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La Dolce Vita im Wohnmobil

Der Camping-Trend hält seit Jahren an. Viele verbinden mit dieser Art zu reisen vor allem Grillen und Konservendosen. Doch ist das noch immer so? Ein Blick über den Tellerrand.

Anton Eschenwecker schließt die Tür zum Bad in seinem Wohnmobil. Sein Geschirr lässt er in den Schränken stehen. Die Gläser hat er mit Schaumstoff umwickelt, „damit es auf der Fahrt nicht scheppert“. Der Holzboden ist mit Teppichen ausgelegt, auf der grauen Bank liegen Sitzkissen, auf dem Tisch ein rot-weiß gepunktetes Deckchen – es sieht gemütlich aus.

Eschenwecker trägt braune Lederschuhe, Jeans, ein weißes Shirt und eine Brille, deren Gläser bei Sonnenschein dunkler werden. Um seinen Hals hängt eine Kette mit einem silbernen Anhänger in Form eines Plektrums. „Libertin“ steht drauf. Freigeist – das passt zu ihm. Der 70-Jährige und seine Frau Christl haben ein eigenes Wohnmobil. „Das ist wie, wenn du ein Ferienhaus hast – nur, wenn das Wetter nicht passt oder dir dein Ort nicht gefällt, versetzt du es.“ Vor den ausfahrbaren Stufen liegt eine Fußmatte im Gras – wie zu Hause.

Anton Eschenwecker
Anton Eschenwecker in seinem Wohnmobil Foto: ke

Die Eschenweckers haben vier Kinder, zwei von ihnen haben selbst auch ein Wohnmobil. Doch nicht nur bei ihnen ist der Trend eingezogen. Der Campingtourismus in Deutschland boomt: Mit mehr als 30 Millionen Übernachtungen und etwa neun Millionen Gästeankünften geht 2016 als Rekordjahr in die Geschichte der deutschen Campingwirtschaft ein.

Von Juli vergangenen Jahres bis Juni 2017 wurden mehr als 21 000 Caravans neuzugelassen, drei Jahre zuvor waren es noch gut 16 600. Auch bei den Reisemobilen hält der Trend an: Mehr als 38 000 wurden in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten gekauft, drei Jahre zuvor waren es noch etwa 25 500.

Eschenwecker hat sein Wohnmobil seit zwei Jahren. Zuletzt ist er gemeinsam mit seiner Frau vier Wochen insgesamt 9000 Kilometer ans Nordkap gefahren. Er ist begeistert vom Campen in den skandinavischen Ländern. Fast alle 20 Kilometer gebe es Campingplätze, die meist sehr gut ausgestattet sind.

Praktische Apps zum Verreisen

Smartphone-Anwendungen können den Urlaub enorm erleichtern. Wir stellen einige vor.

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Maps.Me

Um Straßen und Anfahrten zu finden, sind Karten gut, die man auch im Offline-Modus abrufen kann. Maps.Me macht es möglich.

Wiffinity

Die App zeigt auf einer Karte WLAN-Hotspots in der Nähe an. Wiffinity ist für Android und iOS erschienen.

TripCast

Mit der Anwendung lässt sich ein digitales Reisetagebuch inklusive Fotos anlegen. So kann man Freunde, Eltern und Großeltern unkompliziert auf dem Laufenden halten. Hier geht es zum Download.

Sicher Reisen

Das Auswärtige Amt hat Tipps für Reisevorbereitungen, Notfälle und vieles mehr gesammelt. Hier geht es zum Download für Android und iOS.

Kindle

Egal wie sehr Sie die Haptik von Büchern schätzen - beim Reisen mit möglichst wenig Gepäck sind sie störend. Auf dem Kindle müssen Sie auf Ihre liebsten Werke auch im Urlaub nicht verzichten. Zu Kaufen gibt es den Kindle bei Amazon.

XE Currency

Wie viele Euro sind 234567 Vietnamesische Dong, und wie viele Tschechische Kronen bekommen Sie dafür? XE Currency hilft beim Umrechnen.

Yuggler

Perfekt für Eltern: Yuggler zeigt die kinderfreundlichsten Aktivitäten in der Umgebung an. Zum Download geht es hier.

