nr. sieben

In Justitias Waagschale

Wann wird ein Urteil als Niederlage wahrgenommen? Ist ein Prozess ein Alles-oder-nichts-Spiel, in dem nur der Sieg zählt? Die Realität ist anders. Der Passauer Rechtsanwalt Markus Ihle erzählt von ihr.

Er steht ruhig da. Die Aktentasche fest in der Hand, den Kragen der Jacke hochgeschlagen. Er wartet geduldig. Die Angeklagte steigt neben ihm aus dem silbernen Kleinbus und geht auf das blassrote Gebäude in der Passauer Altstadt zu, flankiert von zwei Polizeibeamten. Er folgt ihnen.

„Amtsgericht“ steht über den Eingang gemeißelt. Sie ist groß und schlank, trägt ihre Locken schwarz gefärbt, schwarze Stiefel, schwarzer Blazer, ein starker Kontrast zu ihrem blassen Gesicht. Ianca A. (Name geändert) richtet den Blick starr geradeaus. Er kennt sie. Gut genug jedenfalls, um sie vor Gericht zu verteidigen. Er heißt Markus Ihle und ist ein Passauer Rechtsanwalt. Es ist der Tag der Verhandlung. Wird es auch ein Tag der Niederlage? Oder des Erfolges?

"Wenn etwas schiefgeht, sollte man sich nicht ärgern. Niederlagen sind oft der Ansporn, das Ganze in der zweiten Instanz zu drehen.“ Markus Ihle, Rechtsanwalt

Markus Ihle ist gewappnet. „Ich bin keiner, der nach einer Niederlage den Kopf in den Sand steckt und drei Tage lang nicht mehr herausschaut. Wenn etwas schiefgeht, sollte man sich nicht ärgern. Niederlagen sind oft der Ansporn, das Ganze in der zweiten Instanz zu drehen.“

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Bei Niederlagen steckt er den Kopf nicht in den Sand – Rechtsanwalt Markus Ihle. Foto: David Liewehr

Der Rechtsanwalt wirkt fokussiert, aber nicht angespannt. Norddeutsche Mentalität? Ihle, geboren 1974 in Flensburg, kam Mitte der 90er-Jahre zum Jurastudium nach Passau. Seit mehr als zwölf Jahren ist er als Anwalt tätig, seit 2009 leitet er seine eigene Kanzlei in der Nähe des Passauer Doms. Schwerpunkte: Verkehrsrecht, allgemeines Zivilrecht und das Strafrecht. So unaufgeregt wie seine Art ist auch sein Äußeres: Schwarze Vollrandbrille, glattrasiert, der Anzug und die rot-weiß gestreifte Krawatte sitzen gut. Im Spätsommer 2015 erlangte er als Pflichtverteidiger zahlreicher Schlepper mediale Aufmerksamkeit. Täglich fuhr er zu den inhaftierten Mandanten in ganz Bayern, permanent kamen neue Fälle hinzu. „Das war Wahnsinn, irre“, sagt Ihle.

Zum aktuellen Fall kam er telefonisch. „Ich war schon auf dem Heimweg, als mich ein Kollege aus Limburg an der Lahn anrief.“ Seine Mandantin Ianca A. sei am 17. Dezember in Passau festgenommen worden. Der Verdacht: gefälschte bulgarischer Ausweispapiere. Ob er sich den Fall mal anschauen könne? Markus Ihle suchte die Frau mit rumänisch-ungarischen Wurzeln in Polizeigewahrsam auf. „Im Gespräch stellte sich bald heraus, dass sie eine falsche Identität vorgab.“ Hinzu kam: A. war 2015 in Rumänien zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt worden, die sie nie angetreten hatte. Am nächsten Tag räumte A. die Vorwürfe vor dem Haftrichter ein und nannte ihre wahren Personalien. Er erließ Haftbefehl, zusätzlich erging ein Auslieferungshaftbefehl nach Rumänien. Seitdem sitzt sie in der JVA in Regensburg.

Warum gab sich die Mandantin als jemand anderes aus?

Auf dem Weg zur Anklagebank knarzt das Fischgrätparkett unter den Absätzen ihrer Lederstiefel. Im Sitzungssaal 112 fällt das Licht durch drei große Fenster hinter der Richterbank, die Decke schmückt weißer Stuck. Die dunkle Kleidung der Angeklagten und die schwarzen Roben der Gerichtsdiener stehen im Kontrast zur hellen Einrichtung. Ianca A. nimmt zwischen Anwalt und Übersetzerin Platz. Der Richter fragt: Geburtsdatum? „26.09.1977.“ Nationalität? „Rumänisch.“ Beruf? „Selbstständige Handelsvertreterin.“ In welchem Bereich genau? Schweigen.

