Interview

Liebe und andere glückliche Zufälle

Jamie Lawson veröffentlicht auf Ed Sheerans Label sein zweites Album. Angelika Sauerer hat ihn in Berlin getroffen.

Später wird Jamie Lawson sagen: „Da geht etwas schief, aber etwas Gutes kommt dabei heraus. Vielleicht ist das die Geschichte meines Lebens.“ Und vielleicht macht genau das den Charme des Singer/Songwriters aus. 

Jamie Lawson ist 41 Jahre alt, aufgewachsen in Plymouth, einer Hafenstadt im äußersten Südosten Englands. Er spielt Gitarre und singt dazu. Das macht er, seit er acht Jahre alt ist. Warum Gitarre? „Sie war billiger als ein Klavier. So einfach ist die Antwort“, sagt er, zuckt die Schultern, lächelt sommersprossig unter seinem rötlichen Bart hervor. 

Seit zwei Jahren blickt er mit einem gewissen ungläubigen Staunen auf das, was plötzlich aus ein paar glücklichen Zufällen geworden ist:  ein Nummer-Eins-Album, 24 Millionen YouTube-Views, 180 000 Follower auf seinen Socials. „Wasn’t Expecting That“  - „das habe ich nicht erwartet“ - heißt der Song, der wahrscheinlich bekannter ist als das Gesicht und der Name des Songwriters. Und alle schreiben jetzt, der Titel sei Programm: Jamie habe das echt nicht erwartet. Echt jetzt? 

Wasn’t Expecting That“ hat Dich seit 2010 begleitet. Du hast jahrelang daran festgehalten – und deshalb gewiss dran geglaubt, dass es mal ein Hit wird, oder?

Ich habe immer gehofft, dass es einer wird. Als ich ihn geschrieben habe, dachte ich, ich muss es damit unbedingt  in die Ellen-DeGeneres-Show schaffen. Und dann klappte es tatsächlich – aber erst 2015. Das war richtig cool. Aber gleichzeitig leistete ich mir dabei meinen wahrscheinlich miesesten Fernsehauftritt. Das war nicht so cool. Trotzdem war irgendwas anders. Es lag an diesem Song. Er unterscheidet sich von meinen anderen Stücken, die Leute reagierten ganz anders darauf. Da war mir klar, hier läuft was Spezielles.

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"Ich denke nicht so groß von mir", sagt Jamie Lawson. Foto: WMG

Ed Sheeran hat auch auf diesen Song reagiert. Du bist der erste Künstler, den er 2015 für sein Label Gingerbread Records verpflichtet hat. Und nun hast Du Dein zweites Album bei ihm veröffentlicht, „Happy Accidents“. Was bedeutet Ed für Dich?

Ed hat mein Leben verändert. Ohne ihn hätte ich einfach so weitergewurstelt. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Er bedeutet mir viel. Ich bin dankbar für die Chance, die er mir gegeben hat und ich denke, ihm gefällt das neue Album richtig gut. Ein Stück darauf, „Can’t See Straight“, haben wir gemeinsam geschrieben.

Wie fühlt sich das an, nach einem Hit das nächste Album zu veröffentlichen?

Ich würde es nie einen Hit nennen, ich denke nicht so groß von mir. Andere haben Hits mit 200 Millionen Views auf YouTube. Davon bin ich weit entfernt. Verstehst Du, was ich meine? Aber vor diesem Hintergrund spüre ich fast noch mehr Druck, dieses Mal eine Platte zu machen, die da mithalten kann, die besser ist als die vorhergehende. Ich schätze, jeder tut das. Und ich vermute mal, alle denken, dass das neue Album das Beste ist, das sie je gemacht haben. Genau das ist der Fall.

"Singen ist meine Art, „Hallo“ zu den Leuten zu sagen." Jamie Lawson

Jamie Lawson sitzt mit einem untergeschlagen Bein auf der Couch seines Hotelzimmers, er trägt sein grobes Hemd offen über einem T-Shirt, Jeans, Sneakers. Hinter ihm breitet sich im deckenhohen Fenster halb Berlin aus. „Die Affen sind auch schon wach“, sagt er mit kurzem Seitenblick hinunter in den Zoo. Unkompliziert, sympathisch, freundlich, zugänglich, liebenswert, unaufdringlich, authentisch, nachdenklich, vertrauenserweckend, sensibel – alle Zuschreibungen, die einem für den Mann einfallen, passen auch zu seiner Musik. Ein stiller Junge sei er gewesen, hat er mal gesagt. Ein stiller Junge, der sein weiches Herz auf der Zunge und in seiner hellen, kehlig schmelzenden Stimme trägt, ist er immer noch. 

Wie funktioniert das – scheu sein und auf großen Bühnen stehen, in Kürze sogar als Warm-up für James Blunt?

Weißt Du, ich denke, viele Sänger und Musiker sind still. Sie begeistern sich für Musik, weil das eine Art zu Kommunizieren ist, eine ziemlich gute Art sogar. Durchs Singen kannst Du so viel mehr Menschen erreichen, als wenn Du ihnen „Hallo“ sagst. Und „Hallo“ sagen ist ja tatsächlich sehr schwierig. Singen ist meine Art, „Hallo“ zu den Leuten zu sagen.

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In Jamie Lawson steckt immer noch der Pub-Musiker, als der er sich jahrelang durchschlug. Foto: Katja Ruge

Es war im Bedford Pub in Balham, South London, wo Jamie Lawson einfach nur, indem er dort sang, „Hallo“ zu den beiden wichtigsten Zufällen in seinem Leben sagte: Ed Sheeran war im Publikum und erinnerte sich Jahre später an ihn. Und er traf Catherine, mittlerweile seine Frau. Sie wollte eigentlich ins Kabarett, irrte sich aber in der Tür – und blieb. Auch deshalb heißt das Album „Happy Accidents“, glückliche Zufälle.

