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Tierisch viel Glück

Weideland so weit das Auge reicht – und versprengt hunderte Pferde und Rinder. Sie machen die Thüringeti zum Paradies für bedrohte Arten.

Heinz Bley hält die Hand spähend an den Hutrand. Die Augen hinter der Sonnenbrille scannen das Land bis zum Horizont ab, fliegen über fette Wiesen, dunkle Haine und hellgrünes Gebüsch. Aber seine Koniks, die polnischen Wildpferde, lassen sich nicht sehen – auch jetzt nicht, wo die Abendsonne schon tief steht. Die Sportpferde und Rinder dagegen schon. Ruhig ziehen die Herden grasend über die Weiden. Bis in die weite Ferne sind die Wiesen gesprenkelt von Vieh.

Jeden Tag fährt Bio-Landwirt Bley mit dem Jeep über das 2500 Hektar umfassende Land seiner Agrar GmbH Crawinkel. Die Fläche entspricht fast einem Drittel des Gebiets der Stadt Regensburg. 600 Hektar gehören ihm, 1900 Hektar hat er dazugepachtet, von 1900 Nachbarn, wie Bley sagt. Es ist ein riesiges und einzigartiges Areal, das er hier im mittleren Thüringer Wald etwa 30 Kilometer von Erfurt entfernt geschaffen hat: die Thüringeti. Wer hier wandert, dem geht bei so viel Weite und Naturschönheit das Herz auf. Pferdefans empfinden beim Anblick der ganzjährig wie wild lebenden Rösser ein unbeschreibliches Glück.

Heinz Bley
Heinz Bley Foto: Wiedamann

So beeindruckt gerade Reiter von der Pracht der freilebenden Pferde auch sind: „Die Pferdezucht ist nur ein Nebenprodukt, ein Zusatzbrot“, betont Bley und dämpft damit überzogene Reiter-Romantik. Die 750 Pferde, darunter 150 Zuchtstuten, sowie die 500 Mutterkühe der Galloway- und Highland-Rinder, zehn Esel, zehn Lamas und hunderte Ziegen und Schafe der Agrar GmbH Crawinkel sind in erster Linie Mittel zum Zweck: Sie pflegen die Landschaft, halten Hecken durch Verbiss kurz und sorgen grasend dafür, dass Lebensraum für zahlreiche Tierarten neu entsteht oder erhalten bleibt.

„Es gibt immer mehr Filme über Bienen und Hummeln und die Gefahr, dass sie aussterben. Aber so richtig tun will keiner was. Auf unserer Fahne dagegen steht ganz klar: Wir betreiben Artenschutz.“ Heinz Bley, Bio-Landwirt, Bürgermeister und Geschäftsführer der Agrar GmbH Crawinkel

„Unser Arbeitgeber ist der Artenschutz“, sagt Bley. Sein extensiv wirtschaftender Grünlandbetrieb erhält für diese Arbeit Fördermittel des Freistaats Thüringen aus dem so genannten KULAP-Programm „zur Förderung umwelt- und klimagerechter Landwirtschaft, Erhaltung der Kulturlandschaft, Naturschutz und Landschaftspflege“. Auch Europa und die Bundesrepublik Deutschland investieren neben dem Land Thüringen in die Thüringeti. Ein gutes Geschäft, das die Erlöse aus dem Handel mit Biofleisch oder der hochwertigen Pferdezucht weit in den Schatten stellt.

Erfahren Sie in diesem Video mehr über die Pferde der Thüringeti:

Als der Oldenburger 1997 den Betrieb in Crawinkel übernahm, zu DDR-Zeiten eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, hatte er bereits leidlich Erfahrung in der Landwirtschaft gesammelt. „Wir hatten einen großen Milchviehbetrieb. Dann gab es BSE – und wir haben dichtgemacht,“ erzählt Heinz Bley. Der ohne Hut 1,83 Meter große Mann  redet nicht um den heißen Brei herum und liebt Klartext. Darin ähnelt er seinem guten Freund, dem im Oktober 2016 gestorbenen XXL-Ostfriesen Tamme Hanken.

