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Kontinent der Kinder

Afrika ist jung. Wer Migrationsbewegungen stoppen will, muss den Heranwachsenden eine Perspektive geben. In Kamerun versuchen es Deutschland und Israel im Kleinen gemeinsam.

Janet Fofang hat mit Angela Merkel im 8000 Kilometer entfernten Berlin etwas gemeinsam: Auch sie will Fluchtursachen bekämpfen. Berlin hat seine Mittel für UN-Flüchtlingshilfe und Welternährungsprogramm in den letzten Jahren verdreifacht. Millionen fließen in die militärische Sicherung der Sahelzone. Eine bayerisch-österreichische Koalition denkt derweil über „Schutzzonen“ in Afrika nach. Schutz für wen?

Während Europa debattiert, kämpft die schöne, stolze, hochgewachsene Janet jeden Tag dort, wo es weh tut. Ihr Einsatzort ist Kameruns Hauptstadt. Im Zentrum protzt die Millionenstadt Yaoundé mit riesigen Betonbauten in sozialistischer Anmutung. Am Rand franst sie in immer trostlosere, schlammige Armut und Wellblechhütten aus.

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Typische Straßenszene in Yaoundé: Ein junges Mädchen versucht, Autofahrern Getränke zu verkaufen. Jeder Cent für das Familieneinkommen zählt. Foto: Claudia Bockholt

Janet Fofang kämpft verbissen und, wie sie zugibt, jeden Tag aufs Neue frustriert. Sie will nichts weniger als „das Unmögliche möglich machen“. Als Leiterin der Organisation „Girls in Tech“ engagiert sie sich für die technologische Bildung der Jugend, besonders der Mädchen. Am „NextGen Technology Center“ bringt sie Heranwachsenden die Grundzüge der Robotik bei.

Schüchtern führen ihre Schüler in einem spartanisch ausgestatteten Raum ihre aus Bausätzen zusammengefügten, selbst programmierten Roboter vor. Einer flitzt über den Boden und sammelt gelbe und blaue Bälle ein. „Vor 50 Jahren haben wir noch um Schulbildung gekämpft. Lesen und schreiben können wir. Jetzt können wir spezielle Kenntnisse erwerben“, sagt Janet. Sie macht sich selber Mut. „Wir machen Babyschritte, aber wir kommen voran.“

Das Land ist fruchtbar und dennoch arm

Kamerun ist voller irritierender Widersprüche. Der Boden ist fruchtbar. „Steckt man Glasscherben in die Erde, wird etwas daraus wachsen“, sagt man hier. Das zentralafrikanische Land gilt als Afrika im Kleinen, weil es auf einer halben Million Quadratkilometern alle Klima- und Vegetationszonen des riesigen Kontinents versammelt. Es gibt Bodenschätze. Trotzdem lebt jeder vierte Kameruner in extremer Armut. Auf dem Land haben rund 15 Prozent der Menschen keinen Strom. Kamerun gilt geopolitisch als Stabilitätsfaktor in Zentralafrika. Doch es gab in den vergangenen Monaten blutige Unruhen im englischsprachigen westlichen Teil des Landes. Dutzende Menschen starben. Auf dem weltweiten Demokratie-Index liegt Kamerun auf Platz 126 von 167 Nationen.

Kamerun Afrika

Am grimmigen Wachmann des Kameruner Radio- und Fernsehsenders CRTV ist an diesem Vormittag trotz Anmeldung einfach kein Vorbeikommen. Der Journalist und Anchorman Charles Ebune kommt also vor die Tür, um mit der Kollegin aus Deutschland zu sprechen. Pressefreiheit sei hier selbstverständlich, versichert der Angestellte des staatlichen Rundfunks beflissen. Dass Kamerun auf der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“ nur auf Platz 130 von 180 rangiert, liege an den scharfen Gesetzen gegen Hate Speech im Land, behauptet er.

