250 0008 33622164 Fotolia 189164138 Xl

nr. sieben

Später verliebt

Sie sind über 70 und haben ihre Partner verloren. Kontaktvermittlerin Maria Eibner hilft ihnen dabei, eine neue Liebe zu finden.

Helga P. mag Kiwis. Was sie nicht mag, ist, sie von fremden Gabeln zu essen. Trotzdem versucht der grauhaarige Herr gerade, sie zu füttern. Und verbaut sich damit die Chance auf ein zweites Date. „Gesprungen ist auch nix“, sagt Helga P. und meint damit die Funken. Das ist kein Mann für die 74-Jährige – auch nicht zum Spazieren gehen.

Monika R. packt ihre Sachen. Sie zieht zurück in ihr Haus. Sie verlässt den Mann, bei dem von Anfang an die Chemie nicht gestimmt hat. Aber dann kam ihr Herzinfarkt. Und ihr Verehrer hat nicht mehr locker gelassen. Zehn Monate ist das her. Jetzt reicht es der 70-Jährigen. Sie sucht keinen Lebensgefährten, sie will Spaß.

Hubert S. sperrt seine Haustür auf. Er hat einen langen Tag im Familienbetrieb hinter sich. Der 82-Jährige geht ins Haus, zieht die Tür zu, dreht den Schlüssel um – und ist nicht mehr allein. Zum ersten Mal, seit seine Frau tot ist, hat er abends wieder Gesellschaft.

„Man kann im Alter noch genauso viele Schmetterlinge im Bauch haben wie früher.“

Gerhard Hecht, Psychologe und Paartherapeut

Helga P., Monika R. und Hubert S. teilen das gleiche Schicksal: Ihre Ehepartner sind gestorben. Bei den Frauen nach langer Krankheit, bei Hubert S. dagegen „Knall auf Fall“. Sie alle sind Kunden von Maria Eibner. Die 72-Jährige ist Kontaktvermittlerin und hat sich auf reife Singles spezialisiert. Was suchen die drei? Unter geänderten Namen sprechen sie offen darüber.

„Den, den ich will, den musst du erst backen.“ Monika R.

Monika R. hatte nichts übrig für Partnervermittlung, aber ein Inserat hat sie neugierig gemacht: Wer vermittelt kostenlos Frauen? Also hat sie nach einem Jahr als Witwe Eibners Nummer gewählt. Nur wollten die Männer, die sie kennengelernt hat, ein Heimchen am Herd. Das ist sie nicht. Monika R. will einen Mann, mit dem sie weggehen, tanzen, Spaß haben kann. Aber sie braucht ihn nicht. 50 Jahre war sie verheiratet. 20 Jahre hat sie ihren schwer kranken Mann gepflegt, war gefangen im goldenen Käfig, wie sie sagt. Sie hat das Gefühl etwas versäumt zu haben. Das will sie jetzt nachholen.

Auch der 90-Jährige will noch einmal jung sein

Maria Eibner Partnervermittlerin Foto Eibner
Maria Eibner arbeitet von daheim aus, ihr Arbeitsgerät ist das Telefon. Foto: Eibner

Etwa 400 Frauen führt Maria Eibner in ihrer Kartei. Zahlen müssen nur die Männer. Die Frauen hätten nicht so viel Geld, weil sie meistens wegen der Kinder daheim geblieben sind, sagt sie. 75 Jahre sind ihre Kunden im Durchschnitt alt. Aber es gibt auch Ausreißer: Kürzlich hat die Regensburgerin einen 90-Jährigen aufgenommen. Eine schwere Entscheidung: „Ich hab mir gedacht, nachher zahlt er Hunderte von Euro und stirbt dann.“ Aber der Mann, der noch gut beieinander sei, hat sie überzeugt. „Er möchte halt jemanden, auch wenn es nur noch für ein Jahr ist.“ Jetzt vermittelt sie ihn. Und verlangt statt den üblichen 350 nur 200 Euro.

