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Ritt durchs Einhornland

Plüschtiere, Klopapier und Schokolade: Das Fabelwesen lässt derzeit überall die Kassen klingeln. In Regensburg zeigt sich, dass der Kult um das magische Tier schon Hunderte Jahre alt ist.

In Regensburg riechen Einhörner nach Döner. Die Fahne weht von der Imbissbude am Alten Kornmarkt rüber an die Südfassade des Doms. Dort sitzen sie. Versteckt. Kurz nach ein Uhr mittags laufen die Schülerinnen der Niedermünster-Realschule mit gesenktem Blick vorbei. Sie achten nicht auf die Steinfiguren und die weltberühmten Glasfenster, sondern starren auf ihre Handys, während sie ihren Freundinnen Einhorn-Emojis schicken und dazu einen Schluck aus ihren mit Glitzerstaub umhüllten Kaffeebechern nehmen. Glaubt man den Eigenschaften, die Einhörnern zugeschrieben werden, müsste dieser Ort voll spürbarer Magie sein. Der Zauber funktioniert aber offensichtlich nicht immer und überall. 

"Wer sich einmal mit dem Einhorn beschäftigt, der kommt nicht mehr so leicht davon los." Prof. Dr. Peter Scheuchenpflug

Mit den Mädchenfantasien von rosaroten Glitzerwelten, in denen die engelsgleichen Fabelwesen in einem Nebel aus Zuckerwatteduft umherschweben, kann Prof. Dr. Peter Scheuchenpflug, Theologe an der Katholischen Fakultät der Universität Regensburg, nichts anfangen. Und doch sagt er, hat er sich mit dem Einhorn-Virus infiziert. Passiert ist es dort, wo die Schülerinnen in ihre Handy starrten: am Regensburger Dom. 

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    Dieses Glasfenster (um 1350) im Regensburger Dom zeigt ein Einhorn. Foto: Staatliches Bauamt Regensburg
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    Das Relief Jungfrau mit Einhorn an der Stirnseite des Dom-Südturms Foto: Staatliches Bauamt Regensburg

Dort belegen ein um 1350 geschaffenes Glasfenster sowie mehrere Steinfiguren, dass die Fabelwesen nicht erst seit dem Kinofilm „The Last Unicorn“ aus den 1980er Jahren existieren. „Das Einhorn hat schon zweitausend Jahre auf dem Buckel“, sagt Scheuchenpflug, der für eine Vorlesung an der Kinder-Universität das Thema aufgegriffen hat. „Hätte ich gewusst, was danach passiert, dann hätte ich wohl besser einen abgelegenen Heiligen für die Veranstaltung gewählt“, witzelt er. Denn wenige Monate nachdem Scheuchenpflug den wissbegierigen Kindern erklärt hatte, wie das Einhorn vom Römerreich in die Kinderzimmer kam, brach ein Hype los und irgendwie konnte sich auch der Theologe dieser Marketingmaschinerie nicht entziehen. 

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Prof. Dr. Peter Scheuchenpflug, Theologe an der Katholischen Fakultät der Universität Regensburg Foto: Isolde Stöcker-Gietl

Wenngleich es sich bei den Einhorn-Lampen in seinem Büro und den Spruchtafeln nur um Geschenke handelt, wie er betont. „Ich muss Sie aber warnen: Wer sich einmal mit dem Einhorn beschäftigt, der kommt nicht mehr so leicht davon los.“ Für den Theologen gilt dies nur für die christliche Darstellung. Bei Kirchenbesuchen forscht er nach Einhornabbildungen und wird auch immer wieder fündig. Sieben Stellen in der Bibel erzählten einst von Einhörnern. Heute ist das Fabelwesen aus dem christlichen Glauben verschwunden. Man hat die Bibelübersetzungen überarbeitet und es irgendwann dem Zeitgeist geopfert. Auch er könnte sich nicht vorstellen, heute noch eine Predigt mit Bezug auf Einhörner zu halten, sagt Scheuchenpflug, der sich als Religionspädagoge viel mit der Vermittlung von Glaubensbotschaften beschäftigt. Doch früher halfen die Tiergeschichten aus dem sogenannten Physiologus den Menschen, eine Verbindung zu Gott herzustellen.

„Und mein Horn wird erhöht werden wie das des Einhorns.“ Zitat aus dem Physiologus

Das Einhorn wurde als sehr stark charakterisiert, niemand könne es fangen, außer einer Jungfrau, in deren Schoß es sich flüchtet. Für die junge christliche Gemeinschaft stand das Einhorn als Sinnbild für Jesus Christus, der sich im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria, geborgen fühlte. Am Regensburger Dom findet man genau diese Szene in Stein gehauen. „Und mein Horn wird erhöht werden wie das des Einhorns“, heißt es im Physiologus.