Kampf um „Ambazonien“ und die Meinungsfreiheit

Tatsächlich: Die Medien dürfen durchaus kritisch kommentieren, etwa die teure und deshalb umstrittene Entscheidung, den Afrikacup 2019 in Yaoundé auszutragen. Doch es gibt Restriktionen: Kürzlich soll ein Journalist von Angestellten des Verkehrsministers verprügelt und in einen Hundezwinger gesperrt worden sein. Gerade wurde der anglophone Radiojournalist Mancho „BBC“ Bibixy wegen „Terrorismus“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Bereits im Dezember wurde Schriftsteller Patrice Nganang verhaftet und nach drei Wochen ausgewiesen. Der regierungskritische Literaturprofessor, Unterstützer der anglophonen Aufständischen, die stolz ihre eigene Nation „Ambazonien“ ausgerufen haben, wird wohl nicht mehr nach Kamerun zurückkehren. In Deutschland beantragten 2016 rund 1300 Kameruner Asyl. Nur fünf von ihnen erhielten einen positiven Bescheid.

„Alles, was bis heute funktioniert, haben die Deutschen gebaut. Alles andere die Franzosen." Janet Fofang, Entwicklungshelferin

Über 200 Ethnien leben in Kamerun. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Angeblich gibt es um die 250 Sprachen im Land. Schon allein aus diesem Grund ist es schwer, das Mindestmaß an Einheit, Kontinuität und Stabilität zu schaffen, mit dem wirtschaftliche Entwicklung gelingen kann. Es fehlt an vielem: Know-how, Logistik, Nachhaltigkeit. Bis heute preisen die Einheimischen die Deutschen, die hier wenige Jahrzehnte, bis 1916, Kolonialmacht waren, für genau diese Eigenschaften. „Alles, was bis heute funktioniert, haben die Deutschen gebaut. Alles andere die Franzosen“, sagt auch Janet Fofang. Die Eisenbahn ist so ein Relikt der deutschen Territorialherrschaft. Der greise Staatspräsident Paul Biya wiederum ist, so heißt es, ein sehr effizientes Erbe der französischen Nachkriegs-Kolonialzeit. Wut, ja Hass auf Frankreich ist in vielen Gesprächen mit Einheimischen zu spüren. Dessen neokolonialer Arm sichere sich mithilfe eines loyalen Präsidenten seit jeher ökonomischen Einfluss im Land. Die Entlassung in die Unabhängigkeit im großen afrikanischen Jahr 1960 sei nur Fassade: Die Grand Nation habe ihre Finger nie vom Kontinent und seinen Bodenschätzen lassen können. Charles de Gaulles „Francafrique“ steht für Verbitterung, nicht für Verbundenheit.

„Jede Generation wird geprägt von ihrem sozialen Umfeld.“ Hang, ehrenamtlicher Helfer im Waisenhaus
Sport verbindet: Die Trainingsmethode der Organisation „Mifalot“, die schon israelische und arabische Fußballer vereinte, soll auch unter Kameruner Nachwuchskickern für Teamgeist sorgen. Foto: Claudia Bockholt

In den Köpfen junger Kameruner ist die Kolonialzeit sehr lebendig. Nicht wenige verlangen, dass die ehemaligen Herrscher deutlich mehr für die Länder tun, die sie einst unterworfen und ausgebeutet haben. „Deutschland muss sich mehr engagieren“, sagt ein Student. Andere wollen raus aus der Opferrolle. Janet Fofang zum Beispiel, die sich auch in der „Generation Change“ engagiert, einem Selbsthilfeprojekt von Millennials, das in Yaoundé unter anderem Werkstätten für behinderte Frauen oder ein Waisenhaus samt angeschlossener Werkstätten unterstützt.

Israel hilft unbürokratisch und unbelastet von der Geschichte

47 Kinder leben derzeit im Waisenhaus. Viele wurden, wie der ehrenamtliche Helfer Hang sagt, „einfach in den Busch geworfen“. Weil sie behindert sind oder vorehelich geboren. Die Kinder kommen mit HIV, Malaria, Würmern und Krätze. In einem dürftig ausgestatteten Behandlungszimmer kümmert sich der 45-jährige Krankenpfleger René um sie. Er kam selbst mit 13 Jahren in dieses Haus. Seither, sagt er bekümmert, habe sich nichts geändert, weder hier noch sonst wo. „Wir kämpfen, aber es bewegt sich nichts.“

Das Land stagniert. Ein Gefühl hilfloser Lähmung liegt über allem. Die „Generation Change“ will Motor sein. „Jede Generation wird geprägt von ihrem sozialen Umfeld“, sagt Hang, der am Morgen wieder Spenden herangekarrt hat, darunter einen 50-Kilogramm-Sack Reis, der die Kinder und die anderen Betreuer drei Tage lang ernährt. 27 Millionen kamerunische Francs kostet der Unterhalt des Hauses pro Jahr. Umgerechnet 40 000 Euro.

