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In der Tube liegt die Kraft

Wegbereiter des Impressionismus und Zahnpasta-Spender: Die Tube wird 175. Ihre Zukunft wird im Bayerischen Wald geplant.

Hätte der amerikanische Porträtmaler John Goffe Rand mit seiner Kunst auch nur annähernd so viel Erfolg gehabt, wie mit seiner bekanntesten Erfindung, die Kunstwelt der Gegenwart wäre wohl eine grundlegend andere. Rands Gemälde, wie zum Beispiel das Porträt des franko-amerikanischen Generals Marquis de La Fayette, wären zu Welthits der Kunstgeschichte geworden. In jedem gut sortierten Haushalt würde ein gutes Dutzend Rands die Wände schmücken.

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Die ersten Tuben wurden zumeist aus Blei gefertigt. Heute sind sie aus Aluminium oder Kunststoff. Foto: Linhardt

Doch dem guten John Goffe Rand ist lediglich ein kurzer Wikipedia-Eintrag vergönnt, ansonsten ist er weitgehend ins Reich der Vergessenheit entschwunden. Recht viel mehr als die Tatsache, dass er 1801 das Licht der Welt erblickte und 1873 verstarb, ist bei Wikipedia nicht in Erfahrung zu bringen.

Es war am 11. September 1841, als Rand das amerikanische Patent mit der Nummer 2252 erhielt – für eine Erfindung, die sowohl die Malerei, als auch den Alltag der Menschen verändern sollte: die Tube. Der Grund für den genialen Geistesblitz des Malers war banal: Farben mussten vor Rands Geniestreich sehr schnell aufgebraucht werden. Denn wurde ein Maler einmal nicht sofort von der Muse geküsst, konnte es leicht passieren, dass die teuren Farben eintrockneten und unbrauchbar wurden.

Vor der Erfindung der Tube musste Farbe umständlich in Schweinsblasen oder Ledertaschen gelagert werden. Die Tube veränderte nun auf einen Schlag alles: Die Farben konnten in den neuartigen bleiernen Gefäßen für lange Zeit aufbewahrt werden.

Die Tube sorgte zudem auch dafür, dass die Künstler begannen, mitsamt ihren Farben hinaus in die Natur zu strömen und ihrer Kreativität dort freien Lauf zu lassen. Eine farbenfrohe Herbstlandschaft oder ein Sommeridyll mussten nun nicht mehr als Bilder im Kopf ins Atelier zurücktransportiert werden, sondern konnten direkt vor Ort abgepinselt werden – der Impressionismus war geboren. Der französische Maler Auguste Renoir (1841-1919) kam zu dem Schluss: „Ohne die Erfindung der Tube hätte es den Impressionismus niemals gegeben.“

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Wie alles begann: Am 11. September 1841 erhielt der Maler und Erfinder John Goffe Rand das Patent für seine Bleitube. Foto: Linhardt

Die neue Freiheit barg aber auch Gefahren: Der Maler Claude Monet soll 1885 an den Kreidefelsen in der Normandie, von der Flut überrascht, eine komplette Ausrüstung verloren haben. Sein Kollege Paul Cezanne wurde 1906 nach einem Unwetter hilflos von einem Kutscher aufgelesen. Er erlitt eine Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr erholte und starb.

Der Siegeszug des neuartigen Gefäßes, dessen Name vom lateinischen Wort tubus („Röhre“) abgeleitet ist, nahm dennoch unaufhaltsam seinen Lauf – auch außerhalb der Malerei. Im Jahr 1887 sorgte ein Österreicher dafür, dass heutzutage die meisten Menschen mindestens zweimal am Tag im Badezimmer eine Tube in die Hand nehmen. Der Wiener Chemie-Unternehmer Carl Sarg (1832 bis 1895) hatte gerade einen Durchbruch in Sachen Mundhygiene erzielt: Er hatte reinigende Substanzen mit Glyzerin versetzt, wodurch die Masse, die zur Reinigung der Zähne dienen sollte, eine cremige Konsistenz bekam.

Sein neuartiges Produkt – die Zahnpasta – ließ Sarg in Tuben abfüllen: Diese waren wiederverschließbar und somit das optimale Behältnis. Unter dem Markennamen „Kalodont“ wurde das Produkt zu einem Verkaufsschlager. 1896 entdeckte die Firma Colgate die Idee für sich und verhalf so dem Konzept der Zahnpastatube endgültig zum Durchbruch.

