Stadion Teaserbild Zeichenflaeche 1

nr. sieben

Wo auch immer der Ball rollt

Getrieben von der Liebe zum Fußball sammeln Groundhopper Stadionbesuche in aller Welt. Matthias Politzki aus Neutraubling ist einer davon. In der Szene gilt er trotz 484 Spielen in 18 Ländern als kleines Licht.

Sonntagnachmittag, Temperaturen um den Gefrierpunkt: Das Wiener Allianz Stadion tobt. Mit großen Augen und warm angezogen sitzt Matthias Politzki auf der Tribüne. Die knapp 26 000 Fans um ihn herum sorgen mit einem Schwall von Flüchen und Rufen für wüsten Lärm. Das 325. Derby zwischen Rapid und Austria wurde gerade angepfiffen. Über das Spielgeschehen hinweg wandert der Blick des Neutraublingers hin zum berühmten Block West, von wo aus die Rapid-Ultras das Stadion schon jetzt in einen Hexenkessel verwandeln. Der Rauch der grellgrün und rot leuchtenden Bengalos legt sich wie eine Nebelwand über Rasen und Ränge. Pyrotechnik gehört in Österreich dazu. Politzki grinst. Er kann die 75. Minute kaum erwarten.

  • 250 0008 33249310 Herr Der Stadien02
    Matthias Politzki hat auf seinen Fußballreisen schon viel gesehen. Die Rapid-Ultras faszinieren den Neutraublinger aber immer wieder aufs Neue. Foto: privat
  • Img 2859
    Im Stadion wandert Politzkis Blick immer wieder zum Block West. Foto: Alex Huber
  • 20180204 174428 01
    Auch die Fans von Austria Wien feuern ihr Team fanatisch an. Foto: Alex Huber
  • Img 2839
    Das Allianz Stadion von Rapid ist auch für Politzki Neuland. Foto: Alex Huber

Der 28-Jährige ist weder Fan von Rapid noch von Austria. Eigentlich ist er Anhänger des FC Bayern. Sein Trip in die österreichische Hauptstadt hat einen anderen Grund: Politzki ist Groundhopper. Er sammelt Stadionbesuche wie andere Briefmarken, Münzen oder Antiquitäten. Zu Hause in seinem Wohnzimmer hängen Fotos aus einigen der imposantesten Fußball-Arenen der Welt. Immer wieder blättert Politzki durch seine beiden mit Tickets prall gefüllten Alben. Auf den ersten Seiten befindet sich ein ganz besonderes Erinnerungsstück: Die Eintrittskarte vom Champions-League-Finale 2010 in Madrid – das Ticket, mit dem für ihn alles begann. 22 Stunden fuhren Politzki und sein Cousin damals mit dem Auto durch. Gut 2000 Kilometer für dieses eine Spiel. Seine Reiselust war geweckt.

Für 90 Minuten nach Marokko

Dsc 0420
In Politzkis Sammlung befinden sich 484 Karten aus 18 Ländern. Foto: Alex Huber

Mittlerweile kleben 484 Karten aus 18 Ländern in seiner Sammlung. Tickets aus jedem Bundesliga-Stadion und den berüchtigtsten Fußball-Tempeln Europas: Das Giuseppe-Meazza in Mailand, der Celtic Park in Glasgow, das Santiago Bernabéu in Madrid, der Parc des Princes in Paris – Politzki hat sie alle gesehen. Nach Marokko führte seine bisher weiteste Fußball-Reise. 600 Euro blätterte er für den Kurztrip nach Nordafrika ins Stade de Marrakech hin, um nach 90 Minuten direkt wieder ins Flugzeug zu steigen. In der Szene gilt Politzki dennoch als kleines Licht. Seine Groundhopper-Karriere steckt noch in den Kinderschuhen.

