nr. sieben

Im Tulpenfieber

Im 17. Jahrhundert war eine Tulpenzwiebel mal so viel wert wie eine Villa. Dann platzte die Spekulationsblase.

Wenn das schnelle Geld winkt, bleibt der gesunde Menschenverstand gerne mal auf der Strecke. Aber wenn selbst Schweinehirten in höchstriskante spekulative Termingeschäfte investieren, dann hätte man es doch eigentlich kommen sehen müssen, das dicke Ende, oder? Das zumindest fragt sich der anonyme Autor der „Samenspraeck“, einer Satire, die 1637 gleich nach dem Platzen der ersten Spekulationsblase der Neuzeit von dem Haarlemer Drucker Adriaen Roman verbreitet wurde.

Die Preise für Tulpen waren damals innerhalb kürzester Zeit durch die Decke geschossen und schraubten sich atemberaubende Höhen. Auf dem Gipfel des Tulpenfiebers wurden für einzelne Zwiebeln 10 000 Gulden geboten – zu der Zeit Gegenwert der teuersten Villen in bester Amsterdamer Grachtenlage, nebst Kutschenhaus und repräsentativem Garten. Es hört sich an wie eine Schildbürgergeschichte und ist doch der erste Börsencrash der Geschichte – und ein Lehrstück über fehlgeleitete Marktentwicklungen, zügellose Finanzspekulationen und die Dummheit der Massen.

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Charles de l’Écluse verbreitete die Zwiebeln unter Gelehrten und ausgewählten Pflanzenliebhabern. Foto: Florian Schuh/dpa

Es fing ganz harmlos an. Im Abendland waren Tulpen nämlich eigentlich von alters her gänzlich unbekannt. Das änderte sich erst Mitte des 16. Jahrhunderts, als einige Tulpenzwiebeln über die Türkei nach Europa gelangten. Einer der ersten Europäer, der die damals völlig neuen und exotischen Blumen zu Gesicht bekamen, war Charles de l’Écluse (später latinisiert zu Carolus Clusius), der niederländisch-flämische Hofbotaniker Maximilians II. in Wien. Dieser erforschte und kultivierte sie nicht nur, sondern verbreitete die Zwiebeln auch unter Gelehrten und ausgewählten Pflanzenliebhabern. Wäre es dabei geblieben, dann hätte der ganze Tulpenwahnsinn wahrscheinlich niemals stattgefunden.

Aber es ist nicht dabei geblieben. Nach der Rückkehr in seine Heimat pflanzte Charles de l’Écluse die Tulpen im ältesten botanischen Garten der Niederlande an, dem Hortus Academicus der Universität Leiden, dessen Leitung ihm Ende des 16. Jahrhunderts übertragen wurde. In den Vereinigten Niederlanden fielen die Tulpenzwiebeln auf fruchtbaren Boden und zwar gleich in doppelter Hinsicht. „Für die Blumenzwiebelzucht war der angeschwemmte Boden bestens geeignet, der sich unter anderem um Haarlem herum findet“, meint die walisische Gartenexpertin Anna Pavord. Aber nicht nur das: Die Niederländer konnten sich für die neuen exotischen Blumen auch regelrecht begeistern, so sehr sogar, dass die Tulpen zusammen mit den damals ebenfalls neuen Hyazinthen und Narzissen ein ganz neues Zeitalter der Gartenkunst einleiteten, die sogenannte „Orientalische Periode“.

Tulpen sind ein wenig eigensinnig

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Die Tulpe „Zomerschon“ gibt es seit 1620. Wegen ihrer zweifarbigen Blütenblätter war sie damals sehr gefragt – und deshalb teuer. Foto: dpa

Nun sprach sich die Schönheit und Exklusivität der exotischen Blumen in den gesamten Vereinigten Niederlanden herum – und weckte Begehrlichkeiten. Bald schon waren es nicht mehr nur Gelehrte und Pflanzenliebhaber, die die Zwiebeln der seltenen Tulpen untereinander weiterreichten und tauschten, auch Aristokraten und gut betuchte Bürger wollten sich mit den außergewöhnlichen und exquisiten Blumen schmücken. Doch es gab da ein Problem: Tulpen sind ein wenig eigensinnig. Sie lassen sich nicht mal so eben auf die Schnelle vervielfachen.