Eine neue Liebe im Alter – funktioniert das überhaupt? Grundsätzlich sei alles möglich, sagt der Regensburger Psychotherapeut Gerhard Hecht. Aber vielleicht hat man den Richtigen schon ein, zwei Mal gehabt. „Im Alter sucht man eher jemanden für eine bestimmte Zeit, für bestimmte Dinge.“ Die romantische Idee von der Liebe sei nicht mehr der Hauptantrieb bei der Partnersuche. Plötzlich wird wichtig, wie weit der andere eingeschränkt ist: Kann er noch laufen? Hatte er einen Herzinfarkt? Muss ich ihn (bald) pflegen?

Gerhard Hecht
Gerhard Hecht rät Patienten, die einen Partner suchen: Tu das, was du gern tust, in Gesellschaft. Foto: Florian Hammerich

Während es mehr Einschränkungen gibt, nehmen die Ansprüche nicht ab. Eine kleine, 90 Kilo schwere Frau wollte von Maria Eibner einen schlanken, jüngeren Mann mit blauen Augen. Ein 75-Jähriger suchte eine Frau zum Skifahren. „Was hilft ihm denn in dem Alter eine Frau, die Ski fährt, wenn er morgen einen Rollator braucht?“ Hohe Ansprüche sind aber keine Frage des Alters, sagt Hecht: „Unrealistische Erwartungen hat jeder.“

Im August 2016 war Hubert S. plötzlich von einem Tag auf den anderen allein. Nach 56 Ehejahren. „Nach so langer Zeit ist das Alleinsein eine Katastrophe. Das kann sich niemand vorstellen, der fünf Jahre verheiratet ist.“ Also hat er wieder jemanden gesucht. Seit zwei Monaten wohnt seine Freundin bei ihm. Mit ihr hat er Riesenglück gehabt, erzählt er. Sie ist 76 Jahre alt, kümmert sich um den Haushalt und sei eine super Köchin – genau wie seine Frau.

Sex ist auch im Alter noch ein Thema

80 Prozent ihrer Kunden sind verwitwet, schätzt Eibner. „Sie möchten halt auch, dass es weitergeht.“ Sie wollen jemanden zum Reden, sich geborgen fühlen. Das Sexuelle trete in den Hintergrund, sagt sie. Davon, dass ältere Paare weniger Sex haben, will Gerhard Hecht aber nichts wissen: „Sex ist immer.“ Der Paartherapeut hat die Erfahrung gemacht, dass die Älteren nur weniger darüber reden, als die Jungen.

„Ich mag schon noch Sex haben.“ Helga P.

„Ich mag schon noch Sex haben“, sagt Helga P.. Aber nicht einfach so, sondern mit dem Passenden. Der Kiwi-Mann wird es nicht werden, aber mit ihrem Partner war es schön. Sie haben sich über Maria Eibner kennengelernt. Siebeneinhalb Jahre waren sie ein Paar, vor vier Monaten ist sie ausgezogen. Er habe sich verändert, sei rechthaberisch geworden, laut. Er saß auf der Couch, sie arbeitete im Haus, im Garten, im Wintergarten, im Schwimmbad. Wusch, putzte, kochte. Irgendwann hat es ihr gereicht: „Nur zum Putzen und Arbeiten bin ich mir zu schade.“

Die Trennung tut ihr noch weh. Die ersten paar Wochen hat sie nur geweint. Sie mag ihn auch jetzt noch. Aber es führt kein Weg zurück. Helga P. fährt gern Rad, wandert. Sie wünscht sich eine freundschaftliche Beziehung zu einem Mann, will mit ihm reden, was unternehmen. Wenn wieder jemand bei ihr anruft, sortiert sie gleich Männer mit Haus und Garten aus. Sie lässt sich nicht mehr ausnutzen.

