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Was ist das für 1 Sprache?

Die deutsche Sprache verändert sich schnell – ist das nun etwas Gutes oder kommt es zum befürchteten Verfall?

Egal, ob man nun steil geht oder sich doch lieber nur zum Cornern in der Stadt verabredet: Wichtig ist, dass der Swag aufgedreht wird und – das versteht sich aber natürlich von selbst – dass es keinen Beef gibt.

Wer bei diesen Zeilen nur Bahnhof versteht, obwohl er felsenfest von sich behauptet, Deutsch als seine Muttersprache zu haben, der muss sich eingestehen: Sprache verändert sich. Stürzt man sich im Internetzeitalter zum Beispiel in die Untiefen der Jugendsprache fragt man sich unweigerlich: Ist das noch Deutsch?

Da Menschen unaufhörlich miteinander kommunizieren, ist auch die menschliche Sprache kein fester, in Stein gemeißelter Zustand. Veränderungen passieren unterschiedlich schnell und in verschiedenen Ausprägungen. Das sagt André Meinunger vom Zentrum der Allgemeinen Sprachwissenschaft in Berlin. Der Linguist hat das Buch „Sick of Sick“ verfasst, als Antwort auf den Autor Bastian Sick, aus dessen Feder die bekannte Reihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ stammt. „Sprache verändert sich auf allen Gebieten – Lexik, Grammatik und auch Syntax“, sagt Meinunger.

Abgrenzung von den Älteren: Jugendsprache als Statement

Mit der Sprache ist es wie mit der Jugend im Allgemeinen: Beide müssen sich in allzu schöner Regelmäßigkeit sagen lassen, dass es mit ihnen den Bach runtergehe. Das war zu Zeiten von „Knutschkugeln“ und „Halbstarken“ nicht anders als bei Digger & Co. „Die Jugend ist sehr kreativ und versucht, sich durch Sprache vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen“, sagt Meinunger. So wird ihr Idiom auch zu einem politischen und gesellschaftlichen Statement. Und das gute alte Buch zum „Zeichensturm“, die Disco für über 30-Jährige zur „Mumienhopse“, Volksmusikschlager zum „Bauern-Metal“, die Modelshow zum „Stangenwald“ und der Totalversager zum „Allround-Laien“. Das hat – nebenbei bemerkt – auch ziemlich viel Witz. Die Werbung und ewigjunge Erwachsene sorgen dafür, dass bestimmte Begriffe schnell von der Allgemeinheit adaptiert werden, siehe: „Läuft bei dir.“

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Jugendzeit als „Testlabor“: Jugendliche loten die Grenzen des sprachlich Machbaren aus – und provozieren bewusst mit ihrer Ausdrucksweise. Foto: dpa

Sprachpuristen hingegen können mit Veränderungen, die gegen die „hohe Norm“ verstoßen, nicht viel anfangen. So wie etwa der „Verein Deutsche Sprache“, der nimmermüde gegen fremde Einflüsse aufbegehrt. Vor allem auf das Englische haben es die strengen Hüter der deutschen Sprache abgesehen. Kein Wunder: „Der größte Einfluss von außen ist zweifelsohne der aus dem englischsprachigen Raum. Vor allem, was den Wortschatz betrifft“, sagt Meinunger.

Auch dem Durchschnittssprecher des Deutschen steht der Verein skeptisch gegenüber: „Denn weit stärker als alle anderen mir bekannten europäischen Sprachen leidet die deutsche unter einer extremen Illoyalität vieler ihrer Sprecher“, schreibt ein „nachdenklicher“ 1. Vorsitzender Walter Krämer im vereinseigenen Magazin „Sprachnachrichten“.

„Der größte Einfluss von außen ist zweifelsohne der aus dem englischsprachigen Raum.“ André Meinunger, Sprachwissenschaftler und Autor

Bekannter als der „Verein Deutsche Sprache“ sind die Bücher von Bastian Sick. In „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ prangert er all die Verfehlungen an, die sich im Laufe der Zeit in die deutsche Sprache eingeschlichen haben. Auch die Bayern bekommen ihr Fett weg – wegen ihrer vermeintlichen Schwäche, Genitiv und Dativ korrekt einzusetzen. „Wegen mir“, denkt sich da der Bayer wohl trotzig. Falsche Pluralbildungen stoßen Sick ebenfalls sauer auf: Macht jemand Praktikas oder spielt auf der Gitarre schöne Solis, dann hört sich für Sick der Spaß auf.