Die Vermietung von Wohnmobilen und Caravans floriert ebenfalls. Seit einiger Zeit gebe es einen Zuwachs von 15 bis 20 Prozent jährlich, sagt Daniel Rätz, Referent der Caravaning Informations GmbH. Zuletzt hätten insbesondere die Caravans stark aufgeholt. Das liege vor allem daran, dass seit einiger Zeit wieder verstärkt Familien mit Kindern Fahrzeuge mieten, die oft zu Caravans tendieren. Insgesamt werden die Mieter im Schnitt aber jünger.

Eine Glaubensfrage

Ein Caravan, beziehungsweise Wohnwagen ist ein bewohnbarer Anhänger, ein Wohnmobil ist ein Auto mit Wohnraum. Ob Reisende sich für einen Caravan oder ein Reisemobil entscheiden, „ist eine Philosophie“, sagt Eschenwecker. „Manche würden nie ein Wohnmobil kaufen.“ Wenn man den Caravan nicht braucht, stelle man ihn ab. „Der Aufwand für einen Caravan wäre mir aber zu groß“, sagt Andreas Alius aus Regensburg. „Wenn ich mit meinem Wohnmobil ankomme, brauche ich drei Minuten: Markise raus, Stühle raus – und schon bin ich daheim“, sagt der 50-Jährige.

Alius hat seit elf Jahren ein Wohnmobil. Noch bevor er und seine Frau ein Eigenes hatten, liehen sie sich eines und fuhren mit Bekannten in die Schweiz. Vom ersten Moment an haben sie sich in diese Art zu Reisen verliebt – vor allem mit Kindern war es für das Paar perfekt. „Damals konnten wir uns aber nicht vorstellen, dass man um Campingplätze kämpft“, sagt Alius. Mittlerweile müsse man zum Beispiel am Gardasee zum Teil ein Jahr im Voraus einen Platz reservieren. Vor allem die Spontanität macht das Campen aus. „Wir genießen es, ein Land zu bereisen. Wenn du morgens nicht weiß, wo du abends bist.“

"Wir konnten uns nicht vorstellen, dass man einmal um Campingplätze kämpft." Andreas Alius

André Notka ist in Neubäu am See, ein Ortsteil von Roding im Landkreis Cham, immer an Ort und Stelle. Der Betreiber des Camping-Platzes läuft in schwarzen Flip Flops über den geteerten Weg am See. Vorbei an Caravans, kleinen Hütten, die wie überdimensionale Bierfässer aussehen, und Zelten zu den Wohnmobilen. Vorne sind die Dauercamper, weiter hinten die Urlauber. Am Privatstrand genießen die Reisenden in Neubäu am See ihre Ruhe.

Andre Notka
André Notka betreibt den Campinaplatz in Neubäu am See. Foto: ke

Klischees über Urlauber mit dem Wohnmobil gibt es massenhaft. Viele denken an den gemütlichen Rentner, der den ganzen Urlaub über nur grillt, oder sich von Dosenravioli ernährt und neben einem Gartenzwerg im Klappstuhl sitzt. „So ein Wohnwagen fängt bei 20 000 Euro an – und dann kann man den auch nicht mit jedem Auto fahren“, sagt André Notka.

Das klingt nach Luxus. „Das Image hat sich gewandelt“, sagt er. „Billig-Urlaub ist das schon lange nicht mehr.“ Er weiß, wovon er redet. Im Juni hat er seine Sanitäranlagen umbauen lassen. Auf dem Platz steht nun ein barrierefreies Fünf-Sterne-Sanitärhaus – mit Schminktischen für die Damen und einem Rasierbereich für Herren. Auch die Duschen entsprechen nicht dem Klischee. An den Wänden der Walk-In-Duschen sind Panoramabilder vom Großen Arber zu sehen. Die Sanitäranlagen sind mit einem speziellen Belag versehen, der Keime sofort abtötet.

