blicke wandern die Seitenauslinie entlang.

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Bei den Turnieren wird der Tennis-Nachwuchs häufig von den Eltern begleitet und unterstützt. Foto: Heil

Eltern, die sich im sportlichen Erfolg der Kinder verwirklichen wollen – ein Phänomen, das im Tennis ebenso präsent ist, wie in vielen anderen Sportarten. Fairness und Sportsgeist bleiben nicht selten auf der Strecke. Vor allem bei den Jüngeren sind viele Eltern sehr engagiert bei der Sache. „Als Frederic klein war, musste ich oft als lebender Schutzschild mitfahren“, sagt Caroline Schlossmann.

Zurück zu Frederic Schlossmanns Match: Nick Hartmann ist umgeknickt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stützt er sich auf seinem Schläger ab. Caroline Schlossmann und ihr Mann eilen besorgt herbei: „Alles in Ordnung, Nick?“, fragt Jens Schlossmann. Es ist alles in Ordnung, nach einer kurzen Verschnaufpause kann er weiterspielen.

Die Entscheidung naht: Matchball für Frederic Schlossmann, er knallt eine Rückhand über das Netz, sein Gegner ist fast schon geschlagen. Doch dann segelt ein hoher Ball in seine Hälfte. Gebannt folgt seine Mutter der Flugkurve des Balles, als ob sie das drohende Unheil bereits ahnte. Der Ball landet genau auf der Grundlinie, verspringt und wird so unerreichbar.

„Für mich sind solche Spiele die Höchststrafe." Caroline Schlossmann

Caroline Schlossmann schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen, wendet sich vom Spielfeld ab und schnauft einmal tief durch. „Für mich sind solche Spiele die Höchststrafe“, sagt sie. Sie durchlebt die Situation nicht das erste Mal. In Maribor, Amsterdam und Padua war sie unter anderem schon mit ihrem Sohn auf Turnieren.

Dieses Mal geht es gut aus. Frederic Schlossmann entscheidet das Match für sich. Im Viertelfinale wartet dann aber ein schier übermächtiger Gegner auf den Regensburger.

Alle sechs Wochen ist ein neues Paar Schuhe fällig

Die Förderung von aufstrebenden Tennis-Talenten bedeutet nicht nur einen enormen zeitlichen, sondern einen ebenso großen finanziellen Aufwand. Allein alle sechs Wochen sind neue Schuhe fällig, Trainerstunden und die Fahrten zu Turnieren verschlingen einige hundert Euro im Monat. Sowohl Frederic als auch Christopher sind zwar mittlerweile im Kader des Bayerischen Tennis Verbandes – Frederic ist bayernweit in seiner Altersklasse momentan sogar an Platz vier gesetzt. Dadurch erhält die Familie einen kleinen Zuschuss vom Verband. Auf einem Großteil der Kosten bleiben die Eltern aber sitzen.

Vierter Turniertag, zehn Uhr morgens: Caroline Schlossmann steht auf der Tribüne des Center Courts, die Arme verschränkt. Ihr Blick richtet sich aber nicht nur auf einen Platz, sondern wandert zwischen dem Center Court zu ihrer Linken und dem benachbarten Platz eins zu ihrer Rechten hin und her.

Links spielt Frederic Schlossmann gegen den großen Turnierfavoriten Moritz Pfaff, immerhin die Nummer 19 in Europa in seiner Altersklasse. Rechts von ihr müht sich der kleine Christopher in der Trostrunde der U 12-Kategorie gegen seinen Gegner aus der Türkei. Die Bälle lassen auf beiden Plätzen roten Sand aufsteigen, der sich in der sengend heißen Luft verteilt.

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    Am vierten Turniertag lief es nicht gut für Christopher Schlossmann. Mutter Caroline musste ihren Sohn beruhigen. Foto: Johannes Heil
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    Platzpflege nach dem Spiel. Foto: Johannes Heil
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    Die meisten Jugendlichen sind in Begleitung ihrer Eltern oder Coaches bei dem Turnier. Foto: Johannes Heil
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    Viele Eltern werfen einen genauen Blick auf die Leistungen ihrer Kinder. Foto: Johannes Heil
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    Der BMW Junior Cup fand in diesem Jahr zum 38. Mal statt. Foto: Johannes Heil

Auch an diesem Tag ist die gesamte Familie auf dem Tennisplatz versammelt. Bei aller Liebe zum Sport, bei Familie Schlossmann spielt Tennis nicht die Hauptrolle: „Die Schule steht immer im Vordergrund“, sagt Caroline Schlossmann. Frederic kommt im kommenden Schuljahr in die neunte Klasse des Werner-Von-Siemens-Gymnasiums, Christopher dann auf das Goethe Gymnasium.

