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Weltreise durch New York

Von der Bronx nach Brooklyn, vom Reihenhaus zum Luxus-Loft: Der Nürnberger Felix Zeltner zieht mit Frau und Kind durch NY.

So hatte sich Felix Zeltner sein Wohnabenteuer in New York nicht vorgestellt: Vater, Mutter, Kind, ein Auto voller Umzugskisten – und obdachlos. Als Zeltner mit seiner Familie die neue Wohnung in Sunset Park in Brooklyn, New York, beziehen wollte, öffnete ein älterer Mann die Tür, der von dem angeblichen Vermieter noch nie etwas gehört hatte. 24 Stunden vor der Schlüsselübergabe war der Vermieter plötzlich abgetaucht, antwortete nicht mehr auf Nachrichten, Anrufe, Mails. „Ich habe dem Mann, der dort wohnt, den Mietvertrag gezeigt, habe gesagt, ich habe es hier schwarz auf weiß“, sagt Felix Zeltner, und lacht über seine eigene Naivität. Postleitzahl und Straße stimmten zwar, doch der Betrüger hatte einfach ein „W“ für West in die Adresse integriert – und sie mit dem kleinen Trick in eine Fantasie-Adresse verwandelt, die den Vertrag nichtig machte. 1400 Dollar hatte Zeltner für die Miete schon überwiesen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass er zum Opfer eines Wohnbetrugs wird.

Wohn-Abenteuer mit Hindernissen

Zuvor hatten schon andere versucht, ihn hereinzulegen. Sie forderten sofort Geld, sandten ihm eine Fake-E-Mail mit falschem Logo, die angeblich von der Wohnungsvermietungsplattform AirBnB stammen sollte, aber die Fälschung fiel ihm rechtzeitig auf. „Der zweite Betrüger war schlauer als der erste. Andere Wohnungsangebote waren in der letzten Minute gescheitert, wir wurden hektisch und wenn du hektisch wirst und eine Wohnung suchst, wirst du leichte Beute“, sagt Zeltner. Kurzfristig fanden sie Unterschlupf in einer Wohnung, die Bekannte angemietet hatten. Dann bot ein Freund ihnen an, erstmal bei ihm einzuziehen. „Nur weil wir einmal auf die Schnauze gefallen sind, hören wir nicht auf, es macht zu viel Spaß, die ganzen Viertel zu entdecken, die Stadt neu zu entdecken“, so Zeltner.

„Und plötzlich hatten wir eine Wohnung.“ Felix Zeltner

Felix Zeltner ist mit seiner Frau Christina Horsten und seiner zweijährigen Tochter gerade auf Weltreise – in New York. Ein Jahr lang ziehen sie quer durch die Metropole, um all die Städte in der Stadt zu entdecken, die New York in sich birgt. Jeden Monat wechseln die Mietnomaden ihr Zuhause: neue Wohnung, neue Nachbarn, neues Viertel. „NYC12x12“ haben sie ihr Wohn-Abenteuer getauft. Die beiden leben seit 2012 in New York, arbeiten als Journalisten. „Wir haben in Park Slope Brooklyn gewohnt, einer sehr weißen, sehr langweiligen Enklave, die an den Prenzlauer Berg in Berlin erinnert, und wollten dort unbedingt weg“, erzählt Zeltner. „Es gab so viele Viertel, die wir spannend fanden und gleichzeitig hatten wir das Gefühl, dass wir die Stadt auch nach vier Jahren hier immer noch nicht so gut kennen.“ Seit der New Yorker Blog „DNI Info“ über die deutschen Mietnomaden berichtet hat, ist der Ansturm groß. Hunderte abonnierten den Newsletter der improvisierten Webseite, luden die Familie in die Bronx oder nach Staten Island ein, verfolgen die Erlebnisse auf Instagram oder auf dem Blog. „Die Leute wollen mit uns mitreisen“, so Zeltner. „Und wir haben so viel Aufmerksamkeit gekriegt, dass wir wussten: jetzt müssen wir es durchziehen.“