In Deinen Songs geht es immer um Liebe. Woher weißt du so viel darüber?

Weil ich nichts über die Liebe weiß. Daher hältst Du weiter die Augen offen.

Bist du auf der Suche?

Nein, für mich habe ich sie gefunden. Ich bin sehr glücklich. Liebe ist eines dieser Phänomene, für die es keine strenge Definition gibt. Mit der Musik ist es ähnlich. Die Art und Weise, wie Musik die Menschen trifft, wie ein Akkordwechsel den einen bewegen und den anderen kalt lassen kann – das kann man nicht definieren. Musik – man taucht ein oder hindurch. Mit der Liebe ist es das Gleiche. Es ist die einzige Sache, die komplett universell ist. Die einzige, nach der wir alle suchen. Deshalb können wir uns alle darauf beziehen. 

Viele Leute haben den Glauben an die große Liebe verloren.

Vielleicht, weil es sie nicht gibt. Vielleicht gibt es aber zwei oder drei…

Irgendwie traurig.

Nein, gar nicht. Jedenfalls nicht, so lange man im Moment happy ist. Die Idee der einen großen wahren Liebe im Leben ist wundervoll. Manchen begegnet sie, aber nicht jedem, und das ist auch okay. Na ja und irgendwie ist es ja auch eine etwas veraltete Sichtweise.

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    "Die Idee der einen großen wahren Liebe im Leben ist wundervoll." Foto: WMG
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    "Aber vielleicht gibt es die eine wahre Liebe nicht. Vielleicht gibt es zwei oder drei…" Foto: WMG

Ist es für Dich leichter, einen Song über Liebe zu schreiben, wenn Du glücklich bist oder traurig?

Es ist leichter, wenn man traurig ist. Wenn Du glücklich bist, bist du zu sehr damit beschäftigt, glücklich zu sein. Generell schreibt man eher dann, wenn man ein Gefühl in sich nicht versteht. Ich schreibe, um herauszufinden, was da los ist. 

Zum Beispiel über den Tod Deines Vaters.

Er starb, als ich 19 war. Ich bin direkt neben dem Fluss aufgewachsen, dem Tamar. Spät in der Nacht bin ich zum Ufer runter, als keiner mehr da war und habe am Fluss gesungen, wo wir seine Asche verstreut hatten.  Er war im Wasser, für mich war er da. Ich hab‘ das gemacht, um mit der Trauer umzugehen. Um einfach einen Weg zu finden, durch diesen Tag zu kommen.

Erst jetzt, 20 Jahre später, hast Du darüber geschrieben -  den Song „Sing to the River“.

Ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat. Vielleicht weil ich mich erst jetzt geliebt und sicher und damit stark genug fühle, um davon zu erzählen. Ich wollte es eigentlich schon immer, kriegte es aber nicht auf die Reihe. Und auf einmal klappte es irgendwie, in den Hügeln von Malibu.

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"Meistens ist es so: Ich singe irgendeinen Unsinn vor mich hin - und mache dann etwas Sinnvolles daraus." Foto: Shamil Tanna

Welchen Einfluss hat die Umgebung auf Dich?

„Sing to the River“ ist an einem sehr heißen, sehr sonnigen Tag entstanden – und was ganz anderes kam dabei heraus. Aber ebenfalls dort in den Malibu Hills schrieb ich zusammen mit Dave Basset „Time on my Hands“, einen sonnigen, leichten Upbeat-Song. An dem Tag sah ich zum ersten Mal Kolibris. Das hatte nichts mit dem Song zu tun, aber er fühlt sich genau so an. 

Hummingbird heißt Kolibri auf Englisch, Summvogel. Vielleicht hat es ja doch was miteinander zu tun? Kommt Dir erst der Text oder die Melodie in den Sinn?

Meistens ist es so: Ich singe irgendeinen Unsinn vor mich hin - und mache dann etwas Sinnvolles daraus.

Wünschst Du Dir manchmal, Du hättest schon früher Erfolg gehabt?

Klar. Weil ich dann den Schlafmangel besser verkraften könnte... Aber im Ernst: Weil ich älter bin, kann ich auch besser damit umgehen. Vielleicht hatte ich als Junger mehr Energie, aber jetzt bin ich dafür gelassener. 

Wie viel von dem Pub-Musiker steckt noch in Dir?

Es ist andersrum: Auch als Pub-Musiker in kleinen Spielstätten habe ich mich immer auf großen Bühnen gesehen. Das war mein Weg dorthin.

Das Album "Happy Accidents"

Jamie Lawson Happy Accidents Album
"Happy Accidents" - glückliche Zufälle - heißt das zweite Album von Jamie Lawson. Cover: WMG
  • Happy Accidents von Jamie Lawson ist bei Gingerbread Man Records (Atlantic/ Warner) für ca. 12 Euro erschienen.
  • Im Stil gleicht es dem Vorgänger „Wasn’t Expecting That“: gefühlsbetonte, eingängige Songs zur Gitarre.
  • Jamie Lawson tritt als Support für James Blunt auf, u. a. am 13.10. in München und am 28.10. in Nürnberg.

Den Titel "Can't See Straight" hat Jamie Lawson zusammen mit Ed Sheeran geschrieben. Im Video singen sie ihn zur Akustik-Gitarre: 

Text: Angelika Sauerer, MZ
Fotos: Shamil Tanna, Katja Ruge, Warner/Atlantic

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