Ihren Ursprung hat die Bewegung der um den Globus trottenden Fans im Mutterland des Fußballs. Dort entwickelte sich 1978 der Club 92, ein elitärer Zusammenschluss von Fans, die alle 92 Stadien der vier englischen Profiligen besucht hatten. Anfang der 1990er Jahren blühte die Szene hierzulande auf und zog auch Jörg Heinisch in ihren Bann. Er verfasste drei Bücher über das Phänomen Groundhopping. „Es begann mit der WM in Italien“, erklärt Heinisch. „Für viele war das damals der Anlass, auch mal Spiele im Ausland zu besuchen.“ Der Autor begleitete für seine Recherchen auch Carlo Farsang, den wohl bekanntesten Groundhopper Deutschlands, auf einigen seiner unzähligen Reisen. „Wir waren zusammen in Argentinien. Ich glaube wir haben 14 Spiele auf zehn Tage gemacht.“

„Beim nächsten Gegenstand, der hereinfliegt, gibt es einen Abbruch." Andy Marek, Stadionsprecher Rapid Wien

Für jeden „Ground“ erhalten die hoppenden Fans einen Stadionpunkt, für jedes erstmals bereiste Land einen Länderpunkt. Allerdings ist die Szene weitgehend unübersichtlich. Eine einheitliche Zählweise gibt es nicht. „Und die wird es vermutlich auch nie geben“, meint Heinisch. So reicht den einen bereits eine Halbzeit für einen Punkt, während die anderen auf die vollen 90 Minuten einer Partie bestehen. „Die Zählweise legt jeder ein bisschen für sich selbst aus“, erklärt Politzki.

In Wien ist mittlerweile eine halbe Stunde gespielt. Politzkis Blick richtet sich auf den Block West. Dort kochen die Emotionen hoch: Wiederholt werden die Austria-Profis von den Rapid-Ultras mit Gegenständen beworfen. Der Schiedsrichter unterbricht die Partie. Stadionsprecher Andy Marek greift zum Mikro: „Beim nächsten Gegenstand, der hereinfliegt, gibt es einen Abbruch. Das heißt 3:0 für die Austria.“ Die Rapid-Fans antworten mit einem Pfeifkonzert in ohrenbetäubender Lautstärke. Im Allianz Stadion steppt der Bär. Politzki hockt gelassen auf seiner Sitzschale. Er nippt an seinem Bier.

„Die Wiener Fans leben ihr Derby einfach aus.“ Matthias Politzki

Der 28-Jährige besucht nicht zum ersten Mal ein Wiener Derby. Einen Punkt für einen neuen Stadionbesuch kann er sich trotzdem gutschreiben. Denn im 2016 eröffneten Allianz Stadion, welches das Gerhard-Hanappi-Stadion als Heimstätte von Rapid beerbte, war der 28-Jährige noch nicht. Während der Spielunterbrechung erinnert er sich an seinen ersten Besuch in der österreichischen Hauptstadt: Ein Ordner bemerkte, dass Politzki und seine Begleiter aus Deutschland angereist waren. Er fragte, was sie hier wollten, wo „wir doch bei uns in der 3. Liga Spiele schauen könnten, die immer noch besser wären“, erzählt Politzki. Dem Ordner von damals stimmt er zu. Von der glanzvollen Ästhetik des katalanischen Tiki Takas ist der Fußball in Österreich weit entfernt. Aber: „Die Wiener Fans leben ihr Derby einfach aus.“

  • 86422191
    Das "Theatre of Dreams" erwies sich für Politzki nicht gerade als traumhaft. Foto: Peter Powell/dpa
  • 6458714567641
    Das Old Trafford ist für Politzki einer der bisher größten Enttäuschungen. Foto: Peter Powell/dpa

Politzki erinnert sich an Stadien, in denen die Atmosphäre nicht hielt, was sie versprach. Manchester Uniteds legendäres Old Trafford entpuppte sich als eine der größten Enttäuschungen. Das „Theatre of Dreams“, in dem einst George Best, Eric Cantona und David Beckham die Massen verzauberten, erwies sich nicht gerade als traumhaft. „Die Stimmung war schlecht. Man merkt schon sehr, dass es in England keine Stehplätze gibt.“

Dabei kommt es Politzki längst nicht nur auf die Kulisse an. Was zählt, ist das Gesamtpaket: Spiel, Fans, Architektur. Bei Letzterem hat er einen klaren Favoriten: das neue Wembley Stadion in London. „Man merkt an allen Ecken und Enden, was dieses Stadion an Geld gekostet hat. Es ist ungeschlagen“, findet Politzki und schwärmt von den Rolltreppen, die ihn bequem auf die Tribüne beförderten.