Der als „Knochenbrecher“ aus dem Fernsehen bekannte Pferdeheiler war mehrfach in der Agrar GmbH Crawinkel zu Gast und hat hier gedreht. Die beiden Norddeutschen, die sich auf Platt unterhielten, teilten viele Überzeugungen – und auch Zweifel, wie die an der konventionellen Landwirtschaft. Dass er mit dieser auf dem gekauften Grund in Crawinkel nicht weit kommen würde, war Bley schnell klar. Das Land um die rund 1500 Einwohner starke Gemeinde umfasst Berg-, Nass- und Feuchtwiesen, Muschelkalk-Halbtrockenrasen und großflächige Heckenlandschaften sowie steppenartige Landstriche, die Assoziationen zur afrikanischen Savanne aufkommen lassen. Naturschutz- und Wiesenbrütergebiete befinden sich auf dem Gelände sowie zahlreiche Biotope unterschiedlichster Art. Schlecht für die klassische Landwirtschaft, sagt Bley. Aber gut für einen Mann mit Ideen. Und die hat Bley reichlich.

So wünscht man sich ein Pferdeleben: In der Weite der Thürengeti grasen Heinz Bleys Sport- und Freizeitpferde. Foto: Wiedamann

Also setzte er auf extensive Landwirtschaft – für den Artenschutz und erhält dafür Fördermittel. „Ich sehe das als Dienstleistung“, sagt Bley und schmunzelt: „Je weniger wir tun, desto mehr Geld gibt es.“ Einen Mähdrescher hat das Land seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Die selten gewordenen Disteln sind hier hochwillkommen, erläutert Bley ein Beispiel. „Denn wir wollen ja den Distelfink haben.“ Der Stieglitz mit der auffallenden roten Zeichnung am Kopf, Vogel des Jahres 2016, kommt durch die Intensivierung der Landwirtschaft und Bebauung von Brachflächen in Deutschland zunehmend in Bedrängnis. In der Thüringeti findet er ausreichend Nahrung.

Heimstatt für Harzer Füchse und nachgezüchtete Auerochsen

Heinz Bley ist ein Artenschützer bis ins Mark. An seiner Seite tummeln sich nicht deutsche Schäferhunde oder Golden Retriever. Auf seinem Hof wachen zwei Harzer Füchse, eine vom Aussterben bedrohte Hütehundrasse, über das Anwesen, über Mensch und Tier. Draußen auf den Wiesen weiden Heckrinder. Die nach dem Vorbild der ausgestorbenen Auerochsen rückgezüchteten Kolosse bescheren Wanderern eine überwältigende, vielleicht auch mal beängstigende Begegnung.

  • Kuehe
    Hunderte von Rindern leben in der Thüringeti. Foto: Wiedamann
  • Lama
    Auch Lamas werden zur Beweidung der Flächen der Agrar GmbH eingesetzt. Foto: Wiedamann
  • Heckrinder
    Die Heckrinder mit ihrem Aussehen wilder Auerochsen beeindrucken Wanderer. Foto: Wiedamann
  • Thueringeti
    „Das halboffene Weideland auf der 2500 Hektar großen Fläche wird von der Agrar GmbH Crawinkel mit Hilfe von Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen bewirtschaftet. Foto: Wiedamann

Doch unliebsame Vorkommnisse zwischen Wanderern und Tieren hat es bisher laut Bley nicht gegeben. Was allerdings schon mehrfach vorgekommen sei: dass Tierfreunde die Polizei rufen, weil da zum Beispiel ein Kälbchen vermeintlich ganz alleine im hohen Gras liegt, ohne Mutter weit und breit. Dann muss Bley den Wanderern und auch den Vertretern von Behörden und Ämtern erklären, wie diese Art Freilandhaltung funktioniert, und dass Tiere, die wie Wildtiere gehalten werden, sich eben auch so verhalten.