Begeistert von einer verrückten Idee

Anfang 2016 hatte ihnen ihr Vermieter eine E-Mail geschickt, in denen er eine Mieterhöhung von 400 Dollar forderte, pro Monat. Es war der letzte Anstoß, um das Projekt in die Tat umzusetzen, das als verrückte Idee gestartet war. Sie erzählten Freunden davon, sahen sich auf AirBnB nach Angeboten um, um zu kalkulieren, ob der Plan finanziell machbar ist. Während die deutschen Freunde des Paars an dem Projekt zweifelten, sie fragten, ob sie ihrer zweijährigen Tochter Emma das Hin- und Her tatsächlich antun wollen, waren die amerikanischen Freunde begeistert und unterstützten sie. Als sie sich mit einem Freund, einem indischen Start-up-Seriengründer, darüber unterhielten, bot er dem Paar an, erstmal in sein Haus zu ziehen. In dem modernen Townhouse in Long Island City standen gerade einige Apartments leer, die vermietetet oder verkauft werden sollten.

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Postbox in der Grand Central Station

„Und plötzlich hatten wir eine Wohnung“, sagt Zeltner. „Wir haben dann hier im Haus Tetris gespielt mit den Apartments und sind immer in die gezogen, die gerade frei waren.“ Auf dem New Yorker Mietmarkt müssten sie regulär um die 5500 Euro für das lichtdurchflutete Mehrzimmer-Apartment mit Terrasse, zwei Bädern, dem Aufzug, der Gäste direkt in die Wohnung katapultiert, zahlen – zu viel für das Budget der jungen Familie.

Zeltner sitzt lässig in Hemd, Jeans und Sneakern auf dem Sofa in der fast leeren Wohnung, die sie immer noch als Zwischenlager nutzen. In einem Wandschrank stehen ein Dutzend Plastikboxen übereinandergestapelt. Die meisten Sachen haben sie verschenkt, als sie loszogen, um New York neu zu entdecken. Sie stellten Kleider und Möbel auf die Straße, spendeten vieles an eine Ladenkette, deren Einnahmen an die Aidshilfe gespendet werden. Eine Baby-Schaukel, Kinderkleidung und Pampers-Packungen liegen in der Wohnung verstreut, die Einrichtung des Apartments ist kahl: moderne Küche, ein paar Bücher im Regal. Und ein Blick direkt auf die Skyline von Manhattan.

Long Island City im Westen von Queens liegt direkt im Herzen von New York, am East River. Vorn am Wasser erinnern Brückenkräne an die Vergangenheit als Industriestandort, im Uferbereich spazieren Anwohner durch die moderne Parkanlage, daneben werden verglaste Apartments für Gutverdiener hochgezogen. Taxifirmen werben mit riesigen Plakaten um neue Mitarbeiter. Taxifirmen und Lieferservices boomen hier, weil sie die einzige gebührenfreie Brücke New Yorks nutzen können, die Queensboro-Brücke nach Manhattan. Zeltner nennt Long Island City den „Dienstboteneingang von Manhattan“.

Long Island City ist die perfekte Mischung

Für ihn verkörpert der Stadtteil die perfekte Mischung: „Es ist ein wahnsinnig interessantes Viertel, weil es dreigeteilt ist. Es ist einerseits shiny und gentrifiziert, es gibt aber auch ein kleines Dorf mit Kirche, Läden, Restaurants und viel Community und auf der anderen Seite viel Industrie und Gewerbe.“ Hipster-Cafés und ein Ökosupermarkt sind in die industrielle Kulisse mit den breiten Straßen hineingesprenkselt, nur zwei Blocks von der Wohnung entfernt liegt das rote Backsteingebäude des MoMa PS1, das Mekka für moderne Kunst. Nebenan ziehen Bauarbeiter gerade ein neues Townhouse hoch, jede Woche kommt ein neues Stockwerk hinzu. „Wer hier wohnt, kann sehen, wie rasant New York in die Höhe wächst, überall wird gebaut“, sagt Zeltner. „Long Island City explodiert gerade, hier entsteht eine Stadt in der Stadt, 20 000 neue Apartments werden gebaut in den nächsten drei bis vier Jahren.“ Die Geschwindigkeit, mit der die Stadtentwicklung vonstattengeht, sei „überwältigend und verwirrend“ zugleich. Auch immer mehr Künstler ziehen nach Long Island City, das eine der dichtesten Konzentrationen von Galerien, Kunstinstituten und Künstler-Studios in New York vorweisen kann. „In Queens gibt es Menschen aus allen Ecken der Welt, die Sprachen sprechen, die in deren Heimat schon ausgestorben sind“, sagt Zeltner. „Die Stadt ist wirklich wie eine kleine Welt und die Leute in New York sind sehr gut zueinander, sonst könnten nicht alle Nationen der Welt hier miteinander leben.“