  • Joerg Heinisch Privat
    Jörg Heinisch verfasste drei Bücher über das Phänomen Groundhopping. Foto: privat
  • Carlo Farsang
    Carlo Farsang galt lange als bekanntester Groundhopper Deutschlands. Foto: Patrick Seeger/dpa

Reiselust, Sammelwut und die Liebe zum Fußball machen den Reiz am Groundhopping aus. Bei einigen geht das soweit, dass sie dem ständigen Stadiontrips ihr ganzes Leben unterwerfen. Das Hobby entwickelt sich zur Sucht. „Die Bewegung zieht sich durch alle sozialen Schichten und Altersklassen. Viele geben sogar ihren Job auf, um noch mehr Zeit für die Reisen zu haben“, sagt Heinisch. In der Szene habe jeder seine Vorlieben. Es gebe jene, die sich nur in den internationalen Elite-Ligen bewegen, und jene, die sich voll und ganz der Romantik des Amateurfußballs verschrieben. „Das ist bei Groundhoppern breit gefächert.“

Auch für Politzki muss es nicht immer die ganz große Bühne sein. Reisen nach Liechtenstein, in die Ukraine, nach Polen oder Kroatien sind für ihn genau so interessant wie die Champions League. Und wenn es die Zeit auf seinen Ausflügen erlaubt, nimmt er auch gerne mal einen „Hammelkick“ in den Amateurklassen mit. Je 75 Spiele besuchte er in den letzten vier Jahren. Das stößt bei seiner Freundin und seiner Familie auch mal auf Unverständnis. „Die halten mich für total verrückt. Aber das ist eben mein Hobby.“ Leisten kann er es sich. Politzki arbeitet als Elektroniker. „Ich übertreibe es ja nicht. Da gibt es noch ganz andere Kaliber“, erzählt er.

Foto: Peter Powell/dpa

Im Allianz Stadion ist die 75. Minute angebrochen. Politzki steht von seinem Sitz auf. Es ist der Moment, auf den er so sehnlich gewartet hat. Er will nichts verpassen. Die Ränge der Wiener Arena versinken in einem Meer von bengalischen Feuern. Nach uralter Fan-Tradition peitschen die Rapid-Ultras ihre Mannschaft in den letzten 15 Minuten so noch mal nach vorne. Es steht 1:1, als plötzlich auch noch zwei Flitzer über das Feld laufen. Politzki kommt ins Schmunzeln. Zwar bleibt es beim Derby nach 90 Minuten bei einem mauen Remis, doch der 28-Jährige ist um ein Erlebnis, vor allem aber um einen Stadionpunkt reicher.

Die nächsten Touren plant er bereits: Bald soll es nach Kiel gehen, dann hat er die 2. Bundesliga komplett. „Auch Südamerika würde mich mal reizen.“ Durchgefroren, aber zufrieden schreitet er von der Tribüne in Richtung Ausgang. Auch wenn er jetzt keine Punkte mehr erhält, so ist er sich doch sicher: Sein letztes Spiel zwischen Rapid und Austria war das nicht. Im April steigt das nächste Derby. Politzki wird wieder in Wien sein, „mit meiner Freundin, ganz zufällig“.

Titeloptik: Fotolia © Scharfsinn86, ZKJ, Velentin Balan, Sport Moments, Chuangtzudreaming, 2 Daft, Chiccododifc, Ivanc7 | MZ-Infografik
Quiz: Magdalena Rohrmeier
Fotos: Alex Huber, Matthias Politzki, Jörg Heinisch & dpa
Text: Alex Huber


Mehr aus der nr.sieben lesen Sie hier!

Teilen