Durch die extensive Beweidung der Flächen finden sich hier inzwischen rar gewordene Pflanzenarten und seltene Spezies der Insekten, Fledermäuse und Vögel, wie der Steinkauz oder das auf der Roten Liste stehende Braunkehlchen. „Es gibt immer mehr Filme über Bienen und Hummeln und die Gefahr, dass sie aussterben. Aber so richtig tun will keiner was. Auf unserer Fahne dagegen steht ganz klar: Wir betreiben Artenschutz.“

Thüringeti-Events

Die Thüringeti, das Artenschutzprojekt der Agrar GmbH Crawinkel, ist nicht nur das Ziel von Naturliebhabern und Touristen, sondern auch von Pferdeliebhabern aus ganz Europa. Der Betrieb veranstaltet jedes Jahr etliche Events.

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Für Kavalleristen 

Von 8. bis 10. September finden in der Thüringeti die IV. Internationalen Meisterschaften der Kavallerie statt. Am Freitag gibt es einen Ballabend im historischen Gewand. Am Samstag findet die Meisterschaft statt. Am Abend ist Zapfenstreich. Und am Sonntag gibt es ein großes Kavallerie-Showprogramm.

Thüringer Reitjagd 

Auch Liebhaber von berittenen Jagden kommen auf ihre Kosten – bei der Thüringer Reitjagd am 30. September um 10 Uhr.

Pferdeauktion

 

Viel zu sehen gibt es bei der Thüringeti Auktion am 3. Oktober sowie den Tagen zuvor. Am Samstag, 30. September, ist ab 15 Uhr Oktoberfest. Am 1. Oktober gibt es von 9 bis 18 Uhr eine Safari durch die Thüringeti sowie die erste Besichtigung der Auktionspferde im Stall. Am 2. Oktober sind ab 10 Uhr ein Freispringen, um 14 Uhr die Präsentation der Auktionspferde sowie um 20 Uhr ein Vortrag und eine Party geplant. Am 3. Oktober kann ab 9 Uhr die Auktionskollektion besichtigt werden. Die Versteigerung beginnt um 13 Uhr. Infos zum Programm gibt es auf der Homepage www.agrar-crawinkel.de.

Als er mit seinem Engagement begann, wurde er in der Gemeinde fast schon als Spinner betrachtet und belacht. „Im ersten Jahr gab es viele Zweifler“, blickt Bley abgeklärt zurück. „Heute sagen die Leute Danke.“ Die Attraktivität der Thüringeti für Naturliebhaber und Reisende ist wichtig in einer Gemeinde, die keinen Anspruch auf Investitions-Fördermittel zur Ansiedelung von Gewerbe hat, sagt der Landwirt. Auf die werbewirksame Bezeichnung „Thüringeti“ sei seine Frau gekommen. Die Agrar GmbH suchte vor rund zehn Jahren nach einem vermarktbaren Namen für das Natur- und Artenschutzprojekt: für diese Art kleiner Serengeti in Thüringen, in der die Rinder und Pferde übers Land ziehen wie auf dem afrikanischen Kontinent Giraffen, Elefanten und Gazellen. 

Der biozertifizierte Betrieb war 2007 auch das Ziel des Geo-Tags der Artenvielfalt der Zeitschrift Geo. 100 Experten analysierten auf dem Areal um Crawinkel Flora und Fauna. Das Ergebnis werteten sie als Sensation: 2457 wilde Tier- und Pflanzenarten wurden gefunden – darunter etliche vom Aussterben bedrohte. Die Biologen hielten das Gebiet für das schmetterlingsreichste Wiesengebiet Europas. Hier blüht immer irgendwas. Während bei maschineller Bearbeitung des Lands jeder Grashalm fällt, lassen die Weidetiere aufgrund ihrer Vorlieben immer Blühpflanzen und Gräser stehen – viel Nahrung für Insekten, von denen sich wiederum andere Tiere nähren.