Die zügigste Variante ist noch die vegetative Vermehrung über sogenannte Tochterzwiebeln, und selbst die nimmt mehrere Monate in Anspruch. Zudem gelten Tulpenzwiebeln als recht fäulnisanfällig. Mit anderen Worten: Die Nachfrage überstieg bald das Angebot.

„So viele fragen danach“, beschwerte sich Carolus Clusius in einem Brief an den Freund Justus Lipsius, „dass ich all meiner Schätze beraubt wäre, wollte ich jeder Anfrage nachkommen.“ Clusius gab längst nicht alle seine Kostbarkeiten freiwillig ab. Wiederholt suchten Diebe seine Beete heim und stahlen alles, was ihnen in die Hände fiel.

„Um 1630 herum gab es in den meisten Städten der Vereinigten Niederlande berufsmäßige Blumenzüchter“ Mike Dash

Im Laufe der Jahre versuchten sich immer mehr Züchter an der Vermehrung der begehrten Exoten, und immer öfter entstanden dabei auch neue interessante Sorten. Doch ausgerechnet die besonders beliebten gestreiften Blüten wollten sich nicht so einfach reproduzieren lassen. Ihre Musterung wird durch eine Infektion mit dem sogenannten Tulpenmosaikvirus hervorgerufen, der durch Blattläuse übertragen wird – das aber fand man erst im 20. Jahrhundert heraus.

Die teuerste Tulpe

  • Semper Augustus heißt die teuerste Tulpe aller Zeiten. Der zeitgenössische Amsterdamer Chronist Nicolaes van Wassenaer dokumentierte die Preisexplosion für die Nachwelt.
  • 1623 kostete eine Zwiebel der seltenen, weiß-rot gestreiften „Semper Augustus“ über 1000 Gulden. Zehn Jahre später war jede der Zwiebeln schon 5500 Gulden wert.
  • 1637 wurden für drei Zwiebeln zusammen atemberaubende 30 000 Gulden geboten.
  • Zum Vergleich: Das Jahresdurchschnittseinkommen lag damals in den Niederlanden bei 150 Gulden. 10 000 Gulden waren die teuersten Villen in bester Amsterdamer Grachtenlage wert, mitsamt eigenem Kutschenhaus und repräsentativem Garten.

„Um 1630 herum gab es in den meisten Städten der Vereinigten Niederlande berufsmäßige Blumenzüchter“, meint der britische Historiker Mike Dash, „von denen aber nur ganz wenige im großen Stil Zwiebeln produzierten.“ Kein Wunder also, dass die Preise anzogen. Bald schon kam es, wie es kommen musste. Angesichts des knappen Angebotes und der großen Nachfrage traten Spekulanten auf den Plan, die das schnelle Geld witterten: Sie boten die Tulpenzwiebeln, die erst in der nächsten Saison geerntet werden konnten, schon im Voraus zum Kauf an. Ja, man konnte sogar Anteile an einzelnen besonders seltenen Exemplaren erwerben. Potentielle Interessenten wurden mit Verkaufskatalogen gelockt, sogenannten „Tulpenbüchern“, die unter anderem ein farbiges Bild der jeweiligen Tulpensorte in voller Blüte zeigten.

Natürlich war das Ganze hochspekulativ, denn schließlich wusste ja niemand, ob sich die Zwiebeln auch wirklich wie erwartet entwickeln würden, ja noch nicht einmal, ob sie überhaupt wie geplant aus der Erde zu bekommen waren, denn schließlich konnten sie dort ja auch verfaulen.