Unbürokratische Hilfe beim Unterhalt kommt aus Israel, zu dem das Land seit Jahrzehnten enge Beziehungen pflegt. Warum gerade Kamerun? „Israel braucht alle Freunde, die es bekommen kann“, sagt Botschafter Ran Gidor. Sein Land kann seit den 70er Jahren unbelastet von geschichtlichem Erbe Entwicklungshilfe leisten. Jede Unterstützung ist willkommen, besonders die bei den deutsch-israelischen Regierungskonsultationen 2016 beschlossene Afrika-Initiative in Kamerun.

Die Hoffnung für Kamerun wächst auf Bäumen

Ein erstes sichtbares Ergebnis ist ein Mango-Projekt, das in Binguela, eine Stunde Fahrtzeit von der Hauptstadt entfernt, gestartet wurde. Entlang der staubigen, rumpeligen Strecke bieten Kinder und Frauen Mangos feil, die sie auf Tellern auf dem Kopf transportieren und dort oben zu imposanten grün-orangen Türmen geschichtet haben. Über den Eigenverbrauch und lokale Märkte geht der Anbau der Mangos bisher nicht hinaus. Weltweit wächst der Bedarf an der saftigen Frucht, nur Kamerun profitiert nicht davon. Es gibt keine Konservenindustrie. Was nicht frisch zu verkaufen ist, verfault. Mangosaft wird, wie so vieles, aus dem Ausland eingeführt. Die Plastikschüsseln im Supermarkt kommen aus Indien. Und die Infrastruktur, so rudimentär sie noch ist, wird gerade aus Asien importiert. An Straßen- und Brückenbaustellen stehen Schilder mit chinesischen Schriftzeichen. Die expandierende Wirtschaftsmacht ist dabei, den Kontinent schleichend in eine neue Abhängigkeit zu zwingen. Das ist bei Einheimischen jedoch weitaus seltener ein Thema als der Blick zurück auf das 18. und 19. Jahrhundert und die Spätfolgen der Kolonialzeit.

Ein zartes Pflänzchen Hoffnung keimt nun also in der Provinz. Der Botschafter hat sogar persönlich robuste Setzlinge aus Israel mitgebracht: Maya, Tommy und Keitt. Sie tragen zweimal im Jahr Früchte und sie wachsen niedriger, was die Ernte erleichtert. An diesen Bäumen sollen einmal die Mangos wachsen, die 6000 Kleinbauern 20 Prozent höhere Erträge bringen und dazu 180 direkte Arbeitsplätze in Baumschul-, Verarbeitungs- und Exportbetrieben schaffen. Es hängt viel daran. Jeder Arbeitsplatz muss in Kamerun bis zu 20 Familienmitglieder ernähren. Noch summt die Sprinkleranlage, noch stehen die ersten Mango-Bäumchen in üppigem Wuchs. Ob das auch in einem Jahr noch so sein wird?

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Zeremoniell zur Übergabe der 100-Dollar-Rollstühle für Kinder Foto: Claudia Bockholt

Ran Gidor ist nicht ohne Sorge, als er einige Tage später leuchtend bunte 100-Dollar-Rollstühle – wie hier üblich mit großem Zeremoniell – an das Bildungsministerium übergibt. Sie sollen körperbehinderten Kindern die Chance auf Teilhabe geben, in einem Land, das keinerlei soziale Sicherungssysteme bietet. Das ist bis heute einer der Gründe für die hohe Geburtenrate: Kinder sind Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung in einem. Nur behinderte Kinder gelten in Kamerun als Strafe Gottes. Ein Stigma, das für sie häufig tödlich endet.

