Ernster Smilie

nr. sieben

Jetzt aber mal Schluss mit lustig

Der Ernst hat ein Imageproblem, anders als seine Kehrseite, der Unernst. Gleichzeitig tarnt er sich als unendlicher Spaß. Darüber sollten wir ein ernstes Wörtchen reden.

Im Nachhinein mag es vielleicht als weiterer Treppenwitz der Geschichte gelten, dass ausgerechnet dann, wenn die Zeiten so ernst werden, wie aktuelle Generationen es noch nicht erlebt haben, eine Witzfigur an die Spitze des mächtigsten Staats der Welt gewählt wird und ein weiterer Typ mit komischer Frisur eine Rakete nach der anderen testet. Nicht erst seit Donald Trump Ernst macht, Putins Trolle Lügen verbreiten, Erdogan die Gefängnisse füllt und Kim Jong Un am Atomknopf nestelt, ist Schluss mit lustig. Das Erstarken der Rechten und Ultra-Konservativen in vielen westlichen Ländern schürt Angst vor der Aushöhlung der Demokratie. Putins Annexion der Krim erschütterte Europa, der Brexit die EU. Der Krieg in Syrien findet vor unserer Haustüre statt und hinter ihr, also bei uns zu Hause, schlägt der Terror im Namen des Islamischen Staates zu. Keiner kann irgendwo sicher sein vor blutigen Attentaten.

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    Wladimir Putin und Donald Trump - Männer mit Macht und mächtigem Ego Foto: dpa
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    Kim Jong Un freut sich über einen gelungenen Raketenstart. Der Rest der Welt ist in Alarmbereitschaft. Foto: dpa
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    Die syrische Stadt Aleppo liegt in Schutt und Asche. Foto: dpa
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    Wer gegen Erdogan protestiert, lebt gefährlich. Foto: dpa

Die Lage ist also wirklich ernst. In unseren Breiten zwar noch nicht so ernst, dass man auf dem brodelnden Vulkan Charleston tanzen würde, weil eh schon alles egal ist. Aber doch so, dass mehr Ernst im Bemühen um Problemlösungen helfen könnte.

Kierkegaard
Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard um 1840

Allerdings hat der Ernst ein Imageproblem, anders als seine Kehrseite. Während das Vergnügen Aufsätze und Bücher füllt, bleibt es um den Ernst seltsam still. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard machte da eine Ausnahme. Doch schon er beklagte 1844: „Dies Wort (also der Ernst, Anm. d. Red.) versteht wohl jeder, aber … es ist merkwürdig genug, dass es gewiss nicht viele Wörter gibt, die seltener Gegenstand von Überlegungen wurden als gerade dieses.“

Das ist heutzutage nicht viel anders. Wir pflastern jede Nachricht mit Smileys, als wollten wir uns von den harten Fakten darin distanzieren. Jetzt ernsthaft? Ach nö : ) Ja was denn nun? Die grundsätzliche Schwierigkeit, die wir mit dem Ernst haben, illustrieren die Emoticons. Es gibt alle Facetten von Lachen, echte Tränen und falsche – unsäglich: das verkniffene Lachtränengesicht „Tears of Joy“ –, Wut, Ärger, Staunen, Liebe, Ekel und so weiter. Aber ein einfach nur ernst blickendes Strich-Gesicht, das weder doof grinst noch böse dreinschaut? Fehlanzeige.

Es gibt alle Facetten von Lachen. Aber ein ernstes Gesicht? Fehlanzeige. Der gerade Mundstrich will vielleicht ernst sein, wirkt aber schlichtweg mürrisch.

 Der gerade Mundstrich will vielleicht ernst sein, wirkt aber schlichtweg mürrisch und schlecht gelaunt. Als hätte es Kierkegaard gewusst: „Glaub nie, dass Ernst Verdrießlichkeit ist, glaub nie, dass das Ernst ist, dieses verzerrte Gesicht.“

Ähnliches Bild in den Timelines von Instagram & Co.: Lächeln und Schnuten bis zum Abwinken. Auf historischen Aufnahmen blicken Menschen noch auf erhabene Weise ernst. Aktuelle Porträts mit neutralem Gesichtsausdruck wirken indes sofort wie Fahndungsfotos der Polizei: Wer ernst schaut, macht sich verdächtig – bleibt aber auch un(an)greifbar. Dieses Spannungsfeld bearbeitete zum Beispiel der Künstler und Fotograf Thomas Ruff 1986 bis 1991 mit einer beeindruckend ernsten Porträtreihe.

Oberfläche statt Tiefgang

Den schleichenden Verlust des Ernsthaften packte zu gleicher Zeit der New Yorker Kommunikationswissenschaftler Neil Postman in die griffige These „Wir amüsieren uns zu Tode“. Massenmedien bestimmen und begleiten alle Facetten des Alltags. Denken und Nachdenken werden in der Folge abgelöst von Emotionalität und Oberflächlichkeit, Ablenkung und Vergnügen höhlen die Gesellschaft von innen her aus und infantilisieren sie, schreibt Postman. Aus heutiger Sicht ergänzen wir: Danach sind ihre Mitglieder in der Wahlkabine zu jedem Unfug bereit.

