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Laufend in die Arbeit

Wolfgang Theisinger rennt regelmäßig zur Arbeit, 18 Kilometer hin und wieder zurück. Der Polizist reiht sich in die Riege der sogenannten „Turnschuhpendler“ oder „Foot-Commuter“ ein – und profitiert vor allem gesundheitlich.

Lautlos schwebt ein einsamer, greller Lichtkegel über die ausgestorbenen Straßen durch die triste Finsternis. Begleitet wird er vom dumpfen Knarzen der Schuhsohlen, die sich gleichmäßig wie ein Metronom auf dem frostigen Asphalt des Gehweges abrollen. Während sich die kleine Wohnsiedlung noch fest im Griff der Dunkelheit befindet, rennt Wolfgang Theisinger schnellen Schrittes durch die klirrende Kälte. Seine grelle Stirnlampe leuchtet ihm den Weg aus der stockdusteren Nachbarschaft in Richtung der Hauptstraße, wo die schummrigen Laternen die kleinen Nebelschwaden seiner Atemzüge sichtbar machen. 

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Wolfgang Theisinger läuft regelmäßig durch die Dunkelheit zur Arbeit. Egal ob bei Wind, Regen oder Schnee. Foto: dpa

Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Vor dem 35-Jährigen, der sich erst vor etwa zehn Minuten aus dem warmen und gemütlichen Ehebett quälte, liegt noch ein langer Weg. Knapp 18 Kilometer trennen Theisingers trautes Heim von seinem Arbeitsplatz. 18 Kilometer, die der Polizeibeamte regelmäßig zu Fuß bezwingt. Nicht nur hin, sondern auch zurück. Von Regenstauf nach Regensburg und umgekehrt, ganz egal zu welcher Jahreszeit. So sagt er sich stets aufs Neue: Augen zu und durch!

Vom Sattel auf den Bürostuhl

Nicht weit von dort, wo Theisingers morgendlicher Weg endet, macht sich eine andere auf den Weg. Seit rund sieben Jahren fährt Angelika Krempl fast täglich von Schwabelweis nach Neutraubling – nicht etwa mit dem Auto, sondern mit dem Rad. Ihre Strecke ist mittlerweile etwas kürzer. Früher lebte sie in Steinweg und hatte noch ein paar Kilometer mehr zu bewältigen, bis sie im Krones-Werk auf ihrem Bürostuhl saß. Auch Kurt Ertl tut es ihr gleich: Der passionierte Radfahrer aus Freising tritt Tag für Tag bis zu seinem Arbeitsplatz bei einem Catering-Unternehmen am Münchner Flughafen in die Pedale, um nach Feierabend wieder zurückzustrampeln.

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Der Trend der "Turnschuhpendler" oder "Foot-Commuter" erlangte in London Popularität. Dort rannten die Jogger mit einem Rucksack an der Themse entlang. Foto: dpa

Egal ob im Laufdress oder auf dem Fahrradsattel: Ertl, Theisinger und Krempl reihen sich in die Riege derer ein, die oft so passend als „Turnschuhpendler“ bezeichnet werden – ein Trend, der in Großstädten wie Tokio und vor allem London Popularität erlangte. Zur Verwunderung jener Autofahrer, die entnervt in der Rush Hour der britischen Hauptstadt festsitzen, rennen die Jogger dort mit einem Rucksack an der Themse entlang. Der Grund ist so simpel wie einleuchtend: Die Briten laufen nicht vor, sondern zum Dienstantritt. Und in ihren Taschen, die heute teilweise sogar schon von den Arbeitgebern zur Verfügung gestellt werden, befinden sich keine zusätzlichen Gewichte, sondern Kleidung zum Wechseln und Handtücher zum Duschen. Ebenso wie die Londoner schlagen auch Ertl, Theisinger und Krempl zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie fördern ihre Gesundheit und kommen gleichzeitig munter und stressfrei am Arbeitsplatz an. Lästigen Berufsverkehr gibt es auf Rad- und Laufwegen schließlich nicht.

