nr. sieben

Geborgen unterm Lichterglanz

Kilometerlange Lichterketten, Millionen glitzernde Sternschnuppen: Im Advent bringt Wencke Tschentscher Städte zum Leuchten.

Wencke Tschentscher und 20 000 Schaulustige blickten gespannt in den Hannoveraner Nachthimmel. Auf einer Weihnachtspyramide thronten ungeduldig die Honoratioren der Stadt. Alles wartete auf den Start des „europaweit größten zusammenhängenden Lichtobjekts“. Doch dann: Es blieb dunkel. Kein Funkeln, kein Leuchten, kein Glitzern. Sollte das neue 1,5 Millionen Euro teure Lichtsystem etwa versagt haben?

Enttäuschung machte sich breit: „Vielleicht können die Engel auf der Bühne helfen?“ witzelten Zuschauer. Andere spotteten: „Es wurde Licht!“ Einige Schlauberger allerdings ahnten: „Ist doch alles Absicht!“ Plötzlich balancierten Seiltänzer von Dach zu Dach. Vom Einkaufscenter sprühte Funkenregen herab. Raketen stiegen in den Himmel. Alle Lichter leuchteten. Und auch Wencke Tschentscher strahlte. Denn das Licht ist ihr Werk.

Kometenschweife, Eisregenkristalle und Lichtschläuche

Nach 27 Jahren hatte die Landeshauptstadt von Niedersachsen damit endlich ihre neue Festbeleuchtung: Knapp 600 000 LED-Lichter, 90 Kilometer Lichterketten in 150 Bäumen, tausende „Organic Balls“, Bio-Lichtbälle aus Cellulose und Stärke. Kreiert, produziert und montiert in zweijähriger Arbeit von der Licht-Designerin Wencke Tschentscher und ihrem 45-köpfigen Team aus jungen Grafikern, Innenarchitekten und Mode-Designerinnen, Elektrikern, Schreinern, Malern und Metallbauern. „Wir erstellen das Konzept. Wir bauen auf, wir bauen ab, wir lagern, wir setzen instand!“

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Licht ist ihr Metier: Wencke Tschentscher lässt den Advent leuchten – und strahlt selbst. Foto: Sabine Braun
„Ein Lichtdach bedeutet Geborgenheit. Na ja, deswegen mache ich das ja!“ Wencke Tschentscher, Lichtdesignerin

Doch eigentlich machen sie ja viel mehr als nur Licht. Wencke Tschentschers Augen blitzen auf. Sie möchte den Städten für ein paar Wochen ein „Lichtdach“ geben. „Ein Lichtdach bedeutet Geborgenheit. Na ja, deswegen mache ich das ja!“

Wencke Tschentscher, 36 Jahre alt, ist Chefin von „luminar“ in Hamburg, der bekanntesten deutschen Lichtdesign-Agentur. Ob Innenstädte von Ludwigshafen bis Darmstadt, Bahnhöfe in Essen, Hamburg, Kiel, Schwerin, Rostock und Dresden oder Einkaufszentren von Osnabrück bis Regensburg (Donau-Einkaufszentrum) – Wencke Tschentscher lässt sie alle weihnachtlich erstrahlen. Ihre schimmernden Kreationen hängen über den Straßen der teuersten Shoppingmeilen der Republik. An unzähligen Hauswänden, Giebeln und Fassaden blinken und glitzern LED-Sterne und Kometenschweife, Eisregenkristalle und Lichtschläuche. „Wir schaffen neue Erlebniswelten.“

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Lichterglanz in Hannover – auch die Energiebilanz kann sich sehen lassen. Foto: Sabine Braun

Bevor sich das Heer der Weihnachtsbummler durch die beleuchteten Innenstädte schiebt, lassen es viele Kommunen so richtig krachen. Dutzende Städte und Dörfer schalten per Knopfdruck winterlichen Sternenzauber ein. Mit viel Tamtam und unter den Argusaugen der Stadtväter, der Stadtwerke-Direktoren, der Umwelt- und Wirtschaftsdezernenten, der Marketing-Chefs und nicht selten mit dem Segen des Kirchenpersonals. Leuchten soll sie, die Geschäftswelt, besonders der wirtschaftlich gebeutelte Einzelhandel in den Stadtzentren. „Es geht um das stimmungsvoll angeregte Einkaufen“, sagt Tschentscher.

Manche Panne, in Hannover noch gewollter Bestandteil der Inszenierung, brachte Organisatoren anderer Einschalt-Shows schon häufiger zum Schwitzen. „Diese peinlichen Minuten, bis es endlich leuchtete“, sind für Wencke Tschentscher nichts Neues: „Alle sind happy!“ Und dann: „Alles bleibt dunkel! Jemand hat verschwitzt, den Schalter umzulegen!“ Oder: „20 Leute warten an den unterschiedlichsten Positionen auf das Handy-Signal, den Stecker reinzustecken.“ Die dunkelblonde Lichterfee könnte sich kringeln vor Lachen: „Dumm nur, dass keiner Handy-Empfang hatte.“