Begleiter für junge, starke und zielstrebige Frauen

„Einhörner stehen für die Flucht aus dem Alltag. Das spricht junge Menschen an.“ Axel Dammler, Trendforscher
Die beiden Frauen statteten sich mit Einhorn-Kostümen für den Karneval im brasilianischen Sao Paulo aus. Foto: Cris Faga/ZUMA Wire/dpa

Heute klingt die Einhornmagie weitaus simpler: „Sei du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn“, steht auf den Spruchtafeln, die Teenager und junggebliebene Erwachsene in ihren Zimmern aufhängen. Der Trendforscher Axel Dammler vom Marktforschungsinstitut Iconkids And Youth International Resort berät seit 20 Jahren die Spielwarenindustrie. In einem Interview mit der „Zeit“ lieferte er zwei Erklärungen, warum es seit Ende 2016 einen solchen Hype um das magische Wesen gibt. „Einhörner stehen für die Flucht aus dem Alltag. Das spricht junge Menschen an.“ Andererseits gehe es um einen postmodernen Umgang mit Weiblichkeit, um Ironie und Rollenkonflikte. Gerade junge, starke und zielstrebige Frauen bedienten sich deshalb gerne an Girlie-Symbolen wie Glitzer und Rosa.

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Ritter Sport ließ das Einhorn in die Supermärkte galoppieren. Die Huftiere mit dem Horn auf der Stirn sind der Renner. Foto: Ritter Sport/dpa

Ausgelöst hatte alles eine Tafel Schokolade. Eigentlich war es ein Marketing-Gag. Ritter Sport hüllte seine Sorte „Weiße Schokolade-Himbeer-Cassis-Regenbogen“ in eine pinkfarbene Einhorn-Verpackung und limitierte die Auflage. Über die sozialen Netzwerke verbreitete sich die Kunde in Sekunden. Binnen weniger als 24 Stunden waren die Tafeln ausverkauft und tauchten kurz darauf zu astronomischen Preisen von um die 100 Euro wieder in der Verkaufsplattform Ebay auf. Was dem folgte, war die Einhornisierung der Super- und Drogeriemarkt-Regale. Pinkfarbene Bratwürste und vegane Einhorn-Kondome. Einhorn-Pupsspray und Magische Liebeskummerpillen. Dazu Kekse, Joghurts, Duschgels, Smoothies, Tees und Müslisorten – und alles verkauft sich blendend. 

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    Für den etwas anderen Stallgeruch: Toilettenpapier mit Einhorn-Aufdruck und Zuckerwatte-Duft Foto: Andreas Gebert/dpa
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    Es gibt sogar Bratwürste im Einhorn-Design. Foto: Oliver Berg/dpa
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    Einhorn-Kondome aus dem Supermarkt Foto: Oliver Berg/dpa
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    Die veganen Kondome des Berliner Startup-Unternehmens Einhorn sollen besonders verträglich sein. Foto: Daniel Karmann/dpa
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    Magische Duftmarke im Bad: Einhorn Duschgel Foto: Oliver Berg/dpa

Allein die Ankündigung von Edeka, ein Einhorn-Klopapier mit Zuckerwatteduft auf den Markt zu bringen, erreichte via Facebook binnen fünf Tagen 2,4 Millionen Kunden. Die Botschaft, „Es war noch nie so leicht, einen süßen Arsch zu bekommen“, wurde zudem tausendfach geteilt. Ein Coup auch aus finanzieller Sicht, denn weitere Werbemaßnahmen waren erst gar nicht notwendig. Das Klopapier findet – wie könnte es anders sein – reißenden Absatz.

Selbst die Bahn AG ist auf den Zug aufgesprungen. In einer limitierten Auflage von 20 000 Stück ist das Bayernticket für fünf Personen im Einhorn-Design erhältlich. Allerdings kann man es nur an den Bahnhöfen in München, Nürnberg und Mühldorf erwerben. „Noch bis März gibt es die Tickets zu kaufen“, sagt eine Bahn-Sprecherin auf Nachfrage. Wie groß der Ansturm ist, will sie nicht verraten.

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Prinzessin Lillifee und das Einhorn Rosalie im Kinofilm «Prinzessin Lillifee und das kleine Einhorn». Foto: Universum Film/dpa

Der Ritt auf dem Einhorn dürfte jedenfalls auch 2018 noch nicht zu Ende sein. Auf der Spielwarenmesse, die am 31. Januar in Nürnberg beginnt, werden wieder viele Neuheiten präsentiert. Die Palette reicht von Stofftieren, Dekoartikeln bis zu Bastelmaterialien. Es gibt Puzzles und Spiele zu Kinderserien wie „Mia and me“ oder „My little Pony“. Bücher wie die „Sternenschweif“-Serie werden unendlich weitererzählt. Inzwischen gibt es über 50 Bände. Starke Männer oder Frauen werden in der Jobbörse gesucht, um auf der Spielwarenmesse „Theodor“, das Einhorn mit der Punkfrisur, vorzustellen. Für 16 Euro Stundenlohn kann man in die kuschelige Hülle schlüpfen und Messebesucher verzaubern. Scheu wie ein Einhorn darf man dafür aber nicht sein.