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    Neil Postman Foto: dpa
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    David Foster Wallace Foto: dpa

Das Verhältnis von Lachen und bitterem Ernst hat auch der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace seziert und auf die Spitze getrieben, in seinem Jahrhundertroman „Infinite Jest“ – deutsch: „Unendlicher Spaß“. Foster war ein Meister der Ironie, wer seinen Essay „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ über die Absurditäten einer Luxuskreuzfahrt liest, wird zustimmen. Nebenbei bemerkt, ist es auch bezeichnend, dass ausgerechnet ein schwer depressiver Mann, der sich 2008 das Leben nahm, immer wieder ernsthaft den Aberwitz des Spaßes zu seinem Thema machte. „Infinite Jest“ erschien 1996. Der Aufstieg Trumps zum politischen Führer war nicht absehbar – und doch steckt er zwischen den Zeilen der über 1500 Seiten. Foster nahm, wie Postman, vorweg, womit wir es jetzt zu tun haben: dem Terror des Unernsten. Im Zentrum der Handlung steht die Jagd einer Gruppe von Terroristen nach der Masterkopie eines Films, der Zuschauer in lachendes Elend versetzt: Wer ihn gesehen hat, will nichts anderes mehr, als ihn wieder und wieder anzuschauen – was für eine zeitgemäße Waffe.

Gefährliche Clowns, oder: Der Joker ist eigentlich ein Schocker

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Und alle fragen sich: Wann zeigt Donald Trump sein wahres Gesicht? Foto: dpa

Der unendliche Spaß ist von tödlichem Ernst, oder anders formuliert: Die Clowns sind gefährlicher, als sie aussehen. „Das meint er doch nicht ernst“, lautet der Standardsatz, mit dem wir Trump-Aussagen kommentieren, vom Bau einer Mauer über das Einreiseverbot für Menschen aus bestimmten muslimisch geprägten Staaten bis hin zum Fake-Prügel-Video gegen einen CNN-Reporter. Abgesehen vom Inhalt sind Auftritte Trumps unterhaltsam in dem Sinne, in dem er weiß, wie man die Masse ködert. Das Gefährliche ist, dass der Mann durchaus nicht beliebt zu spaßen. Der Joker ist ein Schocker.

Die Unterhaltung ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Früher trennte man zwischen U (Unterhaltung) und E (Ernst): hier der seichte Pop, dort die hehren Töne. Die Hochkultur blickte mit gewisser Arroganz auf die niedere Spaßkultur herab. Und jetzt? Die Unterhaltung sei nicht mehr das, was sie einmal war, stellt der Wiener Komponist und Autor Gottfried Kinsky-Weinfurter in seinem Buch „Der europäische Ernst“ fest. Unterhaltung stelle längst ein „Inszenierungsfeld für Eliten“ dar, diene als Meinungsbildner und Präsentationsmedium von Politik und Staat. So neu ist das nicht. 

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    Boris Jelzin tanzt - wie man so schön sagt - wie der Lump am Stecken. Foto: dpa
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    Bill Clinton und sein Saxofon Foto: dpa
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    Sehr lustig: Gerhard Schröder war 1999 als Bundeskanzler bei Thomas Gottschalk zu Gast. Foto: dpa

Der Ententanz eines Boris Jelzin, das Saxofonsolo eines Bill Clinton, das Geburtstagsständchen der MM für JFK, die Trump-Show „The Apprentice“ – alles Beispiele für politisch ambitioniertes Entertainment. Gerhard Schröder (SPD) machte es sich 1999 als frisch gewählter Bundeskanzler auf der Couch von Thomas Gottschalk bequem, gemäß seinem Motto: „Zum Regieren brauche ich Bild, Bams und Glotze“. „Das Lachen der globalen Unterhaltungskulturen wurde zum Code eines politischen Ernstes“, diagnostizierte Kinsky-Weinfurter 2009. Heute muss man die Aussage fast noch verschärfen: Der politische Ernst hat das Lachen gekapert, er versteckt sich dahinter wie der Wolf im Schafspelz.

„Es gibt viele Leute und leicht schwitzende Menschen, die dumm genug sind, anzunehmen, ihre Dummheit sei Ernsthaftigkeit.“ Søren Kierkegaard

Während der Unernst die Welt, wie sie ist, negiert, will der Ernst wissen, wer und was sie regiert. Unernst und Ernst stehen sich gegenüber wie unwirklich und wirklich. „Was wir ‚ernst nehmen‘ ... ist das, was für uns wahrhaft und eigentlich ist“, schreibt der Berliner Philosoph Michael Theunissen. Ernst, das ist bei den griechischen Philosophen auch das Gute, Edle, Tugendhafte, Tüchtige. Es kann nicht schaden, sich mehr darauf zu besinnen. Freilich geht es nicht darum, den Unernst, den Spaß oder gar die Ironie, die gewiss schärfste Waffe gegen jede Art von Hybris und Despotismus, zu diskreditieren. Problematisch ist vielmehr das wachsende Ungleichgewicht zwischen den beiden Polen. Im 19. Jahrhundert scheint das Pendel noch auf die andere Seite ausgeschlagen zu haben, denn Friedrich Nietzsche war der Ansicht: „Es gibt zu viel Ernst in der Welt.“ Kommt drauf an, welchen, das wusste auch Kierkegaard: „Es gibt viele Leute und leicht schwitzende Menschen, die dumm genug sind, anzunehmen, ihre Dummheit sei Ernsthaftigkeit.“ Ja, solche kennen wir auch.

Text: Angelika Sauerer, MZ
Illustration: Lissi Knipl-Zörkler, MZ-Infografik
Fotos: dpa

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