Auch wenn viele der Beispiele tatsächlich sprachlich falsch sind – und Bastian Sicks Bücher überaus amüsant zu lesen – so sind diese Formen in der Realität dennoch immer häufiger zu hören und somit Teil des Sprachwandelprozesses.

Die Linguistik will eher beschreiben als vorschreiben

André Meinunger hält Bastian Sick entgegen: „Die Ziele der Linguistik sind ganz andere als das Vorschreiben dessen, was man zu sagen hat“, heißt es in Meinungers Buch. Vielmehr gehe es darum, „herauszufinden, was Sprecher niemals bilden würden, was sie potenziell bilden können, und wie dies zu beschreiben ist.“ Hier sind die beiden grundlegend verschiedenen Ansätze der Sprachwissenschaft zu erkennen: Die präskriptive Methode, die Regeln vorschreiben will, und die deskriptive Methode, der es lediglich darum geht, die Sprache zu einem gewissen Zeitpunkt zu beschreiben.

Die häufigsten Veränderungen finden im Wortschatz statt. „Chillen“ für sich erholen, „dissen“ für schmähen und „lol“ als Ausruf großer Heiterkeit (laugh out loud) haben es schon in den Duden geschafft. Ist es nun das Englische, das den größten Einfluss ausübt, war es einst das Französische. Wörter wie „Turnier“, „Engagement“ oder „Revanche“ sind so etabliert, dass der Ursprung gar nicht mehr auffällt. Neuere Lehnwörter wie „Trottoir“ oder „Portemonnaie“ zeigen, dass das Französische auch später noch „en vogue“ war.

LOL steht für „laughing“ oder „laugh out loud“ – und hat es bereits in die deutsche Sprachbibel geschafft. Foto: dpa

Seltener als Entlehnungen sind Veränderungen der Grammatik, wie etwa des Satzbaus oder der Wortbildung. „Da grammatische Strukturen ziemlich stabil sind, dauert es länger, bis sie aufweichen und sich verändern. Ein einfaches Wort ist hingegen vergleichsweise schnell aus einer anderen Sprache eingeführt“, sagt Meinunger. Auch die Wortstellung ist nicht gefeit gegen Sprachwandel. „Ich kann nicht kommen, weil ich bin krank“ würden zwar wohl nur wenige schreiben. In der Umgangssprache ist diese Konstruktion aber durchaus gebräuchlich und löst die eigentlich korrekte Inversion „weil ich krank bin“ ab.

In der geschriebenen Sprache machen sich die Einflüsse aus dem Netz immer stärker bemerkbar. Die sozialen Netzwerke haben folgendes Phänomen hervorgebracht: Der unbestimmte Artikel „ein“ wird einfach durch die Zahl 1 ersetzt: „Ich möchte 1 Haus“ oder „Was ist das für 1 Leben“.

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Das Nibelungenlied stammt aus der mittelhochdeutschen Periode. Foto: dpa

Man fragt sich: Gibt es das überhaupt noch, die ultimativ korrekte Sprachform des Deutschen? Oder besser: Hat es sie je gegeben? Schließlich ist das Deutsch, das wir kennen, nur eine von zahllosen Evolutionsformen der indoeuropäischen Ursprache, die um 3000 vor Christus die Basis vieler Sprachfamilien bildete: Die germanischen Sprachen, zu denen Deutsch und Englisch gehören, stammen davon ebenso ab, wie die romanischen (Spanisch, Italienisch, Französisch) oder die slawischen (Tschechisch, Russisch). „Viele Menschen haben die Erwartungshaltung, dass es eine korrekte Sprache oder Sprachnorm gibt“, sagt André Meinunger. Doch an einer solchen Norm festzuhalten sei schwierig.

Auch weil die Jugend – mehr oder weniger bewusst – gegen sprachliche Normen aufbegehrt. Ein eigener Zweig der Sprachwissenschaft erforscht die Jugendsprache. Und seit 2008 kürt eine Jury des Langenscheidt-Verlags das Jugendwort des Jahres. Viele Siegerwörter haben sich mittlerweile zu geflügelten Worten gemausert: Egal ob „yolo“ („You only live once“ – du lebst nur einmal) oder „Babo“ (Anführer) – da weiß (fast) jeder Jugendliche sofort Bescheid.