Weitere Daten und Fakten zum Campen sehen Sie im Video:

Viele kommen mit Hunden, die im Hundebad gewaschen werden können. So ein Campingplatz würde auch Arthur Grau aus Regensburg gefallen. Seine Lebensgefährtin und er sind immer mit ihrem Vierbeiner unterwegs, zuletzt für drei Wochen in Griechenland. Bretagne, Normandie, Norwegen, Tschechien, Rosenheim: Eigentlich haben sie ganz Europa auf vier Rädern bereist. 2003 haben sie sich ein Wohnmobil gekauft, mittlerweile haben sie das alte Modell gegen einen VW California ausgetauscht. „Das ist Freiheit“, sagt Grau. „Ich kann jederzeit sagen: Mir gefällt’s hier nicht, dann fahr ich weiter, oder: Hier ist ein schöner See – da bleib ich.“ Einen luxuriösen Campingplatz braucht er nicht. Am liebsten hält er da, wo er ganz alleine ist.

„Das ist ein Urlaubsort und kein Schrebergarten.“ André Notka

Ein Mann in schwarzer Badehose und grauem Shirt läuft am Spielplatz auf dem Campingplatz in Neubäu vorbei. Er steuert auf Notka zu. „Der Hering geht nicht rein“, sagt er. „Ich komm nachher vorbei“, sagt Notka mit den Händen in den Taschen seiner kurzen Lederhose. Man kennt sich – und hilft sich gegenseitig. 110 Urlauber und genauso viele Dauercamper gibt es in Neubäu. „Die meisten kommen aus einem Umkreis von hundert Kilometern“, sagt der Betreiber. Doch es kämen auch Gäste bis aus Rügen.

Luxus Camueing
Viele Wohnmobile sind luxoriöser eingerichtet als so manche Wohnung. Foto: dpa

Im Schnitt bleiben sie sieben Tage, doch viele Dauergäste sind auch bis zu 21 Tage in Roding. „Die kommen schon seit 20 Jahren und länger“, sagt Notka. Doch dass jemand hier seinen Lebensmittelpunkt hat, werde es nie geben, sagt er. „Das ist ein Urlaubsort und kein Schrebergarten.“ Er geht vorbei an drei Kindern, die sich einen Ball zukicken. Ein Range Rover fährt vorbei, der Fahrer winkt.

Urlaub mit dem Zelt

Camping ist nicht nur mit dem Wohnmobil möglich, sondern auch mit dem Zelt. Damit haben wir uns auch in diesem Sommer beschäftigt.

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Reportage

Freiheit auf zwei Quadratmetern: Auf dem Zeltplatz an der Ilz bei Passau treffen sich unterschiedliche Menschen mit der gleichen Passion für die Schönheit des Einfachen. Unsere Autorinnen Ramona Dinauer und Laura Reich haben sich dort umgesehen.

Verschiedene Typen 

Artenvielfalt unter Zeltdächern: Ob minimalistisch oder ausufernd mit Wohnzimmergarnitur – wir beschreiben sieben Zeltplatz-Typen in ihrer natürlichen Umgebung. Hier geht es zum Text.

Am Stellplatz nebenan mäht ein Mann mit grauen Haaren den Rasen vor seinem Caravan. „Hier wird gearbeitet, als Dauercamper hat man keinen Urlaub“, ruft er und lacht. Wenige Meter weiter hilft ein Junge seiner Mutter beim Zusammenlegen der Wäsche. Immer wieder bleibt Notka stehen, macht Smalltalk, gibt Tipps und löst kleine Probleme.

Anton Eschenwecker stellt den Fahrersitz in die richtige Position ein, packt den ADAC-Campingplatz-Führer weg und schließt die Türen zum Wohnmobil und zum Abteil mit den Fahrrädern. Mit nur wenigen Handgriffen ist der Wagen bereit für die nächste Fahrt. Diesmal zieht es die Eschenweckers zum Murner See nach Wackersdorf. Im Wohnmobil haben sie alles. „Du fährst in den Urlaub, kommst an und brauchst keinen Koffer mehr auspacken“, sagt er. „Meine Frau hat mich neulich gefragt: Wieso haben wir überhaupt ein Haus?“

Text: Katharina Eichinger

Fotos: Eichinger, dpa, Fotolia, Kronawitter

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