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Es geht nicht vordergründig ums Gewinnen, sondern um einen fairen Prozess. Das Strafgesetzbuch ist eine Grundlage dafür. Foto: Oliver Berg/dpa

A. wirkt sehr gefasst, auch als der junge Staatsanwalt nüchtern die Anklage verliest: Urkundenfälschung in zwei Fällen, in der Absicht, einem internationalen Haftbefehl zu entgehen. Markus Ihle beugt sich immer wieder zu ihr hinüber, ermutigt sie, zum Beispiel über ihre finanzielle Lage zu sprechen, oder rät ihr, die Aussage zu verweigern. Dann ergreift Ihle selbst das Wort. Seine Mandantin räume die Tatvorwürfe vollumfänglich ein, erklärt er. „Sie tat dies, weil sie sich in Lebensgefahr befand und noch immer befindet. Sie hatte nicht vor, sich der Haftstrafe in Rumänien zu entziehen, weil sie davon nichts wusste.“

Ein Geständnis also. Muss ihr Verteidiger das als Niederlage empfinden?

Ist ein Prozess ein Alles-oder-nichts-Spiel??

Wann überhaupt wird ein Urteil als Niederlage wahrgenommen? Ist es so wie in den schillernden Anwalt-Serien im Fernsehen, mit Prozessen als Alles-oder-nichts-Spiel? Wenn die Protagonisten mit allen Tricks versuchen, ihre Mandanten rauszuboxen, und sei die Beweislage noch so erdrückend?

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Ein Richter hängt seine Robe an eine Garderobe. Für seine Urteile wirft er das Für und Wider in die Waagschale. Foto: Friso Gentsch/dpa

Die Realität sieht anders aus. „Es ist nicht meine Aufgabe, den Mandanten jedes Mal mit einem Freispruch rauszuholen“, stellt Markus Ihle klar. Man würde sich lächerlich machen. Stattdessen sorge er dafür, „dass die Rechte des Mandanten gewahrt werden, es ein faires Verfahren gibt und letzten Endes, wenn es sich nicht vermeiden lässt, die Strafe angemessen ist“. Ihle achtet darauf, bei den Mandanten keine falschen Hoffnungen zu wecken.

Trotzdem hat er schon Niederlagen erlebt, die ihn wurmten. „Es stand Aussage gegen Aussage am Deggendorfer Landgericht im Herbst 2016“, erinnert sich Ihle. War ein 23-jähriger Auszubildender ein Vergewaltiger, wie seine Ex-Freundin behauptete? Oder hatte es sich um Versöhnungssex gehandelt? So war es laut dem Angeklagten, den Ihle verteidigte. Der Anwalt legte sich ins Zeug, lud Bekannte und Freundinnen, auch solche des Opfers, vor Gericht, die die Glaubwürdigkeit der Klägerin in Zweifel zogen.

Alles schien zugunsten seines Mandanten zu laufen. Dann der Tag des Urteils im Sitzungssaal 1, wo auf hellem Holz ein riesiges bayerisches Staatswappen hinter der Richterbank prangt. In der Pause sprach ein Journalist Markus Ihle an. „Das wird ja dann ein Freispruch, oder?“ Ihles Antwort: „Ich hoffe es.“ Es kam anders. Vier Jahre und sechs Monate Haft. „Das hat mich schon sehr geärgert“, gibt Ihle zu. Auf der Internetseite seiner Kanzlei ist ein Zitat des Kabarettisten Dieter Hildebrandt platziert: „Es hilft nichts, das Recht auf seiner Seite zu haben, man muss auch mit der Justiz rechnen.“

Anwälte fürchten das „Wahrheitsgefängnis“

Enttäuschungen gehören zum Leben, das weiß Markus Ihle. Aber er weiß auch, dass man aus ihnen lernen kann. Sei es, hier nicht genug nachgehakt, dort ein Detail übersehen oder das Gericht an einem Schlüsselpunkt nicht überzeugt zu haben. Aus Enttäuschungen wurden Erfahrungen, die für spätere Prozesse hilfreich waren. Er rechne nicht mit einer Niederlage. „Aber ich bereite mich auch darauf vor.“

„Ich kann nur mit dem arbeiten, was die Mandanten mir sagen.“ Markus Ihle, Rechtsanwalt
Die Göttin Justitia steht für die Gerechtigkeit der Justiz. Foto: Stefan Puchner/dpa

