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Die Minze mit dem Pfeffer

Das grüne Kraut mit dem kühlen Aroma hat auch oberbayerische Wurzeln. Die Eichenauer pflegen sein Erbe.

Es ist fast so wie bei Rosamunde Pilcher. Es regnet Blätter vom Himmel. Nicht in Rosenrot, sondern in Grasgrün. Und intensiver. In Eichenau, einer Gemeinde im oberbayerischen Fürstenfeldbruck, liegt etwas Besonderes in der Luft. Es regnet Minzblätter. Millionen von Minzblättern. Die Augen jucken. Der Duft der ätherischen Öle der Pfefferminze zieht scharf durch die Nase bis in die Lunge. Als schnüffele man an einer überdimensionalen Zahnpasta-Tube. Eine Windfege wirbelt Pfefferminzblätter durch die Luft und betört jeden in der Teetrockenhalle mit einer minzigen Duftwolke.

Vor 100 Jahren brachte Adolf Pfaffinger die Pfefferminze nach Eichenau. Wenn Koch Lucki Maurer im Bayerwald als Fleischpapst bezeichnet wird, darf man Adolf Pfaffinger wohl getrost als Eichenauer Pfefferminzpapst betiteln. Klar, dass an ihn auch eine Straße in der oberbayerischen Gemeinde erinnert. Die Pfefferminzstraße. Dort hatte Adolf Pfaffinger gewohnt, später erhielt der Weg diesen Straßennamen.

400 000 Quadratmeter, 45 Tonnen

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Eine Idee, die er vor 100 Jahren hatte, verschaffte ihm diese Ehre: Pfaffinger baute in dem gut 12 000 Einwohner zählenden Ort Pfefferminze an. Die intensiv riechende Pflanze zog in Eichenau immer mehr Menschen in ihren Bann. 62 Bauernfamilien, eine 400 000 Quadratmeter große Anbaufläche, die so groß wie etwa 50 Fußballfelder ist, 45 Tonnen getrocknete Pfefferminzblätter – Eichenau im Jahr 1939. Hochkonjunktur. Viele Menschen hofften, sich mit dem Anbau des grünen Krauts ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Zeiten sind längst vorbei, sagt Wolfgang Heilmann vom Eichenauer Förderverein Pfefferminzmuseum.

Heute gibt es nur noch kleine Pfefferminzkulturen in Deutschland. Ausschließlich mit der kleinen grünen Pflanze seinen Lebensunterhalt verdienen – unmöglich. Vereinzelt bauen Landwirte zwar Pfefferminze an, zum Beispiel im Erdinger Moos oder im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Aber wirtschaftlich lohnt sich das nur in Verbindung mit anderen Kulturen.

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In Eichenau beackern 25 Ehrenamtliche des Fördervereins zwei Felder, die zusammen nicht einmal annähernd so groß sind wie ein einziges Fußballfeld. 100 Kilogramm getrocknete Minze sind der Ertrag der 24 Anbaureihen. Auch der ehemalige Bürgermeister Eichenaus Hubert Jung, kümmert sich um eine 50 Meter lange Reihe. Siebenmal im Jahr muss er Unkraut jäten, zweimal pro Jahr ernten. Ein Knochenjob. Dennoch hat nicht nur ihn die Pfefferminze verzaubert.

Frech, frisch cool - wie Pippi Langstrumpf

Selbst Astrid Lindgren erkannte die Magie der Pfefferminze, als sie ihre Pippi-Langstrumpf-Werke verfasste. Die Pfefferminze peppt Pippis Name auf. Sie passt zu ihr, wie ihre roten Zöpfe. Frech, frisch, cool. Keine andere könnte die Eigenschaften der Pfefferminze besser verkörpern, als das kleine Mädchen, das sich im ersten Buch bei ihrer Lehrerin so vorstellt: „Ich heiße Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, Tochter von Kapitän Efraim Langstrumpf, früher Schrecken der Meere, jetzt Südseekönig.“