Sonnenuntergang in Harlem

Auch in Little Italy, Chinatown und im afrikanisch geprägten Harlem hat die junge Familie schon gewohnt: „Wir sind eigentlich von China nach Westafrika gezogen“, sagt Zeltner.

Um sich das jeweils neue Viertel schnell zu erschließen, recherchieren die beiden im Netz, auf lokalen Blogs und in Zeitungen. Zeltners Frau, die für die Deutsche Nachrichtenagentur (dpa) arbeitet und in New York aufgewachsen ist, hat sich in den vergangenen Jahren ein umfangreiches New-York-Archiv angelegt. Die beste Quelle sind oft die Vermieter oder die neuen Nachbarn. „In Harlem hatten wir die nettesten Nachbarn der Welt, ein schwules Pärchen, das uns eine Bäckerei mit tollen Keksen empfohlen hat“, erzählt Zeltner. „Wir haben ihnen Kekse an die Tür gehängt, am nächsten Tag lag eine riesige Liste mit Empfehlungen auf der Türschwelle, mit zehn Jahre lang gesammelten Empfehlungen für Harlem – Gold für Menschen, die nur kurz hier sind.“ Jedes Mal, wenn sie umgezogen sind, laden sie Nachbarn, Freunde und Freunde von Freunden zum Abendessen ein.

Insider-Tipps und ein Kita-Platz in Chinatown

So lernten sie etwa den Erben einer Tofu-Fabrik kennen, dessen Kinder in Chinatown in den Kindergarten gehen, den jetzt auch Zeltners Tochter besucht. „Allein dafür hat sich das Projekt gelohnt“, findet Zeltner. Die Kosten für Kitas sind in New York fast noch schwindelerregender als die Wohnungspreise. Einen Kindergarten zu finden, der weniger als 1000 Dollar pro Monat kostet, ist Zeltner zufolge fast eine Unmöglichkeit: „Weil keiner seine Kinder nach Chinatown schicken will, außer Leute, die schlau und tolerant sind, kostet es unter 1000 Dollar im Monat, das ist unerhört.“ Chinatown habe keinen guten Ruf, obwohl es mitten in Manhattan liegt. Zeltner und seine Frau fanden es „genial“, als sie dort einen Monat lang in einem Loft lebten. Blinkende Neonlettern auf Mandarin preisen Sichuan-Küchen oder Massagestudios an, selbst Bankfilialennamen internationaler Ketten sind hier zweisprachig geschrieben, Verkäufer rollen aufeinandergestapelte Glückskeks-Boxen über die Straße.

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    Letzter Tag in Harlem
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    Zuhause in Harlem

„In Chinatown sieht es immer noch so aus wie in einem Jackie-Chan-Film“, findet Zeltner. Dabei sei das Viertel wie ein Sandwich zwischen teure Stadtteile wie den Finanzdistrikt, das Modeviertel Soho oder Midtown, bevölkert von Business-Leuten und UN-Angestellten, gequetscht. „Außen herum ist soviel Gentrifizierung, aber die Chinesen haben es geschafft, in Chinatown ihre Zeitkapsel zu wahren und dort reinzugehen und zu leben ist etwas ganz Besonderes.“