Ob Dokumentenfälschung, Einbruch oder Mord: „Ich war nicht dabei. Und ich stelle die Frage auch nicht, ob die Tat begangen wurde“, sagt Ihle. „Ich kann nur mit dem arbeiten, was die Mandanten mir sagen.“ Stellt sich etwas als falsch heraus, fällt es ihnen auf die Füße. So wie die gefälschte Identität von Ianca A. Aber auch zu viel zu wissen ist ungünstig. „Wenn ich weiß, was wirklich passiert ist, kann ich auch in der Verhandlung nichts anderes behaupten“, erklärt Ihle. Dann ist er in seinen Möglichkeiten eingeschränkt, sitzt im „Wahrheitsgefängnis“, wie es unter Anwälten heißt.

Er hat im Vorfeld mit dem Richter telefoniert und zahlreiche Gespräche mit seinem Kollegen aus Limburg geführt. Dieser kümmert sich parallel darum, die drohende Auslieferung abzuwenden. Darauf kommt nun auch der Richter in Passau zu sprechen, nachdem er die falschen Dokumente eingezogen hat. Das Auslieferungsverfahren habe mit diesem Verfahren nichts zu tun, erklärt er, was Ihle mit einem Nicken goutiert. „Ist schon etwas entschieden?“, fragt der Richter an ihn gerichtet. Der Anwalt schüttelt den Kopf.

Jetzt liegt alles in der Hand des Richters

Dann folgt das schnelle Plädoyer des Staatsanwalts. Er verlangt, Ianca. A. zu einer Geldstrafe von 130 Tagessätzen à 40 Euro zu verurteilen – das Geständnis hält er ihr zugute. Ihle erhebt sich zu seinem Schlussvortrag. „Ich kann es auch kurz machen. Es war die Lebensgefahr, die sie dazu gebracht hat. Meine Mandantin hat keine Vorstrafen.“ Er breitet die Arme aus und faltet die Hände dann wieder zusammen. „Ich beantrage deshalb eine gelinde Geldstrafe im Ermessen des Gerichts zu verhängen.“ Ihle setzt sich wieder, das Gesicht seiner Mandantin lässt immer noch keine Regung erkennen. Jetzt liegt alles in der Hand des Richters, der den Gerichtssaal zur Urteilsfindung verlässt.

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Justizgebäude sind meist imposante Bauten. Sie sind ein bildhafter Ausdruck für die Macht einer unabhängigen Rechtssprechung. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Mit Niederlagen muss ein Anwalt leben. Markus Ihle weiß mittlerweile damit umzugehen. Doch das ist nicht immer einfach. „Es war einer meiner ersten Fälle. Da sind meiner Mandantin zwei Tage vor Weihnachten ihre Söhne vom Jugendamt weggenommen worden. Eine Katastrophe. Ich bin Heiligabend dagesessen und habe an nichts anderes denken können“, erzählt Ihle. „So etwas wollte ich danach nicht mehr so nah an mich heranlassen“, sagt der dreifache Vater.

Nach wenigen Minuten betritt der Richter wieder den Gerichtssaal. „Die Angeklagte wird verurteilt zu 130 Tagessätzen à 40 Euro wegen zweifacher Urkundenfälschung.“ Ianca A. verzieht keine Miene.

Ihle hingegen schmunzelt beim Hinausgehen. Es ist das erste Mal, dass auf seinem Gesicht etwas anderes zu erkennen ist als ein konzentrierter Blick. Nicht einmal 30 Minuten hat der Prozess gedauert – eine Niederlage oder ein Teilsieg? Ihles Arbeit ist nicht zu Ende. Noch hat er keine Entlassung aus der Haft erwirken können. Am nächsten Tag steht deshalb der nächste Termin an, er wird vor das Gericht in Regensburg treten. Wie es wohl ausgeht?

Text: Anna Heidenreich und David Liewehr
Fotos: David Liewehr, finevector-stock.adobe.com, dpa

Die Autoren dieses Textes studieren Medien und Kommunikation an der Universität Passau. In ihrem Studiengang absolvieren die Studierenden ein Praxisseminar „Zeitungsjournalismus“.

Die Redaktion der Mittelbayerischen Zeitung betreut und begleitet diese Übung seit mehreren Jahren. Dieses Mal gestalteten die Teilnehmer des Kurses eine Ausgabe der „nr. sieben“ zum Thema „Verlieren“.

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