Ähnlich verrückt und ellenlang wie Pippi Langstrumpfs vollständiger Name sind die vielen Geschmacksrichtungen der Minze. Die besonders scharf-aromatische Pfefferminze entdeckte 1696 Brite John Ray. Die Mentha x piperita ist wohl zufällig aus Bachminze und Grüner Minze hervorgegangen. Gezüchtet wird auch Schoko-, Bananen-, Ananas-, Erdbeer-, Mojito-, Kölnisch-Wasser- oder Katzenminze. Katzen? In der Tat werden Stubentiger von der Katzenminze, die eigentlich nicht zu den echten Minzen gehört, magisch angezogen. Das scheint an den enthaltenen Stoffen Actinidin und Nepetalacton zu liegen. Vor allem geschlechtsreife Katzen fahren auf die Katzenminze ab. Bei der Minze scheint es fast keine Grenzen zu geben.

"Selbst der ehemalige Bürgermeister packt hier mit an." Wolfgang Heilmann

Bei der Eichenauer Pfefferminze dagegen schon. Wolfgang Heilmann kann mit den Helfern des Fördervereins Pfefferminzmuseum nur so viel ernten, wie in der Teetrockenhalle anschließend verarbeitet und getrocknet werden kann. Außerdem muss die Pfefferminze geerntet werden, bevor sich Blüten bilden. Und das Wetter muss mitspielen. Nicht zu heiß, aber auch kein Regen. Nur dann sind die Blätter optimal für den Pfefferminztee.

Sehen Sie in dem Video, wie die Eichenauer ihren Tee herstellen:

Tee, Lutschpastillen, Kaugummi, Duschgel, Mundwasser, Zahnpasta, Getränke, Schokolade, Saucen – die Minze entfaltet in unzähligen Lebensmitteln und Produkten ihr Aroma. Etwa in den flachen, quadratischen Täfelchen aus Bitterschokolade, die dank einer Fondantcreme nach frischer Pfefferminze schmecken. Besser bekannt als After Eight. Oder in der englischen Minzsauce aus Grüner Minze, Wasser, Essig, Zucker und Zitronensaft. Gereicht wird sie traditionell zu Lammfleisch.

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Damit die Eichenauer Pfefferminze ihr volles Aroma entfalten kann, streuen Erntehelfer die vom Stängel getrennten Blätter auf Gitterhorden. Dort trocknen sie in der Teetrocknungshalle drei bis fünf Tage, ehe sie in Säcke abgefüllt werden. Das Verfahren hat sich bis heute kaum geändert, nur die Ausstattung mit einer automatischen Windfege und einer Teehalle wurde besser.

Die Wirkung der schon immer in Europa heimischen Heilpflanze hat sich dagegen bis heute nicht verändert. Die ätherischen Öle des „Bauchwehkrauts“ sollen gegen Kopfschmerzen und bei verstopften Atemwegen helfen. Pfefferminztee wird bei Verdauungsstörungen und Magenproblemen eingesetzt. Ob die Pfefferminze tatsächlich hält, was sie verspricht, darüber scheiden sich die Geister.

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Auch bei den Minz-Mythen um die Herkunft des Namens gehen die Meinungen auseinander. Wie wurde aus Minthe Mentha? Der Gattungsname Mentha soll von der griechischen Nymphe Minthe entlehnt worden sein. Hades, der Gott der Unterwelt, verliebte sich in Minthe – und nicht in Göttin Persephone. Das erzürnte die eifersüchtige Persephone derart, dass sie Minthe tötete und in Stücke zerriss. Hades verstreute die Einzelteile seiner Geliebten auf einem sonnigen Berg östlich von Pylos in Messenien. Auf jenem Berg wuchsen aus den Einzelteilen der Nymphe Minthe grüne Minzpflanzen.