Die klügsten Köpfe verlassen das Land

Janet Fofang und ihr Robotic-Team helfen Behinderten mit High Tech: Janet hat eine günstige Handprothese aus dem 3D-Drucker bestellt. Mit ihr kann der amputierte Jean Zibi jetzt einfache Tätigkeiten auf dem Markt verrichten und zum Familieneinkommen beitragen. Das Leben ist mühsam in Kamerun, und man braucht einen langen Atem. Nicht nur im Straßenverkehr der Hauptstadt, der Neuankömmlinge wie ein brüllendes Monster erschreckt. Das hier sei noch schlimmer als Vietnam, sagt ein welterfahrener Mitreisender, als er sich mit einem Sprung vor einem heranschleudernden Sammeltaxi in Sicherheit gebracht hat.

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Janet Fofang und der 17-jährige Jean Zibi mit seiner neuen Handprothese. Foto: Claudia Bockholt

Die nötige Geduld und Zähigkeit für dieses Land hat der so hemdsärmelige wie zupackende Botschafter Israels. Ran Gidor will in vier Wochen nachhaken, was aus den Rollstühlen geworden ist. „Es kann sein, dass ein korrupter Beamter sie weiterverkauft. Es kann aber auch sein, dass sie in irgendeinem Lagerraum verstauben, weil die Verwaltung die Verteilung nicht hinkriegt.“

„Bildung schafft Zukunft“ ist die Losung der deutschen Arbeitgebervereinigung. In Kamerun geht diese Gleichung nicht einmal für Hochschulabsolventen auf. „Keiner bleibt“, sagt Janet Fofang. „Sie gehen draußen arbeiten, überall in der Welt.“ Der berüchtigte Brain Drain, die Erosion des Humankapitals, die Abwanderung der Hochqualifizierten, schwächt das Land.

"Millionen werden sich auf den Weg machen. Die Welt wird sich wundern." Janet Fofang

Wer keine Bildung hat, braucht Schleuser, die die stärksten jungen Männer der Familien in eine bessere Zukunft bringen sollen. Andere Familien legen für ein Studenten-Visum und die dafür notwendige Sicherheitsleistung in Höhe von 8640 Euro zusammen, das jungen Kamerunern mit guten Noten eine Hochschulbildung in Deutschland ermöglichen soll. Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die auf diesem Weg nach Europa gelangen.

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    Schüler des Robotic-Teams präsentieren stolz ihre Arbeiten. Foto: Claudia Bockholt
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    Ex-Fußballstar Roger Milla hat eine eigene Stiftung: „Coeur d‘Afrique“. Foto Claudia Bockholt

Infolge der Flüchtlingskrise sind beide Wege beschwerlicher geworden. Migranten schaffen es häufig nicht mehr bis zum Mittelmeer. Und gute Schüler, deren Abitur in Deutschland als Hochschulzugang anerkannt wird, klagen über monatelange Wartezeiten bei der Visavergabe. Manche vermuten, dass eine restriktivere Politik des Auswärtigen Amts dahintersteckt. Denn immer mehr junge Leute drängt es nach Europa – oder sie werden von ihren Familien gedrängt.

„Es ist ein gewaltiges Problem“, sagt Janet. Die vierfache Mutter, die oft und gerne laut lacht, wird an diesem Punkt sehr ernst. Das Durchschnittsalter in Deutschland beträgt knapp 45 Jahre. In Kamerun liegt es bei 18,9 Jahren. Europa ist in seinen besten Jahren angekommen. In Afrika wächst ein Teenager heran, der nach einer (Über-)Lebensper-spektive sucht. „Millionen werden sich auf den Weg machen“, glaubt Janet. „Das wird ein sehr, sehr großes Problem. Die Welt wird sich wundern.“

Die Autorin Claudia Bockholt

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Claudia Bockholt hat ein halbes Dutzend Länder Afrikas bereist – kennt also nur einen Bruchteil des Kontinents. In Kamerun war sie erneut von der kulturellen Vielfalt überwältigt – und von der Not so Vieler erschüttert. Fluchtursachen bekämpfen: Das scheint ihr leicht dahingesagt und unsagbar schwer zu realisieren.

Text & Fotos: Claudia Bockholt

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