„Im Sommer ist das einfacher, da hat man ja nur eine kurze Hose und ein T-Shirt.“ Wolfgang Theisinger

Dem kalten Wind zum Trotz

Seit Theisingers Start sind mittlerweile knapp eineinviertel Stunden vergangen. Den Großteil seiner Strecke hat der 35-Jährige geschafft. Während sich die ersten Autos bereits auf den Straßen tummeln und sich an roten Ampeln stauen, eilt Theisinger zielstrebig über die Nibelungenbrücke. Der kalte Wind peitscht ihm ins Gesicht und er zieht sein Tempo noch einmal etwas an. Er hetzt über Kreuzungen und schlängelt sich durch kleine Nebengassen.

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Wolfgang Theisinger läuft nicht nur zur Arbeit, sondern nach dem Feierabend auch wieder nach Hause. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

In der erwachenden Stadt verschmilzt das Licht seiner grellen Stirnlampe mit den vielen Laternen und leuchtenden Werbereklamen aus den Schaufenstern der geschlossenen Läden. Wenig später kommt Theisinger endlich in seiner Polizeiinspektion an. Eine kleine Treppe führt ihn in sein Büro. Er trinkt einen Schluck Wasser und freut sich nach seinem Lauf durch die kalte Dunkelheit auf eine heiße Dusche. Die durchnässten Laufklamotten hängen eng aneinandergereiht über der Heizung hinter seinem Schreibtisch. „Im Sommer ist das einfacher, da hat man ja nur eine kurze Hose und ein T-Shirt“, meint er mit einem verschmitzten Grinsen. 

Mit ordentlich Sauerstoff im Blut kommt Theisinger putzmunter zurück aus der Dusche in sein Büro, von Ermüdungserscheinungen keine Spur: „Natürlich könnte ich auch mit dem Auto in 20 Minuten zur Arbeit fahren. Aber wenn ich laufe, geht es mir einfach besser. Durch die Bewegung an der frischen Luft komme ich fit und wach im Büro an. Ich bin ausgeglichener und habe dann einen guten Tag.“

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Seit vier Jahren fährt Kurt Ertl täglich mit dem Rad zur Arbeit. Foto: privat

Angelika Krempl und Kurt Ertl geht es genauso. „Wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, komme ich auf jeden Fall fitter und wacher an, als wenn ich das Auto nehme“, erzählt Krempl. Ertl stimmt ihr voll und ganz zu. Für den 56-jährigen Freisinger hat der Rückweg auf dem Drahtesel aber einen vielleicht sogar noch größeren Vorteil: „Der Weg nach Hause ist fast noch schöner. Das Radeln ist entspannend und man baut dabei auch gleich wieder den ganzen Stress des Arbeitstages ab.“ 

Ertl, Theisinger und Krempl verschaffen sich durch das „Foot-Commuting“ – das Pendeln zu Fuß oder auf dem Fahrrad – aber nicht nur ein emotionales Hoch. Sie fördern damit ihre Gesundheit und wirken Alterskrankheiten nachhaltig entgegen, wie Dr. Frank Möckel erklärt: „Wir haben gute wissenschaftliche Belege dafür, dass Ausdauersport das Leben verlängert.“ Der renommierte Regensburger Sportmediziner schwingt sich deshalb auch gelegentlich mal selbst aufs Rad und strampelt die 40 Kilometer bis zu seiner Praxis im Gewerbepark.