Wie die Thüringeti-Auktion im vergangenen Jahr abgelaufen ist sehen Sie im Video:

In diesem Mai verschaffte sich eine Delegation um den emeritierten Professor Dr. Michael Succow – „das war der Naturschutz-Papst der DDR“ – von der gleichnamigen Succow-Stiftung einen Einblick. „Sie sagten, es sei ein unglaubliches Glücksgefühl, dass es so etwas in Deutschland noch gibt.“

Glück gehabt: Diese Pferde leben wie frei auf den Wiesen um Crawinkel. Foto: Wiedamann

Bley hat immer Pläne. Nicht alle werden verwirklicht. Eine angedachte riesige Hotelanlage kam nicht zustande, ebenso scheiterte er mit einem als Gemeinschaftsprojekt mit der Stadt Oberhof geplanten Erlebnisbauernhof. Gerne würde er sein Artenschutzprojekt um den ehemaligen, rund 4500 Hektar großen Truppenübungsplatz Ohrdruf erweitern.

Bley Im Gespraech
Heinz Bley (l.) ist viel gefragt. Ständig schneien bei dem Crawinkler Bürgermeister Nachbarn und Bürger seiner Gemeinde herein. Foto: Wiedamann

Ein Mann mit Visionen kann begeistern: Vor drei Jahren wurde er mit 15 Stimmen Mehrheit in der Stichwahl zum Bürgermeister gewählt. Plötzlich wehte in der traditionell sozialistisch regierten Gemeinde, in der zu 70 Prozent SPD gewählt wurde, der Wind der CDU. Spätestens seit diesem Zeitpunkt zählt Bley zu den gefragtesten Männern. Sein Handy klingelt permanent. Dass ein Mann ohne Denkschranken auch aneckt, ist klar. In der anstehenden Gebietsreform in Thüringen sieht er entgegen vieler anderer Bewohner des Freistaats vor allem die Vorteile, wenn Crawinkel (nachdem die vor Jahrhunderten verarmte Gemeinde das Stadtrecht verkauft hatte) nun wieder Stadt wird – wenn auch als Stadtteil von Ohrdruf.

Artenschutz nicht nur für Vögel, sondern auch für den Wolf

Und auch dass er dem Wolf das Wort redet, kommt nicht gut an. „Wir sind hier Wolfsland“, erklärt Bley. Natürlich komme es da vor, dass ein Wolf ein Schaf reißt. „Aber ich verstehe die Schäfer nicht, die da aufschreien. Sie leben vom Artenschutz, also den Fördermitteln, nicht vom Verkauf des Schaf- oder Lammfleischs.“ Obwohl er selbst weit über tausend Weidetiere hat, wurde noch kein einziges vom Wolf gerissen. Nur an einem tot geborenen Kälbchen war das Raubtier dran, verrieten die Spuren. „Und das ist auch seine Aufgabe“, sagt Bley.

Thuerengeti
Pferde prägen die Landschaft um Crawinkel und haben deshalb auch auf dem Wappen der Gemeinde ihren Platz. Foto: Wiedamann

Wer nun denkt, Heinz Bley sei kein echter Horseman, weil er in den Pferden zunächst die Landschaftspfleger sieht, oder weil bei Bley an Weihnachten Pferdefleisch auf den Festtisch kommt, der täuscht sich. Der passionierte Reiter und erfolgreiche Pferdezüchter, der sich dem Züchter-Verband „Anglo European Studbook“ angeschlossen bzw. die deutsche Version des Verbands installiert hat, freut sich über die teils sogar internationalen sportlichen Erfolge seiner Tiere. Das beste Pferd aus seiner Zucht, Donald Duck, wurde im Viergespann zweifacher Vize-Europameister und holte bei einer Weltmeisterschaft Bronze.

Doch genauso begeistert sich Bley am Anblick seiner Tiere, wenn sie wie wild durch die Thüringeti galoppieren oder friedlich grasend durch die Steppe ziehen. So sieht ein glückliches Pferdeleben aus. Das ganze Jahr unter freiem Himmel, weitgehend ohne Zufütterung, das hält die Rösser gesund. „Unsere Stuten verlieren im Winter rund 25 Prozent an Gewicht – und sind dann ausgesprochen gebärfreudig.“ Man muss der Natur nur ihren Lauf lassen, weiß Heinz Bley.

Text: Susanne Wiedamann, MZ
Fotos: Susanne Wiedamann

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