In Harlem erlebte die junge Familie einen Monat lang den Alltag in einer „westafrikanischen Enklave“, mit vielen Bewohnern aus dem Senegal, Eritrea, Ostafrika-Flair, afrikanischen Restaurants, einem starken Gemeinschaftsgefühl. „Auch auf der Straße sind die Leute sehr achtsam, achten auf dich und dein Kind, wollen mit dir reden, ins Gespräch kommen“, so Zeltner. „Viele leben seit Jahrzehnten dort und kämpfen sehr resistent gegen die Gentrifizierung. Harlem ist ja auch der Geburtsort des Black Power Movements und hat viel afroamerikanische Geschichte.“ Die Bewohner seien „unfassbar elegant“ und hätten einen sehr guten Mode-Geschmack. Immer wenn Zeltner auf die Straße ging, fühlte er sich „so underdressed wie noch nie“. Gerade am Wochenende, wenn alle in die Kirche gehen, verwandelt sich Harlem in einen Laufsteg. Auch unzählige Touristenbusse werden dann nach Harlem gekarrt, deren Insassen sich eine Gospelmesse ansehen möchten. An jeder Ecke sei eine Kirche, sagt Zeltner. „Man kann seinen Ohren nachlaufen, um eine zu finden.“

„Ich habe den Times Square noch nie so ruhig erlebt.“ Felix Zeltner

Über zu wenig Action kann sich die Kleinfamilie nicht beschweren. Auch die US-Wahlen im November 2016 platzten mitten in das Wohn-Projekt. Felix Zeltner hatte sich auf die Party gefreut, auf die Stimmung auf dem Times Square, Public Viewing auf häusergroßen Leinwänden, zusammen mit Tausenden von New Yorkern. Doch dann verwandelte sich die Wahlnacht in einen „kollektiven Schock“, wie Zeltner es nennt. „Ich habe den Times Square noch nie so ruhig erlebt.“ Nach und nach färbten sich die meisten US-Bundesstaaten rot ein, auch die virtuelle LED-Leiste mit den Hochrechnungen der Wahlergebnisse zeigte den Vormarsch von Trump an. New York während der Präsidentschaftswahlen 2016, die viele sprachlos zurückgelassen haben, mit Donald Trump als Sieger, einem narzisstischen Unternehmer, der mit Hetze gegen Einwanderer und Muslime, Rassismus, Sexismus in den Wahlkampf gezogen war: eine bedrückende Erfahrung für den Wahl-New Yorker. „Ein krasser Rückschritt“, sagt Felix Zeltner. „Die erste Reaktion war: Lass uns das Weite suchen. Aber man kann vor dem Problem nicht weglaufen, egal wo man gerade ist.“

Nach dem Schock der Wahlen in den USA sucht Zeltner jetzt öfter das Gespräch über Trump und die amerikanischen Risse, die mitten durch Familien, Viertel, die ganze Gesellschaft verlaufen und sichtbar geworden sind. Auch einen Teil seiner Arbeit möchte er jetzt politischer ausrichten. Zeltner veranstaltet Konferenzen zur Zukunft der Arbeit, bald soll es auch um gesellschaftliche und politischen Wandel gehen. „Ich möchte, dass konsequent ein Dialog entsteht.“

„Ich lerne die Stadt besser kennen als meine Heimatstadt Nürnberg“

Die Familie versucht in der kurzen Zeit, die ihnen in jedem Viertel bleibt, so viel wie möglich zu erleben, lebt intensiver, als sie es wahrscheinlich tun würde, wenn sie an nur einem Ort wohnen würde. „Wir haben so viele coole Leute kennengelernt, soviel gelernt über die Stadt, trotz all den Jahren die wir hier schon verbracht haben. Es passiert so viel an Erfahrungen und Begegnungen, was man sonst nicht hätte“, sagt Felix Zeltner. Mietnomade zu werden könne er jedem nur empfehlen – auch in München, Hamburg oder Nürnberg. „Ich lerne hier die Stadt besser kennen als meine eigene Heimatstadt“, sagt der Nürnberger. „Es ist eine interessante Art, seine Heimat neu zu entdecken und viel mehr wertzuschätzen.“ Die neuen Bekanntschaften und Erfahrungen machen den Stress und die anstrengenden Momente wett – sogar den Wohnungsbetrug.

Weltreise New York 2
Wohnungstür in Bushwick
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