nr. sieben

Mein Freund, der Tod

Regina Reiner aus Cham ist Bestatterin. Sie holt Polizeileichen ab, tröstet Angehörige, organisiert Baumbestattungen und sorgt sich um ihre Tochter. Der Tod gehört zu ihrem Leben.

Es ist 4.30 Uhr, die Polizei ruft an: Tote Person zum Abholen. Regina Reiner hievt sich aus dem Bett. Sie ruft ihre Mitarbeiter an, steigt in den Leichenwagen und fährt Richtung Grenze. Die Polizisten, die ihr die Wohnungstür öffnen, sind seit Stunden vor Ort. Spurensicherung. Jetzt ist sie dran. Die Frau, die die Leichen abholt. Sie ist auf alles gefasst: zerschlagene Schädel, blutbespritzte Wände, aufgedunsene Körper.

Sie versucht, nicht nach links oder rechts zu schauen. Weil es sie nichts angeht, wie der Tote gelebt hat. Weil sie die Würde eines Menschen bewahren will. Aber sie kann nicht alles ausblenden. Sie geht in das Zimmer, in dem die Leiche liegt. Zwei Mitarbeiter folgen ihr. Sie schaut sich den Toten an: Läuft er aus? Ist er noch im Ganzen? Liegt er schon länger? Dieser Mann ist seit Monaten nicht mehr gesehen worden. Die Haut, die noch vorhanden ist, ist ledrig. Maden, überall Maden.

24 Stunden erreichbar

Regina Reiner wird gerufen, wenn ein Arzt den Tod als „ungeklärt oder unnatürlich“ einstuft. Seit 15 Jahren holt sie im Bezirk Cham Polizeileichen ab, wie sie sie nennt. Aus Wohnungen, von Tatorten, von der Straße. Damit sie diejenige ist, die die Polizei anruft, nimmt sie alle ein, zwei Jahre an öffentlichen Ausschreibungen teil. Erst, weil sie die zusätzlichen Einnahmen gebraucht hat. Jetzt, weil sie als Bestatterin sowieso immer da sein muss. Voraussetzung ist, 24 Stunden erreichbar zu sein.

Der Gestank ist am schlimmsten. Den Mundschutz kann die 52-Jährige nicht leiden, sie bekommt dann keine Luft. Aber er hilft. Genauso, wie sie die Brille davor schützt, sich mit Krankheiten zu infizieren, wenn ein aufgedunsener Körper aufreißt und Körperflüssigkeiten in ihre Richtung spritzen. Handschuhe bis unter die Achseln, weißer Anzug, Stiefel, wenn der Boden vom Blut rutschig ist: Wenn Regina Reiner Polizeileichen abholt, sieht sie aus wie ein Marsmännchen.

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Reiner ist Bestatterin, keine Tatortreinigerin. Aber sie hat immer ein paar Lappen dabei, mit denen sie grob Blut vom Boden und Hirn von Wänden wischt. „Das wäre ja sonst schrecklich für die Angehörigen.“

Sie fängt an, die Leiche in den Bergesack zu packen. Sie nimmt alles mit, was mit dem Toten zu tun hat, sagt sie. Flüssigkeiten, Körperteile. Ob sie sich an diesen Toten erinnern wird, wenn ihre Tochter nicht zur vereinbarten Zeit anruft? Wahrscheinlich nicht. Aber sie denkt an das Mädchen, das man in ihre Arme gelegt hat. Erstochen. Oder an die Mutter, die bei ihr um ihren verunglückten Sohn geweint hat. „Und dann hast du bloß ein einziges Mädchen. Da hängt man ihr natürlich ständig dran: Rühr dich, ruf an, geh nirgends alleine hin.“ Ihre Tochter ist 27. „Ich hätte das nicht mitgemacht“, sagt sie leise. Nur, um dann wieder laut zu lachen: „Ich hätte gesagt: ‚Mama, wenn’s dir nicht passt, leck mich am Arsch.‘“

Für den Tod nimmt sich niemand Zeit

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9 Uhr. Regina Reiner betritt ihr Büro am Spitalplatz 9 in Cham, gegenüber der Bücherei. Seit November 2003 ist sie selbstständig. Vorher hat sie im Baugeschäft ihrer Eltern mitgearbeitet. Wochentags gepflastert, am Wochenende die Lohnabrechnung gemacht. Aber Bestatterin war ihr Traumberuf, ernsthaft. „Ich glaube, dass die Angehörigen in dem Moment einfach richtig sind bei mir.“ Sie hat sich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen, hilft den Lebenden, um die Toten zu trauern. Dafür bleibt oft keine Zeit. Nach ein, zwei Tagen müssten die meisten wieder in die Arbeit. Der Tod hat keinen Platz in unserer Gesellschaft. Genauso wenig wie die Methoden, die sie als Schamanin gerne öfter bei Beerdigungen sehen würde. Trommelmusik, damit der Körper zur Ruhe kommt, anstatt Kirchenlieder, deren Texte die Trauernden nur noch mehr aufwühlen.