Immer mehr lange Ehen werden geschieden

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Eibners Kundenstamm wächst: Geschiedene werden immer älter. Zwar geht die Zahl der Scheidungen seit 2003 insgesamt zurück – von 213 975 auf 162 397 im Jahr 2016. Allerdings halten es Paare nicht mehr so lange zusammen aus wie früher. Immer mehr Ehen werden spät geschieden: 2003 dauerten 9,5 Prozent der geschiedenen Ehen 26 Jahre oder länger – 2016 sind es schon 15,6 Prozent.

„Man ist nach 30 Jahren nicht mehr mit dem Menschen zusammen, den man geheiratet hat“, sagt Gerhard Hecht. Alle zehn Jahre sei man ein anderer Mensch. Mit dem Alter werde nicht nur der Körper steifer, sondern auch die Gewohnheiten. Eine Beziehung müsse ständig neu verhandelt werden.

2003 erreichte die Zahl der Scheidungen einen Höhepunkt:

Ob man, wenn man so lange verheiratet war, noch zu einer Beziehung fähig ist? Monika R. ist skeptisch. Alle hätten ein Leben hinter sich, schleppten seelischen Ballast mit. „Man kann nicht mit einer rosaroten Brille durchs Leben gehen. Dafür ist es zu ernst.“ Und mittlerweile sagt sie: „Ich bleib allein, da hab ich es schöner.“ So war sie nicht immer. Die lockere Einstellung ist mit den Jahren gekommen. Die 70-Jährige hat ihr Leben lang gearbeitet, wohnt in ihrem eigenen Haus. Sie braucht keinen Versorger. Aber vermitteln darf Maria Eibner sie noch.

Die Partnersuche wird im Alter nicht schwieriger. „Es ist generell nicht so leicht, jemanden kennenzulernen“, sagt Paartherapeut Gerhard Hecht. Männer hätten außerdem Angst, dem Ideal des leistungsstarken Mannes nicht mehr entsprechen zu können. Frauen seien da seiner Erfahrung nach entspannter. 

„Man gesteht sich im Alter Dinge zu, die man sich in der Jugend vielleicht nicht getraut hätte.“ Gerhard Hecht, Psychologe und Paartherapeut

Wie vielen Männern sie schon Frauen „zugebracht“ hat, kann Maria Eibner gar nicht mehr sagen. Manchmal rufen so viele neue Kunden an, dass ihre Stimme weg ist. Sie erklärt am Telefon gleich, was sie erwarten können. Das kostenlose Angebot mit ihrer Unterschrift drauf gibt’s per Post. Darf Eibner die Männer vermitteln, rufen sie wieder an. Eine E-Mail-Adresse haben die wenigsten. Für 350 Euro erhalten die Männer die Adressen von 25 passenden Frauen.

Eine von ihnen könnte Helga P. sein. Wenn ein potenzieller Verehrer anruft, hört sie genau auf seine Stimme. Fragt nach seinen Hobbys. Nach ein paar Telefonaten könnte das erste Treffen in einem Café stattfinden. Sie geht nicht mehr zu einem Mann nach Hause, seit dieser Sache mit dem 80-Jährigen. Sie hatte sich gleich nicht wohlgefühlt, seine Wohnung war dreckig. Er auch. Gleich zur Begrüßung wollte er ihr einen Zungenkuss geben. Er zeigte ihr das Haus, ging ins Schlafzimmer, schaltete den Fernseher ein. Plötzlich lief ein Porno. Helga P. packte ihre Tasche und ging.

250 0008 30462874 Playmobil Partnerschaft Heiratsmarkt A

Früher haben sich in Ostbayern Eltern und Viehhändler ums Verkuppeln gekümmert. Heute gibt's Tinder. Junge Frauen erzählen von Deppen und Traumprinzen, die sich dort tummeln.

Text: Anna-Maria Ascherl
Grafiken: Inge Brunner
Illustrationen: sabelskaya - stock.adobe.com
Fotos: Maria Eibner, Florian Hammerich

Teilen