„Das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko ist also deutlich niedriger.“ Dr. Frank Möckel

Ausdauersport reduziere das Risiko von Herzkreislauf-, Stoffwechsel- und Krebserkrankungen. „Er senkt den Blutdruck und beugt Diabetes vor – was will man also mehr?“, meint Möckel. Man wisse außerdem, dass diejenigen, die körperlich aktiv sind, auch insgesamt weniger von Krankheiten betroffen sind. „Sport wirkt sich eher stärkend auf das Immunsystem aus. Bewegung wirkt entzündungshemmend. Gleichzeitig schüttet der Körper eine ganze Menge an Botenstoffen, sogenannte Myokine, aus, die auf alle Organsysteme wirken“, erklärt der Sportmediziner. Das Herz wird größer und stärker, Gefäße werden elastischer gehalten und haben weniger Ablagerungen. „Das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko ist also deutlich niedriger.“ Sogar die Kreativität werde durch Sport gesteigert – was vor allem auch für Arbeitgeber von Vorteil wäre.

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Dr. Frank Möckel fährt des Öfteren auch selbst 40 Kilometer mit dem Rad bis zu seiner Praxis. Foto: Alex Huber

Ob man sein Programm nun morgens oder abends abspult, spielt laut Möckel aber keine Rolle. Wichtig sei einzig die Tatsache, dass man sich überhaupt sportlich betätigt. Dem Irrglauben, Sportler würden sich in frühen Stunden leichter muskuläre Verletzungen zuziehen, widerspricht er: „Da gibt es keinen Zusammenhang. Vor allem ist man morgens ja auch langsamer unterwegs, man kommt gemütlich in sein Tempo.“ Deshalb sei auch kein langes Aufwärmen vonnöten.

Allerdings mahnt der Präsident des Bayerischen Sportärzteverbandes auch zu Pausen, denn ohne Regeneration gehe nichts: „Man weiß, dass die Leistungsfähigkeit auch während Pausen wächst. Sie sind ein Bestandteil des Trainings, ohne Pausen gibt es kein Leistungswachstum.“

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Theisinger ist ambitionierter Marathon- und Ultraläufer. Pro Woche legt er rund 100 Kilometer zurück. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Theisinger, der beim „Mozart 100“ – einem Ultralauf in Salzburg – auch schon mal 105 Kilometer am Stück rannte, hat seinen Trainingsplan demzufolge genau richtig angelegt. Bis zu dreimal in der Woche lässt er das Auto in der Garage und schnürt stattdessen seine Laufschuhe für den Arbeitsweg. Zwar gehe es ihm vor allem um seine Fitness, doch durch die Kombination von Sport und Arbeitsweg gewinne er zudem Zeit für seine Kinder. „Wenn ich abends nach Hause komme, gehört der restliche Tag der Familie. Ich muss ja nicht mehr laufen gehen. Wir essen zusammen, reden und schauen nochmal über die Hausaufgaben. Danach kann ich mich gemütlich auf die Couch legen“, sagt Theisinger.

„Wenn ich damals jemanden gesehen hätte, der mit Rucksack und Stirnlampe durch die Stadt rennt, dann hätte ich den auch für verrückt gehalten.“ Wolfgang Theisinger
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Für Theisinger geht es nach Dienstende zurück nach Regenstauf. Für seine Strecke braucht er etwa eine Stunde und 20 Minuten. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Dass sein Pensum bei Kollegen auch mal für Unverständnis sorgt, kann der Polizist durchaus verstehen. Noch vor einigen Jahren hätte er es sich selbst nicht vorstellen können, in die Arbeit zu laufen. „Wenn ich damals jemanden gesehen hätte, der mit Rucksack und Stirnlampe früh morgens durch die Stadt rennt, dann hätte ich den wahrscheinlich auch für verrückt gehalten.“

Nach etwa neun Stunden im Dienst endet Theisingers Arbeitstag. Und während sich die Sonne langsam hinter den Dächern der Stadt in den Abend verabschiedet, wirft sich der 35-Jährige wieder in seine Laufklamotten. Theisinger schnallt sich seine Stirnlampe auf und rennt los. 18 Kilometer von Regensburg nach Regenstauf, durch die klirrende Kälte und die einschreitende Dunkelheit, zurück in die heimelige Nachbarschaft.

Fotos: Uwe Moosburger/altrofoto.de & dpa
Text: Alex Huber

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