Die Tube hat die Welt erobert

Mittlerweile hat die Tube die Welt erobert und ist in fast allen Bereichen des Lebens angekommen: Medizin, Hygiene, Lebensmittel, Chemikalien – es gibt (fast) nichts, was nicht schon eine Tube von innen gesehen hätte.

Der Grund dafür liegt in der Funktionalität der Tube. Das Gefäß ist ideal, für Flüssigkeiten, Pasten oder Cremes, denn die große Befüllöffnung am hinteren Ende kann durch Aufrollen sehr einfach verschlossen werden. Für den Verbraucher ist sie auch sehr praktisch: Ein kurzer Druck reicht, schon hat man Zahnpasta, Senf und Co. herausgepresst. Außerdem ist sie wiederverschließbar.

„Ohne die Erfindung der Tube hätte es den Impressionismus niemals gegeben.“ Auguste Renoir (1841-1919)

Mit den bleiernen Tuben aus Rands Zeit haben die hoch technologisierten Produkte der Gegenwart hingegen nicht mehr viel gemein. Würde John Goffe Rand die riesigen Fabrikhallen der Firma Linhardt im niederbayerischen Viechtach (Landkreis Regen) betreten, würde ihm wohl die Kinnlade Richtung Boden sinken. Erst einmal müsste er sich aber eine Einweg-Haube und ein Einweg-Jäckchen anziehen – die Hygiene-Vorschriften wollen es so.

Von der romantischen Vorstellung eines Malers, der in seinem stillen Kämmerchen vor sich hin tüftelt, ist nicht mehr viel übrig geblieben, die Tube ist längst ein Hightech-Produkt. Bereits in den 1920er-Jahren waren Rands Blei- und Zinntuben durch Aluminiumtuben ersetzt worden. Um 1950 begann sich dann die Kunststofftube allmählich durchzusetzen.

In Viechtach rattern Maschinen und verrichten monoton ihren Dienst. Neun Produktionsbänder produzieren bei Linhardt jeweils rund 100 bis 200 Tuben pro Minute – abhängig von Größe und Bedruckung.

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Massenware: Bei Linhardt in Viechtach werden auf neun Produktionsbändern Tuben produziert. Foto: Heil

Auch wenn die Tube leicht zu benutzen ist: Bei der Herstellung gehört mehr dazu, als einen Behälter mit einer Öffnung, einem Gewinde und einem Deckel zu versehen. Die Arbeitsschritte sind hoch automatisiert: Zuerst werden kleine Scheiben zu einem festen Körper zusammengedrückt – dem Kernstück der Tube. Dieser Kernkörper wird auf die korrekte Größe zusammengeschnitten und das Gewinde aufgerollt. Innen und außen wird die Tube mit einem Lack überzogen.

Ihre wichtigste Fähigkeit, die Elastizität, die es ermöglicht, den Inhalt herauszupressen, bekommt die Tube in mehreren großen Öfen, in denen sie bei bis zu 450 Grad weichgeglüht werden. Nebeneffekt: Durch die Hitze in den Öfen werden auch Keime abgetötet. Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten gibt es immer wieder Zwischenspeicher, in denen die Tuben gelagert werden können, falls an der Produktionslinie etwas repariert werden muss.

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Zum Schluss kommen die Tuben noch einmal in eine separate Überdruckkammer. Wollte John Goffe Rand auch diese betreten, müsste er sich noch einmal neu einkleiden: Aus Hygienegründen sind eine frische Einweg-Haube und Einweg-Jacke Pflicht – schließlich ist das die letzte Station vor der Auslieferung an den Kunden. In der Überdruckkammer wird noch ein Dichtring in den Tubenverschluss eingespritzt und der Verschluss angebracht. Nun kann sich Hightech-Tube auf ihren Weg vom bayerischen Wald in alle Welt hinaus machen: Der Kunde nur noch sein Produkt in die Tube füllen und den Behälter verschließen.

Wer meint, in Sachen Tube sei alles gesagt, der irrt: In Viechtach wird in einer eigenen Forschungsabteilung an der Zukunft der Tube gefeilt: Die sieht unter anderem Paperflex-Tuben mit einem Papier-Anteil von bis zu 50 Prozent vor. Was aus seiner einfachen Bleitube geworden ist, würde wahrscheinlich auch John Goffe Rand beeindrucken. Dabei wolle er doch nur, dass seine Farben nicht austrocknen.

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