„Komm mit auf die Regenbogenseite des Lebens!“

Die Eigenschaften, die man ihm nachsagt – Reinheit, Weisheit, Scheu – spielen für die Marketingstrategen sowieso keine große Rolle. Die Fantasie, um aus der starken Konkurrenz herauszustechen, ist grenzenlos. „Komm mit auf die Regenbogenseite des Lebens“, lädt das Pummel-Einhorn ein. Es scheint von einem Nilpferd inspiriert statt von einem weißen Pferd. Trotzdem ist es ein Verkaufsschlager. Seine Botschaft: Sei einfach du selbst, auch wenn du nicht so hübsch bist wie andere Einhörner. In einem Werbespot für einen Hämorrhoiden-Toilettensitz kacken die Fabelwesen regenbogenfarbene Eiscreme. Wie man Hämorrhoiden mit dem Symbol der Friedens- und Homosexuellen-Bewegung in Verbindung bringt, bleibt das Geheimnis der Werbeindustrie. Denn eigentlich ist der Regenbogen ein Zeichen der Toleranz und Vielfalt von Lebensformen und nicht der Verdauungsprobleme.

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    Einhorn-Likör schmeckt nach süßer Erdbeere und heißt "Happy End". Wenn es nach dem Konsum ein solches geben soll, ist es wohl ratsam, nicht zu viel davon zu trinken. Foto: Oliver Berg/dpa
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    Ob das Einhorn-Bier nach Zuckerwatte schmeckt? Die beiden haben es ausprobiert. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Wer das schon schräg findet, der sollte besser nicht die esoterische Seite des Einhorns erkunden. Heilbäder mit Einhornenergie oder Einhorn-Essenzen, die direkt von der Seele aufgenommen werden, sollen spirituelle Begegnungen ermöglichen. Kostenpunkt für diese Erfahrung: zwischen 64 und 300 Euro. Auch mehrtägige Ausbildungen zum Einhorn-Boten werden offeriert. Das Versprechen: Man findet sein persönliches Einhorn und erfährt seinen Namen. Es ist vermutlich der Glaube, der Berge versetzen kann. Denn sogar die Heilige Hildegard von Bingen hat in ihren Schriften zur Klostermedizin dem Einhorn heilende Kräfte nachgesagt. Sie hielt fest, dass in der Einhornleber besondere Wirkstoffe stecken. „Die pulverisierte Leber ergibt mit Eigelb versehen eine Salbe, die jede Art von Aussatz heilt, es sei denn, der Kranke ist für den Tod bestimmt.“ Auch das Leder habe eine heilende Wirkung, schrieb die Kirchenlehrerin: „Ein Gürtel ist Schutz gegen Pest und Fieber. Schuhe aus Einhornhaut verleihen gesunde Füße, Unterschenkel und Gelenke.“ Bis heute beziehen sich Apotheken auf diese frühe Medizin. Einhorn-Apotheken findet man in Regensburg und Straubing.

Das verschwundene Schild

Im Einhorngäßchen in Regensburg ist das Straßenschild verschwunden. Lediglich ein Hausnummernschild verrät den magischen Straßenzug im Herzen der Altstadt. Foto: Stöcker-Gietl

Wie das Einhorngäßchen in Regensburg zu seinem Namen kam, ist nicht überliefert. Die denkmalgeschützte Gasse mit ihren vier Schwibbögen aus dem 17. Jahrhundert liegt versteckt hinter dem Haidplatz. Versteckt auch deshalb, weil vom Straßenschild nur noch vier Bohrlöcher übrig geblieben sind. Offenbar wurde das an der Hauswand angebrachte Straßennamensschild entwendet oder im Zuge einer Bausanierung nicht mehr angebracht, heißt es auf Nachfrage in der Stadtverwaltung. Vielleicht schmückt es längst den Flur einer Wohnung?

Vom Einhorngäßchen sind es nur ein paar Minuten zurück auf den Domplatz. Fast 700 Jahre haben die Einhörner dort jeden Zeitgeist überdauert. Die gekünstelte Einhorn-Magie samt Zuckerwatteduft und Glitzer wird es nicht einmal ins nächste Jahrzehnt schaffen.

Text: Isolde Stöcker-Gietl
Fotos:
Juristka/stock.adobe.com, Staatliches Bauamt Regensburg, Stöcker-Gietl, dpa

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