Die größte begehbare Weihnachtskugel der Welt

Schaden macht klug. So hat die Stadt Ludwigshafen ihre Kräfte vorsichtshalber gebündelt. „Hier haben wir nur ein Kommando.“ Ein einziger Hebel in der Stromzentrale der Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) genügt, und sämtliche Steckdosen der Weihnachtsbeleuchtung sind scharf geschaltet. Was hier traditionell seit vier Jahren aufflackert, ist der legendäre „Ludwigshafener Lichterzauber“: Hunderte Lichterketten in einer Gesamtlänge von neun Kilometern inszenieren in der Innenstadt Weihnachtsatmosphäre. In den Bäumen schimmern 300 000 Lichtpunkte und als Höhepunkt leuchtet die größte begehbare Weihnachtskugel der Welt. An dem runden Metallgerippe von fünf Metern Durchmesser blinken 20 000 LED-Lichter. Tschentschers Kreation hat sich in drei Jahren zum Publikumsmagneten emporgeleuchtet. „Die Kugel ist immer voll.“

„Die Anschlussleistung ist vergleichbar mit der Leistung eines gewöhnlichen Föhns.“ Wencke Tschentscher, Lichtdesignerin

Was da über dem Himmel von Ludwigshafen, Darmstadt, Köln, Regensburg, Lübeck und Osnabrück silbrig schimmert, ist längst kein verschwenderisches Lichtermeer mehr. LED-Leuchten haben stromfressende Glühbirnen und Leuchtstoffröhren verdrängt. Tschentscher kann mit einer beeindruckenden Energiebilanz aufwarten. So verbraucht ihr Lichterglanz in Hannover dank moderner LED-Technik nur noch etwa 20 000 statt 200 000 Kilowattstunden. Eine Ersparnis von etwa 90 Prozent. Den Stromverbrauch der Beleuchtungsanlage des Hamburger Passage-Viertels mit vier Straßenzügen vermochte die pfiffige Licht-Designerin auf ein erstaunliches Maß zu reduzieren: „Die Anschlussleistung ist vergleichbar mit der Leistung eines gewöhnlichen Föhns.“

Ihre Familie hat Wencke Tschentscher in den letzten Monaten selten gesehen. Tausende Kilometer war die gebürtige Niedersächsin und Wahl-Hamburgerin zwischen August und Weihnachten auf Achse. „Manchmal zu drei Terminen an drei verschiedenen Orten täglich.“ Industriekletterer rückten an, Kräne wurden aufgebaut, Leuchtobjekte unter freiem Himmel in Stellung gebracht. Alles muss zur gleichen Zeit fertig werden. „Das ist unsere Herausforderung!“

Und dann immer diese Fragen: Gibt es technische Fehler? Wo können wir Strom einsparen? Halten die Aufhängungen der Stahlseile? Werden die Sicherheitsstandards eingehalten? Hat der TÜV etwas beanstandet? Und – derzeit besonders aktuell: Sind die Motive noch zeitgerecht? Der Trend ist klar, sagt Tschentscher. „Die Menschen wollten wieder etwas mit Herz.“ Glocken, Sterne, Lichterketten. „Je traditioneller, desto besser“, bestätigt Martin Prenzler, Geschäftsführer der City-Gemeinschaft Hannover.

Spiegelnde Lichteffekte vor dem Regensburger Donau-Einkaufszentrum Foto: Sabine Braun

Warme und friedliche Stimmung

Viele Städte wünschen sich in diesem Jahr eine besonders warme und friedliche Stimmung, bestätigt auch Wencke Tschentscher. „Die unsichere Weltlage“ beeinflusse die Kundenwünsche. „Die Weihnachtsbeleuchtung ist deshalb wieder ganz klassisch geworden.“ Ihr gefällt das.

Bis sie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ihr Design-Studium abschloss, schmückte Wencke Tschentscher als Dekorateurin Schaufenster bei Karstadt. Dann, ganz plötzlich, die Erleuchtung: Das Licht habe sie gleichsam gefunden, sagt sie. Die ganze Familie – Mama, Papa (Besitzer einer Spedition bei Hannover) und ihre drei Brüder – unterstützte sie.

Seit acht Jahren stellt sich Wencke Tschentscher nun in den dunklen Wochen dem Lichter-Wettstreit: Welche Straße, welcher Platz, welche Shopping-Meile hat die zauberhafteste, stilvollste und coolste Weihnachtsbeleuchtung? Hinter dem schönen Schein steckt viel Arbeit: Fast zwei Jahre liegen zwischen Auftrag und Installation. Von der ersten Skizze per Hand, der Visualisierung am Rechner bis hin zum Prototyp und der Produktion. Kommunalpolitiker, City-Gemeinschaften, Marketingvereine, Sparkassen, Geschäftsleute und Stromanbieter – alle müssen an einem Strang ziehen. „Jeder Schritt wird besprochen. Man muss klar und streng sein!“

„Jetzt ist erst mal Ostern dran.“ Wencke Tschentscher, Lichtdesignerin

Anfang des Jahres ist der Zauber wieder vorbei: Die Städte verlieren ihren weihnachtlichen Glanz. Industriekletterer rücken an, Kräne werden aufgebaut. Behutsam werden die Licht-Objekte an Winden von Bahnhofsgiebeln und Kaufhausdächern heruntergelassen. Teleskoparme heben Monteure in die Lüfte. Jedes Licht wird sorgfältig überprüft, wenn nötig ersetzt, und schließlich an einem geheimen Orten eingelagert. „Das sind ja Werte!“ Bis Mitte November nächsten Jahres bleibt die Deko sicher verstaut in den firmeneigenen Lagerhallen.

Doch die nächste Herausforderung wartet schon: „Jetzt ist erst mal Ostern dran.“

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