Das goldene Zeitalter der Niederlande

In die Hände spielte den Spekulanten allerdings zum einen, dass die Vereinigten Niederlande damals eines der reichsten Länder der Welt waren, so reich sogar, dass man heute rückwirkend betrachtet vom „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande spricht. Das Geld lag also praktisch auf der Straße, könnte man sagen. Zum anderen nahmen die Tulpenzwiebeln durch ihr Wachstum in der Erde ja an Gewicht zu, so dass ein schöner Gewinn zu erwarten war, wenn man sie nach Gewicht verkaufte. „Der früheste Bericht über den Verkauf nach Gewicht datiert auf Anfang Dezember 1634“, hat Mike Dash herausgefunden. Damit war das Tulpenfieber in seiner heißen Phase angekommen. Die traumhaften Gewinnchancen sprachen sich rasch herum.

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Der 5. Februar 1637 gilt als absoluter Höhepunkt des Tulpenfiebers. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

„Wer nur irgendwie konnte, investierte in Tulpenzwiebeln, und viele riskierten mangels Startkapital ihren Besitz“, meint der britische Historiker. In den zeitgenössischen Flugblättern werden Weber erwähnt, die sogar ihre Webstühle verpfändeten, um mit Tulpenzwiebeln spekulieren zu können. Die Preise explodierten in der Folge förmlich. Der absolute Höhepunkt des Tulpenfiebers lässt sich sogar exakt datieren: Es war der 5. Februar 1637.

An diesem Tag kamen in Alkmaar die Tulpenzwiebeln des verstorbenen reichen Schankwirtes Wouter Winkels unter den Hammer, der eine der bekanntesten und besten Sammlungen der gesamten Vereinigten Niederlande zusammengetragen hatte. Ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil der Winkelschen Zwiebeln: Es gab sie wirklich und nicht nur auf dem Papier.

Für die angereisten Spekulanten, Händler, Floristen und Züchter gab es kein Halten mehr: Jeder wollte die besten Stücke der Sammlung für sich haben und so überboten sie sich allesamt gegenseitig. Die teuersten Zwiebeln der Auktion, zwei „Viceroys“, gingen schließlich für 4203 Gulden und 3000 Gulden über den Tisch, eine „Admiral van Enckhuizen“ aus der Sammlung brachte es vorab schon auf ganze 5200 Gulden. Auf der Versteigerung fanden insgesamt 99 Posten Tulpenzwiebeln für zusammen 90 000 Gulden einen Käufer. Angesichts derartiger Summen dämmerte aber schon so manch einem der Anwesenden, dass sich die Preisspirale wohl nicht ewig in die Höhe drehen wird.

„Es dauerte nur wenige Tage bis diese Panik auf den Rest der Vereinigten Niederlande übergesprungen war.“ Mike Dash

Das böse Erwachen kam schneller als erwartet: Schon auf der nächsten großen Auktion in Haarlem fand nicht eine einzige der teuren Zwiebeln einen Käufer. Aus der anfänglichen Sorge der Verkäufer wurde schnell Angst, rasch machte sich Panik breit. „Es dauerte nur wenige Tage“, meint Mike Dash, „bis diese Panik auf den Rest der Vereinigten Niederlande übergesprungen war.“ Jeder wollte nur noch schnell verkaufen, verkaufen, verkaufen. Die Preise fielen ins Bodenlose, teilweise um 95 Prozent. Käufer weigerten sich, die Ware abzunehmen und zu bezahlen. Die Behörden unternehmen alles, damit sich die zerstrittenen Parteien außergerichtlich einigen konnten. Dennoch mussten sich die Gerichte noch über Jahre hinweg mit den Folgen der geplatzten Spekulationsblase befassen.

Einige der Spekulanten, wie etwa der bekannte Landschaftsmaler Jan van Goyen, wurden durch das Tulpenfieber ruiniert, andere kamen noch einmal mit einem blauen Auge davon. Unterm Strich aber ist den Niederländern ihre Liebe zur Tulpe geblieben. Heute sind sie in der Tulpenproduktion mit einem Anteil von über 80 Prozent unangefochtener Weltmarktführer. Am Ende wurde aus dem Tulpendesaster dann doch ein profitables Geschäft.

Text: Christian Satorius
Fotos: dpa

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