Nicht in allen Familien wird der Fokus so gelegt. Vor allem in osteuropäischen Ländern setzen viele Eltern alles auf die Karte Tennis. Daraus ergibt sich natürlich ein Trainingsvorteil. „Das ist es aber nicht wert“, sagt Caroline Schlossmann. Nur einem ganz geringen Prozentsatz gelingt tatsächlich der Sprung ins Profitum. Wer es schafft und wer nicht, ist lange nicht abzusehen. Erst ab 15 sei eine halbwegs realistische Einschätzung möglich. Rund 15 Stunden muss Frederic Schlossmann in der Woche trainieren und nach dem Training Vokabeln pauken. Trotz der Mühen: „Alleine auf Tennis setzen, das würde ich mich niemals trauen“, sagt die Mutter.

30 000 Euro kostet ein Platz im Tennis-Internat

Eine Möglichkeit, Schule und Leistungssport zu verbinden, wäre eine Tennisakademie, bei der sich intensiv um die Entwicklung der Kinder gekümmert wird. „Die sind aber für Normalsterbliche eigentlich nicht bezahlbar“, sagt Caroline Schlossmann. 30 000 Euro fallen beispielsweise für ein Jahr in einem Tennis-Internat in Offenbach an.

Wie hat das eigentlich angefangen mit dem Tennis? „Wir sind da so reingerutscht“, sagt Caroline Schlossmann. Sie und ihr Mann sind Hobby-Spieler. Als die Familie 2006 nach Regensburg kam, wurde Sohn Frederic mit dem Tennis-Fieber infiziert. Der jüngere Bruder fand Tennis am Anfang eigentlich „blöd“, doch die Pokale, die der Große nach Hause brachte, weckten bei Christopher den Ehrgeiz.

Pokale gibt es dieses Mal keine, am vierten Turniertag kommt für beide das Ende. Frederic Schlossmann hält gegen den zwei Jahre älteren Moritz Pfaff zwar gut dagegen, ist aber chancenlos: 1:6, 3:6. Noch schlimmer verläuft der Vormittag für den zehnjährigen Christopher.

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Caroline und Jens Schlossmann mit ihrem jüngsten Sohn Christopher. Foto: Heil

2:0 liegt er zunächst in Führung. Ein Ball fliegt auf die Seite des Zehnjährigen. Seinen ganzen Körper legt er in den Schlag. Der Ball landet im Netz. Punkt für den Gegner. Christopher Schlossmann versucht es mit einem hohen Ball. Der Ball segelt ins Aus. Punkt für den Gegner. Der Schläger fliegt das erste Mal. Caroline Schlossmann versucht, ihren Sohn zu beruhigen, beugt sich über den Zaun, der das Spielfeld begrenzt: „Bleib ruhig und konzentrier dich aufs Tennis“, rät die Mutter. Doch ihr Sohn schickt sie trotzig beiseite, mit 6:2 geht der erste Satz an seinen Gegner.

Der Schläger fliegt zum zweiten und zum dritten Mal

Auch im zweiten Satz ist Christopher schnell mit 0:3 im Rückstand. Kaum ein Schlag findet mehr den Weg in das Feld des Gegners, er schmeißt seinen Schläger zum zweiten und zum dritten Mal auf den roten Sandboden. „Das regt mich so auf“, schimpft er immer lauter und immer öfter. Nun ist Vater Jens an der Reihe: Er beugt sich über den Zaun und versucht, Christopher wieder zurück in die Spur zu bringen.

Kurz darauf dreht er sich resigniert um und winkt ab: An diesem Tag ist kein Kraut gewachsen gegen die enttäuschte Wut des Sohnes, Christopher verliert den zweiten Satz mit 0:6. Er trottet enttäuscht vom Platz und schimpft noch immer. „Das muss er erst noch lernen“, sagt Mutter Caroline, das Umgehen mit Niederlagen. „Uns ist es wichtig, dass sich unsere Kinder auf dem Platz richtig benehmen.“

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Christoper Schlossmann war in Regensburg in der U 12-Kategorie am Start. Foto: Heil

Sollten ihre beiden Söhne in den kommenden Jahren die Lust am Tennis verlieren, wollen die Eltern die beiden nicht dazu drängen, weiterzumachen. „Nur wenn die Kinder auch wirklich Lust auf den Sport haben, werden sie erfolgreich sein“, sagt Caroline Schlossmann. Druck auszuüben mache überhaupt keinen Sinn: „Mir reicht es schon, wenn ich bei der Schule ab und zu etwas sagen muss.“

Nach der Turnierwoche in Regensburg geht es für die ganze Familie erst einmal für zwei Wochen zum Familienurlaub nach Kroatien – für Caroline Schlossmann auch eine willkommene Auszeit vom Tennistrubel: „Zwei Tennis spielende Kinder zu betreuen, ist die Obergrenze“, sagt Caroline Schlossmann. „Mehr geht nicht.“

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