„Ich glaube, dass die Angehörigen in dem Moment einfach richtig sind bei mir.“ Regina Reiner

Ihr Handy dudelt. Die Werkstatt. Der Auspuff ihres alten Mercedes macht Probleme. „Wenn er hin ist, ist er hin. Was soll ich machen? Ich kann jetzt nicht wegen dem Auspuff das Auto wegwerfen.“ Von dem silbergrauen Leichenwagen kann sich Reiner nicht trennen. Der Mechaniker verspricht, den Auspuff auszutauschen und sich den Rost anzuschauen. „Du weißt ja, wie es bei mir ist mit der Trommel, beim Zahlen. Da kommst in die Lotterie, dann wird kräftig umgerührt und manchmal, wenn du Glück hast, bist dabei.“ Sie lacht. Der Mechaniker auch. Man hört ihn durch das Telefon, so laut hat sie es aufgedreht.

An der Wand hängt eine Schamanentrommel

Schamanentrommel

Wenn Regina Reiner lacht, vergisst man für einen Moment, dass man im Bestattungsinstitut sitzt. Wo sich Urnen in den Regalen hinter ihr aneinanderreihen. Aus Holz, Pappmaschee, Stein, Maismehl, Blech. In Rot, Grün, Blau. Schwarz glänzend, mit Strass beklebt oder mit einem Motorrad bedruckt. Und an der Wandnische schräg vor ihr hängt eine mit Fell bespannte Schamanentrommel.

Regina Reiner wohnt in ihrem Elternhaus in Runding, genauer in Perwolfing – „Perfling“, wie sie es sagt. Ihre Eltern sind früh gestorben: Ihr Vater mit 62, da war sie 28. Ihre Mutter zehn Jahre später mit 69. „Man meint, man ist sehr erwachsen, aber im Endeffekt, wenn es darauf ankommt, sind Eltern im Hintergrund doch manchmal nicht schlecht.“ Sie hat eine erwachsene Tochter, ist geschieden. Mit ihrem Beruf eine Beziehung zu führen, ist schwierig. Das Image, die Arbeitszeiten, der Tod.

"Meine Leute hätten mich fast umgebracht." Regina Reiner

Die Bestatterin greift nach einer Box hinter ihrem Schreibtisch, in der sich Sterbebilder dicht an dicht drängen. Sie liebt die Abwechslung an ihrem Beruf. Obwohl der Ablauf – Pfarrer anrufen, Formulare ausfüllen, Sterbebilder gestalten – immer gleich ist, hat sie 200 verschiedene Menschen vor sich. Sie blättert durch die bunt bedruckten Seiten, bis sie das Bild findet, nach dem sie gesucht hat. Auf der Außenseite eine junge Frau in den Bergen. Regina Reiner wird leise, als sie erzählt, dass die Frau erst Anfang 20 war, als sie dieses Sterbebild gedruckt hat.

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Die 52-Jährige sieht Tragödien, Leid – aber sie ist kein Mensch, der sich davon runterziehen lässt. Der Tod gehört für sie zum Leben. „Leben und Sterben ist eins. In dem Moment, in dem du auf die Welt kommst.“ Und als Bestatterin müsse man auch nicht ständig tief trauernd durch die Gegend laufen. Natürlich tun ihr die Leute leid, die sie bei sich sitzen hat. Aber: „Das Leben ist doch trotz allem schön“, sagt sie und erinnert sich an einen Vorfall auf dem Friedhof. Es war ein heißer Tag, sie hat die Türen der Aussegnungshalle geöffnet und das Lied gehört, das gerade für den Verstorbenen gespielt wurde. Sie vergisst, dass sie auf einer Beerdigung ist – und tanzt. „Meine Leute hätten mich fast umgebracht.“ Aber tanzen und trauern – das ist für sie kein Widerspruch. Schließlich werde in anderen Kulturen auch getanzt, wenn jemand stirbt.