Christian Paga, Sprachwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, ist Mitglied der Langenscheidt-Jury. „Die innovative Kraft der Jugendsprache erstreckt sich über die verschiedensten Ebenen des linguistischen Spektrums“, sagt er. So verzichte die Jugend immer häufiger auf Präpositionen, also Verhältniswörter, zum Beispiel: „Ich geh’ Aldi.“ Auch die Phonetik und Phonologie (Lautlehre) bleiben nicht unberührt. Der Laut „ch“ wird in entsprechender Umgebung zu „sch“ – bekanntestes Beispiel ist hier die Wandlung von „ich“ zu „isch“.

Der Motor des Sprachwandels

Allgemein zeichneten sich jugendliche Sprachmuster neben Kreativität auch durch Emotionalität und Übertreibungen aus – wodurch Jugendsprache nicht selten bildhaft und vulgär daherkomme, analysiert Paga. Häufig seien auch Einflüsse durch Migrationssprachen. Einschübe wie „Moruk“ (Opa) oder „lan“ (Mann) stammen aus dem Türkischen und bedeuten ungefähr so viel wie der Ausruf „Alter!“.

Christian Paga sieht die Jugendzeit als „Testlabor“. „Dort können Sprecher ohne ernsthafte Konsequenzen die Grenzen des sprachlich Machbaren ausloten und auch ausweiten“, sagt er. Daraus folgt: „Jugendsprache ist eine Art Motor des Sprachwandels“.

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In der Kürze liegt die Würze – ihr fallen in Kurznachrichten gerne Präpositionen und Artikel zum Opfer. Foto: dpa

Wer die 40 überschritten hat, tut sich nicht selten schwer mit der teils rasanten Entwicklung. Auf der anderen Seite weiß diese Gruppe aber noch, was Sache ist, wenn ein Oheim zu vespern beginnt. Der Jugendliche von heute fragt sich bei diesen Ausdrücken wohl nur: „Was ist das für 1 Sprache?“

Der Wandel des Deutschen, vor allem unter dem Einfluss des Englischen, wird freilich nur deshalb so bewusst, weil er sich direkt vor unseren Augen beziehungsweise Ohren abspielt. Wer sich einen „Anorak“ anzieht, denkt gar nicht mehr daran, dass die Bezeichnung für die Windjacke mit Kapuze einst aus dem grönländischen Inuit übernommen wurde. Und wer sich einen Quark mit Früchten macht, den kümmert es wohl ebenso wenig, dass das Wort für das vor ihm liegende Milchprodukt von dem polnischen „twarog“ abstammt.

„Es ist nicht zu befürchten, dass wir in absehbarer Zeit nur noch rudimentär miteinander kommunizieren.“ André Meinunger

Dennoch: „Der Sprachwandel schreitet momentan mit einem bemerkenswerten Tempo voran“, sagt Christian Paga. Angesichts der Schnelllebigkeit des Alltags und der Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung sei dies nicht verwunderlich. „Am liebgewonnenen linguistischen Status quo festhalten zu wollen ist mit der Lebensrealität nicht in Einklang zu bringen“, sagt Christian Paga. Ebenso müßig ist eine übertrieben positive oder negative Bewertung des Wandels. „Es ist nicht zu befürchten, dass wir in absehbarer Zeit nur noch rudimentär miteinander kommunizieren“, sagt Meinunger. Kein Verfall also. Auf der anderen Seite mache Sprachwandel unser Leben auch nicht grundlegend besser – es vereinfache höchstens die Kommunikation, da sich Sprache an die Bedürfnisse der Sprecher anpasst.

Von wegen tote Sprache

Um die deutsche Sprache muss sich also niemand sorgen. Auch wenn der US-amerikanische Autor Mark Twain ihr am liebsten den Garaus gemacht hätte: In „Bummel durch Europa“ (1880) schrieb er: „Es ist ganz offenkundig, dass die deutsche Sprache zurechtgestutzt und renoviert werden muss. Wenn sie so bleibt, wie sie ist, sollte man sie sanft zu den toten Sprachen legen, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen.“

Und was ist mit der Jugend? „Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr“, haderte einst Sokrates vor fast 2500 Jahren. Somit ist es – um auf den Anfang zurückzukommen – dann schon egal, ob sie feiern geht oder mit anderen auf der Straße abhängt: Wichtig ist, dass alles lässig ist und – das versteht sich aber natürlich von selbst – dass es keine Streitereien gibt.

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Und ja: Es geht auch ganz ohne Sprache... Foto: dpa
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