Qualitätskontrolle mit Augen und Händen

Um heute Minze selbst anzubauen, braucht man weder einen Liebesgott noch eine eifersüchtige Frau. Es reichen Wurzelausläufer oder Jungpflanzen, ein Beet oder ein Topf und Erde. Ideal ist eine Stelle im Garten oder auf dem Balkon, an der die Pflanze nicht der prallen Mittagssonne ausgesetzt ist. Nach den Eisheiligen im Mai sollte man die Jungpflanzen einpflanzen. Dann regelmäßig gießen und im Zeitraum zwischen Juni und August die Blätter ernten.

Die Eichenauer ernten ihre Pfefferminze in der Regel zweimal im Jahr, Ende Juni und Mitte August. Bei der ersten Ernte packen die Ehrenamtlichen Pflanzelbüschel um Pflanzenbüschel und schneiden die Pfefferminze in gebückter Haltung mit einem kleinen Messer. Rückenschmerzen inklusive. Sind die Pflanzenreihen dichter, rasieren die Eichenauer die Pfefferminze im Stile eines Hobbygolfers mit einer Sense auf eine am Boden liegende Plane. Acht Hände packen an und hieven diese dann auf einen Traktoranhänger. Danach durchwühlt Wolfgang Heilmann mit den Helfern den geernteten Pfefferminzberg haargenau. Mit den Augen scannen sie die Pfefferminze, mit den Händen sortieren sie Unkraut aus. Nach der Qualitätskontrolle wird die Pfefferminze mit dem Traktor in die Teehalle gefahren. Die getrockneten Blätter werden in Tüten abgefüllt.

"Seit 32 Jahren kommen wir damit ungestraft durch." Wolfgang Heilmann
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50 Gramm, drei Euro. Für diesen Preis verkaufen die Eichenauer die Päckchen im „weltweit einzigen Pfefferminzmuseum“. So nennt es Wolfgang Heilmann vom Eichenauer Förderverein. „Seit 32 Jahren kommen wir damit ungestraft durch“, sagt der 71-Jährige und lacht so, als hätte er seinen acht Enkeln gerade einen Witz erzählt. Es gibt zwar bei Buffalo im US-Bundesstaat New York das „Mint Museum“. Allerdings ist das nur ein Büro eines Pfefferminzöl-Herstellers. Ein richtiges Pfefferminzmuseum findet man wohl nur in Eichenau. Von Oberbayern aus wird die halbe Welt mit dem Eichenauer Pfefferminztee versorgt, sagt Rentner Heilmann, der früher Pressechef eines Münchener Versicherungskonzerns war. Japan, USA, Kanada. Menschen aus zahlreichen Ländern schwören auf den besonderen Tee, der ihnen aus Eichenau von Freunden geschickt wird. Vor allem zu Weihnachten.

Die "Eichenauer Mona Lisa"

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Ein Lieferservice sind die Eichenauer aber nicht. Den Tee gibt es nur im Museum zu kaufen. „Und wenn er weg ist, ist er weg“, sagt Heilmann. Einmal sei er von einem Besucher blöd angemacht worden, warum der Tee ausverkauft sei. Sie sollen gefälligst mehr davon produzieren. Das können und wollen die Ehrenamtlichen aber nicht, die durch Zufall auf die „Eichenauer Mona Lisa“ aufmerksam gemacht worden sind. So bezeichnet Wolfgang Heilmann eine besondere Fototapete im Pfefferminzmuseum. Egal, von welcher Seite man auf das Bild blickt, zeigen die Ackerfurchen darauf immer zum Betrachter – wie die Augen der Mona Lisa.

Das Museum spricht alle Sinne an. Der Gaumenschmaus wartet für jeden Besucher aber am Ende einer Führung. Eine Tasse des originalen Pfefferminztees aus Eichenau. Mit Discounter-Tee ist er nicht zu vergleichen. Das scharfe Aroma ist einzigartig. Schließt man die Augen, wenn der warme Tee den Rachen ölt, könnte man meinen, man steht im Minzregen. Zumindest fast. Der Glaube versetzt ja Berge.

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Text und Fotos: Bernhard Neumayer
Titelfoto: Jens Schierenbeck/dpa

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