Es klingelt an der Tür. Ein Mann will kurz in den Innenhof ihres Bestattungsinstituts schauen. Der Kamin ist undicht, er könnte runterfallen. Reiner: „Da sind wir ja dann an der richtigen Adresse.“

„Meine Kunden lachen oft bei mir." Regina Reiner

Braucht man Humor, um den Tod zu ertragen? „Meine Kunden lachen oft bei mir. Vielleicht bin ich so lächerlich, dass sie mich nicht ernst nehmen. Ich weiß es nicht.“ Sie selbst nimmt sich jedenfalls nicht ernst, macht ständig Witze über ihre Figur. So wie: „Ich werde auch immer mehr, weil das Essen immer besser schmeckt.“ Aber das Leben nimmt sie ernst. Irgendwann hat auch sie kapiert, dass es endlich ist. Seitdem fährt sie zweimal im Jahr für eine Woche weg. Bestatter zu sein, ist ein Knochenjob in Vollzeit. Der Tod macht keinen Urlaub. Immer, wenn andere frei haben, stirbt jemand. „Aber es stirbt ja keiner mit Absicht.“ Am stressigsten ist es für sie im Frühjahr und im Herbst. Die Wetterumschwünge merkt man, sagt sie. Und den Vollmond. Da bringen sich mehr Leute um.

Man könnte meinen, davon bräuchte man länger als zwei Wochen eine Auszeit. Aber Regina Reiner fährt in den Urlaub, weil man das eben so macht. Nicht, weil sie muss, damit sie weitermachen kann. Weil sie auch gern mal was anderes sehen will. Und was sieht sie sich dann an? „Friedhöfe.“

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16 Uhr. Regina Reiner schlendert über den Chamer Friedhof. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Eine Amsel pickt in der frisch aufgehäuften Erde nach Insekten. Dort, wo eben noch ein Toter begraben wurde, sammelt sich das Leben. Zwischen Grabsteinen und Büschen bauen Hasen ihre Nester, sie als Jägerin sagt dazu „Sasse“. In der Natur fühlt sich die Bestatterin wohl, hier kann sie entspannen. Kurz.

Immer ein offenes Ohr

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Fünf Minuten, dann wird sie angesprochen. Mit ihren feuerroten Haaren fällt sie auf zwischen den grauen Grabsteinen. „Hast du heute etwa niemanden zum Eingraben?“, fragt eine 80-Jährige. Sie kommt, um die Primeln auf dem Grab ihres Sohnes zu gießen. Regina Reiner fragt: „Wie hältst du das aus, alle zwei Kinder?“ „Oh mei Regina, ich bin so fertig.“ Dann erzählt sie die Geschichte, wie ihre Tochter an Krebs starb und ihr Sohn beim Bergsteigen verunglückte. Regina Reiner hört zu, obwohl sie die Geschichte schon kennt. Später, als die Frau zum Bus gegangen ist, sagt sie: „Wer wird sich um ihr Grab kümmern? Sie hat niemanden mehr.“

Reiner hat viele Kunden, die schon zu Lebzeiten für ihren Tod vorsorgen. Junge, Alte, ganz Alte. Eine Frau hat sich gerade erst den massiven Eichensarg mit burgunderfarbener Sargbespannung ausgesucht. Sie nicht. Ihr ist egal, was mit ihr passiert, wenn sie tot ist. Ihre Tochter kann tun und lassen, was sie will. „Ich kriege das als Körper eh nicht mehr mit.“ Im Moment würde ihr eine Baumbestattung gefallen – dabei wird die Asche in den Wurzelballen eingefüllt und wenn die Wurzeln durch die Asche gewachsen sind, kann man den Baum im Garten einpflanzen. Aber ihre Meinung ändert sie ständig. „Vielleicht gibt’s ja Unsterblichkeit? Vielleicht nehm’ ich dann auch die Option.“

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Aber vorher geht sie noch ins Wirtshaus, um sich eine Brotzeit zu kaufen. Wie beinahe jeden Tag nach der Arbeit. Für sich allein kocht sie nicht. Außerdem sagt sie: „Der Totengräber gehört zum Wirtshaus mit dazu, zu den Leuten.“ Genau wie ein Maurer oder ein Bäcker gehört ein Bestatter eben auch dazu zum Leben. Und danach sieht sie sich vielleicht ein Märchen im Fernsehen an. Nein, nicht den Tatort, keine amerikanische Krimi-Serie, schon gar nicht Aktenzeichen XY. Ein Märchen.

Text und Fotos: Anna-Maria Ascherl

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